Die schöne Querulantin

Eine ganz hervorragende Aktion einer Femen-Aktivistin bei einer Pressekonferenz von EZB-Chef Mario Draghi. Die Bilder, die dabei entstanden sind, erzeugen vermutlich bei allen PR-Arbeitern große Bewunderung. Da gibt das Kapital Million um Million aus, um seinen Produkten Authentizität zu vermitteln, sei es mit gebrauchten Chucks, mit credibler Streetwear, wie man sagt, oder mit Berlin-Style. Klappt aber alles nicht so richtig. Wer trinkt schon das Pups-Bier Berliner Pilsener, weil er die Stadt geil findet? Eben. Und dann kommt eine Frau, springt auf den Tisch und Draghi inklusive Kollegen steht die Angst ins Gesicht geschrieben, wie man sagt. Die Angst davor, dass er nicht weiß, wie es weitergeht. Der Mann, der Billionen bewegt, hat Angst vor den nächsten Sekunden, die er nicht kontrollieren kann.

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Die großen, angsterfüllten Augen, die die Grundmüdigkeit und den Überdruss nicht einmal in dieser Gefahrensituation verbergen können. Wobei er keinen unsympathischen Eindruck macht. Aber das machen Menschen, denen die Angst ins Gesicht geschrieben steht, wohl nie. Unverständlich, dass er sein Jackett vorm Hinsetzen nicht aufgeknöpft hat. Sowas lernt man doch in seinen Kreisen. Schröder wäre das nie und nimmer passiert.

Dazu natürlich das Bild der übermächtigen Frau: Nicht nur eine Feministin, sondern auch noch in der Lage, einem mächtigen Mann zuzusetzen. Sie weit oben, anonym, übergroß, er unten und zerknittert. Draghi hebt beide Hände zur Abwehr, aber man erkennt sofort, dass ihm das nichts nützt. Ein Tritt von ihr, und er fällt hintüber, mit oder ohne Hände. Außerdem sind seine Hände so lasch, so weich, nicht angespannt, keine Chance. Jemand, der seine Hände nur zum Zeigen einsetzt, zur Gestik. Die hat heute weich zu sein. Gerne engagiert, aber keinesfalls hart.

Die Frau ist in Maßen erotisch dargestellt mit ihrem Hintern, der sich halb im Bild befindet und der Betrachter kann sich in aller Ruhe überlegen, ob er die Beine attraktiv findet. Bei Draghi stellt sich die Frage nicht. Attraktiv könnte bestenfalls seine berufliche Position sein.

Auf dem zweiten Bild steht die Feme tatsächlich auf Draghis Papieren. In denen geht es um Billionen Euro und sie trampelt darauf herum. Wunderbar.

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Dieses  Bild ist auch sonst nicht schlecht. Draghis Kollegin scheint ernsthaft empört, sie will ihrem Chef wohl zu Hilfe kommen, jedenfalls deutet das ihre Körperhaltung an, sie wendet sich ihm zu, beugt sich in Richtung Querulantin. Der Kollege auf der anderen Seite ist eher reserviert und sichert seine eigenen Papiere. Er hält sich raus und überlegt, in welche Richtung er am besten fliehen kann. Draghi weiter impotent. Seine Billionen-Papiere fliegen unkontrolliert durch die Luft. Eine Luftnummer wie seine Billionen, die er per Knopfdruck produziert.

Schön zudem der Schattenwurf der umherfliegenden Papiere auf der blauen Wand im Hintergrund. Die vielen Scheinwerfer vervielfachen ihre Zahl. Sie sollten eigentlich Draghi ins rechte Licht rücken, nun unterstützen sie die Gegenaktion ästhetisch.

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Ein paar zartbesaitete Helfer versuchen im dritten Bild, die Lage in den Griff zu kriegen, was nicht überzeugend wirkt. Draghi hat es nun immerhin geschafft, seine Patschhändchen vors Gesicht zu halten. Konfetti ist gefährlich. Man könnte seine Handhaltung andererseits fast als Zustimmung werten. Hallo, ich grüße sie. Draghis Papiere und ihr Konfetti gehen nun eine Symbiose ein. Konfetti und Billionen-Papiere, alles gleich viel Wert, nämlich nichts.

Eine Frau, die einen Mann bespritzt, auch ein schönes Bild. Gemeinhin läuft es umgekehrt.

Die Feme heißt Josephine Markmann. Sie stand schon an Weihnachten 2013 während der Messe auf dem Altar des Kölner Doms und zeigte ihren Körper, auf dem stand: „Ich bin Gott“. Toll. Warum nicht sie? Warum immer der alte Unsympath mit Bart?

100 Prozent authentisch. Und das bei zwei der mächtigsten Gestalten der Welt – Draghi und Gott. Respekt und Gratulation.

(Fotos: Spon/dpa)

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6 Antworten zu Die schöne Querulantin

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Auch von mir gibt es dazu ein einschränkungsloses: Bravo!

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  2. Beat Company schreibt:

    Serrrrrrrrrrrrrr schön !

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  3. Annika schreibt:

    Tolle Bildanalyse!
    Ich sah neulich auch ganz fasziniert in das angstvolle Gesicht und dachte, sieh mal einer an, so kann man es auch machen.

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  4. besucher schreibt:

    Seit dem Film „Dogma“ wissen wir dass Alanis Morissette Gott ist.

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, aber nicht die einzige Gott. Ich habe das Gefühl, ich bin auch einer.

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  6. Beat Company schreibt:

    Hat dies auf http://www.ringelnatz.org rebloggt.

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