Mercedes und das rote Wien

In Berlin-Friedrichshain wird ein neues Stadtviertel gebaut, die Regie übernimmt Mercedes. Neben der schon existierenden Mercedes-Vertriebszentrale wird es dort ein weiteres Shopping-Center geben, daneben eine Veranstaltungshalle, die auf den Namen Mercedes hört (bislang O2-Arena) und einen Mercedes-Platz. Lustig ist die Begründung, mit der sich der Friedrichshainer Vize-Bürgermeister Peter Beckers (SPD) über den Namen freut. Man wolle ja bei der Benennung von Plätzen Frauen den Vorrang geben, deshalb gilt:

„Schließlich ist Mercedes auch ein Frauenname.“

Mit der Sozialdemokratie scheints immer weiter bergab zu gehen. Oder das ist auch nur ein Hinweis auf den kapitalistischen Aspekt der Emanzipationsforderungen. Was wohl die Frauenministerin Schwesig dazu sagt?

Bemerkenswert ebenfalls der Besuch der Chefin der größten Berliner Wohnungsbaugesellschaft Degewo, Kristina Jahn, bei ihren Sozialwohnungsbaukollegen in Wien. Dort baut man seit 100 Jahren jährlich rund 6.500 geförderte Wohnungen (Berliner Morgenpost, 24.3., S. 12). In Berlin gab es sowas sozialistisches in den vergangenen 15 Jahren überhaupt nicht mehr; jetzt feiert sich die politische Klasse, weil sie pro Jahr 1.000 Wohnungen fördern will. Berlins Bürgermeister Michael Müller hält das für ausreichend. Berlin hat doppelt so viele Einwohner wie Wien, die Prognosen liegen bei doppelt so starkem Zuwachs. Es ist eine der üblichen Berliner Mogelpackungen.

Der Reisebericht von Frau Jahn in der Morgenpost liest sich wie der einer Praktikantin zu ihrem Chef. Sie ist begeistert von den preiswerten Detaillösungen, die die Bausumme um ein Drittel verringern („Fenster nur in Standardgröße!“), die ihr aber in Berlin haufenweise kreative Leute sagen könnten, würde sie es nur wissen wollen. In Wien war Frau Jahn übrigens auch in diesem Viertel unterwegs: Dort kostet der Quadratmeter deutlich unter zehn Euro – warm.

Unwahrscheinlich, dass Fräulein Mercedes in Berlin für Wiener Verhältnisse sorgen wird.

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8 Antworten zu Mercedes und das rote Wien

  1. axel.engler@gmx.de schreibt:

    Vor Jahren war ich mal in Graz auf der kommunistischen Sommerschule. Die sind da irgendwie ganz anders drauf. Ganz anders als die Anarchisten in Gent nun aber auch nicht.

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  2. Lemmy Caution schreibt:

    Das ist die Deutschland Zentrale der Vertriebsgesellschaft von Daimler. Sind in Vereinigungs/Hauptstadt/Weltkonzern Euphorie in den 90ern von Stuttgart nach Berlin gezogen. Vorher waren die am teuren Potsdamer Platz. Viele der Angestellten fürchteten einen Umzug nach Stuttgart. So sind die halt nach Friedrichshain. Bei Renten, Arbeitsstunden pro Woche, etc. haben die durch den Umzug etwas verloren, weil das nun Ost-Verträge sind. Angesichts der atraktiven Verträge und eines starken Betriebsrats waren die Verluste aber für den überwiegenden Teil wirklich nicht dramatisch. Die Stadt Berlin wollte diesen Arbeitgeber auch auf jeden Fall halten.
    Ich find auch, dass die da nicht viel kaputt machen.

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  3. genova68 schreibt:

    Die Stadt Berlin sollte Mercedes als Arbeitgeber auf alle Fälle behalten, klar. Es geht um die Platzbenennung und darum, dass Mercedes nicht einfach Bürofläche bezieht und seinen Job macht, sondern dass es ein ganzes Stadtviertel entscheidend prägt.

    Es geht also um die neoliberale Dominanz des Kapitals, die sich dort ausdrückt.

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  4. Lemmy Caution schreibt:

    Ach komm. Das sind 2 oder 3 schlanke Büro-Türme. Da arbeiten nicht wirklich viele Menschen. Die Arena steht da schon seit einigen Jahren. Ist halt nicht der ihr Stil, dass die da No Name Automobilkonzern draussen dranschreiben. Was sollen die denn machen? Wuhlheide unterkellern und davor ein unscheinbarer Eingang?
    In dem Gebiet wurden schon vorher an der Spree Wohntürme mit Luxuswohnungen gebaut. Dass mit dem Shopping Center war abzusehen. Auch für die gutverdienenden Daimler Mitarbeiter auf Potsdamer Platz schnell-mal-was-einkaufen/mit-Kollegen-Latte-trinken-und-sushi-essen turkey. Und nur ein sehr kleiner Teil der dort arbeitenden Menschen wird da hinziehen, weil Berlin einen guten Nahverkehr hat, die eh dazu tendieren nach 5 Jahren Kieztreue zu entwickeln und umziehen in Berlin wg steigender Mieten Geld kostet.
    Das ist ein wirklich sehr kleiner Bereich in einer großen Stadt, der vorher sowieso keine wirkliche Struktur hatte.

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  5. summacumlaudeblog schreibt:

    Das Umlablen der Merchandising-Namensgebung in eine Quotierungstat ist gar zu köstlich. Emanzipation auf DAX-Niveau.
    Ansonsten ist dieser Wohlstandsbrache in der Tat keine Träne nachzuweinen, da hat Lemmy Recht.

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  6. genova68 schreibt:

    summa,
    ja, mir ging es eigentlich nur um den Namen und die Begründung. Und darum, dass ein Konzern ein ganzes Viertel okkupiert, also nicht einfach Büros baut, sondern einen totalitären Anspruch hat. Ein kleiner Bereich in einer großen Stadt: So kannst du überall argumentieren. Warum nicht eine schmale Autobahn durch ein großes Naturschutzgebiet?

    Es ist ein weiteres Stück Boden, sehr prominent, das dem Kapital komplett überlassen wird. Das ist eine in Deutschland relativ neue Entwicklung, analog zu SAP und anderen großen Playern. Es hat sich offenbar die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nicht mehr reicht, ein prominentes Gebäude zu errichten. Man will das gated quarter.

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  7. Lemmy Caution schreibt:

    So neu kann das gar nicht sein.
    Nur 1000 Meter Luftlinie nördlich und ebenfalls in Friedrichshain hat die Karl Marx Buchhandlung seit Jahrzehnten sogar eine eigene Karl Marx Allee. Und die ist viel bombastischer ;-)
    http://goo.gl/5OwWRQ

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  8. genova68 schreibt:

    Stimmt. So gesehen ist Marx der dominante :-)

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