Touristen aufgepasst: ein belebter Markt in Lissabon!

Das klamme Portugal gibt jedem Nicht-EU-Ausländer, der für wenigstens eine halbe Million Euro im Land eine Immobilie kauft, eine tendenziell unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Portugal und den Schengenraum. Sie nennen es das „goldene Visum“. Offenbar ist die Aktion ein Erfolg: Vergangenes Jahr sind dadurch 750 Millionen Euro in Immobiliengeschäfte geflossen, schreibt die FAZ (21. August, S. 15), fast ausschließlich waren es Chinesen.

Dann kommt ein bemerkenswerter Satz:

Das hat den Markt in der Hauptstadt Lissabon belebt.

Ein für unsere Verhältnisse belangloser Satz, wir kennen den Duktus. Nimmt man ihn auseinander, wird er zur Farce.

Assoziationen: Der Markt ist ein Tages- oder Wochenmarkt, also etwas unschuldiges. Dort bietet die Bäuerin vom Land ihre prallen Äpfel an, am besten ökologisch wertvoll. Der Markt ist als belebter natürlich wesentlich angenehmer als wenn dort niemand unterwegs wäre. Nette Menschen, flüchtige Blicke, Palaver, Organisches, Nicht-Steriles, Authentisches, Eingebettetes. Das Gegenteil von Bedrohung. Ein lebendiger Markt in der guten, alten Zeit, der hochwertige Waren anbietet, sonst wäre er nicht belebt.

In Wirklichkeit geht es natürlich weder um einen Markt noch um Belebung oder gar um Leben. Es geht um unterschriebene Kaufverträge in anonymen Büros. Es geht um digitale Bewegungen von Summen auf Konten. Es geht um Inbesitznahme ohne Gebrauchswert. Es geht schlicht um steigende Preise in einem immobilen, unflexiblen Segment. Es geht um die Verwertung überflüssiger Gelder, es geht um die Herrschaft des Kapitals. Die Immobilien dürften die meiste Zeit des Jahres leerstehen.

Es geht übrigens auch laut FAZ für viele Chinesen, die jetzt investieren, um Geldwäsche. Für die Portugiesen, die gerade auf Wohnungssuche sind, geht es darum, dass sie mehr auf den Tisch legen oder ihre Träume begraben müssen. Der Preis für Luxusimmobilien in Lissabon ist 2013 um 53 Prozent gestiegen (auch FAZ). Billigere Wohnungen dürften dadurch auch teurer geworden sein.

Der portugiesische Staat gibt also reichen Chinesen die Möglichkeit, eine Aufenthaltserlaubnis für Europa zu bekommen, ihre Kinder dort auf Unis zu schicken und ihre Schwarzgelder zu waschen. Der gemeine Portugiese zahlt.

Im FAZ-Jargon sind höhere Preise eine Belebung und das Recht des Stärkeren ein Markt. Es ist die selbstverständliche Perspektive des Kapitals.

Es fällt immer wieder auf: Die DDR hat sich lediglich dämlicher angestellt. Wäre sie bei westlichen PR-Agenturen in die Lehre gegangen und nicht bei Lenin, sie würde vermutlich heute noch existieren. Wer will schon vorwärts zum zehnten Parteitag, wenn er auf einem belebten Markt spazierengehen kann?

Sprache im Neoliberalismus ist ein spannendes Thema, das von Germanisten komplett ignoriert wird. Im Zuge von 68 entstand die Unterabteilung Soziolinguistik, die für sowas zuständig wäre. Sie ist faktisch abgeschafft worden, vermutlich, weil das Kapital dafür keine Dritmittel bereitstellen will. Man könnte ja sonst ausgerechnet der von sich so überzeugten FAZ nachweisen, dass sie von Orwell nicht weit entfernt ist.

102(Foto: genova 2012)

 

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