Übers Schaudern in unserer Zeit

Niklas Maak schreibt in der FAZ über den neuen Wolkenkratzerboom:

So wie eine extrem solvente Klientel die Preise für Gemälde der klassischen Moderne über die Hundert-Millionen-Dollar-Schwelle getrieben hat, weil das viele Geld ja irgendwo hin muss, sammelt sie jetzt auch exklusive Hochhaus-Immobilien. Amerikanische Medien berichteten schaudernd, dass ein russischer Milliardär seiner Tochter in Manhattan ein Apartment für 88 Millionen Dollar gekauft habe. Gleichzeitig leben in New York zweiundzwanzigtausend Kinder ohne Obdach auf der Straße – so viele wie seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr.

Das viele Geld muss irgendwohin. Immer wieder interessant, wie in bürgerlich-kapitalistischen Medien so ganz nebenbei das Dilemma des aktuellen Wirtschaftens aufgezeigt wird. Ich muss das nicht weiter erklären.

Was sagen die hausinternen Neoliberalen wie Heike Göbel zu solchen Formulierungen? Vermutlich nichts. Wahrscheinlich lesen sie nur „viel Geld“ und fühlen sich bestätigt.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man sich anschaut, was der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in „Und ich?“ zum Thema schreibt. Man sei allgemein der Ansicht, dass der Sozialdarwinismus sich mit der Niederlage des Nationalsozialismus erledigt habe. Weit gefehlt, denn:

Die neueste Mutation des Sozialdarwinismus heißt Neoliberalismus, und anstelle der Natur lässt man  nun vor allem „den Markt“ gewähren.

Neoliberale, Sozialdarwinisten, Nazis. Man sollte diese Begriffe ruhig zusammen verwenden, ohne sie als Synonyme zu betrachten. Ich habe schon länger ein merkwürdiges Gefühl, wenn immer wieder auf die NPD eingedroschen wird, und Leute wie Göbel oder Sloterdijk oder Sarazzin oder Beise oderoderoder wohlgelitten sind. Es ist so billig.

Immerhin „schaudern“ die Medien schon. Welche Reaktion folgt aufs Schaudern?

050 (2)(Foto: genova 2014)

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7 Antworten zu Übers Schaudern in unserer Zeit

  1. Jakobiner schreibt:

    „Die neueste Mutation des Sozialdarwinismus heißt Neoliberalismus, und anstelle der Natur lässt man nun vor allem “den Markt” gewähren.“

    Ich glaube kürzer, prägnanter und treffender kann man es nicht formulieren. Und diese neuen Sozialdarwinsten gebärden sich auch gerne als multikulturelle Globalisten und Weltbürger, die die Macht des Weltmarktes und der Globalisierung anbeten. Allerdings ist es billig auf die kleine Schar altmodischer Sozialdarwinisten einzudreschen, um sich als antifaschisticher Sozialdarwinist zu präsentieren.

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  2. Stefan Wehmeier schreibt:

    In einer kapitalistischen Marktwirtschaft (noch gegenwärtiger Ist-Zustand), welche durch die Verwendung eines gesetzlichen Zwischentauschmittels mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) und ein privates Bodeneigentumsrecht gekennzeichnet ist, setzt sich das gesamte Bruttosozialprodukt (BSP) aus Lohn (Arbeitseinkommen, verdienter Knappheitsgewinn) und Zins (Liquiditätsverzichtsprämie, Dividende, Rendite, Spekulationsgewinn, private Bodenrente, allg.: unverdienter Knappheitsgewinn) zusammen. Während der Lohn sich im Idealfall direkt proportional zur individuellen Arbeitsleistung entwickelt, ist der Zins das genaue Gegenprinzip: derjenige, der arbeitet, zahlt den Zins; und derjenige, der nicht arbeitet, bekommt den Zins. Ziel aller Gerechtigkeitsbestrebungen seit den ersten Anfängen der Marktwirtschaft ist es, den Zins zu überwinden, jedes arbeitsfreie Kapitaleinkommen auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu beseitigen. Mit einem Wort: Marktgerechtigkeit.

