0,4 Prozent Wachstum: Für die investigative Zeit ein „Boom“

Die herrschende Klasse organisiert die Geschichtsschreibung, also das kollektive Gedächtnis. Eine alte These, die in den vergangenen Jahren am laufenden Band aktualisiert wird. Jüngstes Beispiel ist Die Zeit, wo ein Philip Faigle im Wirtschaftsteil (31. Juli, S. 23 und auch online verügbar, sehe ich gerade) für eine „Agenda 2020“ plädiert. Seine Argumentation ist atemberaubend.

Faigles Kernthese: Deutschland braucht eine Agenda 2020, denn die erfolgreiche Agenda 2010 ist schon zehn Jahre her und es gibt immer noch Ungerechtigkeiten in Deutschland – wohlgemerkt: laut Faigle trotz der Agenda 2010.

Faigle behauptet im Text diverse Male einen wirtschaftlichen Aufschwung: „Jetzt im Boom“, wir befänden uns in einem „langen Aufschwung“, die „wirtschaftliche Ausgangslage“ sei „so günstig“ wie „seit Jahrzehnten nicht“. Deutschland erlebe gerade „ein Wirtschaftswunder“.

Wirtschaftswunder ist nun doch vielleicht eine Nummer zu dick aufgetragen, so dass selbst der durchschnittliche Zeit-Leser die Lügengeschichte bemerken könnte. Als Wirtschaftswunder bezeichnet man in Westdeutschland die 1950er Jahre, damals lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bei 8,2 Prozent.

Wie sieht es real aus mit dem Aufschwung? 2010 gab es 4,0 Prozent, was als Reaktion auf die 5,1 Prozent minus im Jahr zuvor zu sehen ist. 2011 waren es 3,3, 2012 0,7 Prozent und 2013 0,4 Prozent. Für 2014 werden etwa 1,7 Prozent prognostiziert, wobei auch das in Kürze heruntergesetzt werden wird.

Es gab Zeiten, da wurde eine Null vor dem Komma als Symptom einer Krise gesehen, als ein Zeichen dafür, dass man knapp an einer Rezession vorbeigeschlittert ist. Laut Herrn Faigle befinden wir uns auch mit 0,7 bzw. 0,4 Prozent noch in einem Aufschwung, der sich aber „bald abschwächen“ könnte. Nein, nicht nur in einem Aufschwung: Wir befinden uns aktuell in einem „Boom“. Wohin schwächt sich ein Boom ab? Zu einem Aufschwung? So wie ein Orkan sich zu einem Sturm abschwächt?

Wer ist Philip Faigle? Aus seiner Selbstbeschreibung bei der Zeit:

Er ist in Köln groß geworden und hat dort Volkswirtschaft und Politik studiert. Nach dem Besuch der Kölner Journalistenschule arbeitete er als Autor und Reporter für DIE ZEIT, NEON und die Berliner Zeitung. Seit 2007 ist er Redakteur bei ZEIT ONLINE – erst in Hamburg, später in der Berliner Redaktion. Im Februar 2014 wechselte er in das neu gegründete Team Investigativ/Daten.

Er ist 1980 geboren, was ein wenig die neoliberale Verkleisterung seines Hirns erklärt. In den 1990ern sozialisiert, zwischen Nationalismus und kapitalistischem Größenwahn, das Ende der Geschichte verinnerlicht. Besonders lustig ist der letzte Satz: das Team Investigativ/Daten. Was auch immer das genau sein mag, es ist alleine von der Wortwahl her so lächerlich, wenn das Teammitglied Faigle einfachste Zusammenhänge weder recherchieren noch darstellen kann. Da braucht es keinen Investigativjournalismus, sondern schlicht einen einminütigen Besuch auf der Webseite des Bundesamtes für Statistik.

Man kann über Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum streiten, man kann das erst recht über nivellierende Durchschnittswerte in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft tun. Aber man sollte doch zumindest einfache Rechenaufgaben lösen können, bevor man in einem angesehenen Blatt einen Artikel veröffentlicht.

Dann behauptet Faigle noch den üblichen neoliberalen Blödsinn: Dass wir leider trotz der Agenda 2010 zuviel Armut haben, dass Arme zuwenig verdienen, dass es zuwenige Aufstiegschancen gibt. All das sind Ergebniss von Agenda 2010 und ihren Ausläufern.

