Senioren auf die Straße: zur Asozialität unseres Sozialstaates

Da hierzulande gerne vom Sozialstaat gesprochen wird:

Dem Land Berlin gehörte ein Seniorenhaus am Hansa-Ufer, mitten in Berlin. Es wurde 1975 mit Fördermitteln (i.e.: Steuern) gebaut, hat 62 Wohnungen, Bauherr war die gewerkschaftseigene Neue Heimat. Einziehen durfte man nur mit der Vorlage eines Rentenbescheids. 2007 hat der landeseigene Liegenschaftsfonds das Haus an den schwedischen Investor Akelius verkauft. Wie man hört, zu einem hohen Preis.  Der zuständige Bezirksstadtrat (Mitte) für Soziales, Stephan von Dassel, sagt dazu:

„Bei diesem für das Land Berlin sehr lukrativen Verkauf ist auf alle gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Mieter verzichtet worden.“

Von Dassel ist allerdings auch Mitglied der Grünen, insofern kann man sein Bedauern über soziale Missstände als heuchlerisch bezeichnen.

Es kam, wie es kommen musste. Nach einer Schamfrist will Akelius nun die Mieten massiv erhöhen. Man könnte auch sagen, die Bewohner sollen vertrieben werden. Eine Initiative der Betroffenen sagt:

AKELIUS plant eine Modernisierung mit anschließender Mieterhöhung: bis zu 880,- soll dann eine der 42 qm großen 1-Zimmer-Wohnungen kosten!  Das übersteigt bei weitem die Möglichkeiten unserer Rente!  Zudem soll der Gemeinschaftraum geschlossen, bzw. in einen anderen Raum verlegt werden, der für RollstuhlfahrerInnen und Gehbehinderte nicht zugänglich ist.

Hintergrund: Das Haus steht mittlerweile in einer begehrten Gegend, nicht weit von Hauptbahnhof und Regierungsviertel, schön an der Spree. In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es ein Unding, dass alte, nutzlose Leute so teuer wohnen und doch wenig bezahlen. Es ist eine Renditeverheißung, auf die nicht verzichtet werden kann, nur weil dann ein paar Alte keine Wohnung mehr haben.

2007 war in Berlin übrigens auch die Linkspartei an der Macht.

Alle Infos stammen aus der Zeitschrift des Berliner Mietervereins (Mietermagazin). Dort steht auch folgender Satz (9/2014, S. 13):

Noch immer hoffen die Mieter, dass der Investor seine Pläne noch einmal generell überdenkt.

Toll. Sowas rutscht heute durchs aufmerksamkeitsökonomische Raster, aber viel besser lässt sich die asoziale Gestalt einer kapitalistischen Gesellschaft kaum zeigen: Die Senioren im Alten zwischen 75 und 97 Jahren haben exakt eine Möglichkeit, sich gegen die Odachlosigkeit zu wehren: Sie hoffen auf das Goodwill des Investors, das naturgemäß nicht kommen wird. Genausogut könnte man Vettel bitten, langsamer zu fahren.

Hoffnung, dass der Ausbeuter nicht ganz so drastisch ausbeutet: Die Denke weist in Richtung Feudalgesellschaft, Sloterdijk fordert diese neuartige Rutschen auf den Knien schon seit Jahren, nur dass das Knierutschen nicht mehr den profanen Gott gütig stimmen soll, sondern das Kapital. Bei Gott wären die Chancen größer.

Die Webseite der Seniorengemeinschaft (dort kann man auch eine Petition unterschreiben) sagt es deutlich: Akelius will, dass die Alten ausziehen. Es ist völlig klar, dass die die neuen Mieten nicht zahlen können. Die Gegend ist gentrifziert, es ist nun ein Viertel für andere soziale Schichten als für Rentner, die einst auf dem Gewerkschaftsticket dort eingezogen sind.

Eine feine Gesellschaft: 90jährige werden aus der Wohnung geschmissen. Und 90jährige müssen sich gegen solche Zumutungen wehren, Petitionen einbringen, Öffentlichkeitsarbeit machen und so weiter. Und Hansa 5 ist nicht der einzige Fall.

Wie gesagt: Nur falls jemand noch der Meinung ist, wir lebten in einem sozialen Staat. Und falls jemand behauptet, Hansa 5 sei nur ein Einzelfall:

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7 Antworten zu Senioren auf die Straße: zur Asozialität unseres Sozialstaates

  1. Verfasser schreibt:

    Neue Heimat. Neverending story…

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  2. genova68 schreibt:

    DAFÜR kann die Neue Heimat nun nichts.

