RT deutsch, Friedenswinter und Pegida

Ein kleines Lehrstück, wie Journalismus unterm Putin funktioniert:

RT Deutsch wollte am 2. Dezember über Pegida berichten. Einen Tag zuvor hatten rund 1.000 Gegendemonstranten den Pegida-Demonstrationsmarsch blockiert. Die RT-Berichterstattung lief so ab: Über die Pegida wurde nicht berichtet, man enthielt sich auch komplett einer Wertung, was auf Wohlwollen hinausläuft. Die Moderatorin Jasmin Kosubek, der jegliches Gefühl für die deutsche Sprache abgeht, sagte: „Die Antifa stellte sich den Patrioten gegenüber und stoppte den Zug.“ Und dann kommt ohne jede Vermittlung ihre Frage: „Wie antifaschistisch ist die Antifa?“ Damit gibt sie ab an die RT-Reporterin Lea Frings, die nun ein Interview zum Thema „Gegendemonstranten“ führen darf. Ihr Interviewpartner heißt Thomas Immanuel Steinberg, ein Ex-Blogger, auf dessen Blog mir als erstes die Überschrift „Israel-Lobby liebt Faschisten“ auffällt.

Frings will das Interview offenbar in eine pegida-kritische Richtung entwickeln. Doch das Gespräch wird zum Desaster für unsere Nachwuchsjournalistin. Kein kritisches Wort zur Pegida, von Steinberg kommen folgende Informationen: Die Gegendemonstranten sind keine Antifaschisten, sondern „rechts“, und nur „scheinbar“ gegen Antisemitismus, dafür aber amerika- und israelhörig. Die Gegendemonstranten sind laut Steinberg auch gegen den Islam.

Ab 19:30 zur Pegida:

Wir wissen jetzt also: Pegida ist in Ordnung, bösartig sind die Gegendemonstranten, amerika- und israelhörig, judenfreundlich, „rechts“ und deshalb eine Gefahr für uns alle. Die Pegida-Demo aufrechter Bürger wurde gestört durch rechte Juden und Judenfreunde und somit Weltzerstörer.

Abschließender Kommentar von Kosubek:

„Über antifaschistische Standards gibt es noch einigen Klärungsbedarf.“

Wohlgemerkt, das ist das Fazit der Berichterstattung über Pegida.

Das Interview ist schönes Anschauungsmaterial für jede Journalistenschule. Oder besser: Für jede 7. Klasse, wo den Schülern zum ersten Mal Medienkompetenz vermittelt wird. Merke: Journalisten sollten wenigstens so ungefähr wissen, worüber sie berichten. Und: Man kann dem Interviewten auch zu verstehen geben, dass er objektiv dummes Zeug erzählt.

Lea Frings ist übrigens nicht nur RT-Deutsch-Lieschen, sondern auch eine Protagonistin der neurechten Friedensdemos und Mitglied bei der Linkspartei. Sie verharmlost eine rechtsradikale Demo via Schweigen und verunglimpft die Gegendemonstranten. Vermutlich ohne das wirklich zu wollen. Sie verhält sich wie eine 15-Jährige ohne Führerschein, die – aus Gründen, die mich interessieren – über einen Porsche verfügt, den sie sogleich in den Graben fährt.

Man kann unmündige Leute so schlecht zur Verantwortung ziehen. Es wäre einzig ihre grandiose Selbstüberschätzung zu kritisieren.

Was mich ernsthaft wundert: Dass der Kreml so unprofessionell ist. RT Deutsch ist Antiwerbung, jedes Schülerradio ist seriöser, weniger billig. Warum beschäftigen die Knallchargen ohne jede journalistische Erfahrung? Wem dient die offensichtliche Überforderung der beiden Mädels Jasmin und Lea? Geht es wirklich nur um schöne Ärsche?

Ein Erklärungsversuch: Der Kreml hält seine Fans für dumme Leute, denen man den größten Quatsch vorsetzen kann, Hauptsache, die üblichen Feindbilder werden bedient: Amis, Transatlantiker, Juden. Vielleicht ist das aber auch das Niveau staatlicher russischer Medien.

