Amerikanische Geduld und europäische Diplomatie

„Bislang haben die Amerikaner keine Waffen an die Ukraine geliefert. Wie viel Geduld werden sie mit der europäischen Diplomatie noch haben?“

Fragt die Zeit-Journalistin Kerstin Kohlenberg einen amerikanischen Politikprofessor in der Ausgabe 9 vom 25. Februar. Eine merkwürdige Perspektive. Die Amis haben Geduld oder auch nicht; klingt nach Eltern, die ein störrisches Kind erziehen müssen. Die Amis wissen genau Bescheid, die verhaltensgestörten Europäer sind Gutmenschen, die an die Hand genommen werden müssen. Das ganze Interview ist durchzogen von diesem Geist. Es geht nicht um Analyse von Interessen, nicht um Politik, sondern um boulevardähnliche Berichterstattung. Der Professor redet in dem Interview auch davon, dass „Europa“ „mehr Verantwortung“ übernehmen müsse. Vermutlich ist er auch der Ansicht, dass „Amerika“ 2003 im Irak Verantwortung übernommen hat. Solche Begriffe dienen der Verschleierung, sonst nichts.

Frau Kohlenberg ist eine Erfolgsjournalistin, wie man sagt. Sie ist Trägerin des Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wirtschaftspublizistik. In dessen Jury sitzen solch prägnante Persönlichkeiten wie Stefan Baron, Heike Göbel, Gabor Steingart, Bernd Ziesemer und Sebastian Turner. Jeder Name ist Programm.

Man könnte ganz sachlich und ohne Häme sagen: Wer diesen Preis bekommt, hat sich um die Förderung von Kapitalinteressen auf Boulevardniveau und also um die Verdummung der Leser verdient gemacht. Die fünf genannten Jury-Leute gelten als kompetent und gleichzeitig ließe sich über alle fünf aus dem Stehgreif von ihrer Leserverdummung berichten. Alle auf Bild-Niveau.

Vielleicht macht sie das so erfolgreich: Wer es schafft, den Lesern „Wirtschaft“ auf Mensch-ärgere-dich-nicht-Level zu verklären, steigert die Auflage. Auch deshalb ist Harald Schumann vom Tagesspiegel zu empfehlen: Er schreibt nachvollziehbar, ohne über Gebühr zu vereinfachen.

Hat der diesen Preis auch schon bekommen?

Die Zeit ist immer wieder lustig: Ein neoliberales Kampfblatt mit dennoch pro Ausgabe zwei bis fünf interessanten Artikeln, für die sich der Kauf lohnt, dazu haufenweise Beruhigungspillen fürs liberale, grüne Akademikertum und ein Chefredakteur mit gut sitzenden Hemden und einem großen Pimmel.

Ein Erfolgsrezept.

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10 Antworten zu Amerikanische Geduld und europäische Diplomatie

  1. hANNES wURST schreibt:

    Schande über Dich, dass Du Bernd Ziesemer – Wirtschaftsredakteur erster Güte – und den vollkommen irren PR Fuzzi Stefan Baron in einen Topf wirfst. Überhaupt scheinst Du nach ungefähr der Hälfte des Artikels das Thema vergessen und einfach ein bisschen ausgeworfen zu haben.

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  2. genova68 schreibt:

    „Überhaupt scheinst Du nach ungefähr der Hälfte des Artikels das Thema vergessen und einfach ein bisschen ausgeworfen zu haben.“

    Das ist seit Jahren mein Erfolgsrezept. Fachleute nennen das Verfahren Abstraktion.

    Aber stimmt, Ziesemer kenne ich gar nicht, das war vorschnell. Ich habe ihn nur einmal im TV gesehen und fand ihn neureich, ungebildet, ein Ekelpaket. Ich lese gerade bei wikipedia, dass er früher in der DKP war, ein Maoist. Dann kam die Wende.

    Ziesemer ziehe ich aus der Reihe zurück. Es geht doch nichts über kritische und aufmerksame Leser.

