Fünf Tage keine Züge? Nötig wäre ein Generalstreik

Die Lokführer hatten schon im September ihre tariflich vereinbarte Jahresarbeitszeit abgeleistet – via 50- bis 60 Wochenstunden. Insofern sollte es selbstverständlich sein, dass sie nun bis Jahresende gar nicht mehr arbeiten. Oder auch: Warum sollen die überhaupt arbeiten? Nach 20 Jahren im Beruf kriegt ein Lokführer bei der DB 1.750 Euro netto. Ein Zugbegleiter kommt auf 1.300 Euro netto.* (Das sind die, die fragen, ob noch jemand zugestiegen ist.) Und das bei Schichtarbeit, auswärts übernachten, volle Züge, Enge und so weiter. Die Zahl der Mitarbeiter der DB hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert.

Alles eine Folge der Privatisierung.

Die Medienberichterstattung derzeit macht deutlich, wie massiv die jahrelange neoliberale Propaganda fortgeschritten ist. Es beschweren sich allen Ernstes Berliner Tourismusexperten, dass man den Streik nicht rund um den 9. November durchführen könne, da wollten doch so viele Schulklassen nach Berlin. Der Berliner Bundestagsabgeordnete Frank Steffel (CDU) hat die S-Bahnführer in Berlin offen zum Streikbrechen aufgefordert. Auch hier die Begründung des 25. Jahrestags des Mauerfalls. Das Gedenken dürfe nicht „durch den Streik einiger weniger chaotisiert werden“. Interessant, wie hier eine Art Revolution instrumentalisiert wird, um ein ausbeuterisches System nicht zu destabilisieren. Früher nannte man das Konterrevolution. Die vor 25 Jahren erkämpfte Freiheit dient heute offenbar vor allem dazu, ungehindert mit der S-Bahn zur Gedenkfeier zu gelangen.

Am besten streiken die Lokführer nur nachts zwischen drei und viertel vier, wenn kein Zug unterwegs ist und keine Gedenkfeier ansteht.

Man hat bei aktueller Medienrezeption schon das Gefühl von systematischer Leserverblödung. Da wird dem GDL-Chef allen Ernstes ein „Machtkampf“ vorgeworfen. Schau an, es geht um Macht, wer hätte das gedacht? Dem Kapital war die korrupte Versagergewerkschaft Transnet sicher lieber. Gut möglich, dass mit der massiven medialen Propaganda der Streik in letzter Minute noch abgewendet werden soll.

Kapitalinteressen werden in den Medien, und zwar in allen relevanten, nun als „Interessen der Kundinnen und Kunden“ dargestellt. Das Handelsblatt meint sogar:

„Mobilität ist ein wichtiges Instrument für unsere Bedürfnisse, sie gehört zur Grundsicherung – und dürfte somit gar nicht bestreikt werden“

Grundsicherung: Klingt nach einer Scheibe Brot, die man nicht verweigern darf. Bis 1994 waren die Bahnmitarbeiter übrigens Beamte und durften nicht streiken. Ich nehme an, das Handelsblatt hatte nichts gegen die Privatisierung.

Schön tendenziös auch eine aktuelle Spiegel-Online-Umfrage („Haben Sie Verständnis für den Bahnstreik?“) mit drei Antwortmöglichkeiten:

  • Ja. Wenn Arbeitnehmer streiken, sollte man sich stets solidarisch zeigen.
  • Nun ja. Wenn es um ein sinnvolles Ziel ginge, hätte ich schon Verständnis.
  • Nein. Einen Arbeitskampf auf Kosten der Kunden auszutragen, geht gar nicht.

Wer kann bei der Antwortmöglichkeit „Nun ja“ schon nein sagen? Klingt so wohlüberlegt und liberal. Aktuelles Ergebnis: Gut 90 Prozent gegen den Streik. Gelenkte Meinung, auch das ist eine bemerkenswerte Parallele zu den Mauerfeierlichkeiten, die stattfinden, weil ein Staat mit gelenkten Medien zu Fall gebracht wurde. Es hat den Anschein, als nutzten die Alpha-Journalisten und alle hinterherlaufenden Beta-Journalisten die Tatsache aus, dass der GDL-Chef nicht besonders sympathisch rüberkommt und diesen unsäglichen Behindertenvergleich gezogen hat, um effektive Gewerkschaften insgesamt zu torpedieren.

