Die Süddeutsche zur „Neoliberalisierung des Wohnens“

Laura Weißmüller kommentiert in der Süddeutschen die aktuellen Wohnochhauspläne in kapitalistischen Metropolen. Paris, London, Berlin, überall werden derzeit Wohnhochhäuser mit mehr als 150 Metern geplant – der Büromietenmarkt ist offenbar dicht. Wohnen sollen dort Superreiche, sonst niemand.

Den Kampf um bezahlbaren Wohnraum wird das nicht mildern. Und zweitens, weil viele dieser Luxusquartiere die meiste Zeit leer stehen – ihre Eigentümer kommen, wenn überhaupt, nur alle paar Monate mal vorbei, oder sie besitzen die Wohnung sowieso nur als Geldanlage. Gelebt wird dann woanders.

Damit sind die neuen Hochhäuser zum Sinnbild für den Ausverkauf der Stadt geworden, für die Neoliberalisierung des Wohnens, für die Verdrängung ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem Zentrum. Der Streit um Silhouette, Höhenmeter und Fassadengestaltung wirkt da wie eine Scheindebatte. In Wahrheit geht es darum, wer in Zukunft in der Stadt noch wohnen darf.

Ein lesenswerter Kommentar, weil er auf die ökonomische Funktion dieser Hochhäuser aufmerksam macht. Ästhetische Bedenken wie die „Zerstörung“ von Stadtshilouette werden nur am Rande besprochen („Scheindebatte“ ist die richtige Bezeichnung) und sollten von der systemischen Kritik tunlichst ferngehalten werden. Denn eine Stadtshilouette wird niemals zerstört, sondern nur verändert. Wäre das nicht so, hätte auch der Bau des ersten hohen Gebäudes bereits eine Zerstörung der vorhandenen Perspektive auf die Natur dargestellt.

Die neuen Hochhäuser als eine besondere Form der Kapitalverwertung: Diese Perspektive macht mehr Sinn. Man kann so aus einem kleinen Stück Boden das Maximum herauspressen. Andererseits ist die Abgehobenheit der künftigen Bewohner keine reine im physischen Raum, es ist auch eine gesellschaftliche: Diese Planungen nehmen die weitere Entwicklung vorweg. Ähnlich den Flugplätzen, die internationale Nicht-Orte des Immergleichen sind, sogar mit exterritorialen Gebieten, werden die Hochhäuser angelegt. Die City-of-London-Logik im Kleinen.

Fehlen noch der Hubschrauberlandeplatz und eigene Internetserver mit eigenen Leitungen. Man will ja unabhängig sein.

Und: Weißmüller erwähnt dankenswerter Weise auch, dass  die „Bewohner“ der neuen abgehobenen Wohnungen nur ein paar Wochen im Jahr anwesend sind, denn eigentlich ist es Betongold, keine Wohnung. Diese Investments helfen also nicht, das Wohnungsproblem zu lösen, sie verschärfen es.

Während die Reichen sich in den 30. Stock zurückziehen, falls sie mal in der Stadt sind, baut der Gebeutelte seinen regressiven Krempel aus dem Katalog in den Speckgürtel oder noch weiter raus. Um sich mit sowas wie diesen neuen Hochhäusern gar nicht erst auseinandersetzen zu müssen.

Es wird nur nichts helfen.

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