Materialkunde 6 (Pressspan/Wellblech)

Auf ein vor Jahrzehnten in Eigenbau errichtetes Backsteinhaus in Buenos Aires sind jetzt zwei Stockwerke draufgesetzt worden. Bemerkenswert sind die verwendeten Materialien: Pressspan und Wellblech.

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Zwei Materialien, die billig in der Herstellung und praktisch in der Verwendung sind. In der Regel wird als Handicap betrachtet, dass beide Baustoffe kein gutes Standing haben: billig in der Anschauung. Wellblech als Baustoff armer Leute und nur im Kleingewerbe einsetzbar; Pressspan als lediglich in der Produktion verwendeter Baustoff, der tunlichst nicht sichtbar sein darf.

Es gehören Mut und Fähigkeit dazu, solche Materialien sichtbar und dominant im Wohnungsbau (oder hier in einem Künstleratelier) einzusetzen und damit das Risiko einzugehen, dass die beabsichtigte Aufwertung des Materials in der Praxis nicht funktioniert. Am Anfang steht die negative Betrachtung, die der Architekt aufnehmen und ihr begegnen muss.

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Das ist in diesem Gebäude ganz hervorragend gelungen – soweit man das via Fotos behaupten kann. Die Spanplatten sind an den Wänden unverkleidet, an der Decke weiß gestrichen, was zusätzlich problematisch sein könnte. Pressspan ist nicht völlig oberflächenplan, sondern zeigt eine leicht reliefartige Struktur. Die zu übermalen führt wiederum zu einem Ergebnis, das man in seiner optischen Wirkung schlecht vorhersehen kann. Es erinnert an die Nachkriegszeit.

Der Kontrast zwischen dem Pressspan und dem Bodenbelag aus, wie es aussieht, teurem Holz, verfolgt die gleiche Intention: Es wird Span und Blech nicht leichtgemacht, sich zu behaupten. Doch die Architekten (HM Aquitectos, Portugal) vertrauen ihren Fähigkeiten und vermutlich ihrer Einsicht, dass ehrliche Materialverwendung nie falsch sein kann, wenn die Verarbeitung stimmt.

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Wir haben hier also Materialien, die die Existenz billiger Industriemassenware nicht leugnet, sondern aufgreift und neu definiert. Es ist die Annahme der eigenen Sozialisation und ihrer eigentlich vertrauten Materialien und ihre Transformation in die Zukunft. Es ist ein Ansatz, der zeigt, wie man verantwortlich und selbstreflexiv mit sich selbst umgehen kann. Es wurde hier konsequent auf jeden äußerlichen Versuch der Repräsentation verzichtet, also bei Architektur auf die Versuchung, mit scheinbar hochwertigen Materialien eine Wertigkeit vorzugaukeln, die nicht existiert und nicht existieren kann, wenn sie der Bauaufgabe nicht innerlich ist. Die Repräsentation und die Wertigkeit sind in dieser bewussten Transformation naturgemäß eher gegeben.

Solche Bilder sind auch deshalb so angenehm, weil man in Berlin das Gegenteil vorgesetzt bekommt: Polierter Granit, schlecht verarbeitet und noch schlechter an Fassaden gepappt, die Stadt ist mittlerweile voll davon. Das ist das Dauerbedürfnis einer regressiven Gesellschaft nach Verleugnung des Eigenen und der Applikation irgendwelcher feudaler Traditionen. Die Schlossatrappe, die derzeit in der Reichshauptstadt hochgezogen wird, ist der vorläufige Höhepunkt. Der nächste Höhepunkt wird dann die Garnisonskirche in Potsdam.

Noch deutlicher wird die deutsche Regression beim Ziegel: Der wurde über Jahrhunderte in kaum veränderten Verfahren gebrannt, heraus kamen Ziegel, die jeder so einzigartig waren wie ein Mensch. Mittlerweile wird der Ziegel meist glasiert und der stolze Eigenheimbesitzer freut sich über sein glänzendes Dach oder die glänzende, tote Wand. Glänzend scheint im Bürgertum hochwertiger zu sein als matt. Die spezifischen Eigenschaften des Ziegels gehen mit der Glasur aber komplett verloren. Das, was den Ziegel jahrhundertelang ausmachte, ist nun peinlich geworden.

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Die Verwendung billiger Materialien in neuem Kontext fällt in letzter Zeit öfter auf, habe ich den Eindruck. Die vor ein paar Jahren renovierte Stadtteilbibliothek in Berlin-Kreuzberg am Kottbuser Tor ist so ein Fall. Ein Besuch lohnt da nicht nur wegen der Bücher.

(Materialkunde 1 bis 5 sind unter der Suche rechts abrufbar.)

(Fotos: bauwelt)

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7 Antworten zu Materialkunde 6 (Pressspan/Wellblech)

  1. Babewyn schreibt:

    Pressspan! Schö-ö-ön. Günstig und gut bauen, damit leute ein schönes zu Hause haben, noch schöner!