Es bleibt die alte Frage: Ist ein Faigle zu dumm zur Recherche? Sind es bewusst formulierte Unwahrheiten, also Lügen? Gibt es in der Wirtschaftsredaktion der Zeit die Vorgabe einer Marschrichtung, nach der die Ergebnisse neoliberaler Politik unbedingt schöngeredet werden müssen?

Die Marschrichtung lässt sich in allen neoliberalen Blättern feststellen: „Der deutschen Wirtschaft geht es prächtig – und das dürfte lange so bleiben.“ schreibt das Handelsblatt gerade zur Konjunkturentwicklung. Es sind vermutlich die Dax-Konzerne gemeint.

Noch absurder berichtet die Süddeutsche Zeitung unter der realsatirischen Überschrift „Deutschland boomt in lahmender Eurozone:

Völlig anders sieht die Situation in Deutschland aus: Hierzulande ist die Wirtschaft zum Jahresbeginn deutlich gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten Quartal 2014 im Vergleich zum Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,8 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Damit hat sich der Aufschwung beschleunigt, nachdem die deutsche Wirtschaft zwischen Oktober und Ende Dezember 2013 nur um 0,4 Prozent zugelegt hatte. „Bei diesem kräftigen Wachstum zum Jahresbeginn spielte allerdings auch die extrem milde Witterung eine Rolle“, schreiben die Statistiker.

0,8 Prozent, zuvor 0,4 Prozent. Der „Aufschwung“ hat sich beschleunigt. Der Deutschlandfunk redet von einer Verdoppelung. Wenn sich das Wirtschaftswachstum von 0,1 auf 0,2 Prozent erhöht, reden die dann auch noch von Verdoppelung und einem sich beschleunigendem Wachstum?

Das Statistische Bundesamt dämpft in der Meldung die Euphorie, wenn das Wachstum vor allem auf eine extreme Wetterlage zurückzuführen ist. Egal.

So ganz einig sind sich die Experten allerdings nicht. Am 17. Juli, also zwei Wochen vor dem Artikel von Philip Faigle, schrieb das Manager-Magazin unter der Überschrift „Aufschwung kommt zum Erliegen“:

Der Aufschwung in Deutschland ist Ökonomen zufolge im zweiten Quartal nahezu zum Erliegen gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt ist von April bis Juni voraussichtlich nur noch um 0,2 Prozent gewachsen, wie aus einer Umfrage unter Volkswirten von 23 Banken und Instituten hervorgeht. Das wäre der kleinste Anstieg seit mehr als einem Jahr.

Im ersten Quartal hatte es noch zu einem Plus von 0,8 Prozent gereicht. Dazu trug der milde Winter erheblich bei, durch den etwa am Bau viele Projekte vorzeitig beendet werden konnten. Dadurch dürfte nun aber der Frühjahrsaufschwung wesentlich schwächer als sonst üblich ausfallen.

Was jetzt? Wirtschaftswunder oder ist da etwas zum „Erliegen“ gekommen?

Die Welt erkennt auch eine Abnahme der wirtschaftlichen Dynamik, behauptet aber, dass Deutschlands „rasanter Aufschwung“ an Fahrt verliere. Es steht dankenswerter Weise auch da, was man unter rasant versteht: 0,8 Prozent.

Vielleicht kann man es so erklären: Neoliberale Politik bringt keine dauerhaften Wachstumsraten, da der Massenkonsum erschwert wird. Das ist bekannt, vermutlich auch den Apologeten. Statt sich damit auseinanderzusetzen, werden einfach Definitionen angepasst: 0,8 Prozent sind nun nicht mehr Mittelmaß, sondern ein Wirtschaftsboom. Und ich schätze, dass mehr deutsche Zeit– und SZ-Leser die neoliberale Gehirnwäsche annehmen als DDR-Bürger an die Übererfüllung des Plans glaubten. Man hatte damals noch eine Gegenseite. Heute diktiert das Kapital offenbar direkt in den Journalistenblock.

Aber alles schön investigativ und mit Daten.

