Was noch? X

1. Der Jazzmusiker Klaus Doldinger im Interview mit der Berliner Zeitung :

Wie beurteilen Sie aktuell die Resonanz auf den Jazz in Deutschland?

Wenn ich mich auf die Presse beziehe, muss ich sagen, dass der Jazz nicht das Standing hat, das er haben müsste. Es wird ihm nicht der Stellenwert eingeräumt, im Vergleich zu dem, was täglich über Ballett oder Klassik-Konzerte berichtet wird.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht glaubt man, man müsste die abendländische Kultur fördern, möglicherweise spielt auch eine Art Pegida-Denken eine Rolle – ich kann es nicht genau sagen. Ich glaube, dass bei manchen Journalisten auch ein gewisser Hochmut in den Knochen sitzt. Sie bilden sich ein, sie seien feiner heraus, wenn sie über ein Symphonie-Konzert schreiben als über ein Jazz-Konzert. Jazz gilt immer noch als ein bisschen „underground“ – merkwürdigerweise.

Merkwürdigerweise, in der Tat. Die aktuelle Jazzszene tut doch einiges dafür, arriviert zu wirken. Immer schön akademisch. Und sicher hat das mit der omninösen abendländischen Kultur zu tun. Seien wir ehrlich: Oper ist ok, wenn ich meine neue Krawatte ausführen will. Ansonsten: belanglos, verlogen, vorbei. Eine Komapatientin, die seit einem knappen Jahrhundert an der Beatmungsmaschine hängt, die man aus ideologischen Gründen nicht abschaltet. Der Pegida-Ansatz ist auch nicht schlecht. Doldinger, das Urgestein.

Ornette Coleman ist gestorben.

2. In Schwyz in der Schweiz wurde eine Reihe der ältesten Häuser Europas abgerissen, insgesamt auf 3.700 Quadratmetern. Sie datierten auf 1280, 1308, so um den Dreh. Dort entsteht jetzt „attrativer Wohnraum“, Investorenarchitektur. Warum? Laut Süddeutscher Zeitung (9.9.14) wusste man bei der Vergabe der Abrissgenehmigung noch nicht um das Alter der Häuser. Dann kam die Denkmalbehörde, prüfte die Gebäude und kam zu den sensationellen Ergebnissen. Aber:

„Die neuen Forschungsergebnisse kamen zu spät. Eine einmal erteilte Abbruchgenehmigung wird nicht zurückgezogen. Der Bauforscherin Ulrike Gollnick blieb nur noch im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege, sich neben den Abrissbagger zu stellen und die ältesten Bauteile für die Wissenschaft zu retten.“

Sehr konsequent, die Schweizer. Das Investorentum braucht Rechtssicherheit.

3. Berlin ist in einem internationalen Ranking fahrradfreundlicher Städte weit zurückgefallen. Es wundert nicht, wenn man sich die diesbezüglich völlig ignorante Berliner Politik anschaut. Interessant ist, dass der ADFC mit seiner Kritik plötzlich auch in vielen Medien Gehör bekommt. Der bürgerliche Tagesspiegel fordert, auf den Weiterbau der Stadtautobahn zu verzichten und mit dem Geld die Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten. Derzeit werden 3,5 Kilometer für prognostiziert mehr als eine halbe Milliarde Euro in Angriff genommen. Außerdem beschloss der Senat gerade, weitere Milliarden beim Bund zu beantragen, damit der Autobahnstadtring komplett geschlossen werden kann. Vorangetrieben wurde das übrigens jahrelang vom damaligen Verkehrssenator Michael Müller. Der Kollege ist mittlerweile Regierender Bürgermeister.

„Wenn sich in Sachen Verkehr die Dinge weiterentwickeln wie bisher, wird das Berlin von morgen eine Metropole von gestern sein – und keine lebenswerte Stadt.“, schreibt der Tagesspiegel noch. Berlin ist allerdings, was die reale Politik angeht, schon immer von gestern gewesen. Stadtautobahn, Schlossbau und Gentrifizierung – das sind seit Jahren die beliebtesten Projekte Berliner Politiker, egal von welcher Partei. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung lobte kürzlich ganz offensiv die Summe, die sie 2015 für die Entwicklung des Fahrradverkehrs zur Verfügung stellt. Pro Einwohner sind das exakt vier Euro.

Man könnte sich fragen, wie stark die Auto- und Baulobby in dieser Stadt ist. Mehr Fahrräder und weniger Autos hätten zu 99 Prozent positive Effekte, auch finanziell: Weniger Unfälle, Staus, Lärm, Abgase, Verunglückte, Tote, zugeparkte Flächen, Aggression, Zivilisationskrankheiten undundund. Die Radfahrer werden trotz der Verhältnisse mehr. Eine halbwegs nichtkorrupte Politik müsste diese Tendenzen fördern, nicht behindern.

Vielleicht ist diese Auseinandersetzung auch Teil der gesamtgesellschaftlichen: Privilegierte Gruppen sehen ihre Privilegien angekratzt. Ob weiße Männer, Kapitalbesitzer, Betriebswirte, Autofahrer, Maskulinisten, Rassisten, Schwulenfeinde, besorgte Eltern, Macker und so weiter: Sie alle spüren, dass sie umdenken müssten. Aber wer will das schon. Deshalb ist der ADFC Teil dieser Welt, die das alte bedroht. Naturrecht Autofahren. So wie Twitterer, die sich gegen Homophobie aussprechen, und Uni-Watchblogs als Bedrohung der Macker empfunden werden.

Das Problem heißt naturgemäß auch hier Kapitalismus: Wer auch Einwohnern von Städten mit propagandistischem Milliardenauwand beibringt, dass es sich lohnt, 20.000 Euro für einen MercedesAudiBMW auszugeben, der kann Radfahrer nicht brauchen. Wer mittels neoliberaler Enwürdigung die Deklassierten dazu bringt, in solche Statussymbole zu investieren, betreibt das Geschäft der Reaktion. Kapitalverwertung ist wichtiger als die 99 Prozent positive Effekte.

Kommenden Sonntag wollen 250.000 Radler in Berlin auf diese Anliegen aufmerksam machen. Wie gesagt, die mediale Unterstützung ist bemerkenswert. Man könnte von einer Kampagne sprechen. Vielleicht checkt der reaktionäre Senat so langsam, dass die Geduld vieler Leute zuende ist.

Man wird ja noch träumen dürfen.

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