Apple verbrennt 24 Milliarden und ist pleite

Wirtschaftsjournalismus unterm Kapital ist gemeinhin der Versuch der Verschleierung. Reale Funktionsweisen und Machtverhältnisse werden nicht beschrieben, stattdessen wird der Markt als Gott gefeiert. Besonders verschleiernd ist seit jeher die Börsenberichterstattung. Geld verbrennt angeblich (Wie genau? Auf großen Papiergeldhaufen?) und überhaupt geht es nur um Emotionen.

Spiegel-online, das Fachblatt für stündlich neue Erregung, titelt gerade

„Pannen-Update kostet Apple 24 Milliarden Dollar an Wert“.

Das verpatzte Update des iPhone-Betriebssystems kommt Apple-Anleger teuer zu stehen. Der Aktienkurs brach um vier Prozent ein, das Unternehmen verlor damit auf einen Schlag rund 24 Milliarden Dollar an Wert…

Die Pannen beim Betriebssystem-Update für die iPhones hat den Aktienkurs von Apple an der Wall Street um vier Prozent abstürzen lassen. Der Börsenwert des Technologieunternehmens büßte damit fast 24 Milliarden Dollar ein.

Der „Wert“ ist ein merkwürdiges Wesen.

Im Klartext: Die Apple-Aktie schwankte alleine in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 50 und 80 Euro. Vier Prozent minus sind Peanuts. Und natürlich hat niemand 24 Milliarden Dollar eingebüßt. Es hat sich lediglich der Preis der Aktie ein bisschen verbilligt. Es haben ein paar Leute ihre Aktien mit Gewinn verkauft, genau gesagt: mit einem Gewinn von 24 Milliarden Dollar. Apple ist derzeit an der Börse eine knappe halbe Billion Euro Wert, wie man sagt. Zu über 99 Prozent in Streubesitz.

Es ist, um das auf den Punkt zu bringen, Apple völlig egal, ob der Wert um 24 Milliarden Dollar steigt oder sinkt. Wichtig für Apple ist alleinig, ob sie gute Produkte herstellen bzw. nein: ob sie Produkte verkaufen. Je teurer, desto besser.

Wichtig für Apple ist, dass auch weiterhin Chinesen bereit sind, für einen Appel und ein Ei die Produkte herzustellen. Und dass in zehn oder zwanzig Jahren Vietnamesen und Kambodschaner zur gleichen Ausbeutung bereit sind. Hätte Apple die Wahl zwischen einer Halbierung der Marktkapitalisierung und einer Verdoppelung der Löhne ihrer Arbeiter: Die Wahl fiele nicht schwer.

Der Börsenwert ist in weiten Teilen ein Imagekonstrukt. Die Besitzer großer Aktienpakete sind vermutlich zum Teil auch Apple-Mitarbeiter. Die haben ein Interesse an einem steigenden Aktienkurs. Fürs Produkt ist das praktisch egal. Die 500 Milliarden Euro gehören nicht der Firma, sondern den Aktionären.

Eigentlich wollte ich sagen, dass dieser Spiegel-Artikel schön die Funktionsweise dieser Art von Journalismus veranschaulicht. Interessant ist lediglich die enorme Zahl von 24 Milliarden Dollar. Das suggeriert: Es passiert irgendetwas Crashiges. Vielleicht sogar: Apple ist am Ende. Es ist eine der üblicherweise drei Säue, die Spiegel-online täglich durchs virtuelle Dorf treibt: eine morgens, eine mittags, eine abends.

Und noch eigentlicher wollte ich sagen, dass die Wirtschaftsberichterstattung weiter Teile bürgerlicher Medien auf genau diesem Niveau vonstatten geht: Es geht um rein betriebswirtschaftliche Effekte, die der Verschleierung der volkswirtschaftlichen Basis dient.

Kapitalismus als Emotions- und Authentitätsmaschine mit Wohlfühleffekt durch ständige konstruierte Aufreger. Boulevardniveau als die Möglichkeit, in einer „Wissensgesellschaft“ mit Informationen vollgestopft zu werden, die dem Rezipienten das Gefühl von Informiertheit geben. Entwickelte Ahnungslosigkeit in einer entwickelten Informationsgesellschaft. Kein Widerspruch.

Update: Runde fünf Stunden nach der sensationellen Meldung über den Milliardenverlust schreibt ein Matthias Kremp auf Spon in einem neuen Artikel über Apple:

Aktienkurse schwanken – und schaut man sich die Entwicklung am Freitag an, muss sich Apple keine Sorgen machen, der Kurs steigt bereits wieder leicht an.

Schön, dass wir drüber geredet haben.

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3 Antworten zu Apple verbrennt 24 Milliarden und ist pleite

  1. kadekmedien schreibt:

    Derartigen Mist liest man wirklich unentwegt auf den Wirtschaftsseiten der »Qualitätsmedien«™. Einen hübschen Vogel schoss letzte Woche (nach dem Unabhängigkeitsreferendum in Schottland) auch Holger Zschäpitz, seines Zeichens Leitender Wirtschaftsredakteur der WELT, ab. In seinem Beitrag Der schlechte Traum ist vorbei, das Pfund geht ab versteigt er sich zu der Aussage:

    Das britische Pfund schoss in der Spitze um 0,8 Prozent nach oben.

    »schoss nach oben«, um »0,8 Prozent«, »in der Spitze« … m(

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Der Zschäpitz ist mittlerweile schon leitender Redakteur, wow.

    Ein merkwürdiger Artikel in der Welt, da steht beispielsweise:

    Nach dem schottischen Referendum halten die Märkte das Risiko einer Staatspleite für deutlich geringer. Die Wahrscheinlichkeit für einen Bankrott in den kommenden zehn Jahren fiel von 7,8 auf 7,4 Prozent.

    Wie man auf diese Prozentzahlen kommt, steht da nicht. Und 7,8 bzw. 7,4 ist Schwankungstoleranz, von wegen „deutlich geringer“.

    Am interessantesten ist aber die Grafik unten, die Leistungsbilanz, also quasi die Außenhandelsbilanz: Mit Thatcher rutscht die Kurve ab 1979 in den negativen Bereich und verharrt dort. Laut neoliberaler Propaganda hätte sich die Kurve in die andere Richtung entwickeln müssen.

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