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16 Antworten zu 0,4 Prozent Wachstum: Für die investigative Zeit ein „Boom“

  1. kadekmedien schreibt:

    Es bleibt die alte Frage: Ist ein Faigle zu dumm zur Recherche? Sind es bewusst formulierte Unwahrheiten, also Lügen? Gibt es in der Wirtschaftsredaktion der Zeit die Vorgabe einer Marschrichtung, nach der die Ergebnisse neoliberaler Politik unbedingt schöngeredet werden müssen?

    Traurigerweise stimmt es, dass diese Frage/n im Raum bleiben. Es ist wirklich unbegreiflich, wie schlecht diese Leute entweder im Recherchieren oder im simplen Zusammenzählen von 1 und 1 sind. Ganz zu schweigen von diesem Hurra-Journaillismus™, welcher der – Du hebst zu Recht darauf ab – DDR-Propaganda auf ganzer Linie spottet.

    Bemerkenswert finde ich aber das Herbei-Gerede/Geschmiere von Reformen à la »Agenda 2020«. – Fing es so nicht auch mit der Agenda 2010 an, der bis heute unentschuldigt gebliebenen Propagandaschlacht sondergleichen, die aus der Tretmühle Geschleuderte als Müßiggänger in der »sozialen Hängematte« denunzierte, die »nicht essen« sollen dürften, wenn sie nicht auch arbeiteten? – Am Anfang war immer das Wort ;)
    Und so wird es auch diesmal sein. Damals wurde die Lüge (sie lässt sich auf der Website des Bundesamts für Statistik entlarven) vom »kranken Mann Europas« in Vorbereitung des größten sozialen Verbrechens der Nachkriegszeit verbreitet. Mittlerweile drängt man mit Frankreich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone zu »Reformen«, worauf wohl mit aller Wahrscheinlichkeit Italien folgen müssen wird. Und am Ende heißt es dann wieder, Deutschland sei nun erneut »Schlusslicht« und müsse dringend »handeln«.
    Der ganze Reigen firmiert übrigens unter der Ägide »Anpassung der Sozialsysteme in Europa«, nach unten natürlich, wohin denn sonst. Griechenland für alle!

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, der kranke Mann Europas war auch damals schon eine bewusst geschaffene Fiktion, ohne reale Grundlage. Um 2000 herum lag der Außenhandelsüberschuss bei ein paar Milliarden, nach der Agenda bei etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr. Der Binnenmarkt stagniert oder geht zurück. Absurd ist gerade, dass Faigle eine Agenda 2020 mit sozialer Richtung propagiert. Auch hier wäre notwendig, erst einmal den Begriff Reform zu kritisieren: Er meint nur noch Sozialabbau.

    Solch einen Text den Lesern vorzusetzen bedeutet, sie nicht Ernst zu nehmen.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Zu 1)genova68 | 5. August 2014 um 18:16 |

    „Ja, der kranke Mann Europas war auch damals schon eine bewusst geschaffene Fiktion, ohne reale Grundlage. Um 2000 herum lag der Außenhandelsüberschuss bei ein paar Milliarden, nach der Agenda bei etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr.“

    Deutschland hatte aber eine hohe Arbeitslosenrate, war immens verschuldet und hatte kaum Überschüsse–von daher war „der kranke Mann Europas“sicherlich nicht nur eine Fiktion.

    2)Interessant ist es aber seitens der Neoliberalen auch immer, dass sie der Ansicht sind, dass sich Gewerkschaften von Lohnforderungen immer zurückzuhalten hätten, entweder weil sie damit eine Rezession bewirken würden oder aber eben die Rezession vertiefen oder die zarten Knospen des Auschwungs gefährden oder eben aber den Boom vernichten.Es gibt –nach dieser Logik–eigentlich nie einen Zeitpunkt, an dem Gewerkschaften irgendwas fordern dürften.

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  4. genova68 schreibt:

    Deutschland hatte 2000 eine Verschuldung von 60 Prozent, heute von 78 Prozent, es ging da praktisch immer aufwärts. Viele Arbeitslose gibt es heute auch, nur wird die Statistik massiv frisiert. Die Überschüsse habe ich erwähnt, „kaum Überschüsse“ ist eine sinnlose Formulierung. Es bedeutet die Legitimation der imperialistischen Wirtschaftspolitik der Neoliberalen. Der kranke Mann war eine Propagandaoffensive des Kapitals.

