Berliner Schloss: Die deutsche Reaktion in ihrem Element

Das neue Schloss feierte kürzlich Richtfest. Der deutsche reaktionäre Block freut sich einmal mehr, dass Berlin „sein Herz“ wiederbekommt, das „in der Mitte schlägt“ und ohne das alle Bezüge in der Stadt brachliegen. Überhaupt registriert man diesbezüglich eine ausgesprochen blumige Sprache.

Interessant sind manche Zwischentöne. In der Welt sorgte sich Rainer Haubrich unlängst, dass das im Schloss geplante Museum für außereuropäische Kunst eine „politisch korrekte Volkshochschule“ werden könnte. Man möge sich bitte von der „Gleichberechtigung aller Kulturen“ verabschieden:

Das Humboldt-Forum als Volkshochschule, in die man als „eurozentrischer, weißer Mann“ hineingeht und als politisch korrektes Weltwesen wieder herauskommt?

Könnte es nicht sein, dass Besucher nach der Beschäftigung mit den Artefakten und Geschichten anderer Kulturen zum Ergebnis kommen, dass das Abendland trotz seiner Schwächen und kolonialen Sünden doch ziemlich großartig ist? Dass sie am Ende die liberale Demokratie jeder Stammestradition für überlegen halten, aufgeklärte Religiosität fortschrittlicher finden als Schamanentum, Rembrandt wertvoller als ein japanisches Bild der Edo-Zeit?

Ein doch recht unterkomplexes Statement, das zeigt, warum postcolonial studies nötig sind. Haubrich plädiert für eine Geschichtsschreibung, wie sie um 1900 en vogue war, passend zum Schloss. Entkleidet man die Fragen ihrer Rhetorik, bleibt stehen: Die Wilden sollen im Busch bleiben. Dort gehören sie hin. Und dort stören sie uns nicht. Wir sind sowieso überlegen.

Geschichte wird geklittert oder gar nicht wahrgenommen. Gefahr droht aber von innen: Die linke Übermacht will den omnipotenten weißen Mann in ein schlaffes Weichei verwandeln. Interessant auch die Abwertung von Volkshochschulen. Elitedenken. Dazu natürlich wieder einmal die unterschwellige Behauptung der linken Übermacht, die uns alle so doll im Griff hat, dass wir nach einem Museumsbesuch in Orwellscher Manier umgepolt sind.

Ich habe jetzt weder Zeit noch Lust, das weiterzuführen. Aber mir sind Leute wie Haubrich, die Klartext sprechen, eigentlich ganz recht. Hin und wieder verplappern sich die Kameraden noch deutlicher, wie vor Jahren hier gezeigt.

Wer das Schloss wiederhaben will, vertritt mehr oder weniger rechte Positionen, ob er oder sie sich das bewusst macht oder nicht. Zurück ins indifferent Wohlfühlige, zurück ins zackig-militaristische Preußen, weg mit dem vermassten 20. Jahrhundert. Keine Architektur ohne Dogma, keine Fassade ohne Inhalt, kein Schloss ohne Untertan. Alles andere ist Fassade. Und man komme jetzt nicht mit dem Argument, das sei doch alles nur postmoderne Spielerei.

Das rein ideologische Vorgehen beim Schlossbau wird auch auf der planerischen Ebene deutlich. Wie schon länger bekannt, wurde hier zuerst ein Schloss geplant und bis zum Richtfest hochgezogen. Nun mehren sich die Stimmen, die das Fehlen eines schlüssigen Konzepts bemängeln. Der kompetente Architekturkritiker der Berliner Zeitung, Nikolaus Bernau, wirft einen Blick auf das Innere und fordert Umplanungen, die „etliche Millionen kosten“. Grund:

Die Raumstruktur des Humboldt-Forums ist ein Desaster. Die Museen und Bibliotheken haben zu enge, zu niedrige oder aber zu hohe Räume. Ihre Verteilung führt zu aberwitzigen Verzwickungen: Die doppelgeschossigen Säle für die legendäre Boots- und Häuser-Sammlung aus dem Pazifik sind nicht nur zu klein, sie sind auch nicht direkt eingebunden in die Ausstellungen. Man kann sie nur über Galerien vom zweiten Obergeschoss aus erreichen. Wortwörtlich ein schlechter Treppenwitz der Museumskultur […]

Auch sonst fällt im „Schloss“ die räumliche Enge auf. Selbst die Haupttreppenhäuser sind gerade mal so breit, dass man gut aneinander vorbeikommt. Nichts hier ist schlossartig ausschweifend oder wenigstens wie in den Dahlemer Museen modernistisch weiträumig. Dabei sind im Rohbau noch gar nicht die Fenster um der barocken Rahmungen willen verengt und die Fußböden und Klimadecken eingezogen worden.

