Wo Stimmann eine ideologische Erektion bekommt: der neue BND

Der Architekturkritiker Falk Jäger (Quelle: vergessen) über das neue Hauptquartier des BND in Berlin-Mitte:

Ein „Haus“ mit 14.000 identischen Fenstern bleibt in Berlin-Mitte ein „Alien“. Wie ein letzter, schwerer Paukenschlag markiert das hypertrophe Gebäude Ende und Höhepunkt der Ära des Senatsbaudirektors Stimmann, der dem Nachwende-Berlin mit dieser Art preußisch-rationalistisch verstandener Architektur seinen Stempel aufgedrückt hat…

Der BND in Mitte ist ein stadtstrukturelles Problem, eine Exklave, ein zehn Hektar großes, autistisches, hermetisch verschlossenes Areal, das in dieser Hinsichrt fatal an die ummauerten Stasi-Einrichtungen erinnert. Den BND hier zu situieren, war ein städtebaulicher Fehler der Nachwendezeit erster Ordnung.

Mit seinen 14.000 identischen Fenstern ist das Haus im neopreußischen Berlin zwar kein Alien, sondern passt ganz gut hier her, aber den Rest von Jägers Verriss kann man unterschreiben. Es ist einer der zahlreichen Fälle, die eine Medienkampagne legitimieren würden, aber deutsche Journalisten – ich meine nicht Jähger – regen sich lieber über Berlusconi, Putin, Erdogan und andere Bösewichte auf, die weit weg und außerhalb der eigenen Interessenskonflikte agieren.

Auf dem jetzigen BND-Gelände stand zu DDR-Zeiten ein großes Sportstadion mit Platz für 70.000 Zuschauer. Das musste weg. Stattdessen: Baukosten von knapp einer Milliarde Euro mitten in der Stadt für Leute, deren größtes Bestreben ist, sich abzuschirmen. In einer Stadt, die dringend Wohnraum benötigt.

Eine Geschichte, die man mit wenigen Änderungen nach Nordkorea verpflanzen könnte, mit dem Vorteil, dass der gemeine bürgerliche Journalist sein Erregungspotenzial nach außen trüge: 14.000 identische Fenster für eine neue Stasi: Mannomann, diese Nordkoreaner!

14.000 Fenster: preußisch-stimmanscher Rationalismus at it´s best. Es erinnert an die eine Seite des im Bau befindlichen Berliner Stadtschlosses: Frank Stellas italienischer Extrem-Rationalismus kommt hier zum Vorschein wie auch die misslungenen Teile von Rossis Gallaratese.

Die Stimmansche Logik war ja schon immer die eines rechten Phantasielosen: Identische Fenster plus billige Granitplatten an den Beton kleben, mehr fiel dem Kamerad in den vergangenen Jahrzehnten nicht ein.

Man – genauer gesagt: der preußische antikulturelle Geist – ließ ihn machen. Wenn nun ein extrem großes Gebäude positioniert werden muss, zeigt sich das deutsche Wesen erneut: Wir weichen vom einmal vorgegebenen Pfad des identischen Rasters nicht ab, koste es, was es wolle. Lieber ein autistisches Gebäude errichten als Grundsätze aufgeben, die schon zum Zeitpunkt ihrer Formulierung rechter, deutscher, regressiver Scheiß waren. Der Architekt heißt Jan Kleihues. Man könnte vermuten, dass er von Beruf Sohn ist.

Allerdings ist das BND-Gebäude nicht das Meisterstück der Ideologie von Stimmann, dem Sarrazin der Architektur. Hunderte und Aberhunderte schlimmerer, aber leider gebauter Gebäude gehen auf dessen Konto (bis 3.45, danach wird es unangenehm):

Der klassische Investorenkasten  – ein eigenes Thema diesbezüglich wäre der aktuelle Hotel-Bau: möglichst billig, aber irgendwie soll es doch etwas hermachen. Es ist der derzeit meistgebaute Stil in Sachen Investorenarchitektur. Max Dudler auf dem Leipziger Platz ist im Grunde noch grotesker, weil seine Bauaufgabe nicht so umfangreich war:

leipzplatz

Solch ein Stil (eigentlich egal, welches von den drei Gebäuden nun der Dudler ist) wird in Berlin gerne als „seriös“, „unaufgeregt“, „gelassen“, „in der Berliner Tradition stehend“ und „hochwertig“ bezeichnet. Die Tiefenstrukturen solcher Fassaden ermöglichen ein „heiteres Spiel mit Licht und Schatten“. Dudler hat in den vergangenen 20 Jahren diverse solcher Kästen in Berlin untergebracht, immer an städtebaulich bedeutsamen Stellen, wie die Areale renditeträchtiger Investorenarchitektur euphemistisch genannt werden.

Wäre Berlin so groß wie Bielefeldt, die Stadt wäre in den vergangenen 20 Jahren von Stimmann und seinem Clan komplett zerstört worden.

Umgekehrt gilt: Ich kenne keine Stadt, in der die Außenwahrnehmung so extrem auseinanderklafft mit der Binnenrealität. Während Berlin von außen hip, cool, kreativ, modern, zeitgemäß ist, was auf viele seiner Bewohner und ihrer Aktivitäten (naturgemäß die von außen zugezogenen) zutrifft, ist die herrschende Politik das Gegenteil. Die wichtigsten Berliner Baumaßnahmen der Gegenwart, unter sozialdemokratischer Führung:

  • ein Schloss
  • eine Autobahn
  • eine U-Bahn unter der breitesten Straße der Stadt

Und der 14.000-Identische-Fenster-BND. Dazu die sozialdemokratische Herzensangelegenheit: Mieten erhöhen. Dazu der Pleitenflughafen und neuerdings das nächste größenwahnsinnige Projekt, die Olympia-Bewerbung. Das Kapital lässt nicht locker.