Die SPD hat sich mit Gabriel und Oppermann wie gewohnt zuverlässig schnell und eindeutig auf die Arbeitgeberseite gestellt.

Eine Ausnahme unter den Journalisten macht Jens Berger auf den nachdenkseiten. (Siehe auch diesen Artikel.) Es ist bezeichnend, dass man in einer kapitalistischen Medienlandschaft auf eine Non-Profitquelle zurückgreifen muss, um zu diesem Thema noch seriöse Informationen zu bekommen. Absolut lesenswert. Die Etablierten betreiben lieber massive Propaganda und lassen „verärgerte Bahnkunden“ zu Wort kommen. Systemisch wird sowieso nicht mehr gedacht.

Mein Vorschlag: Bis Jahresende besteigen die Lokführer ihren Arbeitsplatz überhaupt nicht mehr. Stattdessen klären sie in Ruhe die Bevölkerung auf. Bahnhofsvorplätze eignen sich dafür sehr gut. Vielleicht auch mit einer 50- bis 60-Wochenstunde. Ich komme gerne vorbei und helfe. Und in der Zeit rechnen wir auch aus, wie viel Mehrwert das Kapital in den vergangenen 15 Jahren der Masse geraubt hat. Da gibt es eine Menge zu rechnen. Das wird dann von den Ausbeutern zurückgezahlt. Bis auf den letzten Cent. Wenn nicht: unbefristeter Generalstreik, nicht nur bei der Bahn, und weiterführende Gedanken.

Ein eigentlich selbstverständliches Szenario. Ich bin zuversichtlich.

————————————

* Brutto verdient ein erfahrenener Lokführer 2700 Euro pro Monat, mit Zulagen vielleicht auch 2.800 oder etwas mehr. Zum Vergleich: Die Schweizer Bahn, die relativ preiswerter und zuverlässiger ist, zahlt einem Lokführer ein Jahresbrutto von umgerechnet etwa 63.000 Euro.

3(Quelle: vergessen)

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19 Antworten zu Fünf Tage keine Züge? Nötig wäre ein Generalstreik

  1. Hans Berger schreibt:

    Hier noch eine Ausnahme: Solidaritätsnote der Grundrechtepartei an die Mitglieder der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)

    http://grundrechtepartei.de/solidaritaetsnote-gdl/

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  2. Garfield schreibt:

    Jo, da haben die Medien echten Einsatz gezeigt & ihren Auftrag* zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt…
    im TV fast nur Fahrgäste mit NULL Verständnis; dafür Argumente in „Westerwelle-Tradition“ („wieviel ‚Sitzengelassene‘ hätten gern das Gehalt des Lokführers“ etc). Und bei den ganzen dunklen Machenschaften der „Spartengewerkschaften“ sind Details (z.B. daß „[das DB-Management] bereits um Mitternacht begonnen habe, »den Fernverkehr aus dem Rennen zu nehmen«, obwohl der Streik erst ab 14.00 Uhr angekündigt worden sei“) natürlich unwichtig… das Ergebnis kam dann ja auch prompt – keine Geiselnahme!

    wo ist diese „Grundsicherung“ Beförderung eigtl, wenn wg Sparmaßnahmen der Bahn ständig Strecken ausfallen…? Aber bei Privatbetrieben kann man natürlich nicht einfach in die Personalpolitik reinpfuschen…
    (Inzw sollen 12.000 Fahrdienstleiter 1 Mio Überstunden „vor sich herschieben“ & kaum Chancen zum Abbau haben, auf der andern Seite fehlen 1000 Stellwerks-Mitarbeiter)

    Aber Tage wie den 9. November sollte man auch MMN aussparen, wär wohl auch im Sinne der GdL. Der Vgl hinkt natürlich – aber Sanitäts-Personal streikt auch nicht grad zu Karneval/ Silvester etc… die 20 Std beim letzten mal fand ich auch bißchen knapp. Ne längere Frist hätte der Sache vermutlich nicht geschadet, der GdL aber sicher bessere PR gebracht.
    Wie auch immer… eine Gewerkschaft die die Bezeichnung noch wert ist – das ist heutzutage schon was :(

    *) gemeint ist natürlich der _Bildungs_auftrag

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  3. genova68 schreibt:

    Danke für die links.

