150 Tote und der Zweck der Repräsentation

Ist es zu fies zu notieren, dass der Flugzeugabsturz in Frankreich Politikern gelegen kommt?

Steinmeier und Dobrindt fliegen direkt an die Unglücksstelle, stapfen dort ein wenig umher und geben betroffene Interviews. Was kann einem Politiker in Zeiten, in denen von Dschungelcamp bis Wulf-Eigenheim vor allem Authentizität gefragt ist, besseres passieren? Die beiden müssen zwar vor Ort geschützt werden, es muss ein erheblicher logistischer Aufwand betrieben werden, es ist sowieso eng in einem Alpental, es zieht noch mehr Journalisten an: Sie stören die Bergungsarbeiten. Sie fliegen aber trotzdem hin, aus einem einzigen Grund: Damit es Bilder von einem Politiker zwischen oder vor Rettungsleuten gibt, einer der aktiv ist, wenn es darauf ankommt, der die Situation im Griff hat, und der gleichzeitig gramvoll irgendeinen Text ableiert, in dem „bestürzt“ und „fassungslos“ vorkommen müssen.

Ob diesen Kameraden schon jemals aufgefallen ist, dass die Aussage, man sei fassungslos, eine Lüge sein muss, weil Fassungslosigkeit in ihrer Aktualität eine solche Aussage unmöglich machte. Wären Politiker fassungslos, würden sie sich auf den Boden setzen und heulen. Der Gipfel diesbezüglich ist der Satz „Sie sehen mich fassungslos.“ Genauso verhält es sich mit „schockiert“.

Politiker simulieren Betroffenheit, die doch nur dann ernsthaft sein könnte, wenn sie sich der Selbstdarstellung wenigstens in solchen Situationen entziehen würden.

Steinmeier hat das sowieso gut drauf: der betroffene Gesichtsausdruck, die bedeutungsvollen Pausen, das Repräsentierende. Mir fällt Murat Kurnaz ein. Es ist schon ekelhaft.

Es geht auch anders: Der Bürgermeister von Haltern fand genau die richtigen Worte in genau der richtigen Form: Er war geschockt, redete authentisch und bot keine einzige Floskel. Ein ganz besonderer Medienmoment, der eine ganz besondere Konstellation erfordert. Sofort danach wieder: Steinmeier.

Anwesenheit bei einer staatstrauerlichen Angelegenheit wäre natürlich selbstverständlich, inklusive Kanzlerin und Bundespräsident, aber das hier, am Tag der Katastrophe, ist etwas anderes. Die Politik nutzt ungemein effektiv und instinktsicher ein solches Ereignis, um sich in Szene zu setzen. Journalisten machen mit, ein eingespieltes Team. Und diese Szene ist so wertvoll, weil man echte Gefühle, eben Authentizität vermitteln kann.

Fade out

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7 Antworten zu 150 Tote und der Zweck der Repräsentation

  1. Annika schreibt:

    Du sprichst mir so aus der Seele. Was und wem nützt es, wenn Minister im Gebirge zwischen Trümmern herumtappen? So ein Hohn für die angehörigen. Am schlimmsten, wie immer, der unsägliche Gauck, der seine Stimme jederzeit „gebrochen“ anknipsen kann, ich möchte mein ganzes Bad vollkotzen, wenn ich den sehe!

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  2. summacumlaudeblog schreibt:

    Fassungslos bin ich schon, vom Geschehen sicherlich, auch aber von der Preludes im November des vegangenen Jahres. Dort war bereits ein Airbus (sogar vom „Mutter“konzern) im computergenerierten, zunächst unaufhaltbaren Sinkflug. Das beherzte Ausschalten des „Besserwissers“ Computer durch den Flugkapitän und die Übernahme des Fliegens mit der Hand verhinderte seinerzeit eine Katastrophe. Diese Geschichte wurde vor ein paar Tagen gerade publik. Ob es diesmal wieder so war?

    Was für eine grausame Vorstellung: Ein Computer steuert dich wie von Geisterhand zu Boden und du kannst nichts machen, siehst die Katastrophe nahen und findest den Ausgang aus der irrsinnigen Computerschleife nicht. Wenn es wirklich so wäre: Was für ein Sinnbild der Hybris.
    Wann „entscheiden“ Computer, weil sie es ja „besser“ können, über moralische Fragen?

