Für eine Vertreibung aus der Heimat

Der Philosoph Vilem Flusser:

„Wer aus der Heimat vertrieben wird (oder den Mut aufbringt, von dort zu fliehen), der leidet. Die geheimnisvollen Fäden, die ihn an Dinge und Menschen binden, werden zerschnitten. Aber mit der Zeit erkennt er, daß ihn diese Fäden nicht nur verbunden, sondern angebunden haben, daß er nun frei ist, neue zwischenmenschliche Fäden zu spinnen und für diese Verbindungen die Verantwortung zu übernehmen.“ (aus: Heimat und Heimatlosigkeit, arch+, Nr. 116 (1992), S. 12f.)

Meine Rede. Es gibt ja Leute, die wohnen immer dort, wo sie schon immer wohnten. Die schon als Grundschüler wissen, auf welchem Friedhofsfeld einmal ihr Grab ausgehoben wird. Denen fehlt etwas. Der bewusste Blick auf ihre Umgebung, vermutlich. Es sind oft genau die, die von Heimat reden, sie aber nicht kennen. Damit hängt auch die bewusst-unbewusste Ablehnung von Verwandtschaft zusammen. Statische Beziehungen zu Leuten, die einem meist doch eher auf den Keks gehen, von Eltern und Geschwistern abgesehen.

Ich bin in Nachhinein froh, in einem gewissen Sinn migrantisch aufgewachsen zu sein. Man entwickelt dadurch früher ein Gespür für die Verlogenheit des populären Heimatbegriffs. Ein Begriff, der in der Moderne vorwiegend zur Abwehr missbraucht wird, nicht zur eigenständigen Füllung.

Heimat ist, wenn man in die Kirche rennt, Kinder prügelt und auf seinen Acker rotzt.

Heimat ist als Begriff nur sinnvoll, wenn er täglich neu definiert wird. Alles andere ist Pegida. Zur Heimat gehört ihr Verlassen. Zum Drinnen gehört das Draußen.

Berlin ist die Stadt, wo die Leute aus Heimweh hinziehen, singt Sven Regener irgendwo. Das macht die Stadt angenehm. Die von Geburt verankerte Schollenverbundenheit ist vermutlich vor allem Dumpfheit. Nur durch Wanderschaft ist Heimat erfahrbar.

Es müsste eine Zwangsvertreibung für alle geben, ein paar Jahre lang. Danach entscheidet jeder selbst, was und wo Heimat ist. Und es dürfte dann kaum noch jemand auf die Idee kommen, zwölf Monate im Jahr dort zu wohnen, wo er geboren wurde.

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