    Der Streik und die Reaktionen darauf sind in der Tat interessant. Der Focus schickte sogar einen Reporter zu der Privatwohnung von Weselsky und befragte Nachbarn. Es sollte eine Skandalstory werden. Wir haben erfahren: Weselsky wohnt in einem Altbau auf Etage und verdient mehr als doppelt so viel wie ein Lokführer, als etwa 3.500 Euro. Die „Bild“ druckt seine Telefonnummer auf Seite eins und ruft auf, ihm die Meinung zu sagen. „Wer kann Weselsky noch stoppen?“, las ich irgendwo. Es ist billige Personalisierung. Dass die Urabstimmung 91 Prozent Zustimmung ergab, liest man nirgendwo.

    Man kann von Journaille sprechen.

    Auch europaweit sind die Löhne in diesem Bereich in Deutschland am niedrigsten (vergleichbare Länder). Spanien, Frankreich, Niederlande, überall verdienen die deutlich mehr. Und wenn eine Gewerkschaft mal ernsthaft gegen deutsche Zustände aufmuckt, kommt die volle Ladung der, nun ja, ich sage es jetzt auch: Systempresse. Man schaue sich die Geschichte der Transnet an und der Fakegewerkschaft EVG, die für die 1.300 Euro netto der Zugbegleiter verantwortlich sind. Gibt es da Kritik? Nö, Lob dafür, dass die nichts tun.

    Die Lokführer der privaten Bahnen in Deutschland verdienen übrigens nochmal 30 Prozent weniger.

    Selbst der DGB fällt der GDL in den Rücken. Dabei wäre Solidarität bei Gewerkschaftlern das wichtigste überhaupt.

    An der DB könnte man prima die Fehlentwicklungen hierzulande deutlich machen, stattdessen werden Leute gegeneinander aufgehetzt. Und teilweise funktioniert es. Dazu diese lächerliche Argumentation mit dem neunten November.

    Was hiesige Zustände ganz gut beschreibt: Aktuell meldet der Verkehrsfunk in NRW 313 Kilometer Staus, ca. das Vierfache des Üblichen. Man spürt richtig die Panik der Leute, mal nicht zur Arbeit zu gehen. Eine Maschine, die seit ca. 1949 ununterbrochen stampft und produziert und mittlerweile massive Ausbeutung entwickelt, darf auf keinen Fall still stehen, obwohl es allen gut täte. Gerade die Malocher stehen jetzt im Stau und haben Schweißperlen auf der Stirn, weil der Boss sie verantwortlich macht fürs Zuspätkommen.

    Es ist perfekt: Der Kapitalismus schafft Ausgebeutete, die diesem Zustand in Angstzuständen begeistert zustimmen.

    Ein alter Mann aus der DDR sagte mir kürzlich: „Wenn in der DDR der Zug kaputt war, dann kam man eben zu spät zur Arbeit und niemand gab einem dafür die Schuld.“

    Dieses Land ist wirklich scheiße hoch drei. Deutscher Untertanengeist. Aber am 9. November der „Freiheit“ gedenken.

    Weiterführend kann man auch sagen: Die Entwicklung wird nun schneller dahingehen, dass Lokführer durch Computer ersetzt werden. Nicht tragisch, aber in diesem Asiland sind die Exlokführer dann einfach ein paar mehr in der Gruppe der Überflüssigen.

    Und jetzt muss ich dringend an die Arbeit :-)

    Update 1:

    Klagen der heute arbeitenden EVG-Mitglieder:

    „Die Kollegen, die arbeiten, bekommen den ganzen Frust ab. Und die Fahrgäste werden zunehmend aggressiver. Einige Kollegen vom Reinigungsservice trauen sich nicht mal mehr mit der Arbeitskleidung in den Bus nach Hause.“

    Wie wäre es mit Solidarität und Arbeitsniederlegung?

    Schöne Passage aus der aktuellen Spiegel-Kolumne von Augstein:

    „Der Klassenkampf findet nicht mehr auf der Straße statt, sondern im Inneren. Margaret Thatcher musste die Gewerkschaften noch mit Polizeigewalt bekämpfen. Das übernehmen bei uns heute die Medien.“

    Das trifft die neoliberale Logik auf den Kopf, ob EVG, DGB oder dumpfe Bahnreisende.
    ———–
    Die Bahn will den Streik nun juristisch unterbinden lassen. Eine Begründung sind allen Ernstes die Feiern zum 9.11.

    taz:
    „In dem Antrag verweise die Bahn etwa auf die zentralen Feiern in Berlin zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.“

    Das Gedenken an eine Revolution wird ganz offiziell vor Gericht missbraucht, um eine emanzipatorische Bewegung abzuwürgen. So langsam wird es absurd.