    Die Lohnquote ist noch nie so stark gesunken wie unter rot-grün, Ergebnis dieser Politik. Seit 2008 nimmt sie wieder zu, wobei das in erster Linie aufs Konto der gutverdienenden Angestellten geht, denke ich.

    (Jakobiner, bitte poste nicht mehr unter „Silverstar“, ich muss das jedesmal per Hand ändern.)

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  5. Jakobiner schreibt:

    Also Genova hat in zwei Punkten recht:Die ewige Austeritätspolitik und die Argumente des nationalen „Standorts“führen eigentlich zu einer Abwärtsspirale. Zweitens ist auch interessant, wie schon Wachstumsraten von 0,7%–man vegleiche China mit 7.5% oder Indien mit 5%–zum Boom hochgeredet werden.Und umgekehrt, jede Wachstumszahl in China, die unter die magischen 7,5% sinkt schon als Krise des Systems hochgerdet werden. Was aber völlig auf diesem Blog fehlt, ist einmal die Diskussion, was denn bei einem Nullwachstum passieren würde oder gar bei einem Negativwachstum? Viele Esoteriker sind ja der Anischt, dass Wachstum per se eine schlechte Sache sei–man könne sich ja mit dem Erreichten begnügen und dies qualitativ sozialgerecht und ökologisch umgestalten. Brauchen wir also überhaupt Wachstum?Zjmal ja Wachstum nur als Steigerung des Bruttosoziaslprodukts verstanden wird–nicht aber als Steigerung des Bruttonationalglücks–ala Bhutan.Aber grundsätzlich bleibt einmal die Frage: Ginge es auch mit Nullwachstum, das man ein sozial auskömmliches Leben hat oder eben nicht?

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  6. genova68 schreibt:

    Die Nullwachstumdiskussion wird ja in vielen Bereichen geführt. Ich bin da skeptisch, weil meines Erachtens zwei Sachen nicht auseinandergehalten werden: quantitatives und qualitatives Wachstum. Sicher, immer mehr Öl- und überhaupt Ressourcenverbrauch ist abzulehnen, aber so einfach ist das nicht. Beispiel: Wenn du 2013 100 Kilo Äpfel gekauft hast, und zwar alle bei Aldi für zwei Euro das Kilo, und dieses Jahr kaufst du wiederum 100 Kilo Äpfel, aber im Bioladen für vier Euro, dann erzeugt das Wirtschaftswachstum. Und gegen diese Art des Wachsens kann man ja nichts haben. Es geht ja immer nur um das, was in Geld gemessen wird, nicht um die absolute Zahl der Güter. Geiz ist geil ist vermutlich ein Wachstumshemmer.

    Diese Nullwachstumsdebatten sind mir in Deutschland zu protestantisch, zu entsagend aufgeladen. Da ist das „Gürtel enger schnallen“ aus der Kohläre verinnerlicht.

    Das gleiche gilt für Infrastruktur. Es fehlen ja angeblich 150 Milliarden oder mehr. Auch das wäre sinnvolles Wirtschaftswachstum. Oder die Tatsache, dass auch 24 Jahre nach der Einheit keine ICE-Strecke von Berlin nach München existiert (bzw. erst ab Nürnberg), oder Schulen oder schlecht bezahlte Erzieher etc.: Es ist Geld genug da, aber falsch verteilt. In dieser Lage würde ich keine Nullwachstumsdiskussion beginnen, sondern massiv einen größeren Anteil am bestehenden Kuchen fordern.

    Mehr Geld für den Massenkonsum bedeutet nicht automatisch Umweltzerstörung, vielleicht eher das Gegenteil.

    Andererseits wäre es auch sinnvoll, die Zahl der Autos in Deutschland zu halbieren. Mehr carsharing, mehr Fahrräder in der Stadt. Das würde vermutlich eine Rezession auslösen. Insofern herrscht in der Tat Diskussionsbedarf.

