o.T. 250

„Dadurch, dass ich frontal fotografiere, bekommt alles den Charakter eines Bühnenraums. Der frontale Blick hat immer etwas Objektives […] Jede Sichtweise drückt etwas aus, und die Frontalansicht sagt eben: Was ich hier fotografiere, ist etwas Exemplarisches.“

Sagt der Kabarettist und Fotograf Dieter Nuhr in dem Interview-Magazin Galore (April, S. 19). Er reist viel und bemüht sich um einen objektiven, will heißen: um einen möglichst wenig subjektiven Blick.  Man räumt so dem Betrachter einen möglichst neutralen Betrachtungsraum ein. Aber eigentlich kann man den Begriff der Objektivität nur in Anführungszeichen verwenden. Als Fremder irgendwo hinkommen, gucken und dann abdrücken, ist nicht objektiv, auch wenn man sich Mühe gibt. Und Fotografieren, also durch eine Linse gucken, ist immer eine Form der vermittelten Wahrnehmung. Man könnte aber auch sagen, dass es kein unvermitteltes Sehen gibt. Der Mensch ist ab seiner Geburt immer vermittelt. Überlassen wir die Objektivität Gott. Und den lassen wir besser aus dem Spiel.

Ob man den Fotos das Reisen ansieht oder nicht: Sich irgendwohin bewegen, um zu fotografieren, ist die Grundlage. Ob um die Ecke reise oder tausende Kilometer weit, ist eigentlich egal. Mir gefallen nach wie vor die Becher-Sachen: Ein Objekt in Frontalansicht, komplett abgebildet, nicht mehr und nicht weniger. Manche nennen die Frontalperspektive banal, weil gewöhnlich. Aber sie zwingen zum Betrachten des vorgeblich Banalen und damit hebt sich die Banalität auf. Gerade in den heutigen visuell so unruhigen Zeiten kann man das wertschätzen.

Der Becher-Schüler Jörg Sasse hat diesen Stil innerhalb der Düsseldorfer Schule meines Erachtens am besten weiterentwickelt. Er löst Banales, in der Regel Nicht-Wahrgenommenes aus dem Zusammenhang und betont Geometrisches, Farben, Konstellationen, Atmosphären, meist in Frontalperspektive. Eine Froschperspektive etwa wäre da nur effektheischend, es wäre ein Übermaß an Subjektivität, ein Übermaß an der heute so beliebten Selbstspiegelung: Das ist MEINEMEINEMEINE kleine Welt. Es geht vielmehr um den Blick aufs Abseitige, um Zwischenräume, um das Achtlos gelassene, um Versuche von Neubewertungen, aber er lässt den Dingen ihre Eigenberechtigung. Er wertet sie auf, er nimmt sie Ernst. Kein Widerspruch.

In Zeiten der allumfassenden Inszenierung kann es eigentlich nur darum gehen, diese zu ignorieren und stattdessen dem gemeinhin Ignorierten zu seinem Recht zu verhelfen – ganz gleich, ob es um Objekte oder um Menschen geht. (Na gut, es kann auch um Anderes gehen.)

Beispielsweise geht es um eine Wand aus einem neuartigen Baustoff, der an überdimensionierte monochrome Bügelperlen erinnert, die die Größenverhältnisse der Gesamtansicht ins Wanken bringen; um eine Wand, bei der das davorgesetzte Geländer irritiert, das den Bügelperlenrhythmus zerstört; es geht um die Zweiteilung in Terasse ohne erkennbare Funktion links und wüstes Baugelände rechts;  es geht um das Eingeständnis, dass man in dem Bild keinerlei rationale Zuordnungen machen kann, auch wenn man das naturgemäß möchte. Man hat keine Ahnung, was da eigentlich abgebildet ist. Alles, was einem bleibt, ist das Eingeständnis, dass man geometrische Strukturen beschreiben kann und ansonsten die Fantasie einschaltet, die keine Objektivität beansprucht. Es geht auch um das Verwischen der Grenze zwischen Figurativität und Abstraktion.

Eine neutrale Darstellung eines spezifischen Objekts. Den Rest erledigt der Betrachter.

(Foto: genova 2015)

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2 Antworten zu o.T. 250

  1. Beat Company schreibt:

    Ich gratuliere ehrfürchtig.

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  2. genova68 schreibt:

    Oh, ich hoffe nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich mich mit Sasse gleichsetze. Um Gottes Willen.

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