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  4. Garfield schreibt:

    soso, das Doppelte verdienen, aber den Samariter zu machen … da sieht man mal wieder!!
    …hätte er sich stattdessen für die Interessen von Großverdienern eingesetzt, würde es sich jetzt um ne „Neiddebatte“ handeln.

    (nicht nur) in diesem Land scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu gelten… für Menschen der gleichen oder höheren „Vermögensklasse“ kann man sich bedenkenlos einsetzen – bei finanz. Schwächeren aber hat man ebenso asketisch zu leben, wie diese gezwungenermaßen – wenn man kein „Heuchler“ sein will…
    der Irrsinn dieser „Logik“ scheint nicht mal groß aufzufallen.

    Weiterführend kann man auch sagen: Die Entwicklung wird nun schneller dahingehen, dass Lokführer durch Computer ersetzt werden. Nicht tragisch, […]

    tragisch hin oder her – MMN jedenfalls ziemlich riskant. Den Stand der Technik in allen Ehren – aber wenn 500 Menschen mit Tempo 300 durch die Landschaft rasen, will ich nicht unbedingt allein auf Chips vertrauen…
    als Notbetrieb wär eine „menschliche Komponente“ MMN nicht ganz ungeeignet.
    (in Frankreich gab’s ähnliche Konzepte, Fahrt, Weichenstellung, Signale, alles automatisch; der Verzicht des Lokführers wurde dann trotzdem verworfen wimre, auch wenn der dann kaum was zu tun hat)

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  5. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Bahnstreik

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  6. genova68 schreibt:

    Riskant oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ich bin vor einer Weile in Kopenhagen mit der U-Bahn gefahren, da kann man ganz vorne sitzen, kein Fahrer mehr da. Technik funktioniert zuverlässiger als Menschen, und ein ICE-Führer kann fährt auch nicht auf Sicht. Der Bremsweg eines ICE bei Tempo 250 beträgt mehrere Kilometer. Ich meine nur, dass man den tecnischen Fortschritt nicht aufhalten sollte, sinnlos, sondern in sozial moderieren. Das würde bedeuten, die Bestie Kapitalismus zähmen, oder, wenn das nicht funktioniert, töten.

    In Sachen GDL steht viel auf dem Spiel: Es geht um das Gesetz von Nahles, das dem DGB mehr Macht geben würde. Weselsky wurde von der DB vor Jahren ein Posten im Personalvorstand angeboten, vermutlich mit dem zehnfachen Gehalt. Er sollte so als Kritiker aus dem Verkehr gezogen werden, so wie seinerzeit Hansen. Weselsky hat abgelehn und ist seitdem zum Abschuss freigegeben. Der Focus hat jetzt auch seine Ex-Frau interviewt, die bestätigte, dass ihr Ex ein Böser war. Seine Luxuswohnung in Leipzig hat sich übrigens als eine 61-qm-Wohnung herausgestellt.

    Es soll ein Exempel statuiert werden: Wer das Kapital angreift, aus dem wird Kleinholz gemacht. Den Erfolg des DGB kann man in diesem Sektor klar benennen: 1300 netto für den Zugbegleiter nach 20 Jahren. Es ist eine unterstützentzwerte Solidarität, dass die GDL alle ihre Mitglieder vertreten wil, das muss vom Kapital angegriffen werden. Und cool finde ich auch, dass Weselsky betont, für alle seine Mitglieder zu kämpfen, aber nicht für die Zugbegleiter ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft. Wer sich unsozial verhält, kriegt auch nichts von den Erfolgen ab.

    Meine Sympathie hat er.

    Das übelste sind die Pfeifen von der EVG. Die spielen im Gewerkschaftsbereich offenbar die Rolle, die die SPD im politischen Bereich spielt: Dem Kapital den Weg bahnen.

    ————

    Ganz lustig übrigens: Heute morgen gab es in NRW nur 15 Kilometer Staus, gestern 300 Kilometer. Es war offenbar vielen doch zu dämlich, im Dauerstau in die Innenstädte zu fahren und dort für einen Parkhausplatz einen Zwanziger abzudrücken.