    Du brauchst in der kapitalistischen Logik Wachstum, um die Produktivitätsfortschritte auszugleichn. Zwei Prozent Prod.-Fortschritt bedeuten entweder mehr Arbeitslose oder man gleicht das durch zwei Prozent Wirtschaftswachstum aus.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Aber der Wachstumsindikator, das BSP ist doch nur ein quantitativer, der über deine qualitativen Verbesserungsvorschlage gar nichst aussagt.. Vielleicht könnte man auch bei Nullwachstum genauso die qualitative Umverteilung vornhemen.Oder man könnte eben solche neuen Indikatoren wie das Bruttonationalglück ala Bhutan einführen.Ich glaube eher, dass diese Diskussion niemals Aussicht auf Erfolg haben wird, da die Welt eben noch von zig Natioanlstaaten und Konzenren regiert wird, die in Konkurrenz zueinander stehen und sich gar nicht den Luxus leisten können auf Nullwachstum umzusteigen, da sonst die eigene wirtschaftkliche und staatliche Macht Nordkoreamässig abfällt und man dann höchstens nur noch über Atomwaffendrohungen international wahrgenommen wird–als Pariah.Das dürfte ja die Angst aller Politiker und VWLer sein.Jedenfalls bin ich mal gespannt, ob der „Auftsand der jungen Ökonomen“da neue Modelle und Ideen bringt.

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  8. genova68 schreibt:

    „Aber der Wachstumsindikator, das BSP ist doch nur ein quantitativer, der über deine qualitativen Verbesserungsvorschlage gar nichst aussagt.“

    Doch, kann er. Der quantitative Aspekt ist der, dass du doppelt so viel zahlst für die gleiche Menge, die qualitativ besser ist. Das lässt sich mit allen Produkten durchführen. Wachstum KANN ok, also sozial- und umweltverträglich sein, muss es aber nicht. Das Bhutan-Ding wäre vielleicht nicht schlecht, aber es müssten die Leute sagen, was sie wollen und das müsste umgesetzt werden. Arbeitszeitverkürzung beispielsweise, oder weniger Stress. Aber wir sind halt mittlerweile alle geimpft.

    In Kreuzberg ist das ganz interessant zu beobachten: Die Aufsteiger, also vor allem die Türken hier, sind noch ganz materialistisch und wollen alle ihren Mercedes fahren, gerne gebraucht. Die linken Akademiker fahren mit ihren 1.500-Euro-Rädern umher, also viel billiger als ein Auto. Die kriegen ihre Anerkennung via Bildungsstatus. Die Coolsten sind eigentlich die Unterschichtler, denen das alles egal ist. Aber die führen keine Postwachstumsdiskussion.

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  9. kadekmedien schreibt:

    Ich sehe das ähnlich wie Genova: man kann quantitatives Wachstum auch über qualitative Veränderungen herbeiführen. Und da böte der Abschied vom Massenkonsum – selbst vom höherwertigen Designermarken-Konsum – und eine Hinwendung zu regional erzeugten Bioprodukten oder Einzelanfertigungen jede Menge Potenzial.

    Ich glaube auch nicht an dieses Nullwachstumsdings, schon allein, weil ich fortgesetztes Wachstum nicht ausschließlich quantitativ (im Sinne von immer mehr Ressourcen zu verbrauchen) begreife, sondern durchaus auch »vegetativ«, also ähnlich wie Pflanzen Jahr für Jahr immer wieder nachwachsen, ohne dass dadurch ein ökologisches Missverhältnis entstünde.
    Der eigentlich kritisierte, Ressourcen verbrauchende Wachstumszwang entsteht ja vor allem, weil das gesamte BIP mit Krediten vollgesogen ist, die bedient werden wollen. Staat, Unternehmen und private Haushalte sind sogar weit über 100% des BIP verschuldet (die letzte Zahl, die ich hierzu irgendwo las, lautete, dass die Gesamtverschuldung nach der Finanzkrise auf 129% zurückgefahren wurde). Und da wir uns immer mehr auf einen Investoren-Kapitalismus zu bewegen, gilt halt das Primat der Rendite, Dividende und Zinszahlung – und das erfordert immer ein quantitativ größeres Wachstum, was aber qualitativ erreicht werden könnte, s.o.

    Die unterschiedlichen Interessengruppen – Nationalstaaten, Konzerne, aber auch Bevölkerungsschichten – sind hier in der Tat ein Problem. Das entsteht aber mE auch (bzw. verschärft sich dadurch), weil es keine Zukunftsvision gibt, kein kommuniziertes Ziel, wozu das alles überhaupt geschieht wie es geschieht, und wohin das führen soll. Wahlweise hört man lediglich Geschwafel von »offener Gesellschaft«, »marktkonformer Demokratie« und wenn es hart kommt von »Alternativlosigkeit«. Deshalb wurschtelt jeder für sich einfach so vor sich hin, wodurch natürlich auch kein Widerstand entsteht, gegen das, was sich aufgrund der größeren zur Verfügung stehenden Mittel anbahnt, und das führt allem Anschein nach in etwas mit totalitären Zügen.