    Dass es eine andere Gerechtigkeit als die Marktgerechtigkeit nicht gibt – zumindest solange unsere Technologie noch nicht soweit fortgeschritten ist wie in Arthur C. Clarke´s „The City and the Stars“ -, muss jedem vernünftigen Menschen klar sein, der die ganze Unsinnigkeit des Marxismus (Kapitalismus ohne Marktwirtschaft) erfasst hat:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/irrtumer-des-marxismus.html

    Eine ausbeutungslose und darum auch klassenlose Gesellschaft ist nicht durch eine Abschaffung der Marktwirtschaft, sondern nur durch die Befreiung der Marktwirtschaft vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) möglich. Dazu muss der Zins makroökonomisch auf Null geregelt werden (Soll-Zustand), damit das gesamte BSP aus Lohn besteht:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/marktgerechtigkeit.html

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  3. kadekmedien schreibt:

    @Stefan Wehmeier

    Was Du hier beschreibst, ist unpräzise, weil zu kurz gesprungen. Es gibt nämlich drei Einkommensarten:

    Löhne und Gehälter
    Zins, Miete und Pacht und schließlich
    die Profitrate

    Weshalb ist diese Unterscheidung wichtig? Weil die beiden ersten Einkommensarten fest sind, da sie vertraglich vereinbart werden, wohingegen letztere variabel ist, sozusagen das, was übrig bleibt, wenn die vertraglich vereinbarten Einkommensarten verteilt wurden.
    Um Dein Ziel zu erreichen, brauchst Du also nur eine Vertragsänderung bewirken. Zunächst gemeinsam mit Banken und Vermietern, dann entfiele die Profitrate. Und schließlich anschließend (im Verbund im Gewerkschaften?) die Arbeitsverträge zugunsten der Löhne und Gehälter. Merkste aber selber, ne?

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  4. kadekmedien schreibt:

    PS.: zu 2. (Zins, Miete, Pacht) gehören noch die Renten, also vertraglich vereinbartes Einkommen auf Nicht-Arbeit.

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  5. genova68 schreibt:

    Ich weiß nicht, warum die Zinskritiker sich ausgerechnet dann so deutlich zu Wort melden, wo die Zinsen seit Jahren gleich null sind und noch eine Weile da bleiben werden. Eigentlich müsste jetzt doch alles in Butter sein.

    Die Festlegung des Leitzinses ist in unserem Wirtschaftssystem der Versuch der Steuerung der wirtschaftlichen Dynamik und der Preisstabilität. Ist die Investitions- und Konsumrate niedrig, wird über niedrigen Zins versucht, Nachfrage zu schaffen. Bzw. umgekehrt, wenn man ein Heißlaufen bzw. wenn man Inflation befürchtet. Das muss man erstmal zur Kenntnis nehmen, wenn man „Zinsen“ kritsiert. Das andere, also den Gewinn, würde ich Mehrwert nennen, um das abzugrenzen.

    Wenn ich nun den Zins kritisiere, dann muss ich das m.E. umfassend tun, nämlich inklusive Wirtschaftsweise, also aus Kapital mehr Kapital zu machen, oder aus Geld mehr Geld. Das würde ich erstmal als basic sagen, um Begriffsverwirrung zu vermeiden.

    Die von Wehmeier verlinkte Seite ist skurril. Er missversteht Marx als jemanden, der angeblich Staatskapitalismus wollte. Wo soll das denn stehen? Nur weil Marx nicht zusammenhangslos „Zinsen“ und am besten noch „Zinseszinsen“ kritisiert, will er keinen Kapitalismus. Und Wehmeier behauptet einen Unterschied, den ich nicht sehe: Der Mehrwert wird am Markt erzielt, das sieht Marx nicht anders.

    Wehmeier will den Zinseseffekt aushebeln, indem er die Produktion so lange steigert, bis es keine Knappheit mehr gibt, dann gibt es auch keinen Zins mehr:

    Der Streik schadet dem Kapitalismus nicht nur nicht, sondern richtet seine Spitze gegen die Arbeitenden selbst, weil er dazu beiträgt, die Sachgüter knapp und daher Zins tragend zu halten…

    Im Interesse der Arbeitenden liegt es also, dass nicht gestreikt, sondern möglichst ununterbrochen gearbeitet wird. Nur dadurch ist es möglich, jene Fülle von Sachgütern zu schaffen, die notwendig ist, um den Zins herabzudrücken und zuletzt ganz zu beseitigen. Nach Gesells Worten soll der Zins in einem Meer von Kapital untergehen.

