„…endlich wieder die alles entscheidende Eigentumsfrage stellen“

Ein sehr angenehmer Artikel eines Patrick Spät im Freitag. Er lobt den Bahnstreik und attestiert vielen Arbeitnehmern das Stockholm-Syndrom. Sie glauben den Mumpitz ihrer Chefs. Spät lenkt die Aufmerksamkeit ganz richtig auf die Eigentumsfrage, vor allem die an den Produktionsmitteln.

Im Folgenden der Artikel ohne Anmerkungen von mir:

An der Eigentumsfrage rüttelt niemand mehr: Die Streikenden kämpfen zwar völlig zu Recht, aber zunächst nur für ihre Existenzberechtigung als Lohnarbeiter. Sie fordern bessere Tarifverträge und etwas mehr Macht für ihre Gewerkschaft statt einer Beteiligung an den Produktionsmitteln. Sie wollen ein paar Krümel, nicht den ganzen Kuchen. Doch schon die Krümel gönnt ihnen kaum jemand. Der öffentliche Bannstrahl trifft den Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, weil der angeblich vermessene Forderungen stellt.

Arbeitgeber trichtern uns ständig die Mär von Wachstum, Wettbewerb und Standortsicherheit ein. Nur enger geschnallte Gürtel ermöglichten sichere Arbeitsplätze. All das sei: alternativlos.

Die Arbeitnehmer glauben diesen Mumpitz. Das ähnelt dem Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Warum kuscheln wir mit unseren Kidnappern? Seit Antonio Gramsci wissen wir es: Es liegt an der Hegemonie. Politik und Wirtschaft setzen ihre Interessen durch und bringen ständig zustimmungsfähige Ideen in Umlauf; die Menschen glauben irgendwann, alles geschehe im Allgemeininteresse.

Bahnchef Rüdiger Grube verdiente 2012 rund 221.000 Euro monatlich; dafür muss ein Lokführer sechs Jahre lang schuften. Wir verdingen uns Woche für Woche, um den Profit von Unternehmen zu mehren. Erinnern wir uns: Die Wurzeln der Lohnarbeit sind blutig. Seit dem 16. Jahrhundert entrissen die Herrschenden der Bevölkerung die Allmende. Fortan gab es keine freien Wälder, Weideflächen und Brunnen. Menschen hungerten, wurden proletarisiert und mussten ihre Arbeitskraft in städtischen Fabriken verkaufen.

Die ersten Lohnarbeiter sträubten sich noch vehement, für einen profitorientierten Unternehmer tätig zu werden. Es gab Aufstände. Und wer genügend Geld verdient hatte, um über die Runden zu kommen, ließ buchstäblich bis zum Monatsende den Hammer fallen. Lohnarbeit galt den Menschen als unehrenhaft und entwürdigend. Heute jedoch akzeptieren wir sie als naturgegeben wie den Sonnenaufgang.

Streiks sind der notwendige Protest gegen die Zumutungen des Kapitalismus. Ja, Lohnerhöhungen, Frührente, Arbeitszeitverkürzung und Gewerkschaftsprivilegien sind wichtig. Aber doch nur Schönheitsreparaturen in den Ruinen des Kapitalismus. Für eine Kernsanierung müssen wir zuerst das Schmusen mit unseren Kidnappern beenden. Schon an die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich wagt sich heute aber keine große Gewerkschaft.

Dabei muss es heute darum gehen, Utopien wieder Wirklichkeit werden zu lassen. Darum, dass die Allgemeinheit wieder stärker an der Allmende und an den Unternehmen beteiligt wird. Nur so kann verhindert werden, dass andere Menschen ein Leben als Lohnsklaven fristen müssen.

Die Lohnarbeit wurde den Menschen ans Bein gekettet – aber diese Fessel lässt sich abwerfen. Man muss es nur wollen. Streiks wie die der Bahn- oder der Kik-Beschäftigten können dabei nur der Anfang sein. Erst wenn die Streikenden endlich wieder die alles entscheidende Eigentumsfrage stellen, dann wird uns wieder die Fabrik gehören.

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5 Antworten zu „…endlich wieder die alles entscheidende Eigentumsfrage stellen“

  1. Herr Karl schreibt:

    Interessantes Thema.
    Gründet Genossenschaften, dann ist diese Utopie wahr geworden!
    In der Schweiz sind die beiden grössten Lebensmittelhändler Genossenschaften: Migros und Coop.
    Die taz und die junge Welt sind auch Genossenschaften. Was die junge Welt aber nicht daran hindert, Löhne zu bezahlen, die zum Leben kaum reichen:

    „Für die junge Welt wurde 1998 mit der IG Medien ein Firmentarifvertrag geschlossen. Der – als „ungewöhnlich“ angesehene – Vertrag ermöglicht es, die Löhne zwischen Betriebsrat, Gewerkschaftsvertretern und Verlagsleitung selbst auszuhandeln. Die Wirksamkeit dieses Tarifvertrags ist gegenwärtig (2012) Gegenstand eines Verfahrens vor dem Arbeitsgericht Berlin, das Rainer Balcerowiak angestrengt hat. Balcerowiak, der elf Jahre als Redakteur für die Zeitung tätig war und dem 2011 gekündigt worden war, macht geltend, bei seiner Beschäftigung als freier Mitarbeiter habe es sich um ein Scheinarbeitsverhältnis gehandelt. Zudem sei der monatliche Lohn in Höhe von rund 2.000 Euro „krass sittenwidrig“ gewesen. Die junge Welt bezeichnete die entsprechende Berichterstattung als Shitstorm.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Welt#Arbeitsbedingungen

    Genossenschaften können aber auch pleite gehen, wie viele bäuerliche Klein-Genossenschaften in der Schweiz zeigen. Dann wird jeder Genossenschafter zur Kasse gebeten.