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  2. tikerscherk schreibt:

    Für Pressspanplatten kann ich mich nach wie vor nicht so begeistern. Mag daran liegen, dass mein Kinderzimmer damit ausgelegt war. Der Vorteil war allerdings, dass ich den Boden bemalen und einsauen durfte wie ich wollte.
    Wellblech aber, gefällt mir ausgesprochen gut. Schlichtes, gutes, stabiles Material.

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  3. genova68 schreibt:

    Ja, es geht immer um Kindheitserinnerungen, um Sozialisation. Bei Pressspan habe ich auch keine gute Erinnerung, die Haptik macht einem Kind fast Angst, wenn ich das richtig im Kopf habe, Angst vor Splittern. Aber gerade dann finde ich es reizvoll, wenn man das Material verwendet und mit diesen Erfahrungen umgeht. Das kollektive Gedächtnis im Material Ernst nehmen und transformieren. Der Mut, kein von der Masse anerkanntes Material zu benutzen, mit dem sich, wie üblich, von unten abgesetzt wird wie mit dem Mercedes. Ein postmaterielles Material sozusagen.

    Die Platten auf den Bildern sind alle lackiert, nicht nur die an der Decke, sondern auch die an der Wand. Das nimmt die unangenehme Haptik, vermute ich.

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  4. tikerscherk schreibt:

    Weisst Du, durch was dise ganzen Späne eigentlich zusammen gehalten werden? Irgendein Kleber?

    Manche Erinnerungen lassen sich nur schwer überschreiben. gerade dann, wenn sie sehr weit in die Kindheit zurückreichen.
    Im Zweifelsfall muss das Meterial dann eben so bearbeitet werden, dass es neu erscheint und gar keine negative Assoziation mehr zulässt.
    Denn ein Haus zu bauen, an das man sich erst einmal gewöhnen muss und hoffentlich eines Tages alle unangenehmen Verknüpfungen irgendwann vergisst, ist dann doch ganz schön gewagt.

    Gefällt 2 Personen

  5. genova68 schreibt:

    Ja, es soll nichts mit Gewalt überschrieben werden. Du solltest mal nach Buenos Aires reisen und ein paar Wochen in dem Haus mit den Spanplatten wohnen und danach berichten. Wäre interessant zu erfahren, ob sich dein Verhältnis zu dem Material geändert hätte. Aber klar, bau dir nicht so ein Haus mit Pressspan, es wäre ja ein längerfristiges Vorhaben. Du könntest ja den großen Brude der Pressspanplatte einsetzen: MDF-Platten.

    Ich habe Presspan nicht zuhause erlebt, das war ein Neubau, sondern in eher heruntergekommenen Zusammenhängen, auch mit billigem Geruch verbunden.

    Mich reizt der Mut, mit billigen Materialien zu arbeiten. Pressspan ist ökologisch ok, es wird bei der Herstellung Holzabfall eingesetzt. Kleber auch, das kann wohl problematisch sein, aber Wikipedia informierte mich gerade, dass es auch Spanplatten mit dem Blauen Engel gibt. Bei IKEA ist jedes zweite Möbelstück aus Pressspan mit Oberflächenlackierung. Hält zwar nicht so viel aus wie Massivholz, aber man muss ja nicht auf jedem Regal tanzen.

    Pressspanplatten nutzen ist so ähnlich wie Innereien essen. Es ist doch pervers, nur das Filet zu essen und den Rest der Kuh wegzuschmeißen.

    In der erwähnten Bibliothek in Kreuzberg sind Leitungen auf Putz verlegt, Kabelträger sichtbar, um Ecken werden die Kabel nackt gelegt, auch sichtbar: Es könnte alles billig wirken, tut es aber meines Erachtens nicht. Es ist die Abkehr von diesem dämlichen „alles verstecken“, um hochwertig zu wirken.

    Ich schreibe demnächst mal was zu einem ganz wunderbaren Gebäude, das ich mir kürzlich in Pankow anschaute: alles ist im Rohbau belassen. Extrem gewagt.

    Gefällt 1 Person

  6. tikerscherk schreibt:

    „Pressspanplatten nutzen ist so ähnlich wie Innereien essen. Es ist doch pervers, nur das Filet zu essen und den Rest der Kuh wegzuschmeißen.“

    Du hast immer die besten Vergleiche.
    Ja, schreib mal was über das Pankower Gebäude, bin schon gespannt.
    (Sollte es mich nach Buenos Aires verschlagen, was mir tatsächlich sehr gut gefallen würde, dann wäre das Pressspanhaus nicht mein erstes Ziel. Wenn aber doch, dann täte ich hier berichten)

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  7. genova68 schreibt:

    Wenn aber doch, dann täte ich hier berichten

    Ok, ich halte dir hier den Platz frei. :-)

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