Architektur und Dogma 4 – „keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik“

Das deutsch-italienisch Architekturbüro Kühn-Malvezzi hat sich vor einiger Zeit beim Wettbewerb fürs Berliner Stadtschloss beteiligt. Ich hatte das nach kurzem Wundern  wieder vergessen, jetzt begründeten die drei ihren Schloss-Entwurf in archplus (Nr. 214, Supplement):

„Die für uns entscheidende Lehre von Ungers ist die Idee, dass man Kontext nicht vorfindet, sondern selbst schafft, dass die Arbeit des Architekten Kontextproduktion ist…

Rossi und Ungers hatten noch eine Sprache. Bei uns gibt es keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik. Wir schaffen einen Kontext, benutzen aber keine Sprache. Wir haben keine festen Elemente.“

archplus: Was bedeutet Pragmatik in Bezug zur Architektur? Pragmatik ist, linguistisch betrachtet, die Lehre, wie ein Satz dadurch Bedeutung erlangt, wer ihn wann wie wo spricht.

„In der Architektur bedeutet Pragmatik die kontextabhängige Anwendung architektonischer Elemente.“

archplus: Es geht also analog zur Sprachtheorie um den Gebrauch von Elementen in einer konkreten Situation und in einem bestimmten Kontext. Nach Wittgenstein ergibt sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch.

„Aus diesem Grund kann man auch heute ein Schloss bauen; genau deshalb haben wir das Humboldt-Forum als Bauaufgabe akzeptiert. Denn man kann es gebrauchen, aber anders gebrauchen! Durch den Gebrauch verändern wir seine Bedeutung.“

So weit, so merkwürdig. Natürlich schafft ein Architekt nicht alleine einen Kontext, sondern er schafft das Haus. Zusammenhänge werden nie nur von EINER Partei hergestellt, dazu gehören zumindest zwei. Auch wenn man von einer Kommunikationssituation ausgeht, die durch Architektur hergestellt wird, steht das Haus nicht im virtuellen, sondern in einem realen Raum mit ganz realen Bezügen und einer langen Geschichte. Nimmt der Architekt diese Geschichte in seine Arbeit auf, passiert (wenn es gut läuft) auf beiden Seiten etwas: im Haus und in der Geschichte der Umgebung.

In Sachen Schloss wird es argumentativ skurril. Eine eigene Sprache gibt es nicht mehr, deshalb ist alles erlaubt. Ein Schloss ist kein Schloss mehr, sondern sprachlich nur noch ein ahistorischer, unbestimmter, beliebiger Kasten, aber mit bestimmten Merkmalen (Säulen, Pfeilern, einer bestimmten Kubatur, einer Kuppel, einer bestimmten Fassadengliederung, Portalen, Höfen usw.), die ganz exakt genau eines darstellen: ein Schloss. Nur ist es nach Kühn und Malvezzi lediglich die Hülle. Der Inhalt wird kontextmäßig vom Architekten bestimmt. Der Architekt baut ein Haus und schafft damit dessen Kontext. Offenbar alleine, ohne andere Materialitäten in der Nachbarschaft. Er schafft das ohne eine architektonische Sprache, die ist abhanden gekommen. Die architektonischen Elemente sind folglich nur Satzteile oder Satzfetzen, die je nach Kontext ausgewählt werden. Der Kontext selbst wird aber erst durch den Architekten geschaffen. Es ist eine radikalisierte Version des dekorierten Schuppens.

Es ist die Vorstellung, dass eine Schlossfassade keinerlei historisches Wissen beinhaltet, sondern rein in der Gegenwart, rein ahistorisch gelesen werden kann. Laut Kühn und Malvezzi sind somit alle öffentlichen Auseinandersetzungen über das Berliner Schloss der vergangenen 20 Jahre, alle Beiträge aus der rechten Ecke, die sich nicht nur fürs Schloss, sondern für die gesellschaftliche Reaktion aussprechen, sinnlos. Es gibt ja keine Sprache, also kann auch keine rekonstruiert werden.

Ob man die Hülle eines Schlosses baut oder die eines KZ, ist demnach egal.

Und selbst wenn es so wäre: Warum braucht es an der Stelle des ehemaligen Schlosses in Berlin wieder ein Schloss? Doch bitte nicht wegen der Kubatur, dem lächerlichsten Argument der Schlossbefürworter.

Wittgenstein ist angeblich der Kronzeuge für diese Haltung. Der sagte, dass sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch ergibt. Sicher muss in das neue Schloss nicht zwangsläufig wieder ein Monarch einziehen. Aber es ist absurd, die ideologische Aufladung von Architektur zu ignorieren. Es bedeutet die Inexistenz eines historischen Gedächtnisses. Das Haus Wittgenstein, ein mit maßgeblichem Einfluss von Wittengstein in den 1920ern gebautes großbürgerliches Wohnaus, kann für diese Haltung nicht in Stellung gebracht werden. Gerade dort wurde auf alles Historische verzichtet, ein zumindest formal radikal neues Bauen. Und es hatte natürlich seine Gründe, warum Wittgenstein auf formale Anleihen an die Vergangenheit verzichtete. Auf etwas verzichten kann ich nur, wenn ich seine Existenz nicht negiere. Von wegen „keine Sprache“.

Es ist so eine Art radikalisierte Variante der banalen Richtung postmoderner Architektur. Wo seinerzeit der dekorierte Schuppen gefordert wurde, also ein stilloses Gebäude, an das Zeichen äußerlich drangeklatscht werden, soll hier ausgerechnet das hochpolitische Stadtschloss Berlin verharmlost werden, indem man schlicht behauptet, wir sprächen die Sprache des Schlosses nicht mehr, also existiere sie nicht und auch unser Bewusstsein darüber sei nicht existent. Und genau deshalb können wir die Sprache des Schlosses wieder aufbauen. Da wir sie eh nicht verstehen.

So geht die Pragmatik von Kühn und Malvezzi.

Skurril auch, dass der Kühn-Malvezzische Schlossentwurf von den Medien als geheimer Sieger gefeiert wurde, weil er angeblich so fortschrittlich ist. Kühn und Malvezzi waren so unerhört mutig, die haben auf die Kuppel verzichtet, die alten Widerstandskämpfer.

Vielleicht aber sollte man Kühn-Malvezzi in ihren Äußerungen einfach nicht ernst nehmen.

Ich ziehe deshalb eine banale Begründung für die Kuehn-Malvezzischen rhetorischen Verrenkungen vor: Die Teilnahme am Schlosswettbewerb ist aufmerksamkeitsökonomisch gewinnbringend, wer kann da schon nein sagen? Und es hat sich gelohnt. Ihr Entwurf wird zwar nicht realisiert, aber die Jury sprach ihnen einen „Sonderpreis“ zu; dotiert mit sage und schreibe 60.000 Euro. Das sind exakt 60.000 Gründe, die genannten merkwürdigen rhetorischen Verrenkungen anzustellen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin, Deutschland, Geschichte, Gesellschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s