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  10. genova68 schreibt:

    Schön erklärt, danke.

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  11. Jakobiner schreibt:

    Im BSP erscheint ein Abbruch eines Gebäudes genauso als Wachstum wie sein Bau.Das BSP beeinhaltet sowohl Energie- und Resourcenverschwendung wie auch umgekehrt Produktivitätssteigerungen. Kurz: Destruktives und Produktives werden zusammengezählt als absoulte Summe.

    Zu Kakediem:

    „Der eigentlich kritisierte, Ressourcen verbrauchende Wachstumszwang entsteht ja vor allem, weil das gesamte BIP mit Krediten vollgesogen ist, die bedient werden wollen.“

    Ein mit Krediten vollgesogenes BSP–was immer man sich darunter vorstellen soll. Nun nehmen wir einmal an, das BSP hätte gar keine grossen Kredite noch Zinszahlungen, so wäre doch immer noch die Frage, ob das Wachstum–auch ohne Kredite und Zinszahlungen-nicht auf mehr Resourcenverschwendung rauslaufen würde. Die Grünen fordern ja immer die „Entkoppelung von Wachstum und Engerie- Resourcenverbrauxch“–und das bei einer Weltbevölkerung, die in den nächsten 2 Jahrzehnetn von 7 auf 12 Milliarden Menschen wächst.
    Die „Grenzen des Wachstums“waren vielleicht ein unberechtigter Kassandraruf, haben jedenfalls dazu geführt, dass man mal die ökologischen Grenzen beachtet und gegensteuert.Und die Frage ist, ob Malthus wirkllich so falsch lag, denn der Produktivitätszuwachs kam in einer Phase als sich die Weltbevölkerung von 500 Millionen auf 1 Milliarde verdoppelte und dies noch nicht die Grenzen des Wachstums sprengten. Das muss aber nicht für eine Zukunft von 12 Milliarden Menschen gelten.
    Bisher gab es nur einen Wissenschaftler, der die Grenzen des Wacchstums ernsthaft infrage stellte. Das war Cesare Marcetti. Marchetti hat aber gleichwohl Bedingungen formuliert, wie unser Planet überhaupt technologisch zu erhalten sei:

    “Einem breiteren Publikum wurde Marchetti im Jahr 1979 mit seinem Artikel 1012 – A Check on Earth Carrying Capacity for Man bekannt, in dem er mit einem weitreichenden theoretischen Konzept versuchte, die Studie Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome zu widerlegen. Die Zahl (eine Billion) bezieht sich auf die von Marchetti angenommene Tragfähigkeit der Erde; diese überschreitet die von fast allen anderen Autoren angegebenen Werte bei weitem. Sie soll durch die Anlage von sich selbst versorgenden Gartenstädten erreicht werden, wobei die Nahrungsmittelproduktion durch Indoor-Landwirtschaft (vergleichbar mit Vertical farming) und die Nutzung von Mikroorganismen, die beliebiges organisches Substrat in Lebensmittel umwandeln können, gesichert werden sollte. Zur Sicherung der Energieproduktion setzte Marchetti vor allem auf die Kernenergie sowie auf Solarenergie. Durch Recycling solle erreicht werden, dass die Städte als geschlossene Systeme außer Hitzeentwicklung keine weiteren Auswirkungen auf die Natur haben sollten; weiterhin soll es nach seiner Vision möglich sein, 90 % der Erdoberfläche im natürlichen Zustand zu erhalten.”

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  12. besucher schreibt:

    Der artikel ist eh veraltet da man mittlerweile aufgrund der Russlandproblematik von einer Rezession ausgehen kann

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  13. genova68 schreibt:

    Das meinte ich mit der Bemerkung, dass die Prognose in Kürze herabgesetzt werden wird.