Ich hätte ja eher sowas wie Fox-News erwartet. Rechte, verhetzte, gelogene, schnelle und aggressive Berichterstattung, aber eben doch professionell.

Gut möglich aber, dass Teile der deutschen Öffentlichkeit schon so ins Niveaulose abgedriftet sind, dass selbst RT Deutsch noch als Futtermittel dienen kann.

Wir dürfen auf 2015 gespannt sein.

P.S.: Ganz übel wurde es bei RT Deutsch vor ein paar Tagen, als der sogenannte Kriegsberichterstatter Mark Bartalmai Gast war und angeblich aufklärende Bilder über den Krieg in der Ostukraine mitbrachte. Bilder, die die bösen Mainstreammedien angeblich unterschlagen. Was sah man? Minutenlange Stills von verstümmelten Menschen, lange Großaufnahmen von zerfetzten Ohren und Einschlusslöchern im Bauch. Diese Bilder bringen keinerlei Erkenntnisgewinn, sind aber ein gefundenes Fressen für Voyeure.

Diese Form von Gewaltgeilheit wird von seriösen Journalisten in der Tat vermieden. Für RT deutsch ist die Entehrung von Toten offenbar ein wertvoller Beitrag. Geschmackloser gehts nimmer.

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12 Antworten zu RT deutsch, Friedenswinter und Pegida

  1. Irrelevant schreibt:

    Hallo Genova, aufschlussreicher Artikel, dazu einige Anmerkungen:
    – das was unprofessionell wirkt bei RT ist durchaus Absicht, es soll Authentizität suggerieren
    – die Interviewpartner werden wahrscheinlich durchaus vorher „gecheckt“, hatte nicht den Eindruck dass Frings überrascht war
    – die Querfrontstrategie von RT hat zur Folge das ihr Publikum wesentlich heterogener ist als z.B. Fox-News, das macht die Arbeit schwerer
    – Daher der Versuch zu möglichst vielen Themen den kleinesten gemeinsame Nenner (Anti-Amerikanismus, Anti-Zionismus) ins Spiel zu bringen
    – Bedeutung von RT wird überschätzt, alle Nachrichtenspartenkanäle haben eine geringe Reichweite

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für die Hinweise, so ist es wohl. Das Interview von Frings habe ich anders aufgefasst, also Frings schon als überrascht und unfähig, das Interview zu führen, aber man blickt bei der Konfusion auch nicht durch. Stratetisch interessant ist, dass diese Antideutschen so aufgebauscht werden, zum bundesweiten Problem stilisiert werden, das offenbar größere Aufmerksamkeit verdient als Pegida. Ich halte die Frings für ausgesprochen dumm und habe nicht den Eindruck, dass die kapiert, was sie macht. Das ist ein typisches Montagsdemogewächs: Sehr von sich und der Mission überzeugt, aber völlig ungebildet und ohne die Veranlagung, sich für seine Dummheit zu schämen bzw. vorher die Reißleine zu ziehen.

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  3. Irrelevant schreibt:

    „Stratetisch interessant ist, dass diese Antideutschen so aufgebauscht werden, zum bundesweiten Problem stilisiert werden, das offenbar größere Aufmerksamkeit verdient als Pegida.“

    Der Hintergrund ist: Klar für oder gegen Pegida Stellung zu beziehen ist angesichts der Heterogenität der RT-Zuschauer (linke und rechte Putin-Versteher) riskant. Daher der Versuch über die Hintertür (Antideutsche) die Aufmerksamkeit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der RT-Zuschauer zu lenken (Anti-Amerika, anti-Zionisten).
    Frings und die anderen hübschen jungen Frauen wirken naiv und dumm, aber über die Gesamtstrategie von RT und die Auswahl der Gäste entscheiden andere, v.a. der Chef Rodjonov. Junge Moderatorinnen haben mehrere Vorteile: sie sind leichter formbar, günstiger und lenken mit ihrem hübschen Äußeren von logischen Widersprüchen in der Argumentation ab.

