Die AfD diskutiert im Deutschen Historischen Museum

Das Deutsche Historische Museum lädt für den 11. Mai zur Diskussion „Zusammenbruch – Befreiung – Stunde Null? 1945 im Gedächtnis der Deutschen“ ein. Es diskutieren zwei Historiker, Sönke Neitzel und Paul Nolte. Peng.

Neitzel ist bekannt geworden, weil er zusammen mit der unsäglichen rechten und tatsächlich nur als dumm zu bezeichnenden, ähm, Publizistin Cora Stephan in der Welt ein Pamphlet veröffentlichte, das Fritz Fischer runterputzt und vor allem dazu dient, Deutschland reinzuwaschen, auf dass es neue Kriege führen möge. Geistiger Dritter im Bunde ist Herfried Münkler, der in der Süddeutschen vor einer Weile sagte:

„Es lässt sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem schuld gewesen.“

Wie verantwortliche Politik im Kapitalismus aussieht, wissen wir spästestens seit dem Irakkrieg 2003.

Fischer hat zwar nie behauptet, dass das Deutsche Reich am 1. Weltkrieg allein schuld gewesen sei, aber es war schon immer gute rechte Taktik, das Eigene als schändlich bedroht und ungerecht behandelt darzustellen, damit man sich ungehemmter wehren kann. Auch so eine Art Dolchstoßlegende. Hans-Ulrich Wehler nannte die Autoren in der Zeit „nationalistisch“ und verortete Neitzel ideologisch bei der AfD.

Hintergrund der Debatten ist das Schlafwandler-Buch von Christopher Clark, bei dem zumindest der Titel absurd ist: Schlafwandlerisch, also ohne bewusstes Zutun von Interessen, entsteht kein Krieg. Es war in Deutschland dennoch ein Erfolg, und zwar, weil er der armen deutschen Seele Entlastung bot. Wir sind reingetappt, wir konnten doch nichts dafür.

Mit dieser Haltung können wir uns auch endlich offen zu Wilhelm II. und dem neuen Berliner Schloss bekennen. Der hat das doch gar nicht so gemeint.

Paul Nolte, der zweite im Bunde, ist bekennender Neokonservativer und vermutlich nicht bekennender Neoliberaler. Er warb beispielsweise auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 in der FAZ für den „Abschied von der Gerechtigkeit“ und schreibt Bücher mit solch dümmlichen Titeln wie „Generation Reform“. Er meint damit wohl sich selbst und mich und die anderen um 65 geborenen, danke dafür. Darin plädiert er unter anderem für die Kopfpauschale der CDU. Zum Dank wurde er Professor an der FU Berlin und Präsident der Evangelischen Akademie Berlin.

Zwei Rechte diskutieren im offiziellen Rahmen. Warum besorgt das DHM, wenn sie schon den Nationalisten Neitzel einlädt, nicht wenigstens einen Historiker aus dem anderen Lager?

Beide Historiker sind zur gleichen Zeit geboren. Eine neue Generation, die wohl mit den normativen Bielefeldern und gar noch Schlimmerem nichts mehr zu tun haben will. Fischer muss weg und Deutschland in neuer Größe erstrahlen.

Es sind diese Kleinigkeiten, die den Rechtsruck zeigen.

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5 Antworten zu Die AfD diskutiert im Deutschen Historischen Museum

  1. Peter Krauss schreibt:

    Hat Cora Stephan früher nicht auch mal für den stern geschrieben und galt als links? Die gleiche Wendung (und Angie-Begeisterung) wie bei Biermann. Wie kommt das?

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  2. @Peter: ein Teil der AchGut-Baggage hat’s in der Vergangenheit mal mit Marxistisch versucht. Ich krieg die Details grad nicht mehr zusammen, aber die Typen scheinen einen Hotspot im novo-magazin zu haben: Edgar Gärtner hat 1979 in den Marxistischen Blättern publiziert, Sp!ked (iirc die original-vorlage für novo, Benny Peiser schreibt für Sp. + Achgut) hieß früher „Living Marxism“.

    Um diese Rechtsrücker zu psychologisieren: für mich würde das so Sinn machen, dass die als sie noch jünger waren, von Idealismus getrieben es mit Links versucht haben, aber ihre inneren Dämonen (Angst, Rassismus, Hybris, …) irgendwann überhand genommen haben, und dann haben sie ein kathartisches Erlebnis in der neuen Rechten. Natürlich zumindest ne Übervereinfachung.