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  3. Irrelevant schreibt:

    „Der Professor redet in dem Interview auch davon, dass “Europa” “mehr Verantwortung” übernehmen müsse. “
    ———–
    Der Professor hat leider Recht. Ich weiß schon diese Einsicht ist sehr schmerzvoll – gerade weil es von einem Ami kommt. Aber seien wir mal ganz ehrlich, Europa hat sich im Jugoslawien-krieg nicht mit Ruhm bekleckert. 100.000 Tote in Bosnien, Holländische Blauhelmsoldaten schauen seelenruhig während dem Massaker von Srebrenica zu. Und europäische Länder weigern sich jahrelang gegenüber Serbien harte Wirtschaftssanktionen zu verhängen,
    Nota Bene: Verantwortung übernehmen beginnt für mich NICHT erst mit der Entsendung von Waffen oder gar einem Militäreinsatz, sondern viel früher. Und gerade hier die die Europäer für ihr Schneckentempo und fehlendem Weitblick bekannt. Auch und gerade während der Euro-Krise. Sonst wären jetzt nicht so viele extremistische Parteien auf dem Vormarsch.

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  4. genova68 schreibt:

    Verantwortung ist im politischen ein sinnloser Begriff, weil er verharmlost. Es geht ja gerade nicht um Verantworung, sondern um Verantwortungslosigkeit. Haben deiner Meinung nach die Amis im Irak Verantwortung übernommen? Oder die vielen europäischen Lander, die mitmachten? Wie sieht es aus mit der Verantwortung für diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg mit hundertausenden Toten? Ginge es um Verantwortung, müsste der Professor fragen, warum Bush, Rumsfeld und viele andere noch nicht in Den Haag vor Gericht stehen. Was ist mit so ziemlich jedem mittel- und südamerikanischen Staat, in dem sie sich offen oder verdeckt in den vergangenen 50 Jahren militärisch eingemischt haben? Krasse Beispiele sind Chile und Nicaragua. Oder ist es Verantwortung, wenn weniger entwickelte Länder via IWF geknebelt werden? Das wären Fragen, zu denen ein ernstzunehmender Politikwissenschaftler Stellung nehmen müsste. Wenn man schon von Verantwortung redet, muss der Begriff gefüllt werden. Stattdessen wird suggeriert, den Amis gehe es um Frieden und Menschenrechte. Es ist dummes Zeug. Und es gilt genauso für Deutschland.

    Die holländischen Blauhelmsoldaten und ihre Verantwortung könnte man gesondert betrachten. Aber bitte nicht mit den im Interview diskutierten Fällen vermischen.

    Und Ukraine: Da jetzt amerikanischje Waffen hinzuschicken, würde vermutlich den Krieg intensivieren. Waffen aus einem Land, dem Menschenrechte völlig egal sind. Tolle Verantwortung. Woher nehmen die Amis ihr Selbstverständnis, für den Donbass verantwortlich zu sein? Sind die auch für den saudischen Blogger verantwortlich? Dann bitte schnell in Saudi-Arabien einmarschieren.

    Weder die amerikanische noch die russische noch die deutsche herrschende Klasse hat irgendwas mit Menschenrechten am Hut. Wie kann man nur auf eine solch absurde Idee kommen.

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  5. hANNES wURST schreibt:

    Ich halte „Verantwortung übernehmen“ im Russland/Ukraine Kontext auch für einen blanken Euphemismus für „militärisch eingreifen“ oder auch „die NATO Interessen uneingeschränkt vertreten“.

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  6. besucher schreibt:

    Und Ukraine: Da jetzt amerikanischje Waffen hinzuschicken, würde vermutlich den Krieg intensivieren. Waffen aus einem Land, dem Menschenrechte völlig egal sind. Tolle Verantwortung. Woher nehmen die Amis ihr Selbstverständnis, für den Donbass verantwortlich zu sein? Sind die auch für den saudischen Blogger verantwortlich? Dann bitte schnell in Saudi-Arabien einmarschieren.