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  14. kadekmedien schreibt:

    @Jakobiner

    Ein mit Krediten vollgesogenes BIP meint vor allem, dass jeder Wachstumspunkt zuallererst in den Bankensektor fließt. Anstelle dass Gewinn also direkt re-investiert werden kann, geschieht es über Kredite, den Bankensektor, die Finanzwirtschaft. Und weil das so ist, wird dieser immer stärker und somit bestimmender.
    Was die Grünen wollen ist dabei völlig egal, die sind eine themenbezogene Klientelpartei, die aus dieser Position heraus Maximalforderungen stellen. Das bietet zwar den nötigen Treibstoff, wird aber von einer realistischeren Konservative gebremst, die weiß, dass es andernfalls deutlich mehr Arbeitslose gäbe.

    Die Berechnung, dass in 2 Jahrzehnten 12 Mrd. Menschen diesen Planeten bewohnen sollten, halte ich ich völlig abwegig. »Prognosen sind immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.«

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  15. genova68 schreibt:

    Spiegel-online aktuell:

    Der Dax im Abwärtsgang, Auftragsflaute, sinkende Produktion – die Anzeichen mehren sich, dass der Aufschwung in Deutschland ins Stocken gerät. Was bleibt noch vom Boom?“

    Wie in diesen Redaktionen gedacht wird, zeigt sich ein paar Absätze später:

    Dabei ist es nur wenige Wochen her, dass Deutschland nahezu unverwundbar zu sein schien. Im Sieg der Nationalmannschaft sahen nicht nur die Fußballfans hierzulande einen Beleg dafür, dass alles gelingt, wenn man nur hart genug daran arbeitet. Autoindustrie und Maschinenbauer glänzten mit Exporterfolgen, Arbeitgeber suchten händeringend nach Arbeitskräften. Der Dax erreichte mehr als 10.000 Punkte – ein Rekord. Der Schwung des ersten Halbjahres, so die allgemeine Auffassung, würde sich bestimmt aufrechterhalten lassen – trotz aller Widrigkeiten.

    Die Bild-Zeitung würde es nicht unseriöser hinbekommen. Der Boom ist hier einzig einer der Börse. Und immer, wenn man ein paar vernünftige Zahlen bräuchte, kommt der heute übliche blümerante Journalismus, „mit Erfolgen glänzen“, „händeringend suchen“, ein „Schwung“. „Nahezu unerwundbar“ ist besonders gut, die Nähe zum Militärischen ist ja wieder in in Deutschland.

    Autor ist ein Michael Kröger. Allen Ernstes an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten ausgebildet. Ob die dort tatsächlich diesen Verdummungsstil lernen mit den Hinweis, die komplizierte Wirtschaft müsse für den Leser heruntergebrochen werden?

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  16. Jakobiner schreibt:

    Mir ist zudem schleierhaft, inwieweit der DAX überhaupt Aussagekraft hat, da er ja nur die grössten 30 deutschen Firmen abbildet, nicht aber die ganzen hidden champions, den breiten Mittelstand oder andere grosse Firmen.Seit Einführung des Börsenfernsehns in ÖR und Privaten wird dann immer nach den Weltnachrichten geschaut: „Was macht jetzt der Dax?“.Zumal Schwankungen im Dax eben immer vorkommen und schon bei 4% Verlust hysterisch rumgeschrien wird.Dazu werden im Fernsehen gar nie die Langzeitentwicklungen des Dax dargestellt, sondern immer nur die Tagesschwankungen. Mir kommt das vor, wie jene Hobbysportler, die ihren Puls mittels eines Armbandmessgerätes minuütlöich messen und dann hysterisch werden,wenn die Werte mal etwas abweichen.
    In „Switch“ werden ja die Mick Knaufs, Dirk Müllers und Anja Kohls, diese ganzen Dax-Börsenkommentatoren ganz gehörig verarscht, da sie teilweise abstruse Verbindungen zwischen weltpolitischen Ereignissen und dem Dax herstellen und oft Zigeunerwahrsagerinnen mit einer Kristallkugel gleichen.Auch interessant, dass bei vielen Krisen der Dax mal hochgeht oder wieder runter–so klar erschliessen sich diese Kausalitäten nicht. Zumal: Dies Nachrichten sind doch vor allem nur interessant für Aktionäre, aber nicht für die Normalbevölkerung.Aber es wird so getan, als betrfeffe der Dax uns alle.Da wird Neoliberalismus schon gut internalisiert.

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