Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Nantes Standard

Kürzlich habe ich an dieser Stelle über einen Neubau in Wien berichtet, der architektonisch hervorragende Eigenschaften aufweist und dennoch günstig vermietet wird. In Nantes im Westen Frankreich gibt es etwas ähnliches:

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(Laëtitia) Antonini + (Tom) Darmon Architectes aus Paris haben den Neungeschoßer realisiert, wie man sagt, mit einem Restaurant und Geschäften im holzvertäfelten und erweiterten EG , ansonsten mit Wohnungen. Die Fassade ist avanciert, aber auch zeitgenössisch mit den vielfältigen Aufbrüchen, Durchlässen, ein bisschen kehrt offenbar der Dekonstruktivismus zurück, nicht nur in Nantes. Die hauptsächlich verwendeten Materialien sind Ortbeton, Betonfertigteile, Aluminium- und Holzpaneele. Es ist eine klare Sprache ohne Pseudogemütlichkeit gemäß des Diktums von Karl Kraus, wonach Architektur praktisch zu sein habe, gemütlich sei er selber.

Die Balkone sind in eine weit auskragende Aluminiumstruktur eingebettet und schaffen so einen zusätzlichen, fast schon halböffentlichen Raum. Man sieht gerade im Vergleich zu dem Nachbargebäude (Bild 1), welch großen optischen Effekt das hat. Das Fensterraster, dem immer die Gefahr der Monotonie droht, wird damit visuell ausgehebelt.

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Die rundumlaufenden Balkone machen auf den ersten Blick den Eindruck von Laubengängen (wie das auch beim Baunetz behauptet wird), sind aber keine, weil sie nichts erschließen. Jedenfalls mit diesen Balkonen wird ein enormer Mehrwert für die Bewohner erzeugt: Man kann alle Zimmer sowohl vom Inneren der Wohnung erreichen als auch vom Balkon her. Die Fassadenauflockerung dient also auch dazu, Hochhausbewohnern mehr Platz zu bieten und gleichzeitig das übliche Gefühl, auf einem engen und ungemütlichen Balkon zu sitzen, nicht aufkommen zu lassen. Kinder können gut Fangen spielen.

Das Areal war bis in die 1980er Jahre ein Industriegebiet, geprägt von Werften und anderem. Es ist eine typische Bausituation einer postindustriellen Gesellschaft: Güterbahnhöfe und andere innerstädtische Flächen, die brach liegen, werden nun umgenutzt, ähnlich wie in dem Beispiel aus Wien. Das bemerkenswerte in Nantes, wie auch in Wien, ist der Preis: 4,90 Euro kostet der Quadratmeter kalt, was möglich ist, wenn man den Boden der Spekulation entzieht und auf Schnickschnack verzichtet.

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Architektur hat in Frankreich generell einen höheren Stellenwert. Das hängt wohl damit zusammen, dass sich dort die kleinbürgerliche Variante der Romantik nicht durchsetzte – im Gegensatz zu Deutschland. Während hierzulande Stadt vor allem als notwendiges Übel betrachtet wird, existiert in Paris ein nationales Architekturmuseum, das von Schulklassen en masse besucht wird. Schüler halten dort Referate über das Modulorsystem von Le Corbusier. Der Durchschnittsdeutsche ist diesbezüglich im Fachwerk und Kaiserreichaltbau steckengeblieben. Und bitte Stuck an der Decke, dann ist auch die böse Stadt ein bisschen gut. Es hängt da vermutlich auch die ganze Heideggerscheiße drin: alles Lüge außer Schwarzwald, schön dunkel und tiefgründig. Moderne Architektur wird in Frankreich vermittelt, hierzulande gesmasht.

