Den launigen V. zum klingen bringen

Qualitätsjournalismus at it´s best. Der Spiegel über die aktuellen Befindlichkeiten des „Verbrauchers“ (V.):

Die zahlreichen internationalen Konflikte schlagen sich auf die Verbraucherlaune nieder. Der Konsumklimaindex des Gfk-Instituts ist so stark gefallen wie seit drei Jahren nicht…

Verbraucher in Deutschland treibt zunehmend die Sorgen um einen Einbruch der Konjunktur um…

Die Bürger treibt vor allem die Furcht um, dass die Wirtschaft unter den internationalen Krisen leidet. „Die Verbraucher gehen davon aus, dass die Konjunktur mindestens einen Gang zurückschalten dürfte“, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl…

Nun sorgen laut GfK die Eskalation der Situation im Irak, in Israel, der Ukraine sowie die Sanktionsspirale mit Russland für Verunsicherung: „Das hat die bislang überaus optimistischen Konjunkturaussichten der Bundesbürger negativ beeinflusst.“ Sie beziehen die verschärfte geopolitische Lage stärker in ihre Beurteilung ein, wie die heimische Konjunktur laufen wird.

Der entsprechende Indikator für die „Konjunkturerwartung“ verliert 35,5 Punkte und sackt auf 10,4 Zähler ab. Einen solchen Einbruch gab es laut GfK seit Beginn der Verbraucherumfrage 1980 noch nicht. Die Sorge beeinträchtige allerdings nur bedingt die Bereitschaft der Verbraucher, teure Güter wie Möbel oder Autos zu kaufen.

Die V.laune ist im Keller. Kriege rauf, Laune runter. Gottseidank erfahren wir im letzten Absatz auch, dass der V. trotz aller Krisen weiterhin Autos und andere teure Güter kaufen wird. Was kauft er derzeit nicht? Billige Güter? Butter? Brot? Flipflops? Wird der V. dadurch dünner? Und bekommt einen schlanken Fuß?

Wer ist eigentlich dieser V? Das, was man früher Bürger nannte? Oder sind das nur die Bürger, die konsumieren? Je mehr, desto verbrauchiger? Und wie läuft das konkret? Der V. schaut TV, sieht die Ukraine und Gaza und eine IS-Enthauptung und bekommt eine Magenverstimmung und sagt den Supermarktbesuch ab? Oder beschließt, den Kauf der nächsten Haribotüte noch um ein, zwei Tage hinauszuschieben? Bis die Kinder quengeln?

Der V. hat Furcht, lesen wir. Furcht, dass die Toten in Gaza und im Donbass die Konjunktur zwingen werden, herunterzuschalten. Ganz konkret: einen Gang. Da es in der jüngsten Vergangenheit ja ganz toll lief mit der Wirtschaft, hatten wir vermutlich den fünften Gang eingelegt. Nun wird in den vierten zurückgeschaltet. Bislang waren die V. überaus optimistisch, also echt gut drauf. Nun haben sie nicht nur Angst, sondern Furcht. Sie sind  überaus pessimistisch, wälzen sich nachts und schlafen schlecht. Sie wachen morgens um drei schweißgebadet auf und fragen sich, wo die Konjunktur nächste Woche hinschalten wird.

Wer ist diese Gesellschaft für Konsumforschung? Ein Marktforschungsinstitut, das 1934 gegründet wurde, um, Achtung, „die Stimme des V. zum Klingen zu bringen“, so heißt es in der Präambel. Die GfK versteht sich “ primär als Vereinigung zur Mehrung des für die Erforschung und Bearbeitung weltweiter Märkte relevanten Grundlagenwissens.“ Außerdem betreibt die GfK an der Uni Nürnberg einen Stiftungslehrstuhl für „Marketing Intelligence“. Wow. Und sie will „innovative Forschungsmethoden in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen entwickeln“.

Durch die innovative Forschung entstand vermutlich erst der V.

Tolle Sache. Der V. klingt, was das Zeug hält. Das mit dem Grundlagenwissen haben ich noch nicht ganz verstanden, aber so ist das halt mit der Grundlagenforschung. Man weiß immer erst hinterher, ob es zu etwas nutzt. Vielleicht sind die Grundlagen die Toten im Donbass und im Gaza, durch die die V. in D. den Appetit verlieren.

Es ist diese Perfidie, Menschen auf angebliches Verhalten im Supermarkt zu reduzieren. Sie sind das Volk, aber nur bei netto. Sie würden ja gerne zugreifen, doch, ach, die Kriege auf der Welt! Ich stelle mir den durchschnittlichen V. vor, wie er stundenlang in Bibliotheken sitzt und über die verschärfte geopolitische Lage und ihre Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur forscht und sich fürchtet wie seit 1980 nicht mehr und dann schweren Herzens beschließt, die Butter im Kühlregal liegen zu lassen. Es wäre angesichts der konjunkturellen Probleme verantwortungslos, sich nicht selbst die Butter vom Brot zu streichen.

Lustig ist auch, dass die V.laune sinkt, weil der V. erwartet, dass die Konjunktur – ja, was denn? – nicht mehr rund läuft (um im Jargon von GfK und Spiegel zu bleiben). Selbsterfüllende Prophezeiung. Vielleicht sollte jemand den V. sagen, dass sie einfach mehr verbrauchen sollen, dann läuft auch alles rund, Krieg hin, Krieg her. Die jetzt Toten im Donbass haben vermutlich eh noch nie besonders viel aus Deutschland gekauft. Die Gaza-Toten auch nicht.

Außerdem: Verbraucht der V. nicht, ist er erledigt. Er existiert dann nicht mehr. Es geht hier nicht nur um ein halbes Pfund Butter mehr oder weniger. Der V. ist dann so tot wie die Leute im Donbass und in Gaza. Die haben vermutlich auch zu wenig verbraucht. Sie sollten dem deutschen V. eine Warnung sein. Die Grundlagenforscher wissen sicher näheres.

Der V. soll sich nicht so anstellen, meine ich. Einfach Fernseher aus- und die Kauflaune wieder einschalten.

Fürchtet euch nicht, liebe V. Klingt lieber mehr.

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142 - Kopie - Kopie (2) - Kopie(Fotos: genova 2014)

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