Die kecke Karolin im Käsehimmel

Eine Anzeige der Lufthansa in der Süddeutschen Zeitung. Einer angeblichen Stewardess wird ein angebliches Lieblingsziel in den Mund gelegt, weil sie dort tollen privaten Vergnügungen nachgehen kann:

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Karolin S. mit dem feschen Hut will also nach Toulouse fliegen, um dann auf Wochenmärkten im Roussillon Käse einzukaufen und Wein zu trinken.

Was heißt „nicht weit“? Die Entfernung von Toulouse in den Roussillon beträgt knappe 400 Kilometer. Diese Strecke legt Madame Absolument in ihrer Flugzeit-Pause zurück. Und retour.

Dazu ein Auszug aus einem Interview mit einem Flugbegleiter der Lufthansa:

Wie man hört, geben viele Flugbegleiter schon nach kurzer Zeit ihren Job wieder auf. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Es ist alles eine große Belastung. Auf den Kurzstrecken sind die Zeiten oft sehr knackig. Es ist ja nicht so, dass wir an einem Tag eben nach Lissabon fliegen. Wir haben bis zu vier Flüge durch Europa am Tag – und das im Extremfall an fünf Tagen hintereinander. Dazu kommt, dass der Ton rauer geworden ist.

Käse, Käse, Käse: Wenn die Stewardess im Roussillon so zulangt, wird sie schnell derart fett, dass sie ihren Job verliert, weil die Airlines ein „Gewicht angemessen zur Körpergröße“ erwarten. Oder sie wächst noch.

Lustig auch das Handschriftengekrakel: Das Strahlefrauchen freut sich über ihren Dienstplan (Wow! Toulouse!) und fällt in eine Kindheitsphase zurück, in der man spontan Sonnen und Obst malt, weil man so wahnsinnig gute Laune hat. Vermutlich findet sie das auch „spannend“.

Es ist ein weiteres Beispiel für die Funktionsweise neoliberaler Propaganda. Einerseits haben wir die Lufthansa und die Angestellten ganz unten, die Flugbegleiter: Abhängig von komplizierter Technik, eingezwängt in enge Kabinen, unnatürlichen Verhaltenscodices unterworfen (lächeln bis zur Gesichtsvereisung), schlechte Luft, nervige Fluggäste, Schicht-Arbeitszeiten, dann soll sie mit ihrem Verkaufswagen den Reisenden allen möglichen Krimskrams verkaufen und so weiter; irgendwie die komplette Entfremdung. Andererseits das komplett Authentische: Südfrankreich, Provence, Roussillon als Chiffre des guten Lebens, dazu Wochenmärkte, Käse, Wein und gutes Benehmen, weil die Franzosen nach dem Weingenuss sich offenbar nicht so danebenbenehmen wie die Deutschen. Und nichts weniger als der Himmel: Selbst der Turbokapitalist kommt nicht ohne ihn aus. Auch das „Rätsel“ ist wichtig: Wo der Kapitalismus die Welt gnadenlos entzaubert, gibt es da unten eine heile Welt, in der selbst die vielgereiste Karolin gestehen muss, dass es nicht lösbare Rätsel gibt.

Einfaches, gesundes und kultiviertes Leben mit Stil. Exakt das Gegenteil dessen, was aktuelle Politik praktiziert, wird in dieser Anzeige propagiert. Man sehnt sich immer nach dem Gegenteil dessen, was man tut. Das führt allerdings nicht zur Änderung der Praxis.

Real haben wir auf der einen Seite das Kapital, das die Arbeitsbedingungen des Proletariats auf der anderen Seite verschlechtert. Propagandistisch haben wir lebensbejahende Stewardessen, die sich wie ein Kind auf die nächste Schicht freuen, weil sie in der nicht weiter definierten Pause auf 400 Kilometer entfernte Wochenmärkte und zurück tingeln und nicht lösbare Rätsel bestaunen. Auf Deutschland übertragen wäre das in etwa so, als würde eine Stewardess, die in Berlin landet, in ihrer Pause flott zum Einkauf nach Prag reisen.

