Unfertiges zu Koolhaasens „De Rotterdam“

„De Rotterdam“ in Rotterdam von Rem Koolhaas/OMA: Ein Gebäudetyp, für den man eigentlich einen neuen Namen erfinden müsste: Hochhaus trifft es nicht so ganz, mehrere Hochhäuser nebeneinander auch nicht. Die Scheibe steckt drin und auch der Turm. Schön jedenfalls, wie sich bei Perspektivwechsel auf das Gebäude der Eindruck verändert:

139 (2) 141 142 143 (2) 144 166

Je seitlicher man sich nähert, desto mehr verschwinden die Lücken, bis keine mehr übrig bleibt. Die Volumina verschränken sich immer mehr ineinander. Die WTC-Fassade dominiert. Wegen der Höhe von 150 Meter ist der Komplex in Rotterdam ähnlich präsent wie der Fernsehturm in Berlin. Durch die unendlichen Perspektivwechsel bei jedem Blick neu. Der Kontext ist der alte Hafen von Rotterdam, der nun neu bebaut wird. Das heißt, es gibt keinen Kontext, auf den man Rücksicht nehmen müsste, zumindest keinen kleinteiligen.

Dazu das Balancieren der einzelnen Körper. Es ist gewissermaßen eine Form ernstzunehmender postmoderner Architektur: Keine Spielerei, keine Dauerwitze, kein oberflächliches Geprotze wie in dem Teil links daneben, sondern ganz konsequent moderne Baukörper, die gestapelt werden und deshalb ihren Kontext verändern. Statik trifft Kinetik. (Rechts daneben übrigens ein Siza, der das New-York-Hochhaus von vor 100 Jahren kopiert. Nun ja.)

Und außerdem die wunderbar monotone Vorhangfassade: Koolhaas widersteht jeder Versuchung von Spielerei und von vermeintlicher Auflockerung, wie Adepten des Oberflächlichen architektonische Inkonsequenz gerne nennen. Nein, der Mies wird kopiert, wenn auch nicht so filigran, und sonst nichts. Sechs Miese werden aufeinandergstellt und fertig ist eine banale Genialität. Die Stadt Rotterdam wollte zwei simple Türme, Koolhaas leistete jahrelange Überzeugungsarbeit.

Es ist sicher eine Form des Manhattanismus, den Koolhaas schon immer propagierte. Eine angenehme Antwort auf den Terror von Bodenhaftung und reaktionärem Heimatbegriff, der sich auf die Scholle bezieht.

Vilem Flusser müsste man dazu lesen.

Eine vertikale Stadt mit Wohnungen, Büros, Freizeiteinrichtungen, Hotels, Stadtverwaltung. Ökologisch sinnvoll ist das Teil vom Grundsatz her sowieso: Versiegelt wurde die Fläche eines Fußballfeldes. De Rotterdam ist das Gebäude mit der höchsten Menschendichte in den Niederlanden. (Zumindest soll es das sein, wenn es komplett vermietet ist.) Dichte und fehlende Übersicht: Was die einen verunsichert, wird hier bewusst hergestellt.

Von der kapitalistischen Logik in dem Projekt mit allen Unterthemen dazu sehe ich hier ab. Wie man überhaupt bei Koolhaas von so manchem absehen muss, was aber lohnt, weil dann Interessantes übrig bleibt. Der Mann vertritt eine völlig andere Auffassung von Stadt als die Masse – XL-Architektur und Generic City. Er legt die europäische Stadt ad acta, was ästhetisch eine Herausforderung ist und ehrlich: Die Voraussetzungen haben sich geändert. Seine Architektur ist über jeden Zweifel erhaben, sein Städtebau umstritten. Gleichwohl sind seine Provokationen wohltuend. Es zeigt auch einmal mehr die katastrophale städtebauliche und architektonische Verfassung des aktuellen Berlin, der Hauptstadt der Regression.

 Fade out.

(Fotos: genova 2014)

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