Was ich von Dirigenten halte

Kürzlich war ich an einem Konzert, wie man in der Schweiz sagt, im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt, Dmitrij Kitajenko dirigierte Schostakowitsch, Ljadow und ähnlich regressives Zeug. Und ich beobachtete zwei Stunden lang den Dirigenten. Er strahlte und kokettierte mit dem Publikum und war der Star des Abends.

Ich dachte mir:

Was innerästhetisch das Musizieren der Orchester unter ihren Führern entstellt, sind Symptome eines gesellschaftlichen Falschen. Kaum wird unter Musikern bestritten, dass die öffentliche Geltung des Dirigenten weit die Leistung der meisten für die Wiedergabe von Musik übersteigt. Der Dirigent verdankt seinen Ruhm nicht, sicherlich nicht nur, der Fähigkeit zur Darstellung der Partituren. Er ist eine imago, die von Macht, die er sichtbar als herausgehobene Figur und durch schlagende Gestik verkörpert. In der Identifikation mit ihm toben Machtphantasien sich aus, ungestraft, weil sie nicht als solche dingfest zu machen sind.

Wenn der Dirigent als Bändiger des Orchesters agiert, meint er das publikum, nach einem Verschiebungsmechanismus, der auch der politischen Demagogie nicht fremd ist. Stellvertretend befriedigt er das sadomasochistische Bedürfnis, wenn und solange keine anderern Führer zum Bejubeln verfügbar sind.

Er symbolisiert Herrschaft auch durch seine Tracht, freilich auch die der Oberkellner, schmeichelhaft für die Zuhörer: solch ein Herr und unser Diener, mag ihr Unbewusstes registrieren.

Zum Dirigenten steht das Orchester ambivalent. Während es, bereit zur glanzvollen Leistung, begehrt, von ihm an die Kandare genommen zu werden, ist er zugleich verdächtig als Parasit, der nicht selbst zu geigen oder zu blasen hat und sich aufspielt auf Kosten derer, die spielen. Die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht wiederholt sich en miniature.

Soweit also meine Gedanken während des Konzerts. Wieder zuhause dachte ich mir: Mal gucken, was Adorno zu dem Thema geschrieben hat. Und siehe da: Er hatte das alles schon ausformuliert, gut 50 Jahre vor mir, und in der „Einleitung in die Musiksoziologie“, S. 128 ff. aufgeschrieben. Er hatte wortwörtlich meine Gedanken vorweggenommen. Ein schlaues Kerlchen.

Da hätte ich mir die Denkerei sparen können.

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt wurde noch zu DDR-Zeiten innen renoviert; eine sehr merkwürdige opulente Atmosphäre. So stellte sich also ein angeblich sozialistischer Staat seine anknüpfbare Vergangenheit vor. Hat was von Ducken, Kuschen, vom Dirigentendasein. Das Haus passt ganz gut zum Programm.

So wie auf dem Bild unten (das nichts mit meinem Konzertbesuch zu tun hat) sieht der systemkonforme Dirigent aus, der als Führer massenkompatibel ist und weswegen die Leute überhaupt in und an solche Konzerte gehen, denke ich. Ein energetischer Mann voller Tatkraft, der nur mit den Armen herrisch zu rudern braucht und schon machen alle, was er sagt, auch wenn sie ihn unterschwellig hassen. Dass so ein stählerner Strahlemann sogar Beethoven instrumentalisiert, ist übel, aber was soll man unterm Kapital anderes erwarten.

Über den Typus des Flugzeugpiloten oder des Traumschiffkapitäns ließe sich ähnliches sagen. So gesehen hat Sascha Hehn eine grandiose Karriere hingelegt: Vom Pornodarsteller zum Traumschiffchef mit schicker Uniform und Mütze.

Mal gucken, ob Adorno auch dazu etwas meinte.

120 (2)(Foto: genova 2015)

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