    Mal angenommen, die im Freitag-Artikel beschriebene Utopie würde landesweit wahr. Ich befürchte, dass dann von einer oppositionellen Minderheit die Forderung nach einer weiteren Utopie auftauchen würde, um noch mehr Gerechtigkeit herzustellen: Die Abschaffung des Geldes und des Marktes…

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  2. MondoPrinte schreibt:

    Das mit dem Bannstrahl hast du gut formuliert. Letztlich ist es doch so in unserer zutiefst (klein-)bürgerlich geprägten Gesellschaft: Kritik darf sein, aber sie muss konstruktiv sein. Und Kritikern muss es darum zu gehen haben, dass sie auch von den Großen anerkannt werden. Maßgeblich ist, was die Anderen von einem denken…

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  3. Lemmy Caution schreibt:

    Ich hatte die IT Abteilungen genossenschaftlicher Banken und Versicherungen als Kunden. Insgesamt ziemlich lange. 3 Jahre. Da ich ziemlich abhängig, ich glaube sensibel und völlig fasziniert von der Politik in so normal-verrückten Bürogebäuden bin: Die sind irgendwie anders als Aktiengesellschaften, aber für mich bestimmt nicht besser. Für andere Leute können die gut sein. Von einer höheren ethischen Ebene betrachtet, agieren die bestimmt nicht besser.
    Bei der Deutschen Bahn gabs zumindest vor 4 Jahren noch 2 Gruppen: Gruppe A gab der staatlichen Vergangenheit die Schuld an strukturellen Problemen, Gruppe B der mehr privatwirtschaftlichen Gegenwart.
    Meine bei einer großen AG erfolgreich arbeitende kleine Schwester jammert seit Jahren, dass der Umgang immer härter würde. Ich denke, dass ihre eigene Welt zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn geordneter war und dass sie für das Chaos einfach noch nicht sensibilisiert war. Sie meint damit auch weniger den Umgang mit ihr, als den mit Externen.
    Letztlich find ich es gut, dass es in der deutschen Wirtschaft so viele unterschiedliche Organisationsformen gibt. Gewerkschaften agieren vermutlich effektiver, wenn sie sich für die unmittelbaren Interessen ihrer Mitglieder einsetzen und nicht in ideologischen Besitzfragen verlieren, die aus meiner Sicht in einem nach wie recht gut regulierten Bereich wie dem deutschen Arbeitsrecht eh nicht so die Rolle spielen.
    Ich war in der zweiten Hälfte dieses Jahres in 2 Organisationen, die Projekte, für die ich geheuert wurde, cancelten.
    Das wurde alles für mich sehr sozialverträglich geregelt, obwohl mein Stundensatz wirklich eher hoch ist. Organisation 1 wurde vom Besitzer verkauft, Organisation 2 bekam einen neuen IT Chef, der vieles ganz anders machen will. In beiden Fällen hätten die den Vertrag sofort auflösen können. In Org 1 machte ich noch 180 Stunden, in Org 2 300 Stunden. Beides mal konnte ich problemlos ein neues Projekt finden.
    Hier übrigens eine super lange offene geleakte Email eines linken argentinischen Multimedia-Managers aus der staatlichen venezolanischen Telesur. http://caracaschronicles.com/2014/10/19/the-telesur-email-in-english/ . Ein Zombi Film. Ich kenne persönlich ähnliche Berichte von privatwirtschaftlichen chilenischen Unternehmen.

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  4. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Politische Theorie rebloggt und kommentierte:
    Die Eigentumsfrage

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  5. genova68 schreibt:

    Die junge welt ist ein Sonderfall. Die haben nicht mehr Geld, weil sie keine Anzeigen kriegen. Die Alternative wäre die Einstellung der Zeitung. Ähnlich bei der taz. Journalismus hat noch einen anderen Effekt als gute Bezahlung: Er ist ein wesentlicher Bestandteil von Demokratie. Insofern halte ich die Kritik an der jungen welt für wohlfeil, weil da mitschwingt, dass ausgerechnet eine linke Zeitung schlecht entlohnt. Aber da gibt es halt kein richtiges Leben im falschen.

    Arbeitszeitverkürzung und den Mehrwert nicht dem Kapital und somit dem Klassenfeind überlassen: Das halte ich für positive Ansätze. Man müsste natürlich, auch ganz wichtig, mehr diskutieren über den richtigen Weg, aber das wäre absolut notwendig in einer Zeit, in der alles dem angeblichen Markt überlassen wird. Dieses Mehrdiskutieren wird aber zunehmend als unangenehm empfunden, weil die neoliberale Verwirrung, der wir alle ausgesetzt sind, die Sehnsucht nach dem starken Mann fördert, der durchgreift ohne Diskussion, Putin like.

    Man schaue sich nur einen durchschnittlichen Abend das private TV-Programm an, habe ich vor ein paar Tagen mal wieder gemacht. Man wird dermaßen mit Werbung vollgepumpt, da kann man nicht mehr von einem Markt sprechen, sondern von einer gigantischen Bewusstseinstotschlagmaschinerie, ohne die der tolle Kapitalismus offenbar nicht mehr funktioniert. Man muss den Leuten die Scheiße mit dem Löffel in den Mund schieben, irgendwann schmeckt es. Die totale Manipulation durch Konzerne ist die Voraussetzung für die eigene Ausbeutung.

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