Bekanntes zur deutschen Dummheit

Ulrike Herrmann bringt es in der taz mal wieder auf den Punkt. Es geht um Grexit:

Übrigens dürfen sich die Deutschen nicht beschweren. Wenn sie jährlich Exportüberschüsse von 200 Milliarden Euro einfahren wollen, dann muss es Länder geben, die Defizite akzeptieren und sich verschulden. Irgendwann ist dieser Kreditberg zu hoch – und das deutsche Geld verschwunden. Dies ist nicht nur in Griechenland passiert. Zwischen 2006 und 2012 haben deutsche Anleger rund 600 Milliarden Euro im Ausland verloren, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnet hat. Diese Verluste wollen sich viele nicht eingestehen – und führen lieber eine „Grexit“-Debatte.

Meines Erachtens ist das immer noch Teil des deutschen Sonderwegs seit 1800. Die Angst vorm Fremden, vorm Versagen, die daraus resultierende regressive Lust auf Krieg und Lebensraum im Osten und nun der Exportwahn: All das ist nicht getrennt zu beobachten. Sachsen fungiert derzeit als der Kern deutscher Idiotie.

Daraus folgt Frust und weitere Aggression, weil die Südländer uns das Geld weggenommen haben. Wären die Südländer uns ökonomisch überlegen, würden wir noch mehr Angst kriegen.

Es läuft ähnlich wie beim Antisemitismus: Sind die Juden nicht assimiliert, werden sie wegen ihres Fremdseins gehasst. Sind sie assimiliert, werden sie wegen ihres Erfolgs gehasst. Sind sie assimiliert und erfolglos, werden sie gehasst, weil sie uns auf der Tasche liegen. Es würde bei den Moslems genauso laufen.

Es ist Antisemiten egal, was Juden machen und der deutschen Logik ist es egal, was Fremde machen, denn die sind sowieso eine Gefahr.

Das hier ist auch bezeichnend und ein Grund der deutschen Angst, die sich im Osten wegen der SED-Barbarei noch deutlicher zeigt:

Der Biopsychologieprofessor Peter Walschburger über Rituale:

Ich würde den Leuten gerne sagen: „Versucht zu verhindern, dass jeder nur noch seinen eigenen Weg geht. Probiert es, mindestens einmal am Tag gemeinsam am Tisch zu sitzen und zu essen.“ Wir dürfen uns hier ein Beispiel an anderen Völkern, etwa den Franzosen, nehmen. Bei denen stehen die gemeinsamen Mahlzeiten viel höher im Ansehen als bei uns. Die können es gar nicht verstehen, dass wir Deutschen uns mittags zwischen zwei Bürotüren schnell ein kaltes Brötchen reinzwingen.

Das Mittagessen ausfallen lassen – sowas fällt nur Deutschen ein. Man kann dadurch Zeit sparen, ganz wichtig. Und als neuer alter Machtfaktor drücken wir nun diese Verhaltensweise anderen rein. Wer noch zu Mittag ist, dem geht es zu gut und der lebt vermutlich auf unsere Kosten. Und dann sind wir kein Exportweltmeister mehr. Mahlzeit.

174(Foto: genova 2014)

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10 Antworten zu Bekanntes zur deutschen Dummheit

  1. Peleo schreibt:

    Gemach, gemach. So viel klüger scheinen die anderen auch nicht zu sein.

    Auch in Frankreich hat Fastfood Konjunktur, zum Kummer der Traditionalisten. Und die Briten? Die Teepause ist seit Thatcher Geschichte, die Mittagspause ist dabei: „… the majority of workers manage to squeeze in a lunch break of only 33 minutes“, und „one in six keeps busy while eating lunch – but one in 14 doesn’t stop at all“. (Daily Mail Reporter)

    Angeblich sehen viele Franzosen Deutschland als Vorbild. Wenn die Umfragen nicht manipuliert sind, wollen viele Franzosen eine Regierung à la Merkel.

    „Leben um zu arbeiten“ anstelle von „arbeiten um zu leben“, hier wie dort.

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  2. besucher schreibt:

    @Peleo

    Du meinst Tricatel („Brust oder Keule“) ist jetzt zum Sympathieträger der Franzosen aufgestiegen? Also das würde ich nicht unterschreiben.

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  3. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Der deutsche Sonderweg

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  4. genova68 schreibt:

    Teepause von Thatcher beendet, passt in meine Deutung.

    Das Absurde nach wie vor: Je länger die Mittags- und Teepause, desto besser ist es für die ökonomische Bilanz des Kapitalismus. Linke müssten für ihre systemstabilisierende Arbeit Geld bekommen.

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  5. Irrelevant schreibt:

    „Daraus folgt Frust und weitere Aggression, weil die Südländer uns das Geld weggenommen haben. Wären die Südländer uns ökonomisch überlegen, würden wir noch mehr Angst kriegen.“

    Kluge Gedanken. Auch zum Antisemitismus/Ausländer/Moslems.

    BTW,: Exportweltmeister zu sein wäre nicht tragisch, sofern wir gleichzeitig auch Importweltmeister wären. Dauerhafte Exportüberschüsse als Ziel ist hingegen dumm oder fast schon pathologisch.

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  6. HF schreibt:

    Und das wird noch dramatischer, wenn der wirtschaftliche Aspekt über Europa hhinaus in den asiatischen/afrikanischen Raum ausgedehnt wird.

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  7. Dirk schreibt:

    „…Das hier ist auch bezeichnend und ein Grund der deutschen Angst, die sich im Osten wegen der SED-Barbarei noch deutlicher zeigt:…“

    Könnte es unter Umständen auch etwas damit zu tun haben?
    https://www.jungewelt.de/2015/01-15/065.php

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  8. genova68 schreibt:

    Dirk,
    ja, ein krasser Fall. Es gehen im Osten in Teilen wohl Sachen ab, die man anderswo nicht für möglich hält. Auch was die Stimmung angeht. Aber das ist im Westen nicht grundsätzlich anders, denke ich, es gibt da nur mehr Andere.

    Das ist meines Erachtens auch ein Teil des Übels mit Pegida: Es wird über das Thema fast nur falsch berichtet, also in Richtung „die sind auf Hartz IV“ und „besorgte Bürger“ und ähnlicher Quatsch. Pegida sind regressive, kultur- und traditionslose Menschen, die Helene Fischer hören und ökonomisch der Mittelschicht zuzuordnen sind, die nach 60 Jahren Diktatur merken, dass die Diktatur gar nicht so schlecht war. Die konnten in der DDR mehr sagen als jetzt, weil die damals sagen konnten, dass die Neger dumm sind. Und viel mehr wollen die gar nicht sagen. Die wollen einen Führer, der ihnen alles abnimmt.

    Auf der Ebene könnte man sich dem Phänomen nähern. Stattdessen: CSU und Gauland, die schlimmsten Zündler.

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  9. KL schreibt:

    Die „SED-Barbarei“ scheint eine festsitzende Marotte zu sein. Früher hätte man Vorurteil gesagt. Ich bedauere das an diesem Ort etwas, denn sonst lese ich exportabel gern.

    Merke: nicht jeder verklemmte Hausmeister ist gleich ein „Barbar“.
    (Im Schillerschen Sinne schon, aber das war ja hier nicht gemeint.)

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  10. genova68 schreibt:

    Na, ein verklemmter Hausmeister wäre mir lieber als die SED. Ich glaube, da stimmen die Relationen nicht so ganz.

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