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Dazu passt, dass Journalisten von Tageszeitungen die Bewohner neuer Häuser befragen. Ist nicht die schlechteste Idee, wenn man sich um Wohnungsarchitektur kümmert. Das ist keine l’art pour l’art. In Nantes ist das die Zeitung Ouest France. Dort berichtet die 67-jährige Françoise, dass sie sich in ihrer neuen Wohnung wie in den Ferien fühle und weniger nervös sei. Ihr Leben habe sich geändert. Die Miete betrage 280 Euro und sei damit doppelt so teuer als in ihrer alten Wohnung in einem problematischen sozialen Umfeld, aber das sei völlig in Ordnung. Die 35-jährige Tagesmutter Malika, die selbst drei Kinder hat, wohnt auf 76 qm und freut sich über den großen Balkon und sagt: „Ich habe Lebensqualität gewonnen. Für die Kinder ist es super und die Miete ist vernünftig. Es ist toll hier.“ Eine behinderte Bewohnerin bemängelt die fehlenden Automatiktüren, das wars auch schon. Alle Interviewten loben die Helligkeit der Wohnungen, die Balkons, die niedrige Miete, das Umfeld. Eine Bewohnerin sagt in Bezug auf ihre neue Wohnung einfach: „Ich bin glücklich.“

In welchem Neubau in einer deutschen Stadt sind solche Kommentare zu hören? Nirgendwo. Das soll die teilweise desaströsen Zustände in der Pariser Banlieue nicht ausblenden. (Wobei auch da zu klären wäre, inwieweit die Architektur die Ursache des Übels ist.) Aber das konkrete Beispiel in Nantes zeigt, dass dort offenbar etwas möglich ist, was in Deutschland keine Chance mehr hat.

In einem anderen Artikel des Ouest France erfährt man, dass die Stadt Nantes – mit einer halben Million Einwohner im Großraum – bis 2023 auf dem Areal insgesamt 1.200 Wohnungen errichten möchte. Soweit ich das dem Artikel entnehmen kann, allesamt zu „erschwinglichen“ Preisen. Daneben Sporthallen und Räume für Künstler.

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4,90 Euro ist eine Miete, die in Berlin nicht mehr denkbar ist. Der soziale Wohnungsbau wurde abgeschafft und der Kapitalverwertung übereignet, die dortigen Mieter kämpfen seit vielen Jahren mit teilweise absurd hohen Mieterhöhungen. 30 bis 50 Prozent mehr über Nacht sind für zigtausend Mieter die Praxis. Seit 1990 hat das Land Berlin mehr als die Hälfte der ehemals 585.000 kommunalen Wohnungen ans private Kapital verkauft. Gleichzeitig tut der Senat ein bisschen sozial und gibt Geld an arme Mieter, damit die die Mieterhöhungen bezahlen können. Das sind also Steuergelder, die auf diesem Weg ans private Kapital fließen. Sowas lief hier unter rot-rot und läuft jetzt und rot-schwarz. Be Berlin.

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Bilder mit einer architektonischen Qualität wie Nantes sieht man in Berlin überhaupt nicht mehr. Neubauten klotzen, bieten aber weniger Wohnwert. Innenräume mit unterschiedlichen Wohnungsniveaus wie oben auf Bild 4 gibt es zwar, aber das ist gleichbedeutend mit einer Nettokaltmiete von 20 Euro aufwärts oder einem Kaufpreis von 5000 Euro oder mehr.

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Der kommende Regierende Bürgermeister heißt nach dem Abgang von Wowereit im Dezember Michael Müller, SPD. Das ist der, der vergangenes Jahr als Stadteentwicklungssenator auf einer Luxusimmobilienmesse in Cannes versuchte, für weite Teile des Tempelhofer Feldes Investoren für Luxusimmobilien zu finden. Die öffentliche Meinung war in einer Zeit, in der massenhaft preiswerte Wohnungen fehlen, dann doch nicht ganz einverstanden mit dieser Art Sozialpolitik, der Volksentscheid zum Thema gab dem Vorhaben den Rest – vorerst. Aktuell sagt Müller auf seiner Website zum Thema „Wohnraum“:

„Dabei ist uns besonders wichtig, dass auch immer Wohnraum entsteht, der mit niedrigem und mittlerem Einkommen bezahlbar ist.“

Genau. Und im Sommer schneit es. Gerade hat in Mitte das nächste shopping center eröffnet, direkt neben dem shopping center am Potsdamer Platz. „Mall of Berlin“ heißt es. 270 neue Läden der immergleichen Marken, für die es keinen Bedarf gibt. Das größte shopping center Deutschlands. Es entstanden dort auch 170 Wohnungen, weil man dann behaupten kann, man sorge für die berühmte „Berliner Mischung“, also Wohnen und Gewerbe in einem. So sieht das jetzt aus: Die billigste Wohnung kostet kalt 471 Euro und ist 24 qm groß, die größte hat 300 qm und kostet 10.750 Euro Kaltmiete. Die city of London lässt grüßen.

