Architektur und Dogma 5 – zum Stand des Materials (Teil 1)

Wie zeitgenössisches Bauen in Berlin aussehen kann, das den Stand des Materials testet zeigt dieses Privathaus in Berlin-Pankow. Randstädtisch gelegen, in einem eher heruntergekommenen Viertel, wo die Grundstückspreise noch erschwinglich sind. Die Philosophie, wie man sagt: Das Haus wird, wo möglich, im Rohbaustadium belassen, die verwendeten Materialien sind, wo möglich, recycelte. Das Haus ist auch als work-in-progress zu lesen: Die Bewohner können jederzeit weiterwerkeln, wenn sie das Bedürfnis danach haben.

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Die Fassade des Doppelhauses folgt der Funktion. Die Fenster sind dort angebracht, wo sie gebraucht werden, es wurde von innen nach außen gebaut. Der Erker und das zurückgestaffelte dritte Geschoß sind Rückgriffe auf traditionelle Bauweisen, und zwar da, wo sie Sinn ergeben. Der Eingangsbereich ist unprätentiös, ein dünner Aluzaun zeigt den halböffentlichen Bereich an, ohne auszugrenzen; das EG ist mit dem Fensterband (dahinter liegt die Küche) nicht abweisend, wobei die Fenster hoch genug angesiedelt sind, um sich nicht in den Schritt gucken zu lassen. Ungewöhnlich ist die ins Fensterband eingebaute Tür, vielleicht, um künftig eine weitere Möglichkeit zum Kontakt nach draußen zu haben. Angenehm, dass Alu- statt Kunststofffenster eingesetzt wurden. (Das mag nicht unbedingt effizienter sein, aber weiße Kunststofffenster sind kaum noch fortschrittlich verwendbar, weil sie in Berlin das Erbe der Altbau-Holzfenster angetreten haben, und zwar inklusive strenger Dämmvorschriften, weswegen die Profile viel zu breit wurden: ein ästhetisches Missverhältnis, das in Berlin überall zu beobachten ist und das auf eine aktzeptable Auflösung wartet. Wenn das offenbar nicht einmal in dieser Avantgarde-Atmosphäre möglich ist: besser Alu.)

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Die Außenhaut (kein Porenbeton, aber wohl etwas ähnliches) bleibt unverputzt, das Material selbst übernimmt die Außenwirkung. Man nutzt also nicht die Möglichkeit, via Außenanstrich eine schnelle, gewollte Wirkung zu erzielen, sondern setzt sich den inneren Qualitäten des Materials aus, die nicht beeinflussbar sind. Der Stein macht, was er will.

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Das Bild des rückwärtigen Gartens zeigt das ungemein Angenehme des Objekts: Das permanente Entlangtasten an der Grenze zwischen Avantgarde und Asozialität. In Teilen sieht es dort aus wie in einem abgefuckten Schrebergarten mit Messiqualitäten, aber eben immer mit dem sicheren Gespür dafür, wie weit man gehen kann. Das Abgefuckte ist immer als bewusster Einsatz von wiederverwendbaren oder einfach alten, abgenutzten Materialien und Objekten zu lesen. Die aus alten Zeiten (auf dem Gelände stand früher eine kleine Fabrik, glaube ich) stehengebliebene Ziegelwand ist in der gesellschaftlichen Mitte längst angekommen, der ebenso belassene Boden schon weniger

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Dazu kommen Haufen alter Ziegel und anderer Steine, die teilweise als Blumenkübel dienen, teilweise aufeinandergeschichtet Lebensraum für kleine Tiere.

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Stein, Ziegel, Grasbüschel, Kiesel, Holzlatten: Das Gegenteil eines rein formal angelegten Gartens, vielleicht eine Weiterentwicklung angelegter Landschaftsgärten mit dem Vertrauen, dass die Fusion von Natur und Kultur schon etwas ergeben wird, das uns anspricht, weil es unserer Lebenswirklichkeit entspricht. Ein Bild von Natur also, das den menschlichen Einfluss nicht leugnet, auch nicht in seiner Schäbigkeit.

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Genau genommen Bauschutt, der als Füllmaterial für den Boden dient.

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Eine Holzarretierung, vermutlich aus der Zeit der Ziegelwand links, wurde in den Übergang zur Hausmauer integriert, nicht weggerissen.

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Das urban gardening wirkt hier überzeugender als in den hippen Gärten der Innenstadt, wo das Thema schon längst wieder der Verkapitalisierung und der Systemstabilisierung genutzt wird.

Bauen und Recycling, ein mittlerweile angesagtes Thema von Architekten, die zwar wenig bauen, aber dafür eine Menge Aufmerksamkeit bekommen. Arno Brandlhuber ist so einer, der, selbst mitten im hochpreisigen Berlin, interessante Sachen macht. Es ist der Mut, einer tabula rasa zu misstrauen, weil so nur Geschichte entsorgt wird mit dem Ziel, Gegenwart und Zukunft zu manipulieren. Es ist das Bekenntnis, dass das Vorhandene genutzt werden kann und soll, schon einmal, weil es Teil der eigenen Geschichte ist. Eine Gefahr besteht dann in einer Romantisierung des individuellen Geschichtsgedächtnisses: Youngtimer, die der arrivierte  Neukreuzberger gerne fährt, weil sie ihn an seine unschuldige Kindheit erinnern. Erinnert an die Gründe für den aktuellen Berliner Schlossneubau.

Und zu dem Thema: Das offizielle Dauergeplapper zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wird zur Farce, wenn das Ziel nach wie vor bleibt, abzureißen und ein systemisch vermitteltes propagandistisches Geschichtsbild zu erstellen. Siehe Palast der Republik: Statt das Ding zumindest als Rumpf stehenzulassen, wurde über Jahre hinweg ein enormer Aufwand betrieben, um selbst die Versorgungstürme wegzuhauen und jetzt ein Schloss hinzustellen. Der Umgang mit dem angeblich symbolisch wichtigsten Platz des Staates zeigt, welch Geistes Kind dieser Staat nach wie vor ist. Innovative Leute lässt das liberale System in Pankow werkeln.

Die Ideologie der Gesellschaft zeigt sich viel offensichtlicher, als man das meint. Man muss nur hingucken.

(Teil 2 beschäftigt sich mit dem Inneren des Hauses.)
(Fotos: genova 2014)

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