Was noch? III

1. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gibt zu, dass Deutschland mehr für seine Wettbewerbsfähigkeit tun müsse – „und zwar bald und konkret. Da ist die Kritik an uns durchaus berechtigt.“

Sagt der Finanzminister des Landes, das gerade wieder einen Außenhandelsüberschuss von 200 Milliarden Euro erzielt hat und damit den Krieg auf ökonomischer Ebene munter weiterführt. Den Krieg bezahlen tun in der Tat auch Deutsche, nur nicht die aus der Schäuble-Liga. Der Skandal ist nicht, dass das neoliberale Kampfblatt Welt diesen Wahnsinn verbreitet, die können nicht anders. Der Skandal ist, dass Schäuble nach so einer Äußerung nicht zurücktreten muss.

Auf der Homepage des Bundesfinanzministers prangte kürzlich sein Portrait, daneben das Zitat:

„Wer den Wohlstand und den Sozialstaat in Europa schützen will, der muss permanent an der eigenen Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.“

Es zeigt den desolaten Zustand der deutschen Medien, dass dieser Experte für schwarze Koffer seit gefühlten Jahrzehnten als Experte für Finanzen gelobt wird. Schäuble ist Experte für die Bedienung von Kapitalinteressen, gerne via Fremdenfeindlichkeit, sonst nichts. Als Protestant ist ihm die Entsagungslogik vertraut: Wir müssen den Gürtel enger schnallen in Verbindung mit der german angst: perfekt.

Wer von Pegida redet, sollte von Schäuble nicht schweigen. Das europäische Problem heißt nach wie vor Deutschland.

2. Dazu passt eine Rezension der Ausstellung „Grün kaputt“ von 1982 in München, die sich kritisch mit der Umweltzerstörung durch Versiegelung und Flurbereinigung befasste. Seinerzeit schrieb der Architekturkritiker Gottfried Knapp für die Süddeutsche Zeitung:

„Es geht um die Verstümmelung der Natur, um einen spezifisch deutschen Reinlichkeits-, Erneuerungs- und Sicherheitswahn; um die Sucht, allem Gewachsenem militärischen Drill beizubringen, alles Gewordene durch Gemachtes zu disziplinieren, um die panische Angst vor allem Sprießenden, frei sich entfaltenden, das noch keine Zeichen menschlicher Einflussnahme, menschlichen Besserwissens und menschlichen Ordnungswillens zeigt.“

Dieser spezifisch deutsche Wahn ist nicht zu trennen von der spezifisch deutschen Aggressivität allem Fremden gegenüber, wie das schon in den rot-grünen Reformen zum Ausdruck kam und jüngst wieder in Pegida und dem Zitat da oben. Vielleicht geht das nicht anders, wenn man stolz darauf sein muss, immer mehr Mercedesse und Audis und BMWs in die ganze Welt zu liefern.

3. Spiegel-Online und andere schreiben gerade Olaf Scholz zum nächsten SPD-Kanzlerkandidaten hoch. Klar, der wird Schäuble in seinem Wahn sicher unterstützen.

Eine ganz konkrete Folge des Schäubleschen Wahns findet sich beispielsweise bei den Erzieherinnen. Der Focus schreibt:

Netto hatten Erzieherinnen (in Vollzeit) nach Zahlen des Mikrozensus 2008 im Schnitt 1365 Euro zur Verfügung.

Bildung ist laut Schäuble wichtig. Aber der Kampf gegen den äußeren Feind geht nun mal vor.

Passend zu alledem auch ein Artikel auf den nachdenkseiten über die deutsche Politik und Griechenland: Sprechen wir doch mal über Deutschland!

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9 Antworten zu Was noch? III

  1. besucher schreibt:

    “Es geht um die Verstümmelung der Natur, um einen spezifisch deutschen Reinlichkeits-, Erneuerungs- und Sicherheitswahn; um die Sucht, allem Gewachsenem militärischen Drill beizubringen, alles Gewordene durch Gemachtes zu disziplinieren, um die panische Angst vor allem Sprießenden, frei sich entfaltenden, das noch keine Zeichen menschlicher Einflussnahme, menschlichen Besserwissens und menschlichen Ordnungswillens zeigt.”

    Daran hat sich bis heute nichts geändert wenn man durch die Vorstadthöllen der Republik fährt.

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  2. Holden schreibt:

    Lustig, den Artikel von Matthew Rose, den du verlinkst, habe ich vor fünf Minuten gelesen. Auf WDR 5 gab es gestern Morgen einen Kommentar zu Griechenland, in dem die Kassiererin im Supermarkt mit Schäuble in einem Satz genannt wurde, die sicher kein Verständnis dafür habe, wie die Griechen unsere Milliarden verpulvern. Toll dass der Schäuble sich das von den Griechen nicht bieten lässt und sich für den kleinen Mann und die kleine Frau in Deutschland einsetzt. Kurz darauf las ich auf Seite 1 der SZ, dass in Deutschland die Zahl der Menschen, die in Armut leben, Rekordniveau erreicht hat und die Schere zwischen Arm und Reich mal wieder weiter auseinander gegangen ist. Und der WDR-Mann nimmt die Kassiererin her, um zu argumentieren, dass die Griechen weiter Staub schlucken sollen. In der SZ wird übrigens im gleichen Tenor berichtet. Nur bei den Leserbriefen finden sich Gegenmeinungen, deutlich in der Überzahl sogar.

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  3. genova68 schreibt:

    (Ich habe gerade „Hoden“ gelesen.)