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  7. besucher schreibt:

    sehr wohltuend auch dieser Kommentar in der Zeit:
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-11/lokfuehrer-streik-gdl-kommentar

    übrigens war der Druck auf die GDL mittlerweile wohl doch etwas zu viel:
    http://www.zeit.de/mobilitaet/2014-11/deutsche-bahn-streik-gdl-live-1

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  8. Garfield schreibt:

    ob der ICE auf Sicht fährt oder nicht – gerade bei einem kilometerlangen Bremsweg find ich’s umso wichtiger, nicht allein von der Hundert(e) Kilometer entfernten Zentrale & ununterbrochener Vernetzung aller Komponenten abhängig zu sein – sondern notfalls auch von innen & manuell übernehmen zu können.
    Bei Technik verhält es sich MMN wie mit einem Gegner: weder fürchten noch unterschätzen (bzw blind vertrauen) – alles andere als „Respekt“ (bzw „gesunde Skepsis“) geht meist ins Auge… mir fallen mir da spontan die ehem. Hohelieder auf Atomenergie ein, oder Autofahrer die unbekümmert auf’s Ufer zu preschen, weil’s das Navi ja so sagt.
    Wie anfällig so ein Konzept für Hacker-Angriffe wär, ist auch nicht ganz nebensächlich, wo „Cyber-Warfare“ immer häufiger werden.*
    „Fortschritt in sozial moderieren“, hört sich ja gut an… nur hat „qualitatives Wachstum“ (auf das auch J. Berger ständig schwört…) den Arbeitern noch nie viel abgenommen – außer ihren Jobs… menschl. Arbeitskraft extrem verteuert & dementspr. Löhne gedrückt.

    ok, genug OT:
    Die personalisierten Kampagnen gg Weselsky sind natürlich mehr als böse… zeigt scheinbar auch schon Erfolg wie „besucher“ angemerkt hat. Was Wunder, der Mann wurde ja praktisch für vogelfrei erklärt. Mir kann keiner erzählen, daß das noch mit „unabhängigem Journalismus“ zu tun hat. Da zeigen die Großunternehmer mal ihre wahre Fratze in ganzer häßlichen Pracht.

    Nebenbei ist es ja nicht so, als ob der komplettte Schienenverkerh eingestellt wäre… ich hab mir jetzt mal versch. Verbindungen angeschaut: die REs fallen zwar komplett aus, von den RBs fährt je Standort aber jeder 3., wo auch die ganz ausfallen sind Umwege über -normalen- Busverkehr & S-Bahn möglich; von den ICEs fahren sogar ALLE. Dazu die Privatbahnen (ohne jetzt in die Tiefe zu gehn – mit denen ist das aber so ne Sache, „Hausverbote“ etc…)
    MMN war der Fehler, ein so elemtares Dienstleistungsunternehmen wie die Bahn überhaupt in private Hände zu legen. Wir leben halt nicht mehr im 19. Jhdt – Mobilität ist kein „Luxus“, darauf zu verzichten können sich nur sehr wenige leisten & der eigene PKW alles andere als selbstverständlich.

    Über die EVG weiß ich nicht viel, dazu kann ich nichts sagen.
    Bei Klaus Baum hat jmd diesen Clip verlinkt, i-wo in der Mitte geht’s um „Wettbewerb um Mitglieder“. Das hat mich dann doch leicht irritiert, so einfach („GdL=gut, Bahn=böse“) scheint die Sache jedenfalls nicht zu sein.

    *) den meisten ist vermutlich gar nicht bewußt wie anfällig Kraftwerke etc sind, bereits heute auch der Schienenverkehr – zum Thema

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  9. genova68 schreibt:

    Ja, in einem kapitalistischen System nimmt Fortschritt dem Arbeiter keine Arbeit ab, weil er stattdessen weiter ausgepresst wird, das ist ja die Logik des Systems. Die Frage, die du damit anschneidest, ist die alte: Ist der Kapitalismus zähmbar, kann man ihn dem Menschen dienbar machen oder nicht. Es sieht ganz danach aus, als sei das nicht der Fall. Dann muss er halt überwunden werden. Jens Berger ist da nur innersystemisch ein Ansprechpartner, so wie alle anderen Keynsianer auch. Bemerkenswert ist, um auf das Thema zurückzukommen, dass es keinerlei Widerstand mehr gegen das Kapital gibt. Entweder kommt Esoterik oder Indignados oder irgendwelche Leute, die keine Peilung haben. Am hoffungsvollsten scheint mir noch Griechenland, wo eine linksradikale Partei am meisten Wählerstimmen auf sich zieht und ein gewisses Gewaltpotenzial besteht.