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  3. genova68 schreibt:

    Es ist wohl die Frage, wie man Fassungslosigkeit definiert. Wenn ich ohne Fassung bin, falle ich aus dem Rahmen. Das schließt eine geordnete Rede vor Kameras aus. Zumindest meinem Sprachgefühl nach. Wenn ich einen Schock habe, dann auch,oder?

    Der Computer, der die Entscheidung übernimmt: Das war schon ein großes Thema in den Katastrophenfilmen der 70er, auch mit Flugzeugabstürzen. Eigentlich haben wir die Situation in jedem Fahrstuhl.

    Man könnte aber auch sagen, dass der Computer in dem Flugzeug vom November falsch programmiert war, von Menschen. Wenn er einen Sinkflug einleitet bis zum Bodenkontakt, dann ist offensichtlich etwas schiefgelaufen, denn egal, welche Probleme es an Board gab: Auf den Boden zu knallen ist immer die schlechteste Lösung. Man könnte ihm sicher beibringen, den Sinkflug auf spätestens 1000 Metern zu stoppen.

    Aber andererseits: Das Fliegen in den letzten 50 Jahren so extrem viel sicherer geworden, das ist schon in Ordnung. Ich vermute, in den 60ern gab es diese Diskussionen nicht, obwohl man objektiv viel mehr Grund gehabt hätte. Ok, ich vergesse gerade Stiller mit seiner kaputten Super Constellation.

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  4. summacumlaudeblog schreibt:

    Fühle mich nur vier/Fünftel-verstanden….. Es ging mir nicht um Yul Brunner in Westworld, sonderum darum, dass eine einmal angeworfene Computerschleife einfach ohne Plausiblitätsprüfung weiter läuft. Vielleicht war der Computer ja auf 1000 m Sinkflugstop eingestellt, das nützt nur nichts im Hochgebirge.
    Was mich entsetzt, wenn es denn so gewesen sein sollte: Die Luftfahrt ist für uns was Sicherheitsstandards angeht eigentlich Vorbild. Auch wir arbeiten selbstverständlich mit Alogharitmen, aber ebenso selbstverständlich muss es vor dem Durchführen der Handlungsempfehlung eine Plausiblitätsprüfung geben. Man gibt doch nicht einfach auf Grund eines Alogharitmus irgendein Medikament, wenn gewichtige, im Ablaufplan unberücksichtigt gebliebene Einwände dagegen sprechen. „Gab es Einwände, die man vergessen hatte?“ Heißt es bei Kafka.
    Die gibt es potentiell immer. Hat diese Selbstverständlichkeit der Computer einfach „vergessen“?
    Sicher, man muß vorsichtig sein. Es könnte auch ganz anders gewesen sein. Nur sprechen die ersten Augenzeugen eben von einem Sinkflug, die Nase des Flugzeugs war gesenkt, ansonsten offenbar unbeschädigt.

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  5. genova68 schreibt:

    Viertfünftelverstandensein ist ein extrem guter Wert, wir sind vermutlich wesensgleich.

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  6. summacumlaudeblog schreibt:

    Jetzt wirds mir klarer: Der im Cockpit verbliebene Pilot wird ausgefallen sein (Herzinfarkt? Schlaganfall?) und konnte somit den (von wem veranlassten?) Sinkflug nicht stoppen. Auf Grund der Regel, dass eine Cockpittür von außen nicht zu öffnen ist (nine-eleven-Folge!) konnte der Andere, der die fatale Entwicklung bemerkt haben mußte, nicht wieder hinein. Deswegen auch kein Notruf, keine Reaktion auf die Funkansprache! Wie furchtbar!!!

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  7. genova68 schreibt:

    Das wäre in der Tat furchtbar. Herzinfarkt wäre eine bemerkenswerte Erklärung, es wäre menschliches Versagen, für das der Mensch nichts kann. Das mit dem Radar und den technischen Geräten verstehe ich dennoch nicht: Eine Software müsste natürlich so programmiert sein,dass sie ein Hindernis rechtzeitig erkennt und automatisch steigt. Es wäre eine absurde Erklärung, wenn bei der vielen tollen Technik einfach ein ganzer Berg übersehen wird.

    Es ist wohl wie beim Lotto: Hin und wieder gibt es einen Sechser, hin und wieder stürzt eine Maschine ab. Man kann nicht anders als ein Restrisiko in Kauf nehmen.

    Aber ich habe überhaupt kein Interesse an Spekulationen, ich sage dazu nichts mehr.

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