Bemerkenswert auch, dass die aktuelle neoliberale deutsche Täterpolitik in Europa auch Frankreich in die Defensive zwingt und tendenziell die lustigen roussillonschen Wochenmärkte abschaffen wird. So ein Pech aber auch für Karolin.

Die Anzeige dient übrigens nicht dazu, Stewardessen anzuwerben, sondern dem potenziellen Fluggast vorzukaukeln, man könne von der Crew Geheimtipps, wie man sagt, erwarten, weil die so viel unterwegs sind. Deshalb ist die abgebildete Stewardess auch nicht mehr ganz jung: Sie hat schon so viel gesehen von der Welt, sie kann ganz bestimmt die Spreu vom Weizen trennen, will heißen: Sie kennt die authentischen, nicht kulturindustriell versauten Orte.

Sie kennt genau die Orte, die ganz anders sind als die Lufthansa-Welt.

Ich frage mich, ob der Schuss nicht nach hinten losgeht, denn der Roussillon mit seinen Märkten war schon vor 30 Jahren kein Geheimtipp mehr. Solche gäbe es in der Nähe von Toulouse, Richtung Süden, in den Vorpyrenäen beispielsweise. Dass die beauftragte Werbegentur den Roussillon aussuchte, liegt vermutlich daran, dass die Zielgruppe ihn schon kennt. Die Werbetreibenden gehen also davon aus, dass die Zielgruppe ein ihr bekanntes Ziel genannt bekommen will, das aber von kompetenter Stelle, also dem Strahlefrauchen, ausdrücklich genannt werden soll.

Oder Lufthansa will gezielt in der Unterschicht neue Kunden finden, die neben ihrer Eckkneipe nur Benidorm und Ballermann als lohnenswerte Reiseziele angeben können. Diesen armen Leuten helfen wir gerne.

Die kulturindustrielle Verwurstung von Welt macht alles unkenntlich. „Lachen wird zum Instrument des Betrugs am Glück.“

Den „Nonstop you“-Button in der Anzeige empfinde ich vor diesen Hintergründen eher als Bedrohung.

Die Schlusspassage des Kulturindustriekapitels der Dialektik der Aufklärung passt ganz gut:

Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommend verdinglicht, dass die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumpf der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“

Der Achselschweiß müsste der Stewardess auf ihrem hurtigen Tripp von Toulouse in den Roussillon eigentlich in Strömen fließen. Aber das wäre dann doch ein unappetitliches und also gewinnhemmendes Bild.

Stattdessen: Käse, Käse, Käse.

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3 Antworten zu Die kecke Karolin im Käsehimmel

  1. Manfred Peters schreibt:

    Bliebe nur noch die Frage, wie das zu „Fensterplatz oder Essen kosten extra“ passt? :-(

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  2. Jakobiner schreibt:

    Ich kenne zwei Stewardessen, die mir ihre damaligen Hoffnungen in den Beruf und die Realität erzählten. Viele würden hoffen, in der Business und First Class einen Lebemann ala Gunther Sachs oder eine gute Partie zu bekommen, wohlhabend, kultiviert, flüssiges Oxfordenglish,etc.Ähnlich warum viele früher Hostesse machten, um wie Silvia von Schweden von ihrem Prinzen erkoren und erlöst zu werden.Cindarella-like.Aber Gespräche ergaben sich gar nicht, die Businessmen waren eher interessiert an einem Quicki, die Araberscheich kniffen schon mal in den Po, das Oxfordenglish wurde zumeist benötigt, um den Gang zur Toilette zu erklären oder sich Reklamationen anzuhören und sonderlich kultiviert schien die First Class auch nicht zu sein.Und die Städte, in denen sie landeten kannten sie meist nur aus der Flughafenhotelbarperspektive.

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  3. genova68 schreibt:

    Ja, ich vermute, dass keine einzige Stewardess am Zielort auf irgendwelche Wochenmärkte geht. Es ist eine massive Instrumentalisierung. Ein weiteres Beispiel für die komplette Unterwerfung der Welt durch das Kapital. Nicht einfach nur im Sinne der Ausbeutung der Natur, sondern auch im Sinne der komplette Herrichtung von allem für Kapitalinteressen.

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