Kirche, Aristokratie, Konzerne: Geschichte wird gemacht

Der Filmemacher Ken Loach:

„Sponsoring ist ein riesiges Problem. Der Subtext von Sponsoring ist, dass es keine Kultur geben kann, die nicht von reichen Leuten und Konzernen genehmigt wird. Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt sind es die Konzerne.“

Schön auf den Punkt gebracht. Ob Drittmittel an den Universitäten, ohne die nichts mehr geht, ob Bill Gates mit seiner 60-Milliarden-Euro-Stiftung, ob Hasso Plattner, der neue König von Potsdam: Es ist alles eine Refeudalisierung, die vor allem zeigt, dass Kapitalismus die einen bitterarm und die anderen extrem reich macht. Letztere merken früher oder später, dass sie mit ihrem Geld ihren Ruhm nur noch steigern können, wenn sie es öffentlichkeitswirksam investieren.

Die bürgerliche Gesellschaft nennt solche Leute allen Ernstes Philanthropen.

Sponsoring verschleiert auch den klaren Blick auf das spätkapitalistische Phänomen des Staats im Staate in Form großer Konzerne, die jede Gesellschaft zerstören, die sich nicht der Konzernlogik unterwirft. Das gesellschaftliche Bewusstsein wird um Jahrzehnte zurückgeworfen, wenn sich Microsoft oder Amazon oder Nestlé als reine Wohltäter aufspielen dürfen, wo es gälte, ihnen die Maske herunterzureißen. Man könnte gerade diese drei Firmen also solche beschreiben, die frühzeitig hätten gestoppt werden müssen, wenn einem sowohl gesellschaftliche Emanzipation als auch Marktwirtschaft wichtig sind. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, das genau dies nicht passiert.

Der rechte wie öffentlichkeitswirksame Philosoph Peter Sloterdijk forderte ganz im Sinne dieser Entwicklung vor ein paar Jahren schon die Reichen dazu auf, ihre Steuerzahlungen zu boykottieren und, wenn sie Lust haben, ihnen Wohlgesonnene zu sponsorn. Die anderen werden ausgemerzt, gemäß der sozialdarwinistischen Haltung neoliberaler Ideologie. Sponsoring ist ein Schritt in diese Richtung. Die Milliarden, die dafür nötig sind, werden den Staaten vorher in Form von Steuersenkungsforderungen oder Verträgen wie CETA oder TTIP abgepresst bzw. man operiert gleich direkt in Steueroasen.

Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt die Konzerne. Nestlé, so las ich gerade, hat seit seiner Gründung ein paar hundert Firmen aufgekauft und sponsort aus dem Reingewinn von knapp zehn Milliarden Euro jährlich eifrig. Zur Entscheidung, wer gesponsort wird, teilt Nestlé mit:

Wenn Sie innerhalb von 3 Wochen nach Eingang Ihres Gesuchs keine Antwort von uns erhalten, bedeutet dies, dass wir Ihrem Anliegen nicht entsprechen können.

Sloterdijk kann den Text als Muster verwenden. Ein weiterentwickeltes Jobcenter auch.

P.S.: Die Filme von Ken Loach sind mir in der Regel filmästhetisch zu billig, zu gewollt. Die Aussage ist überdeutlich spürbar, die politische Haltung des entindustrialisierten Großbritannien wird zu unreflektiert auf die ästhetische Ebene übertragen. Angel´s Share ist ein gutes Beispiel dafür. Aber vielleicht überbewerte ich jetzt das Alterswerk.

119(Foto: genova 2013)

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3 Antworten zu Kirche, Aristokratie, Konzerne: Geschichte wird gemacht

  1. cyralinus schreibt:

    „Angel´s Share“ ist ein toller Film!

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  2. cyralinus schreibt:

    „Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt die Konzerne. “
    Unter dem „Sponsoring“ von Kirche und Aristokratie ist in früheren Jahrhunderten trotzdem großartige Kunst entstanden. Kunst ist fähig dazu subtil innerhalb des Systems Widerstand zu leisten- sei es auf ästhetischer Ebene.

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  3. genova68 schreibt:

    Stimmt.

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