Kein Wunder, wenn man kein Museum baut, sondern ein Schloss, das auf die Bedürfnisse eines Kaisers und seines Hofstaates ausgerichtet ist. Das stört die Befürworter nicht. Die wollen eh kein Museum, sondern einen Kaiser oder was man sich sonst noch so vorstellen kann. „Museum“ klingt derzeit nur besser. Der Adelige Wilhelm von Boddien, der den Schlossbau maßgeblich vorantrieb, freute sich vor einer Weile, dass er, der Gütige, „Berlin vom Phantomschmerz des verlorenen Schlosses“ heile. Das arme Berlin war 65 Jahre amputiert, aber jetzt wird das wieder. Deutschland ist übrigens auch amputiert, Schlesien und so. Bitte Förderverein gründen und für den Anschluss spenden.

Was anderswo jeden Architekten den Kopf kosten würde, nämlich erstmal ohne Sinn und Verstand draufloszubauen und dann, wenn alle Wände stehen, zu fragen, was man mit dem Kasten eigentlich machen will, ist in Sachen Schloss state of the art. Dann geht´s ans „Umplanen“. Man hat auch aus BER nichts gelernt.

Es ist raumstrukturell ein Zurückgehen hinter die Moderne. Die wollte Architektur von innen nach außen konstruieren, die inneren Bedürfnisse sollten die äußere Form ergeben. Bei der reinen, hohlen Repräsentation läuft es konsequenterweise so, wie es läuft.

Die Berliner grande dame der Architektur, Kristin Feireiss, meinte kürzlich in der Berliner Zeitung, dass weltweit Fachleute mit Spott und Ratlosigkeit auf diese Baustelle blickten.

Lustig ist schließlich, dass nun die eine nicht-barocke Seite des Schlosses kritisiert wird. „Kalt-rationalistisch“ sei sie. Ja, in der Tat, vor allem banal. Wenn man ausgerechnet den bekennden Neo-Rationalisten Franco Stella beim Architekturwettbewerb mit dem ersten Preis auszeichnet, dann kriegt man eben italienischen Neo-Rationalismus. Vermutlich wurde der No-Name-Architekt ausgewählt, weil man den am leichtesten übertölpen kann. An seine Seite kann man später ein paar übrig gebliebene Barockfassadenelemente kleben. Stella beschwörte beim Richtfest übrigens, was sonst, die entstehende „einzigartige Piazza im Herzen der Hauptstadt.“ Oder meinte er Pizza? Egal: Ohne den Clan um von Boddien wäre Berlin herzlos, keine Frage. Der Regierende Bürgermeister Müller sprach gar in biblisch-philosophischem Kontext: Das Schloss sei eine „Berlin-Werdung“. Berlin existiert also noch gar nicht. Gut, dass einem das mal jemand sagt.

Weite Teile des deutschen Journalismus haben sich in ihrer Berichterstattung über das Richtfest an diesen feierlichen Tönen orientiert. (Die Berliner Zeitung fällt hier, wie so oft, angenehm aus dem Rahmen.) Andreas Kilb attestiert dem Rohbau in der FAZ:

Das Schloss beherrscht die Mitte Berlins. Aus der Nähe verbreitet der Bau schon in seiner jetzigen Betongestalt eine Aura von Größe und Würde, mit der selbst seine hartnäckigsten Befürworter nicht gerechnet haben können.

Warum sollen ausgerechnet hartnäckigste Barock-Befürworter in einem massigen Betonrohbau die Aura von Würde erkennen oder mit ihr gerechnet haben? Was für ein Geschwafel. Dass eine Monarchisten-Repräsentanz die Mitte einer Stadt beherrscht, hat er sicher nicht so gemeint, der Herr Kilb. Kilb findet es auch nicht tragisch, dass von Boddien die versprochenen 80 bis 105 Millionen Euro für die Fassade bei Weitem noch nicht zusammenhat, obwohl er seit zehn Jahren sammelt:

Der Bund, der bisher keinen Cent für die barocken Repliken ausgegeben hat, wird im Notfall das Geld eben vorstrecken.