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  4. genova68 schreibt:

    So ist es. Ich bezweifle aber, dass die Nummer auf Dauer funktioniert: Schönheit statt Professionalität. Kosubek ist keine Journalistin, die könnte besser Bratpfannen vorm Karstadt verkaufen oder die Miss- Deutschland-Wahl moderieren. Kürzlich gab sie zu, bis vor kurzem nicht gewusst zu haben, dass es in Deutschland das Amt eines Bundespräsidenten gibt, kein Scherz. Begründung: Sie habe lange im Ausland gelebt.

    Ablenkung funktioniert grundsätzlich nicht dauerhaft und die Keckheit von Kosubek ist zu offensichtlich unbegründet.

    Ich prognostiziere, dass die über kurz oder lang ausgetauscht wird. Die RT-Englisch-Moderatoren, die in der Sendung auch auftauchen, sind aus anderem Holz: Aggressive Zickenweiber, die aber rhetorisch und demagogisch besser sind.

    Die werden sich Richtung Fox-News entwickeln und nicht Richtung Bravo-TV.

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  5. Irrelevant schreibt:

    Hallo Genova,
    grundsätzlich stimme ich dir zu, was die Professionalität von RT Deutsch angeht gibt es (leider) Luft nach oben. Hauptangriffspunkte werden wahrscheinlich nicht nur die USA und Israel sondern auch die EU als Institution sein. Eine gewisse EU-Müdigkeit ist europaweit beobachtbar, verbunden mit einer Renaissance des Erlösungsanspruches durch die Nationalstaaten. In diese Kerbe wird RT schlagen, nicht zuletzt weil für Putin eine gespaltene EU von strategischem Vorteil sein dürfte.
    Der größte potenzielle Profiteur und „natürlicher“ Verbündeter von RT- Deutsch dürfte mittelfristig die AfD sein, v.a. wenn sich der deutschnationale Flügel dort durchsetzt.

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  6. genova68 schreibt:

    Ich sehe schon, da kennt sich jemand aus ;-)

    Die AfD als Verbündeter von RT Deutsch: eine interessante Konstellation. RT Deutsch kann sich als Querfront-TV positionieren, das ist ja gerade en vogue.

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  7. Bon Jour schreibt:

    Der Steinberg ist ein selbsthassender Jude, kennt Mensch ja, das sind die schlimmsten Antisemiten.

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  8. besucher schreibt:

    Was sich schon länger angedeutet hat scheint wahr zu werden. Elsässers Bruch mit seinen Muslim-Fans. Die Achse Berlin-Teheran existiert wohl so nicht mehr. Alle Wege von COMPACT führen jetzt nach Moskau.

    http://juergenelsaesser.wordpress.com/2015/01/02/friedensbewegung-und-pegida-sollten-zusammengehen/

    http://www.muslim-markt-forum.de/t840f2-Warum-die-PEGIDA-Heuchler-zutiefst-zu-verachten-sind.html

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  9. nachtregen schreibt:

    Ich würde vermuten, daß die Beschäftigung mit den Antideutschen in dem Beitrag rein auf Steinbergs Mist gewachsen ist. Steinberg hat schon vor Jahren sehr seltsame Texte mit fragwürdigen Behauptungen über die Antideutschen veröffentlicht.

    Andererseits paßt das auch wieder recht gut zu RT, da die Antideutschen sich ja klar pro USA als kleineres Übel positionieren.

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  10. genova68 schreibt:

    nachtregen,
    ja, sehe ich genauso.

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  11. Irrelevant schreibt:

    OMG, habe gerade auf einen Beitrag von RT-Deutsch geklickt und zwar eine Analyse zu Charlie Hebdo.
    Erstens: Meine These scheint zu stimmen, RT umarmt immer unverhohlener Rechtspopulisten, die Gäste waren Eva Herman und Andreas Popp.
    Zweitens: Die Moderatoren sind wirklich strunzdumm, dachte bislang sie stellen sich nur dumm. Der Typ spricht Hebdo deutsch aus und das obwohl in allen „Mainstreammedien“ die korrekte französische Aussprache zig mal gesendet wurde.

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  12. genova68 schreibt:

    Das Interview mit Popp und Herman ist guter Anschauungsunterricht, in der Tat. Es ist nur VT, sonst nichts, was die beiden erzählen.

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