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In Deutschland sind die sozialen Traditionen im Wohnungsbau gekappt. Ein Berlin der 1920er Jahre, wo allein zwischen 1918 und 1923, mit einer weitaus geringeren ökonomischen Potenz als heute, 500.000 Neubauwohnungen entstanden, ist nicht mehr gewollt. Verantwortlich dafür sind auch Sozialdemokraten und die Linkspartei. Stattdessen: Die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GEHAG, 1924 gegründet, wurde ab 1998 mit Unterstützung der SPD privatisiert und ist mittlerweile börsennotiert.

Wenn sich die deutsche Barbarei in Frankreich durchsetzen sollte – und vieles  deutet darauf hin -, dann wird es sowas wie in Nantes westlich des Rheins demnächst auch nicht mehr geben. Es muss halt gespart werden. Den Durchschnittsdeutschen wird es freuen: Warum soll es denen besser gehen als uns?(Fotos: baunetz.de)

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4 Antworten zu Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Nantes Standard

  1. tikerscherk schreibt:

    Sehr interessant, Dein Artikel.
    Der Neubau in nantes erinnert mich an einen Pausenfüller im Fernsehen vor urzeiten, bei dem Babykätzchen unbeholfen in einer Konstruktion herumtapsten, die aus lauter Würfeln bestand.
    Das Gebäude gefällt mir sehr gut- gerade die offenen Balkone.

    Mit Müller scheint nichts gewonnen. Es wird immer weiter darum gehen Investoren das Leben leicht zu machen und möglichst viel Eigentum zu schaffen. Hochpreisiges, versteht sich.
    Scheint der neueste Trend zu sein in Shoppingcenter zu ziehen. Auch am Alex gibt es in dem neuen Kasten neben dem S-Bahnhof ein paar Wohnungen für Leute, die wenig Geschmack aber viel Kohle haben.

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  2. genova68 schreibt:

    Stimmt, an den Pausenfüller erinnere ich mich auch noch:

    Wahrscheinlich haben die Nantes-Architekten früher beim HR gearbeitet und sich nun selbstständig gemacht.

    Und da wir in einer Informationsgesellschaft leben:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Pausenkatzen

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  3. tikerscherk schreibt:

    Ah! Du hast das Filmchen gefunden. Die Geschichte dazu ist ja nett.
    Danke für den Service!
    Die Ähnlichkeit zu dem Haus in Nantes siehst Du auch, oder?

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, die Ähnlichkeit sehe ich und sie verblüfft mich. 70er-Jahre-Design hatte ich bislang ausschließlich anders in Erinnerung. Nicht so kantig und farbiger.

    Hier ist die Katzenkonstruktion für Menschen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Serpentine_Gallery

    (das unterste Bild)

    Ganz weiß und die Konstruktion nach außen gelegt, oder auch nur eine Pseudokonstruktion, ist derzeit schwer in. Oder so:

    (das erste Bild)

    Der Hintergrund zu den Pausenkatzen ist auch putzig:

    Die Jungkatzen entstammten einem Frankfurter Tierheim, wo sie nicht betreut werden konnten und daher eingeschläfert werden sollten. Daraus entstand die Idee für den Kurzfilm, der als Low-Budget-Film gedreht wurde.

    Nachdem Pausenkatzen die ersten Male gesendet worden war, riefen viele Zuschauer beim Hessischen Rundfunk an, so dass die Jungkatzen an Katzenfreunde vermittelt werden konnten. Daraus entstand die Idee zu der Sendereihe „Herrchen gesucht“, in der Tierheim-Tiere vorgestellt und vermittelt wurden. Die Sendung lief von Mitte 1975 bis Ende 2008 zu verschiedenen Sendezeiten wöchentlich im Hessenfernsehen.

    So war die Konstruktion nicht nur schickes Design, sondern auch eine gute Tat. Ästhetik meets Ethik.

    Schön auch die Musik dazu, man merkt dabei, dass man alt wird. Ich zumindest.

    Gefällt 1 Person

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