Es ist egal, in welche europäische Metropole man fährt: Ich gehe jede Wette ein, dass in keiner eine solch reaktionäre Städtebaupolitik betrieben wird.

Nikolaus Bernau, ein weiterer Architekturkritiker, fragte vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung zur Berliner Architektur der letzten 20 Jahre:

War hier nur ein riesiges Architekturbüro tätig, das mit Variationen immer den letztlich gleichen Fassadenentwurf ablieferte, streng gerastert mit hochrechteckig-stehenden, raumhohen Fenstern?

Bernau macht bürokratische Behörden mit verantwortlich, denn vor ihnen würden Architekten kuschen, um kein Sand im Getriebe der Baudurchführung zu bekommen.

Das schroffe Aufsteigen der Fensterreihen hinter dem Garten der Kanzlerin demonstriert genauso wie die vieltausendfenstrige Festung, die sich der BND nach den Plänen von Jan Kleihues an der Chausseestraße errichtet hat, ein in der Demokratie fatales Behördenselbstbewusstsein: Wir herrschen, egal wer gerade regiert. Und wir haben diese Macht, weil wir nicht erkennbar sind.

Es ist eine Männer-in-Grau-Architektur. Diese Bauten leben vom Wahn, dass alles ohne Verantwortung kontrollierbar und planbar ist.

Beim BND hat das seinen Sinn: 14.000 Fenster sind 14.000 potenzielle Spitzel, die dich beobachten.

Und alles immer mit Bezug auf Schinkel. Der musste schon vor gut hundert Jahren für die Begründung der größten Mietskasernenstadt der Welt herhalten. Selbstredend, dass Schinkel von heutigen Reaktionären in Beschlag genommen wird, so wie die NPD sich auf das Hambacher Fest beruft. Es ist geschichtswissenschaftlicher Nonsens, prüft man Schinkel in seiner Zeit und schaut sich außerdem in Planung gebliebenes an, beispielsweise sein Kaufhaus Unter den Linden. Schinkel wollte nie zurück, immer nach vorn. Wenn heute Stimmann, Jan Kleihues, Dudler und andere Kameraden der Berliner Szene sich auf Schinkel berufen, ist das Geschichtsklitterung. Das rechte Bürgertum ist, analog zum Kapitalismus, auf Klitterung angewiesen, weil solche Leute noch nie etwas Eigenständiges hervorgebracht haben. Kapitalisten leben ideengeschichtlich wie auch Tag für Tag vom Klauen; ihre Architekten machens genauso.

Es ist der Traum von der europäischen Stadt, der da weitergeträumt wird, allerdings auf Walt-Disney-Level. Wir wollen Bürgersteige und irgendwie bürgerliche Viertel mit kleinen Läden, mit menschlichem Maß, mit Stein etc. Dumm nur, dass diese Stadt nicht mehr existiert. Man kauft bei Amazon und Zalando und fordert nach jeder neuen Bestellung noch zwanghafter weiter den architektonischen Schritt zurück, ins vorvermassierte Zeitalter. Nach 45 gaben Leute wie Schwarz, Böhm, Eiermann oder Ruf den Ton an: leicht, filigran, verletzlich, schwebend, die aktuellen technischen Neuerungen nutzend. Das NS-Geprotze war verpönt, doch die Zeiten heute sind andere. Zurück zur deutschen Normalität. Architekten mit Vorhaben wie Ruf sind in Berlin des Jahren 2015 chancenlos. Stadthäuser müssen wie SUVs aussehen.

Es gibt architektonische Ausnahmen in Berlin, das kann man fairerweise dazusagen. Bernau nennt das Total-Hochhaus am Hauptbahnhof, völlig zu Recht. Dazu viele kleine Büros mit mutigen Bauherrn.

Bernau empfiehlt den Berlinern unter anderem einen Blick auf Brüssel und Amsterdam. In Amsterdam werden ganze Wohnviertel mit einer progressiven Architektur hochgezogen, an die man in der Reichshauptstadt nicht einmal denken kann.

Damit soll nichts gegen Reihung, gegen Serialität oder gegen Monotonie gesagt sein. Es geht nicht um Hundertwasser. Es gibt bekanntlich kaum Anregenderes als eine große Sichtbetonwand. Es geht, wie immer im Kreativen, ums Konzept. Im konkreten Fall ist die Serialität schon dann gescheitert, wenn sie mit polierten Granitplatten mit hohlen Fugen verbunden ist. Aus dieser Perspektive muss man den BND-Kleihues sogar ein bisschen verteidigen. Die Oberflächenstruktur ist nicht billig. Es ist die Billigkeit seines Konzepts. Vier Sichtbetonwände mit jeweils 300 Metern Länge wären interessanter geworden.

Andererseits ist alles in Ordnung: Deutschland als reaktionäres und naturgemäß sozialdarwinistisches Land leistet sich die entsprechende Architektur. Eigentlich konsequent.

(Foto: Max Dudler)

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