Kunst und Markt: Wenn Verschwinden 160 Millionen Euro Wert ist

„Dreht der Markt jetzt völlig durch?“ fragte die Berliner Zeitung am 13. Mai. Anlass ist eine Auktion bei Christie´s, bei der ein Picasso für 160 Millionen Euro ersteigert wurde. Die anderen Auktionäre hielten den Atem an, heißt es, obwohl der Gewinner nur telefonisch bot. Das vermutlich teuerste Telefongespräch aller Zeiten.

Der durchdrehende Markt, eine lustige Formulierung. Niemand dreht durch, aber das Geld muss halt irgendwo hin. Ob in eine Berliner Eigentumswohnung oder in Rheinmetall-Aktien oder in einen Picasso oder in einen Oldtimer oder in das Original-Manuskript von „Mein Kampf“ oder in eine Coltan-Mine im Kongo. Besonders empfehlenswert: Aktien von Tretminen-Herstellern und gleichzeitig Aktien von Prothesen-Herstellern kaufen. Warum Gewinne liegenlassen? Ein in sich rationales System. Ein, allen Ernstes: Kippenberger erzielte bei Christie´s jüngst 16,4 Millionen – der Markt hatte auf mehr gehofft und war enttäuscht.

Der Tagesspiegel nimmt das Thema Kunstmarkt ebenfalls auf und sieht die Preise weiter steigen, denn die 170.000 Reichsten besitzen derzeit 21 Billionen Dollar – und diese Summe soll sich in den kommenden zehn Jahren um 34 Prozent erhöhen.

Man sieht an diesem Kunstmarkt die Perversion eines Wirtschaftsystems, das prinzipiell keine Haltelinien oder Stopps kennt, ähnlich wie in der Gründerzeit (wobei die Preisbeziehungen heute andere Ausmaße angenommen haben). Auch Kunst wird komplett kapitalisiert mit dem Ergebnis, dass sie verschwindet. Der 160-Millionen-Picasso steht jetzt in einem wohltemperierten dunklen Tresor. Kein Mensch guckt sich das Bild mehr an, höchstens der nächste Kaufinteressent. Es ist der einen wesentlichen Funktion beraubt, nämlich, angeschaut werden zu können. Das ist der Preis für die Möglichkeit von Rendite. Die theoretische An- und faktische Abwesenheit, führt nicht zum Preisverfall, sondern zum Preisanstieg. Die Vernichtung des Gebrauchswerts führt zur extremen Steigerung des Tauschwerts.

Eine halbwegs vernünftige Gesellschaft würde einen guten Picasso nach dessen Tod als Erbe der Menschheit betrachten und in ein Museum hängen. Aber man kann nicht alles haben. Entweder Vernunft jenseits der Betriebswirtschaft – oder Kapitalismus.

150(Foto: genova 2014)

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8 Antworten zu Kunst und Markt: Wenn Verschwinden 160 Millionen Euro Wert ist

  1. Lemmy Caution schreibt:

    Kauft aber besser in einer Buchhandlung oder zur Not bei Bol.de .

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Über die Kapriolen des Kunstmarkts kann ich mich nicht aufregen, da finde ich die Zermürbung des Bildungssystems durch Privatschulen und des Gesundheitssystems durch Privatkliniken und natürlich den Landverlust durch Golfplatzschwemmen schon schädlicher. Der Kunstmarkt ist nicht wirklich ein Solidarsystem und die Werke werden üblicherweise auch nicht für immer weggesperrt sondern von den Privatsammlungen wieder an Ausstellungen verliehen. Wenn man dann noch das öffentliche Interesse anhand der spärlichen Anzahl von Museumsbesuchern abschätzt, dann verliert das Thema an Brisanz. Fraglich ist vielmehr, ob ein der Menschheit vererbter Picasso überhaupt noch lange interessieren würde, der Kunstbetrieb wäre in der aktuell guten Ausstattung ohne den enormen und nicht immer rationalen privaten Kapitaleinsatz kaum denkbar.

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  3. genova68 schreibt:

    Hannes,
    ok, du findest irgend ein anderes Thema wichtiger als das behandelte. Das läuft nach der alten Taktik „haben wir den wirklich keine anderen Probleme“, wonach man sich immer nur über das wichtigste Thema unterhalten darf. Das ist kein inhaltliches Argument, sondern ein externes, um das Thema garn nicht zu behandeln.

    Spärliche Zahl von Museumsbesuchern: Das mag für Düsseldorf zutreffen, in Berlin stehen die Leute Schlange, wenn es um Detailthemen wie die Portraitmalerei in der Frührennaissanace geht und erst recht vor einer Picasso-Ausstellung. Oder meinst du ernsthaft, dass das Museum leer bliebe? Du meinst ernsthaft, der Picasso würde dann keine Aufmerksamkeit mehr erzielen, wenn er von nicht-privatem Geld und mit weniger Geld gekauft worden wäre?