    Technik: Die unzuverlässigste Komponente ist immer der Mensch, der rettet da nix, dafür ist die Technik viel zu kompliziert. Ob Auto, Flugzeug, Bahn etc.: Der Mensch ist der Unsicherheitsfaktor Nummer eins. Jeder kennt die Regeln des zu dichten Auffahrens, aber nur eine Software garantiert, dass das auch eingehalten wird. Der Punkt ist doch viel eher: Man WILL zu dicht auffahren, das ist spannend, Adrenalin.

    Ein AKW ist aufgrund der nichtabschätzbaren Folgen abzulehnen, das kannst du nicht mit einem Navi vergleichen, das ist Massenware, das hängt von der Fütterung mit Daten ab. Ein Navi verhindert die Erfahrung in der Topographie, das finde ich sehr schade. Aber Landschaft verschwindet ja eh immer weiter aus der Wahrnehmung und interessiert nur noch auf geführten Wandertouren.

    Sicherheit: Ja, es ist alles computergesteuert, aber genau deshalb sind die Verkehrsmittel so sicher wie noch nie. Und bislang gab es keinen erfolgreichen Hackerangriff. Ich denke, wir müssten uns da entscheiden: Wenn wir überschaubare Sicherheit wollen, sollten wir zu Fuß gehen. Alles andere überlasse ich Experten, und zwar aufgrund Erfahrung: Sowohl Flugzeuge als auch Züge sind extrem sicher. Ich sehe da keinen Gesprächsbedarf, solange die Hackerangriffe abgewehrt werden.

    Unwohlsein erregt wohl eher die dahinterstehende Frage: Der Mensch erfindet Techniken, die besser sind als er selbst und die ihn selbst kontrollieren. Wenn man sich der Unzulänglichkeiten des Menschen bewusst ist, ist das ok. Dann hat man auch keine Flugangst :-) Ich hatte nur einmal ein wenig Flugangst: Als der Pilot begann, übers Mikrophon Scherze zu machen.

    Oder als dieser Costa-Cordalis-Kapitän meinte, er müsse irgendwen an Land grüßen und zu dicht an die Küste steuerte: Technik hätte die Auswirkungen seiner Eitelkeit zähmen können.
    ————-
    P.S.: Auch eine angenehme Meldung: Die verbeamteten Lokführer (davon gibt es noch 5.000) die arbeiten müssen (deshalb fahren noch manche Züge) melden sich in Massen krank, um ihre GDL-Kollegen indirekt zu unterstützen:

    „Die DB kann einen erhöhten Krankenstand in einigen Regionen während des Streiks bestätigen“, teilt eine Sprecherin des Konzerns knapp mit. EVG-Chef Alexander Kirchner zufolge sind in einigen Bereichen derzeit bis zu 35 Prozent der Beschäftigten krankgemeldet. Einige Mitglieder der GDL-Konkurrenzgewerkschaft würden sich so dem Tarifkonflikt entziehen.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/bahnstreik-beamte-als-lokfuehrer-erleben-neue-wertschaetzung-a-1001718.html

    35 Prozent ist eine eindrucksvolle Zahl. Widerstand via Krankenschein.

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  10. besucher schreibt:

    „Ein AKW ist aufgrund der nichtabschätzbaren Folgen abzulehnen“

    falsch. Mittlerweile schalten sich die AKWs bei Gefahr im Verzug selbst ab. Nach dem Prinzip dass ein Fahrstuhl nicht mehr abstürzen kann.

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  11. genova68 schreibt:

    Solange das Gesetz der Schwerkraft gilt, kann auch ein Fahrstuhl abstürzen. Aber das Stichwort „Asse“ sollte deutlich machen, was nichtabschätzbare Folgen sind. Zumal zum Kapitalismus Korruption notwendigerweise dazugehört. Aber das ist nun wirklich ein anderes Thema.

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  12. Garfield schreibt:

    nur mal kurz zur Techniksache:
    Technik: Die unzuverlässigste Komponente ist immer der Mensch

    Der Punkt ist halt: Technik ist nicht mehr als ein Produkt dieses fehlerhaften Menschens, das perfekte Gerät gibt’s damit ebensowenig wie den perfekten Mensch… wo du grade Flugzeuge ansprichst: die letzten spektakulären Unfälle (Boeing, Concorde) gingen alle auf techn. Versagen zurück, wimre.