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  3. Nick schreibt:

    Das hätte sich die Stadt Berlin natürlich denken können, dass ein Investor ein Haus nicht kauft, um erst 25 Jahre später die Mieten zu steigern…

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  4. Jakobiner schreibt:

    Alles falsch, weiß die jetzt FAZ:

    Niedrige Mieten schaden Mietern und Armen!!!

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/immobilien/mietpreisbremse-bringt-soziale-spaltung-arme-verlieren-13186067.html

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  5. genova68 schreibt:

    Der FAZ-Artikel ist einer, nach dessen Lektüre man mit einer Pleite der FAZ leben könnte. Eine teilweise kluge Zeitung, die immer wieder unglaublich dumme Artikel druckt. Eine Beleidigung des Verstandes, aber der Autor Voth ist halt Sozialdarwinist. Aber interessant zu wissen, dass in New York die Mieten offenbar erst explodiert sind, nachdem die Bremse aufgehoben wurde. In den 80ern natürlich, und nun kostet eine Einzimmerwohnung ohne Fenster in Manhatten 1800 Dollar im Monat. Ein toller Erfolg unserer Marktwirtschaft.

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/was-kostet-die-welt-new-york-schnell-und-einzigartig-a-514572.html

    Ein Leser der FAZ schreibt unter dem Artikel:

    Ich war gerade in San Francisco. Eine Bekannte erzählte, das diese Mitpreisbremse nur für Alt-Wohnungen gilt. Ein Bekannter von ihr zahlt ca. 600 Dollar Miete, zieht er aus, kann der Vermieter vom neuen Mieter über 3000 Dollar verlangen. Die Stadt wird zur zeit von den Millionären aus dem nahen Silicon Valley heimgesucht, die kaufen wie verrückt Wohnungen oder Häuser, die Alt-Einheimischen können da nicht mithalten.

    Das ist für den Ideologen Voth vermutlich schon zu hoch. Der Markt hat recht, also hat der, der sich keine Wohnung leisten kann, unrecht. Ein erschütternder Einblick in die faschismusaffine Denke dieser Leute, die sich in der Mitte der Gesellschaft wähnen.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Ein anderer Kommentator des FAZ-Artikels sagt, wo die Reise für ihn hingehen soll:

    „Olaf Berggrün 24 (Bergblau) – 02.10.2014 14:21
    Nicht die kleinen Wohnungen zu 13 € kalt sind zu teuer, Ihre Wohnung ist schlicht zu billig. Oder anders herum gefragt: Was darf „Wohnen“ denn kosten? Hinter den immer wieder postuliertem vermeintlichen „Menschenrecht“ auf eine Wohnung oder dem Ruf nach Mietbremsen steht nicht anderes als der Anspruch: Nichts! Wir alle sind Wohlstandsgenerationen, die nicht mehr gewöhnt und nicht mehr bereit sind, ein gewisses Maß an Konsum zu unterschreiten. DAS halten wir für unser Menschenrecht, nicht eine Wohnung. Sicher kann ein Durchschnittsverdiener nicht mehr konsumorientiert oder selbstverwicklichend leben, wenn er über 1000 € Miete bezahlen muss. Ich frage: Na und? Wenn die Gesellschaft das Ziel ausgibt, dass jeder sein gesamtes Einkommen nur für sich selbst (noch nicht mal für eigene Kinder!) verkonsumieren können soll, dann muss sie auch bereit sein, die Kollateralschäden dieser Ideologie zu zahlen. Wenn man andere dafür zahlen lässt, wie zum Beispiel Wohnungseigentümer, hat das eben Folgen.“

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  7. genova68 schreibt:

    Ich wäre ja schon froh, wenn solche Leute wenigstens halbwegs rational argumentieren würden, also das tun, worauf sie sicher großen Wert legen. Aber wenn man das liest: Wer 13 Euro zu teuer findet, will null Euro zahlen; dümmer geht´s nimmer. Und die armen Wohnungseigentümer sollen zahlen: Für Herrn Berggrün gibt es vermutlich ein Menschenrecht auf Kapitalrendite, besser gesagt, ein Besitzendenrecht auf Kapitalrendite. Daran darf nicht gerüttelt werden. Selbstverwirklichung dagegen ist bäh, das passt zu dem rechten neoliberalen Grundkonzept: Nur das ist sinnvoll, was der Rendite dient.

    Davon abgesehen ist das auch volkswirtschaftlicher Bullshit.

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