    Du bringst ein schönes Beispiel für rechte Logik: die nationale Karte. Wird in Sachen Griechenland ständig bedient. Die deutsche Supermarktfrau ist ja auch Steuerzahlerin und somit in einem Boot mit Herrn Plattner. Es ist die Söder-Bild-AfD-Pegida-Logik, die in einem kapitalistischen System immer auf fruchtbaren Boden fällt. Bezeichnend aber, dass die angeblich so liberale SZ da mitmacht. Meine Rede seit Dekaden.

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  4. genova68 schreibt:

    Aus dem Teaser des Welt-Artikels:

    Dank der Euro-Schwäche lernen Deutsche, wie angenehm ein Leben ohne Anstrengung sein kann.

    Dorothea Siems heißt die Autorin. Ulf Poschardt ist da mittlerweile stellvertretender Chefredakteur, lese ich gerade.

    Der Artikel ist durch die Bank dummes Zeug, es ist das übliche Niveau neoliberaler Hetzer.

    Einer der besten Sätze ist der hier:

    Wenn die Personalkosten steigen, bleibt den Unternehmen weniger Geld für Investitionen.

    So steht es vermutlich in den Lehrbüchern. Real investieren die Unternehmen in Deutschland wenig, weil sie schlicht keinen Bedarf haben. Sinken die Personalkosten, wird nicht mehr investiert, sondern eher weniger, weil die Nachfrage sinkt. Genau das ist in der Folge der Agenda 2010 passiert.

    Die FAZ schreibt den gleichen Blödsinn, es ist absurd:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/fehlende-investitionen-privater-firmen-wo-bleibt-der-mut-13342876.html

    Das ist definitiv kein Wirtschaftsfachblatt. Es ist eine Interessensvertretung. Es ist übrigens auch Teil der kapitalistischen Ideologie, dass CDU und FDP gemeinhin als wirtschaftskompetent gelten. Eine durchgeknallte Mainstreammeinung, die sich hartnäckig hält.

    Man muss sich die Argumentation der FAZ auf der Zunge zergehen lassen:

    Die Deutschen sind in Kauflaune, aber die Firmen investieren nicht. Grund: keine Ideen und kein Mut.

    Die Realität liefert der Artikel in den Grafiken mit, der Widerspruch fällt aber nicht auf: Das Wirtschaftswachstum liegt dieses und vergangenes Jahr bei rund 1,2 Prozent. Der Binnenmarkt ist seit 20 Jahren schwach, nix Kauflaune, der Staat investiert zuwenig. Nicht zuletzt wegen der Steuersenkungen fürs Kapital, die die FAZ förderte.

    Was ist überhaupt Kauflaune? Laune hat man, auch wenn der Geldbeutel leer ist. Wirtschaftsredakteure argumentieren mit Launen. Vielleicht ist eher die Argumentation einer Laune geschuldet.

    Wieso sollen also Firmen investieren? Die Fachleute von der FAZ vertuschen und sprechen stattdessen von fehlendem Mut. Warum lassen die nicht gleich eine Wahrsagerin den Artikel schreiben? Die würde vermutlich sinnvolleres hinkriegen.

    Fazit: Die Löhne und damit die Kaufkraft sollen sinken, ist ja egal, weil die Kauflaune da ist, und dann fassen die Firmen wieder Mut und investieren.

    Herr, lass Hirn regnen.

    Einziger Ausweg, auch wenn er nicht expliziert wird: Der Export muss weiter steigen. Blöd nur: Laut dem Artikel haben die Südländer ihre Wettbewerbsfähigkeit in den letzten Jahren massiv verbessert.

    Die FAZ checkt übrigens, im Gegensatz zur Welt, dass die Investitionen nicht automatisch steigen, wenn die Personalkosten sinken, ganz unabhängig von Mut. Firmen beschließen ihre Investitionen unabhängig von den Personalkosten, gerade in Zeiten niedriger Zinsen. Sie investieren, wenn sie dafür Gewinn erwarten können. Dafür braucht es aber Kaufkraft, keine Kauflaune.

    ——————————–

    Siems und Konsorten können nicht so dumm sein. Die sind die Lobby des Kapitals, deshalb schreiben sie den immergleichen Blödsinn. Es erinnert an die Durchhalteparolen von Anfang 45.

    Springer-Chef Döpfner und Friede Springer sind gern gesehene Gäste bei Merkel.

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  5. „Als Protestant ist ihm die Entsagungslogik vertraut: Wir müssen den Gürtel enger schnallen […].” Die Logik dahinter: Kein Opfer ist zu groß, wenn andere es bringen.

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  6. genova68 schreibt:

    That´s it, Herr von Sprachwitz.

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  7. besucher schreibt:

    Sehr guter Artikel was hinter den Kulissen zum Thema Griechenland abgeht:
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-02/troika-macht-ohne-kontrolle

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  8. genova68 schreibt:

    Ein ganz hervorragender Artikel in der Zeit, besucher, danke. Bezeichnenderweise von meinem Lieblingsjournalisten Harald Schumann. Kurzfassung: Die Troika hat Irland, Griechenland und Portugal bewusst ins Messer laufen lassen, nur um Banken, vor allem französischen und deutschen, ihre Gelder zu sichern, zum größten Teil mit Steuergeldern. Die Taktik: Sie gaben Griechenland immer weiter Kredite, von Staats wegen garantiert, die aber direkt für die Tilgung verwendet wurden. Dadurch konnten sie bestimmen, welche Politik in den Staaten gemacht wurde. Die Lasten dieser erzwungenen Politik tragen die Mitte und die Arbeitslosen, die Reichen wurden in allen Ländern bewusst geschont.

    Wenn die Medien hierzulande funktionieren würden, wären Merkel, Steinmeier und Co. schon längst nicht mehr im Amt, sondern stünden vor einem Gericht.

    Schumann hat zum Thema gerade einen Film gedreht: Die Macht der Troika

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