    Es geht ja nicht um „entweder oder“ – ich seh nur keinen Grund, warum man unbedingt auf einen menschl. Überwacher für den Notfall verzichten soll.

    Ich sehe da keinen Gesprächsbedarf, solange die Hackerangriffe abgewehrt werden.

    ja, vorher ist immer alles ok…
    Bis jetzt hatten wir das Glück, daß noch kein wirklich großer Angriff versucht wurde. Wahrscheinlich muß es erst dazu kommen, damit die Leute wach werden, wie überall halt.
    100%ige Sicherheit ist natürlich immer unmöglich – aber wenn du regelmäßig Fefe liest: gerade Software ist oft dermaßen stümperhaft geschrieben (womit wir auch wieder beim Thema oben wären) …

    Ich empfehle mal diese ARD-Doku: ­eine knappe, sehr kurzweilige Dreiviertelstunde.
    Geht eher in die Breite als Tiefe; vieles wird nur angekratzt, gibt dafür einen Überblick über die Themenfelder & zeigt ohne Panikmache oder Alarmismus anhand konkreter Beispiele, wie einfach es ist die sprichwörtliche Kontrolle über versch. Systeme (von Schiffen bis Herzschrittmachern) zu übernehmen

    ff

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  13. Garfield schreibt:

    Mittlerweile schalten sich die AKWs bei Gefahr im Verzug selbst ab.

    …?? also wenn ein AKW abgeschaltet wird, gute Nacht…

    der Punkt bei AKWs ist ja gerade, daß sie im Dauerbetrieb laufen müssen …Fukushima läßt grüßen ;)

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  14. genova68 schreibt:

    „wo du grade Flugzeuge ansprichst: die letzten spektakulären Unfälle (Boeing, Concorde) gingen alle auf techn. Versagen zurück, wimre.“

    Flugzeuge sind extrem sicher, gerade weil der Mensch nichts mehr zu sagen hat. Das sagt die Statistik. Das gleiche gilt für die Bahn. Sicherer kannst du dich gar nicht bewegen als mit diesen beiden Verkehrsmitteln. Ich verstehe dein Unwohlsein, sich auf Maschinen zu verlassen. Aber das machen wir sowieso ständig. Du willst einen Menschen als Alibi, als Placebo. Das ist in Ordnung, wenn es beruhigt. Darum geht es ja vom Effekt her.

    Mein Ansatz in Bezug auf die U-Bahn (die weiter oben diskutiert wurde) wäre eher: In Berlin gab es in den 90ern noch in jedem U-Bahnhof einen Mitarbeiter, der war da, beantwortete Fragen, sorgte für Sicherheit. Die wurden alle rausgeschmissen. Es wäre doch sinnvoll, statt Placeboleute in U-Bahnen fahren zu lassen, wieder Menschen dahin zu stellen, wo sie wirklich gebraucht werden, und sei es nur nachts im Bahnhof als Bezugsperson für alleinreisende Frauen etc.

    ——————————————-

    Ich gebe zu, dass ich mich gerne auf Technik verlasse. Mit 200 in eine Autobahnkurve zu fahren, ist angenehm, weil man weiß, dass das Auto das mitmachen wird, ohne dass ich wüsste, wieso. Ich finde es bewundernswert, dass Ingenieure sowas hinkriegen. Mit einem Fahrrad an einer Reihe parkender Autos vorbeizufahren, ist gefährlicher, weil da jederzeit eine Autotür aufgehen kann. Menschliches Versagen.

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  15. Garfield schreibt:

    ich weiß ehrlichgesagt nicht, ob man die Unfall-Statistiken ernsthaft vgl kann… eine Pilotenstudium ist doch was anderes als der Führerschein; und hinters Steuer setzt sich jeder Depp, Schein oder nicht; jeder Flug wird extrem vorbereitet … der Autopilot reicht -noch- auch nur für simple Manöver, z.B. bei komplizierten Landebahnen muß wieder der Mensch ran. Und zum Schienenverkehr – der Spot „Fahren wie auf Schienen“ hieß ja auch nicht ganz umsonst so…
    ohne Frage, Technik macht vieles sicherer – Automaten ermüden/ besaufen sich nicht … blindes Vertrauen halt ich aber für gefährlich, und diese Leute sind MMN alles andere als nur „Placebos“.

