Eine zornige Anmerkung zu Amzig/Leipdam

Was kann man machen, wenn man auf der Durchreise in Amsterdam landet, dort fünf Stunden Zeit hat und es dauerregnet? Nicht viel, so stellte ich kürzlich fest. Es gibt in der gesamten Innenstadt, also südlich in etwa bis zum Rijksmuseum, kaum noch Cafés, in denen man sich länger aufhalten möchte. Der Damrak: übel. Fastfood mit Theke und ohne Bedienung dominiert. Die meisten Stühle sind Hocker, ohne Lehne. Dann bleiben die Gäste nicht so lange und machen Platz für die nächsten. Es muss sich halt rentieren. Bei Ladenmieten von teilweise 150 Euro pro Qudratmeter bleibt dem Betreiber wohl nichts anders übrig. Die Vermieter könnten mit einem Zehntel der Mieten immer noch gute Renditen einfahren. Doch warum sich bescheiden, wenn mehr rauszuholen ist?

Die Innenstadt ist Kulisse. Schöne Grachten und schiefe Häuser, auf die jeder Touristenführer hinweist, dienen im Kapitalismus dem Umsatz via Tourismus. Vermarktung ist alles. Es ist die Logik der unerbittlichen Verwertung, der unaufhörlichen Effizienzsteigerung. Und es ist die Transformierung von Stadt in einen Walt-Disney-Park. Je höher die Mieten, desto banaler die Atmosphäre. Coffeeshops werden verdrängt, zu indifferent. Aber auch die sind Klischee. Kiffen und kotzen. Man muss schon Respekt haben vor dem Joint. Und billige Pornoläden mit immerhin lustigen DVD-Titeln. Es scheint Millionen fetter Touristen zu geben, die es hier krachen lassen. Ballermann. Es folgen Galerien und Prada.

Leipzig, ebenfalls kürzlich bereist, bietet ein ähnliches Bild, nur ohne Ballermann. Die Innenstadt ist mittlerweile komplett aufgehübscht, die gute Bausubstanz – viel Jugendstil – renoviert. Es steht in der gesamten Innenstadt praktisch keine Bank. Wer sich setzen will oder muss, muss das in einem Café tun und einen bestellen. Wohnungen entstehen nur noch im Hochpreisbereich, „Residenzen“ genannt, wo vermutlich niemand wohnt, sondern nur sein Geld anlegt, wie man sagt.

Manche schwärmen in diesem Zusammenhang von der Dynamik des Kapitalismus. Vielleicht schwärmen die auch von der Dynamik eines Flüchtlingsbootes, wenn es kentert. Es sind gesellschaftliche Perversionen.

Es ist egal, wohin man reist. Ob Amsterdam oder Leipzig, Stadt wird zur bloßen Kulisse mit den immergleichen Geschäften, den Ketten. In Amsterdam gibt es mehr Pommes, in Leipzig mehr Bratwurst. Das war´s schon. Die wenigen Buchläden verkaufen massenhaft Ramsch, im Dreierpack günstiger, zu mehr reicht es nicht. Moderne Architektur wird abgerissen und durch aufgehübschte Mittelalter-Buden mit Wärmedämmung aus Pappmaché ersetzt. Ob der Flagstore oder der Touristenkrempelladen in einem Jugendstilgebäude oder in einem Op-Vlucht-Haus untergebracht ist, ist egal. Es guckt eh keiner hoch, wenn nicht gerade der Touristenführer mit seinem Regenschirm nach oben zeigt. Wer sich eines der Jugendstilhäuser, die die Marketingabteilung der Stadt Leipzig als  Alleinstellungsmerkmal in Deutschland betont, anschauen will, wird von Touristenmassen weggeschwemmt. Der typische Blick ist der nach links und rechts, auf EG-Höhe. Mir ist unklar, wie einen dieses Dauershopping so anturnen kann. Wohnen die alle in Zonenrandgebieten, wo es keine Läden gibt? Oder sind alle so gedrillt, dass Stadt ohne Kaufen nicht mehr denkbar ist?

Stadt als Möglichkeit des zwanglosen Zusammentreffens verschiedener und unterschiedlicher Menschen, des Austauschs wird zur Frage des Geldbeutels und in Zeiten des Massentourismus zu der nach oberflächlichstem Sightseeing im 24-Stunden-Takt. Heute Amsterdam, morgen Leipzig, übermorgen Legoland, hop on hop off. Es ist ein Einheitsbrei, auf den man trifft. In Teilen hat die Innenstadt von Leipdam die Atmosphäre eines Outlets.

Stadt ist nur noch von den Rändern aus erlebbar (was sowohl im Amsterdam als auch in Leipzig außerordentlich interessant ist). Es werden nicht nur Bewohner verdrängt. Sondern alle, die ein ernsthaftes Interesse haben.

In Amsterdam gibt es immerhin ein neues Kleinod. Die 2007 erbaute Zentrale Bibliothek, selbst sonntags bis 22 Uhr geöffnet, mit vielen Fachzeitschriften und bezahlbarem Kaffee, wo man nach Herzenslust, wie man sagt, stöbern kann. Mit Stühlen mit Lehnen. Mit sechs Etagen, die durch riesengroße Fenster den Blick auf die Stadt ermöglichen. Man kann gucken, solange man will. Eine kapitalismusfreie Zone, direkt neben dem Hauptbahnhof.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

(Foto: genova 2015)

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