„Große deutsche Inszenierung der Selbstverklärung“

In Ergänzung zu dem hier erschienenen Artikel über das Berliner Stadtschloss: Hanno Rauterberg macht in der Zeit auf einen Aspekt aufmerksam, der hier zu kurz kam. Ins Schloss soll unter anderem ein ethnologisches Museum einziehen, bestückt mit deutsch-kolonialer Beutekunst.

Titel: Palast der Verlogenheit

Auszüge:

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Angenommen, die Weltgeschichte hätte einen etwas anderen Verlauf genommen. Angenommen, nicht Afrika, sondern Europa wäre unterworfen worden und die Kolonialherren aus dem Süden hätten die Mona Lisa und den Bamberger Reiter verschleppt, dazu einen Kachelofen aus Belgien, Kruzifixe aus Polen und viele weitere Kunst- und Kulturdinge. Jetzt würde, in Lagos vielleicht, ein Museum für all die Trophäen eröffnet, in einem rekonstruierten Herrscherpalast, um endlich zu begreifen, was die europäischen Eingeborenen, problembeladen, schuldengeplagt, eigentlich für Menschen sind. In Zeiten der Globalisierung, lassen Politiker verlauten, müsse man in einen Dialog der Kulturen eintreten. Von Rückgabeforderungen aber bitte man die Europäer abzusehen.

[…]

Je weiter der Schlossbau vorankommt, desto obskurer erscheint die Idee, ausgerechnet hier, hinter neuen Barockfassaden, die ethnologischen und asiatischen Sammlungen auszubreiten.

Vordergründig mag es als Geste der Völkerfreundschaft durchgehen: Die Deutschen bauen sich ein Staatsschloss, und großmütig überlassen sie es den fernen Kulturen. Im Herzen Berlins herrscht die Welt! Doch hat dieser Großmut eine perfide Kehrseite. All die Trommeln und Masken, der Anhänger aus Walrosszahn, das Luf-Boot mit dem großen Ausleger und die anderen zigtausend Schaustücke werden hier, im kulturellen Zentrum der Macht, nicht um ihrer selbst willen bestaunt. Sie sollen dienen: als Kulisse von Staatsempfängen und Galadiners, eingebettet in eine große deutsche Inszenierung der Selbstverklärung.

[…]

Kurz zur Erinnerung: In ihrer vergleichsweise kurzen Kolonialgeschichte begingen die Deutschen neben vielen anderen Verbrechen, in Kamerun oder in Tansania, den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Im heutigen Namibia wurde das Volk der Herero per „Vernichtungsbefehl“ ausgerottet, rund 80.000 Menschen starben. Damals herrschte der Kaiser in jenem Schloss, hinter dessen rekonstruierten Fassaden jetzt stolz auch die Relikte der afrikanischen Kulturen ausgebreitet werden sollen. Zugleich weigert sich die Bundesregierung bis heute, den grausamen Feldzug als Genozid anzuerkennen.

(Ende des Auszugs)

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So gesehen ist es ehrlich, die Beutekunst in einem Kasten mit Barockfassade unterzubringen. Keine Form ohne Inhalt.

Hier noch ein anschaulicher Bildervortrag zum Schlossthema:

http://pechakucha.de/berlin/player/?event=PK_27&position=07

Der Erfolgstitel auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt der vergangenen Jahre heißt Landlust, die größte deutsche Kulturbaustelle, wie man sagt,heißt Berliner Schloss.

Deutsche Regression.

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