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  3. Lemmy Caution schreibt:

    Es gibt ja diese Idee, dass wir aus der Phase der US-Dominanz in eine Phase einer stärkeren Multi-Polarität kommen. Man könnte „mehr Verantwortung“ unter dieser Prämisse subsumieren. Meine rechts-liberalere Phase war damals nicht zuletzt eine Reaktion auf die Medienberichte über den Jugoslawien-Krieg. Ich kapierte nicht, warum da US Soldaten und nicht kern-europäische Soldaten sterben müssen.
    Heute sehe ich die Jugoslawien-Kriege nach wie vor als ein seltenes Beispiel dafür, dass der militärische Eingriff von stärkeren äusseren Mächten einen Konflikt irgendwie auch deeskaliert hat. Viel häufiger scheint es genau umgekehrt zu sein: Jüngere Beispiele dafür sind etwa Libyen und Irak.

    Chile wurde zwischen 1958 und 1970 von der Bundesrepublik und den USA geradezu mit politisch intendierten Entwicklungsgeldern überschüttet. Und dann packtierten Teile des State Departements und der CIA zunehmend mit immer putschbereiteren Militärs und Terroristen…
    Diese „aktive“ Aussenpolitik endete letztlich 12 Monate nach dem Angriff von Kampfflugzeugen der chilenischen Luftwaffe auf den eigenen neoklassischen Präsidentenpalast an der 8 spurigen Verkehrsschlagader einer Multi-Millionenenstadt sowie zumindest 5 Jahre sinnlosen Folterns und Mordens. Die großen weltpolitischen Designer gerieten spätestens dann in die Defensive. Genauso wie wir heute eher wenig von den Be-Geisterten der Befreiung Libyens von Gaddaffi hören.

    Bin kein Anti-Imperialist und halte das für ein großes Desaster. Und wenn man vielleicht 12 bis 15 Bücher über die Zeit aus sehr verschiedenen Perspektiven gelesen, selbst über die Jahre mit Zeitzeugen praktisch aller politischer Richtungen geredet und vielleicht 200 Stunden Film und Radio Features gesehen/gehört hat, bin ich für diesen kleinen Ausschnitt der Geschichte unseres blauen Planeten ein Besessener. Je weiter ich in die Komplexiät abtauche, desto widersinniger erscheinen mir die Einmischungen des „Freien Westens“ in die Ereignisse. Das ist wie die Fahrt Fluß rauf in Apocalypse Now.

    Einfach mal achselzuckend die Bomben-Abwurf Klappe zuzuhalten muss kein Zeichen von Dummheit oder Schwäche sein. Auf unsere Nicht-Beteiligung an Luftschlägen gegen Gaddaffi war aus der Rückschau vermutlich sehr vernünftige Haltung.

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  4. summacumlaudeblog schreibt:

    @Lemmy Caution …überhaupt möchte man so manchen „Interventionisten“ gerne einmal mit dem Ergebnis ihrer Intervention konfrontieren. Vom Kolonialismus bis heute.
    Für mich immer wieder ärgerlich, wie komplexe, uneindeutige Konflikte von solchen Interventionisten als eindeutig und somit als moralisch beurteilbar hingestellt werden. Wer dann nicht mitbombt, wird schnell zu einem Auschwitzdulder erklärt. Nebenbei: So kann man natürlich auch die Vergangenheit entsorgen. Ein zweites Auschwitz behaupten und dann mit Bomben „beweisen“, wie man aus der Vergangenheit gelernt hat. Gegensätzlich zu jenem Altlinken da drüben, der es immer noch nicht gescheckt hat.

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  5. genova68 schreibt:

    Cora Stephan ist eigentlich unpolitische Krimiautorin und schreibt da unter anderem Namen. Sie wäre besser dort geblieben. Leute wie Broder, Mahler und Co. waren links, als links schick war. Dann wurden sie alt und merkten, dass sie rechts mehr Aufmerksamkeit erlangen und um mehr geht es diesen Leuten vermutlich nicht.

    Auf unsere Nicht-Beteiligung an Luftschlägen gegen Gaddaffi war aus der Rückschau vermutlich sehr vernünftige Haltung.

    Zumindest dafür kann man Westerwelle loben, in der Tat.

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