Neues zum rechtesten Kulturprojekt Deutschlands und der ganzen Welt

Moritz Müller-Wirth nennt den Wiederaufbau des Berliner Schlosses (demnächst ist Richtfest) in der Zeit (26. Februar, S. 41)

„das anspruchsvollste kulturpolitische Projekt der kommenden Jahre in Deutschland, viele sagen: in Europa, manche sagen: weltweit.“

Genau. Heute Deutschland und morgen die ganze Welt. Drunter läuft es hierzulande nicht. Aber bitte anspruchsvoll! Journalistisch ganz toll ausgefeilt ist dieses „viele sagen“. Ich dachte bislang, sowas Abgedroschenes wird nur noch satirisch benutzt. Und da ein neues Schloss im Jahr 2015 eine doch eher peinliche Angelegenheit ist, nennt man den Kasten offiziell „Humboldt-Forum“.

Man bekommt am Ende des Zeit-Artikels über das Humboldt-Forum die nicht unwesentliche Information:

„Es gibt bislang weder ein Konzept für das Projekt noch jemanden, der es umsetzen könnte.“

So ist es. Es wird seit Jahren geplappert: Vielleicht ein Museum aus dem Südwesten Berlins in die Schlosshülle holen, vielleicht eine Bibliothek, vielleicht den Hauptsitz des Goethe-Instituts, vielleicht ein Veranstaltungszentrum, trendy Agora genannt, vielleicht, vielleicht. Klar ist, dass diese neuen Räume niemand braucht, es geht nur um Verlegung. Und wenn man sich die finanzielle Ausstattung der Berliner Bibliotheken anschaut (Öffnungszeiten im Sommer oft nur ein paar Stunden die Woche wegen Geldmangels), wird deutlich, dass solche Projekte reine Augenwischerei sind.

Eine Absurdität findet also kaum Beachtung: Das Schloss wird schon gebaut, aber die Nutzung ist offen. Ohne ein klares Nutzungskonzept kann die Architektur, die Grundrisskonzeption, nicht adäquat geplant werden. Man stelle sich vor: Wir bauen irgendeinen Kasten auf die Wiese und entscheiden danach, ob ein Krankenhaus, ein Einkaufszentrum oder 1.000 Wohnungen reinkommen. Nicht denkbar, beim Schloss aber machen wir eine Ausnahme.

Die einzige Legitimation, die ein zu bauendes Schloss hat, ist ein Monarch. Traut sich nur niemand zu sagen. Noch.

Dazu kommt: Es gibt in Berlin das Haus der Kulturen der Welt, das die Funktion eines interkulturellen Dialogs seit den 1980er Jahren mit vielen interessanten Veranstaltungen erfüllt, zudem in anspruchsvoller, angenehmer und zeitgenössischer Architektur. Dieser Dialog wird nun in eine diktatorisch-absolutistische Form gegossen.

Eigentlich ehrlich: Man weiß, wohin die Reise gehen soll.

Das Berliner Schloss ist das politisch rechteste Architekturprojekt in Deutschland (viele sagen: in Europa, manche sagen: weltweit): Man will Eindruck schinden, indem man Wilhelm II. hervorkramt und will ausgerechnet in diesem Bau, der auch für deutschen Kolonialismus steht, ein „Völkerkundemuseum“ einrichten mit haufenweise den Völkern geklauten Exponaten. Die Deutschen weigern sich gleichzeitig, den Völkermord an den Herero anzuerkennen, weil das teuer werden könnte. Die deutsche Wirtschaft hat gleichzeitig nichts gegen den laufenden Neokolonialismus, indem subventionierte EU-Lebensmittel afrikanische Märkte überschwemmen und die lokale Produktion vernichten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ganz vorne dabei beim Schloss-Hype: Außenminister und Folterexperte Steinmeier.

Diese Idee ist auch Ausdruck der derzeitigen Verfasstheit dieser Gesellschaft: juristisch nicht greifbare Korruption. Konkrete Gebäudeplanung, ohne die Nutzung zu kennen, auf kolonialer Basis.

Möglich, dass hier ein zweites BER entsteht. Die Voraussetzungen dafür sind teilweise erfüllt: eine korrupte politische Klasse samt eines Journalisten, der sich zu ihrem Büttel macht.

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4 Antworten zu Neues zum rechtesten Kulturprojekt Deutschlands und der ganzen Welt

  1. Meine Güte, ein Schloss ist vor allem ein national-, kultur- und architekturhistorischer Fixpunkt der Hauptstadt, wie ihn so ziemlich alle europäischen Hauptstädte haben und der weit mehr als nur mit Wilhelm II., dem letzten Monarchen und Abwickler der preußisch-deutschen Monarchie zu tun hat.

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  2. genova68 schreibt:

    ein Schloss ist vor allem ein national-, kultur- und architekturhistorischer Fixpunkt der Hauptstadt,

    Eines, das 2015 neu gebaut wird, auch? Ein „Fixpunkt“?

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  3. In seiner Verbindung aus Alt und Neu durchaus. Wobei mir das ethnographische Museumsgerümpel auch nicht so zusagt, das da rein soll. Ein nationales Kulturzentrum mit Digital, Bibliothek, Veranstaltungssäälen, vielleicht noch bißchen Geschichte und Kunst würde ich besser finden.

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  4. Garfield schreibt:

    Eines, das 2015 neu gebaut wird, auch? Ein “Fixpunkt”?

    Berlin ist doch relativ liberal – gibt’s da nicht schon genug „Fixpunkte“…?

    (die dieses Schloß vermutlich auch in Sachen [Sub]kulturelle Erweiterung um Längen schlagen)

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