    Also ich hätt nichts dagegen in Saudi-Arabien einzumarschieren, man hätte statt des Irak lieber diese Truppe vornehmen müssen.
    Das Waffen in der Ukraine zu einer Kriegsintensivierung führen halte ich für einen Denkfehler. Es geht meines Erachtens darum den Preis für Putins Seps hochzutreiben, da helfen neue Waffen schon mal viel. So wie Putin im Inland alles auf eine Karte setzt (siehe Nemzov) wird er auch in der Ukraine weiter zündeln.
    Ich biete eine Wette an: Was glaubt ihr denn warum im Donbass gerade nichts passiert? Dort tauen die Böden langsam auf und es wird morastig. Sobald es im Mai wieder trockener wird geht der Raid wieder los. Dann ist Mariupol fällig, Sloviansk und Kramatorsk und dann geht es in Richtung Charkov. Und im September kommt Minsk III :)

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  7. genova68 schreibt:

    Widersprichst du dir nicht selbst, Besucher? Wenn Putin deiner Meinung nach alles auf eine Karte setzt und in der Ukraine weiter zündeln wird, dann tut er das auch mit US-Waffen auf der Gegenseite. Ergo: Der Krieg wird intensiviert.

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  8. besucher schreibt:

    Nein, tu ich nicht. Es kommt darauf an wie erfolgreich die Seps agieren werden. Wenn sie sich aufgrund größeren Widerstands aufreiben und zurückziehen müssen dann kommt Putin innenpolitisch unter Druck und die Chance dass sich vernünftigere Leute aus dem Kreml an die Spitze des Staates stellen steigt.

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  9. Klaus Jarchow schreibt:

    Das ist m. E. nicht richtig gesehen. Natürlich gehört es seit den Pilgrim Fathers zum amerikanischen Selbstverständnis, dass sie die ‚chosen nation‘ seien, die im ‚house on the hill‘ lebt als Leuchtfeuer der Welt. Insofern muss jeder Politiker dort diesem Affen Zucker geben, sonst wird er nicht gewählt.

    Faktisch aber betreibt Obama eine Politik der ’splendid isolation‘. Nach Bush’s Abenteuern versucht er, sich möglichst aus allem Weltgeschehen herauszuhalten, wo’s nur geht. Siehe z.B. Syrien. Die Waffen-für-die-Ukraine-Rhetorik kommt derzeit auch eher aus der Ecke der republikanischen Bullies, obwohl es da einen Wettstreit der Worte zwischen Reps und Liberals gibt, nach dem Motto: Wer ist der härteste Hund?

    In Wirklichkeit aber lässt Obama der europäischen Frieden-schaffen-ohne-Waffen-Politik überaus gern den Vortritt. Erst, wenn Minsk II zu offensichtlich scheitern würde, könnte es anders kommen. Vermutlich aber auch dann erst später, dann, wenn sich der amerikanische Wähler für einen der Jungs von der Tea Party entscheiden sollte. Dann allerdings lebten wir wieder in Bush’s Zeiten …

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  10. hANNES wURST schreibt:

    Sehe ich im Prinzip genau so. Allerdings verhärtet sich die Rhetorik aus Washington kontinuierlich, was als Zeichen dafür gewertet werden kann, dass eine stärkere militärische Unterstützung der Ukraine durch die NATO näher rückt. Das ist selbst dann, wenn man davon ausgeht, dass die NATO eine gespaltene Ukraine akzeptieren könnte, verständlich – wenn die Berichte über die massive Unterstützung der Separatisten durch Russland stimmen. Allerdings muss auch in Betracht gezogen werden, dass die Wirtschaftssanktionen gegen Russland schon jetzt ein schweres Geschütz ersetzen.

    Ob die Tea-Party in dieser Situation anders handeln würde, ist schwer zu beurteilen. Es gibt in diesem Konflikt nicht viel zu gewinnen und viel mehr zu verlieren, das ist auch den Hardlinern klar. Aus der Opposition heraus wird das Thema natürlich genutzt.

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