    Das sagt Gesell? Mahlzeit. Dann dürfte es ja heute angesichts der Überproduktion in allen wesentlichen Bereichen keinerlei „Zins“, also Mehrwert mehr geben. Mit Autos, Elektronikartikeln, Nahrungsmitteln, mit so ziemlich allem dürfte man keine Gewinne mehr erzielen.

    Auch emanzipatorisch eine lustige Vorstellung: Der ausgebeutete Arbeiter muss nur immer noch mehr und länger und härter arbeiten, dann wird es schon irgendwann was mit dem Glücksversprechen. Hat etwas religiöses: Diesseits scheiße, aber im Jenseits gehts ab.

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  6. kadekmedien schreibt:

    Die Langfassung habe ich mir gar nicht erst gegeben. Warum auch, wenn in der Kurzfassung der Irrsinn schon Hochzeit feiert?

    Was die »Zinskritiker« und »Kreditgeld«-Kritiker immer überhaupt nicht begreifen, ist das, was Du angesprochen hast: dass es sich um Mechanismen handelt, um die Volkswirtschaft lenken zu können. Aber das kommt halt davon, wenn man keine Ahnung hat, aber auch nicht gewillt ist, sich mal wirklich mit Fakten auseinanderzusetzen, sondern stattdessen diesen rechtspopulistischen Schwachsinn nachplappert, der im Internet an jeder Ecke feilgeboten wird.

    Mit Gsell hab ich mich nur mal ganz am Rande befasst. Sein System funktionierte regional in Österreich in den 1920ern. Im Wesentlichen beruht es auf einer – ebenfalls regional begrenzten – Geldauffassung im Hochmittelalter (vor allem da, wo Brakteaten im Umlauf waren, also Thüringen, Harz, die Gegend um Basel; das gleiche System aber auch im Brandenburgischen und mindestens auch in Wien). Damals wurden jeweils zu Jahresbeginn neue Münzen geschlagen, und zwar wie es das Münzrecht vorschrieb 240 Pfennige je Pfund Silber (das karolingische Pfund zu 408 Gramm). – Es hatten sich aber von Oberitalien aus schon »schwere« (ital.: grosso) Münzen durchgesetzt, also Groschen zu 12 Pfennigen.
    Alle 3 Monate verlor der Groschen dann jeweils 1 Pfennig an Wert; natürlich nur in den betreffenden Regionen, jeweils festgelegt vom Fürsten, der das Münzrecht innehatte; es konnte also auch variieren und tat es bisweilen auch, um die Kassen der Fürsten schneller mit eingeschmolzenem Silber zu füllen.
    Am Jahresende musste alles Silber beim Münzer abgegeben werden, und der behielt dann 16 alte Pfennige für einen neuen Groschen ein, der dann aber wieder nur 12 Pfennige wert war. – Die Thüringer fanden das so blöde, dass sie Münzen nur noch einseitig in hauchdünne Metallblättchen prägten, die so genannten Brakteaten.
    Gsell hat dieses System aufgegriffen, um Geld im Umlauf zu halten. Die Entwertung sorgt dafür, dass niemand was auf die hohe Kante legt. – Auch alle derzeit existierenden Regionalgeld-Varianten beruhen auf diesen System.
    Wo aber der Unterschied zur gelenkten Inflation ist, wie wir sie kennen, kann keiner dieser »Experten« auch nur annähernd einleuchtend erklären.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Soweit ich von Gesell weiss hat er eine Art inflationäres Geld konzipiert. Meistens handelt es sich um eine Regionalwährung, die das Geld entwertet, insofern es nicht in einer gewissen Zeit ausgegeben wird. Dadurch soll der Konsum verstetigt werden und Sparen und Horten von Geld verhindert werden.Derartiges Gesellgeld ist Vorbild vieler dieser neuartigen Regionalwährungen und wurde auch beim sogenannten „Wunder von Wörgl“, auf das sich alle Zinskritiker und Rechtspopulisten in Österreich und darüberhinaus berufen.

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