    Die Privatsammlungen verleihen weiter: Eventuell, eventuell auch nicht, das kann der Käufer alleine entscheiden. Hängt auch von dem Versicherungsaufwand und mehr ab. Aber auch hier: Ein einzelner entscheidet über den Verbleib eines Werkes, das bedeutsam ist. Der Käufer könnte das Bild auf öffentlich verbrennen, vermute ich. Könnte einem Milliardär der Spaß, die Aufmerksamkeit wert sein.

    Der letzte Satz ist völlig sinnlos: Es geht nicht um den „Kunstbetrieb“. Der wäre mit dem Millioneneinsatz des Kapitals in der Höhe nicht denkbar, ja. Und? Wäre das schlimm für das Bild? Du behauptest, das das bloße Bild nichts oder wenig taugt und erst das Kapital der Kunst zur Qualität verhilft.

    Meine Güte.

    Lemmy,
    was hat es denn mit dem Buch auf sich?

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  4. hANNES wURST schreibt:

    @genova: Ja, das Thema ist eher unwichtig. In Berlin stehen die Leute am Kunstmuseum Schlange? Da siehst Du ja, dass es funktioniert. Sinnlos abzustreiten, dass sich der Wert eines Kunstwerks erst auf dem Markt zeigt. Guck Dir Systeme an, in denen das nicht so war / ist, in der DDR oder im staatlichen Kunstmuseen in Syrien. Da hingen / hängen die Bilder herum und keiner geht hin oder ordnet sie überhaupt ein – wenn es nicht der Staat (mehr schlecht als recht) tut. Das Kapital als Ordnungsfaktor unseres Wertesystems. Ist ein Kunstwerk dann erst einmal 150 Mio. wert, dann wäre es eine Sünde, es in einer staatlichen Sammlung zu belassen, kann man mit diesem Geld doch ohne Weiteres drei Krankenhäuser bauen.

    Total nervig, wenn Bildungsbürger den Kulturbetrieb mit ihrem sozialistisches Restwissen begießen.

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  5. genova68 schreibt:

    „Sinnlos abzustreiten, dass sich der Wert eines Kunstwerks erst auf dem Markt zeigt.“

    Du behauptest, das Kapital bewerte die Kunst, und zwar nicht nur monetär, sondern auch ästhetisch: Je mehr bezahlt wird, desto besser die Kunst. Oder: Kunst hat keinen Wert außer einen monetären.

    Mit solchem Unsinn beschäftige ich mich nicht.

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  6. hANNES wURST schreibt:

    @genova: Ja, es wäre wie gesagt auch unsinnig, das abzustreiten. Wenn es so etwas wie imdb.com für Kunstwerke gäbe, das wäre eine Alternative. Aber dort würden die Bewertungen bestimmt noch kunstvoller gefälscht, als auf Amazon.

    Du scheinst der Meinung zu sein, dass ästhetische Merkmale, anders als ethische Merkmale, einfach so aufblitzen, vor dem geschulten Auge, den Experten, dem Volkskörper oder wem auch immer. in Wahrheit trottest Du selber dem kapitalistischen Ordnungsprinzip hinterher, indem Du nämlich forderst, dass der 160 Mio Picasso der Allgemeinheit zugänglich sein soll – statt zu fragen, was an diesem Werk eigentlich so wertvoll ist. Vielleicht ist es der letzte Schund und irgendwelche Kunstsammler haben es hochgejazzt und Dein Aquarell aus der Grundschule ist ästhetisch wertvoller. Warum ist es der Allgemeinheit noch nicht zugänglich?

    „Kunst ist, was im Museum hängt“ ist eine gern gebrachte Quintessenz in Diskussionen über den Wert von Kunstwerken. Aber was hängt im Museum? Werke, die irgendwelche Experten aus Gefälligkeit ausstellen oder auch weil sie wirklich von diesen überzeugt sind und natürlich die Kunst, die ihren Wert schon bewiesen hat, weil sie einfach teuer ist. Das System ist oligarchisch und meritokratisch geprägt, und das wird von den Auguren des Kunstbetriebs auch bis auf die Zähne verteidigt, oder hast Du in einem Museum schon einmal einen Bewertungsbogen für die Qualität bestimmter Werke vorgefunden?

    Der Unsinn, mit dem Du Dich nicht beschäftigen willst, ist also ganz einfach die Realität. Ich rate daher dazu, Deinen Text noch einmal zu überdenken und komplett neu zu verfassen, damit keiner meint, er sei in den Stadtteilnachrichten des Trierischen Volksfreunds gelandet.

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  7. Lemmy Caution schreibt:

    Der Klappentext sieht extremst vielversprechend aus. Geht um die Leute, die diese Preise bezahlen. Siehe die Info auf der Amazon Seite. Ich habs mir gekauft. Erscheint am 2. Juni.

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