Die FAZ findet ein Korn

Claudius Seidl über den verstorbenen Architekten und Ingenieur Frei Otto, der auch das Zeltdach fürs Münchner Olympiastadion entworfen hat:

Und selbst wer sich heute durchs Sandsteinlego des neuen Berlin bewegt oder den Boutiquenschick Münchner Neubauten betrachtet, wird irgendwann fragen: Kann es sein, dass Architekten und Bauherren, die solche Ödnis für modern und zeitgemäß halten, niemals das Münchner Zeltdach gesehen haben? Oder hat sich Deutschland in den Jahren, die seit 1972 vergangen sind, so zu seinem Nachteil verändert, dass die Leichtigkeit, die Offenheit, die Transparenz, welche bei Frei Otto ja keine Metaphern, sondern direkt spürbare Raumerfahrungen waren, gar kein angemessener architektonischer Ausdruck dessen wären, wie wir heute leben und wie wir leben wollen?

Frei Ottos Konstruktionen, die sich immer an der unfassbaren Vielfalt des Organischen und den Möglichkeiten des Materials orientierten, sind ja nicht nur das genaue Gegenteil des Sims-und-Säulchen-Schwachsinns der Berliner Republik. Auch mit jener Mischung aus Willkür, Prätention und Schockeffekten, mit welchen zum Beispiel die Büros von Zaha Hadid oder Frank Gehry heute die deutsche Provinz beeindrucken, wollen diese Entwürfe nichts zu tun haben, was umgekehrt aber nicht gilt: Es war Frei Otto, der Forscher, der die Biegsamkeit und Tragfähigkeit jener Materialien erst erprobt hat, aus welchen die Architekturstars heute ihre Sensationsbauten formen.

Abgesehen von der diskutierbaren Gleichsetzung von Gehry und Hadid: Seidl ahnt immerhin, dass der Sims-und-Säulchen-Schwachsinn wie auch das Berliner Schloss Ausdruck einer regressiv gewordenen und nach rechts gekippten Angst-Gesellschaft sind. Dass die auch von der FAZ täglich verursacht wird, sieht er nicht oder will es nicht sehen.

Architektur als Ausdruck, wie wir leben und es wollen: Letzteres ist eine komplizierte Frage, wenn man kapitalistisch doktriniert ist. Streng genommen kann man in einer konsumistischen Warengesellschaft keinen Ausdruck des Wollens mehr Ernst nehmen, weil präformiert. Die Raumerfahrungen, die heute gemacht werden wollen, sind solche der Abgrenzung, des Einmauerns, des Kokons.

Man könnte auch sagen, dass die Sims-und-Säulchen-Regression Ausdruck einer Gesellschaft ist, unterbewusst verzweifelt nach Haltepunkten sucht, sie aber ohne sinnvolle Analyse nicht findet und stattdessen AfD und Schloss konstruiert. Man sitzt neben dem Säulchen und hampelt mit dem iphone herum, auf dem man in das Chaos der Welt blickt, dem man sich mit der Säule entziehen will.

Frei Otto oder auch Gottfried Böhm: Architekten, deren Arbeiten heute im Establishment keine Chance mehr hätten. Dort haben sich Kameraden wie Dudler, Kleihues, Braunfels, Kahlfeldt und und unzählige devote No-Name-Karrieristen breitgemacht ohne den Hauch einer innovativen Idee. Was ist eigentlich aus der Westberliner Baumafia geworden? Abgedankt oder nur begünstigt durch machtaffine Journalisten? Man weiß es nicht.

Und woran man immer wieder erinnern sollte, um die komplette Barbarei vor der eigenen Haustür zu erahnen: der Abriss des Ahornsblattes vor mittlerweile 15 Jahren.  Genauer gesagt am 19. Juli. Man sollte dieses Datum zum Gedenktag erklären.

Nebenbei und als Gegensatz zum Besprochenen: Werner Sobeks neues Haus B10 in Baden-Württemberg produziert doppelt so viel Strom wie es verbraucht. Genug, um nebenher E-Auto zu fahren.

023(Foto: genova 2014)

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3 Antworten zu Die FAZ findet ein Korn

  1. Motherhead schreibt:

    Ein guter Freund bezeichnet die Karrierearchitekten von heute nur noch als Arschitekten.
    Ein sehr, sehr gutes Wortspiel, wie ich meine.

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  2. Chris(o) schreibt:

    Mit Gottfried Böhms Betonklötzen tue ich mich ja manchmal schwer.
    Ein beeindruckendes Bauwerk, das inzwischen unter Denkmalschutz steht, ist sein Kinderdorf Bethanien bei Köln.
    Es hat mich so beeindruckt, weil es sowohl der Intention von Abgeschlossenheit, als auch von Öffnung und Geselligkeit gerecht wird und dabei Anleihen bei den sog. Hofhäusern macht.Im Kontext von Kinder -Schutz – Raum eine wirklich gelungene architektonische Lösung.

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  3. genova68 schreibt:

    Motherhead, du hast ja komische Freunde.

    Danke für den Bethanien-Hinweis, Chris, das kannte ich noch nicht.

    https://www.google.de/search?q=kinderdorf+bethanien+bergisch+gladbach&biw=1019&bih=664&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ei=QUAaVZSBEonbaIjIgvgP&ved=0CAgQ_AUoAw

    Eine schöne Sache, typisch für Böhm, das ist so eine Art Prototyp, den er öfter gebaut hat, unter anderem sieht das katholische Gemeindezentrum in Düsseldorf-Garath so aus. Strukturalismus at it´s best. Das Individuum und die Gemeinschaft und ihr Verhältnis zueinander.

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