    Mein Hauptproblem mit diesem Fortschrittsglauben: werden die Sensoren bei diesem franz. Konzept z.B. auch i.d. Lage sein, „merkwürdige Geräusche“ richtig zu deuten? können Variablen & Funktionen alle, noch so absurden „Sachen, die’s gar nich gibt“ erfassen, das Leben aber ständig bereithält…?
    Dazu kommt das generelle Risiko von Vernetzungen: fällt auch nur einer (bzw der „richtige“) von 1.000 Sensoren aus, ist auf den ganzen Kreislauf kein Verlaß mehr

    durch den Fortschritt entfernt sich der Mensch auch extrem von „sich selbst“. Um nur ein Bsp zu nennen: es gibt Hochrechnungen, wieviele Menschenleben ein totaler Stromausfall kosten würde (nicht auf der Intensivstation, durch Folgen wegfallender Infrastruktur etc)… vor nicht 150 Jahren war Elektrizität noch Luxus – heute hängt schon die Existenz davon ab…
    aber vllt bin ich auch nur ziemlich konservativ i.d. Hinsicht. Ich find z.B. den Gedanken gruselig, in Altersheimen Roboter zur Unterhaltung einzusetzen… in einigen Jahren aber vllt ganz normal – und rein logisch betrachet, ja auch völlig ok: die Demenzkranken kapieren den Unterschied eh nicht – und solang die Rezeptoren ausschütten… und nur darum geht’s doch im Endeffekt… :/

    @Kapitalismus/Wachstum: ja, ein Grundproblem – und mein persönliches mit Herrn Berger … (Joke ;) ne, im Ernst – wenn ich „qualitatives Wachstum“ schon höre…
    J.B. kennt sich da besser aus (vllt auch grade sein Problem ;) ), deshalb will ich mir da nix anmaßen… aber z.B. diesen Artikel konkret zu Ende gedacht -Stichwort:rosarote elektrische Elefanten – wär’s nicht einfacher, gleich Luft in Tüten, oder Geld selbst zu erkaufen („Low-Budget“-50er im Automarkendruck, für Zuschlag Designer-Scheine)…? wär jedenfalls ressourcen-sparender als nur Mittel zum Zweck zu produzieren

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  16. genova68 schreibt:

    Das ICE-Unglück von Köln, auf das du verlinkst, hatte offenbar mit schlampiger Arbeit des Achsenherstellers zu tun. Es ist natürlich Spekulation, aber es ist ja bekannt, dass die Bedingungen für die Hersteller härter werden: Knappe Lieferfristen, knappe Kalkulationen etc. Man könnte auch hier die Wettbewerbssituation als eine Gefahrenqelle beschreiben. Also auch wieder menschliches Versagen.

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  17. besucher schreibt:

    @Garfield

    Welches Baujahr haben denn die Reaktoren in Fukushima?

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  18. Garfield schreibt:

    was hat das mit dem Baujahr zu tun…
    vllt fehlt mir ja die Sachkenntnis, ich bin auch kein Atomphysiker – aber verrat mir mal, wie man einen Reaktor (ob er was „einspeist“ oder nicht) gefahrlos abschalten soll, solang die Brennstäbe nicht genug abgekühlt sind…?

    soweit ich weiß kann man die nicht einfach sich selbst überlassen, und gut is…

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  19. Garfield schreibt:

    @AKW-Selbstabschaltung, nur mal zur Vollständigkeit:

    die Energie erzeugende Kettenreaktion [wird] mit Steuerstäben gebremst oder gestoppt. Die Steuerstäbe werden in den Reaktorkern zwischen die Brennstäbe gesenkt.
    […]
    Danach entsteht aber immer noch Nachzerfallswärme: Die radioaktiven Spaltprodukte des Kernbrennstoffs zerfallen. Diese Wärme muss mit anhaltender Kühlung abgebaut werden. Das ist eine Frage von Wochen. Die Brennstäbe kommen anschließend in ein Abklingbecken, wo sie weiter gekühlt werden müssen, sonst erreichen sie in kurzer Zeit extreme Temperaturen, die noch lange nach dem Abschalten zur Schmelze führen können. Viele Monate später haben sich die Zerfallsprozesse soweit reduziert, dass zur Kühlung die Rippen eines Castorbehälters ausreichen.

    (Quelle)

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