Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Wien Standard

Die Architekten von Superblock haben in Wien in der Innenstadt, 2. Bezirk, ein Wohnhaus in einem großen Neubauareal gebaut. Die Bilder lassen einen Berliner an Luxuswohnungen für 20 Euro nettokalt aufwärts denken. Drunter wird in Berlin nicht mehr gebaut.

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In Wien ist das offenbar anders. Dort wird dieses Gebäude mit innovativen, Maisonette-Wohnungsgrund- und aufrissen, mit einem Café im Erdgeschoß und einer gemeinschaftlichen Dachterrasse in einer Gegend geplant, deren Boden die Stadt wahrscheinlich für ein Vielfaches verkaufen könnte. Die Stadt Wien könnte sich also so asozial verhalten, wie es die Stadt Berlin seit den 1990-er Jahren tut. Tut sie aber nicht.

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Statdessen kostet an der Donau eine Wohnung mit 60 Quadratmeter 480 Euro inklusive Nebenkosten plus Strom und Gas – bei normalem Einkommen, womit man warm bei maximal 550 Euro landet. Niedrige Einkommen kriegen Wohngeld.

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Dazu kommt:

Die äußere Gestaltung des Hauses ist geprägt durch tiefe Balkone und pinkfarbene Einschnitte. Diese verweisen auch auf das eigentliche identitätsstiftende Element des Gebäudes, das sich erst im Inneren eröffnet. Hier erwartet die Bewohner nämlich eine Art pinker Canyon, ein vertikal durchgehender Erschließungsraum, der das gesamte Haus als eine Einheit erfahrbar macht.

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Die soziale Finanzierung im Wohnungsbau hat in Wien Tradition. Im roten Wien der 1920er Jahre legte man die maximalen Mieten so niedrig, dass sich der privatinvestierte Wohnungsbau nicht mehr lohnte – daraufhin fielen die Bodenpreise. Nun griff die Stadt zu und vergrößerte ihre kommunalen Bodenflächen um das zehnfache. Dazu kamen eine Wohnbausteuer – je luxuiöser, desto höher fiel sie aus – und Luxussteuern. Die Wohnbausteuer war teilweise eine De-Facto-Enteignung von Hausbesitzern, was vermutlich eine notwendige Voraussetzung für ein soziales Verhalten in einer Stadt ist. All die genannten neuen Steuern führten dazu, dass sie schon 1927 zu 36 Prozent zum Gesamtsteueraufkommen Wiens beitrugen. Dementsprechend finanzierte sich der Wohnungsbau zu 40 Prozent aus dem städtischen Säckel.

So entstand in Wien massenhaft bezahlbarer Wohnraum, es entstanden die sogenannten Superblocks, und das in einer Zeit, in der die Produktivität verglichen mit heute auf Steinzeitniveau lag. Auch damals ging schon einiges, wenn man wollte. Die rechten österreichischen Regierungen auf nationaler Ebene torpedierten diese soziale Politik, bis sie 1934 aus bekannten Gründen zum Erliegen kam.

In Berlin, obwohl seinerzeit in einer ähnlichen Tradition stehend, ist eine soziale Wohnungsbaupolitik undenkbar: Dort freut sich der Sozialdemokrat Wowereit bekanntlich wegen der steigenden Mieten und wegen der zu vertreibenden Bewohner. Berlin ist, was den Bezug zur kapitalistischen Realität angeht, das Gegenteil seines Rufs: reaktionär, kapitalistisch, regressiv, korrupt. Die vielen Menschen mit Potenzial werden hier medial und propagandistisch verheizt, sonst nichts.

Hier erzählt einem jeder dahergelaufene Baupropagandist, dass man unter zehn Euro nettokalt nicht mehr bauen könne und die Marktgesetze nun mal 20 Euro nötig machten. Oder man verkauft direkt Eigentumswohnungen für 4.500 Euro aufwärts, woraus sie die Mieten erklären. Viele dieser Wohnungen stehen schätzungsweise bis auf ein paar Wochen im Jahr, wo der Besitzer dort abhängt, leer.

Solch tiefe Balkons wie in Wien bekommt man übrigens auch dann nicht. Schlanke Fassaden mit flachen Balkons und Loggien verkaufen sich offenbar besser – das kapitalistische Auge wohnt mit.

P.S.: Überlässt man Wohnen dem Markt, dann sieht es in Wien so aus wie überall:

Wohnen in Wien hat sich in den vergangenen Jahren rasant verteuert. Seit 2007 sind die Mieten um 30,3 Prozent auf durchschnittlich 14,45 Euro pro Quadratmeter angezogen und die Eigentumspreise um 31,1 Prozent auf 3.981 Euro pro Quadratmeter.

Wie es noch besser geht, zeigte schon vor Jahren Salzburg.

(Fotos: baunetz)

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3 Antworten zu Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Wien Standard

  1. A Wianer möcht I sein,

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  2. genova68 schreibt:

    Besonders perfide sind hierzulande die öffentlichen Kommentare zu steigenden Mieten. So hat nun ausgerechnet Michael Hüther, Chef des Propagandainstituts der deutschen Wirtschaft, IW, eine Studie vorgelegt, in der er die beabsichtigten Ergebnisse seiner politischen Forderungen beklagt:

    Eine Studie zeigt: In deutschen Großstädten wächst die Gefahr, zu verarmen. Gerade in reichen Metropolen können sich mehr und mehr Menschen die hohen Mieten und sonstigen Preise nicht leisten….

    http://www.fr-online.de/arbeit—soziales/armut-stadtluft-macht-arm,1473632,28223220.html

    Hätte der Typ einen Arsch in der Hose, würde er wenigstens zu den Folgen seine politischen Ansichten stehen. Die beschriebenen Verhältnisse sind ja das, was Hüther will. Stattdessen schiebt er eine Studie hinterher und fordert, den Dieb zu fangen. Aber der Düsseldorfer Hüther hat auch kein Problem damit, Mitglied in der Heine-Gesellschaft der Stadt zu sein:

    https://exportabel.wordpress.com/2013/05/29/huther-mag-heine-historisch-betrachtet-siegt-die-luge/

    Es ist diese vordergründig völlige Auflösung von politischen Fronten, die unsere Zeit beschreibt. Das nutzen Rechte, siehe Montagsdemos, um links und rechts für irrelevant zu erklären und helfen damit Leuten wie Hüther, der die Studie als Beruhigungspille nutzt, um vermutlich im gleichen Atemzug eine Verschärfung der neoliberalen Agenda zu fordern. In ein paar Jahren kann er dann wieder eine Armutsstudie erstellen und die Folgen seiner Politik beklagen.

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  3. Susanne Senft schreibt:

    Hat dies auf senftblog rebloggt und kommentierte:
    Ein Wiener Wohnbau als Beispiel für Berlin. Da dürfen wir schon ein bisschen stolz sein, oder?

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