Die Komplettfinanzierung der Barockfassade durch Spenden war seinerzeit eine Bedingung des Bundestages, dem Bau zuzustimmen. Das bleibt unerwähnt. Es wäre ein Ansatz kritischer journalistischer Recherche, das muss an einem solchen Freudentag nicht sein. Man sollte die FAZ an diese Art von korrumpierter Berichterstattung erinnern, wenn sie sich das nächste mal über BER aufregt.

„Vorstrecken“ ist auch nicht schlecht.

Die Welt schickte einen Kunstmarkt-Redakteur aufs Richtfest. Welcher Markt? Wird das Schloss demnächst bei Sotheby´s versteigert?

Dieter Stein in der jungen freiheit ist am ehrlichsten:

Es ist an Symbolkraft kaum zu überschätzen, was sich in der Mitte Berlins derzeit vollendet. An diesem Freitag feiert die Hauptstadt das Richtfest des wiedererstehenden Stadtschlosses […] Architektur ist Gestalt gewordener Wille zum Staat. In ihr läßt sich das Selbstbewußtsein einer Nation ablesen […] Wir Deutschen gewinnen unsere Mitte wieder. Wir sollten uns die Bedeutung dieser Aussage in ihrem doppelten Sinne bewußt machen: architektonisch und psychologisch […] Wenn in den nächsten Monaten schrittweise die liebevoll rekonstruierte Sandsteinfassade am Rohbau des Stadtschlosses angebracht wird, läßt sich sinnlich erfassen, was es bedeutet, wenn geschichtliche Gestalt neu ersteht. Wir wenden uns uns selbst zu und erschrecken nicht mehr, wenn wir in den Spiegel sehen.

Man kann dem Mann nur recht geben.

Die Tagesspiegel-Berichterstatterin Christine Peitz schießt in anderer Perspektive den Vogel ab. Sie beschreibt den Kasten mithilfe der Musik, die die Staatskapelle Berlin am Richtfesttag spielte, und zwar

dem Andante aus Schuberts Unvollendeter. Musik der Utopie, eine zarte, sich zu wenigen energischen Takten manifestierende und wieder verflüchtigende Vision, mitten in der Sinfonie des Großstadtlärms. Und die Steine beginnen zu tanzen.

Wow. Welche Steine tanzen? Es ist doch alles Fertigbeton. Oder bröckelt die Musterbarockfassade schon ab? Andererseits, es hätte was: Das Schloss als Utopie, das sich demnächst verflüchtigt.

076(Foto: genova 2013)

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2 Antworten zu Berliner Schloss: Die deutsche Reaktion in ihrem Element

  1. Cornel schreibt:

    Ähem,
    vielleicht sollte GENOVA doch selbst mal ins neue Humboldt Form pilgern, wenn Sie hier den so kompetenten Architekturkritiker Bernau loben?
    Ich war beim Richtfest für alle…und…wenn 10 Menschen locker aneinander vorbeikommen in den Haupttreppenhäusern, finde ICH das ziemlich großartig!
    Und, bei allem Respekt, wenn man schon über die angebliche quälende Enge in Treppenhäusern faselt, sollte man vielleicht nicht ganz unerwähnt lassen, dass es außerdem noch 24 Aufzüge und 6 Rolltreppen geben wird.
    http://lcberlin-pvh.de/wp-content/uploads/2013/12/informationen_zum_schloss.pdf

    Wer heute beim „Tag der offenen Tür“ m neuen / alten Schloß dabei war, war begeistert!
    Vielleicht sollte das ja mal ein Grund sein, nicht nur Berufskritikern aufs Maul zu schauen, sondern sich etwas mehr an dem zu orientieren, was der hier lebende ordinäre Steuerzahler gut findet;-)

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  2. genova68 schreibt:

    „Vielleicht sollte das ja mal ein Grund sein, nicht nur Berufskritikern aufs Maul zu schauen, sondern sich etwas mehr an dem zu orientieren, was der hier lebende ordinäre Steuerzahler gut findet;-)“

    Der Steuerzahler, schön gesagt. Der müsste sich eigentlich dafür interessieren, dass Boddien die 100 Mio. nicht zusammenkriegt und der Bauherr jenem ungefragt das Geld aus der Tasche zieht.

    Bei Ihrem Statement fällt mir vor allem ein, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient.

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