Vom Kollegialitätsprinzip des Kapitals

Brr. Da schüttelt es einen ja. Aus der FR:

Arbeitnehmer aus ganz Deutschland nehmen beim J.P.Morgan-Lauf für ihr Unternehmen die Beine in die Hand. 71.735 Aktive aus 2781 Firmen laufen für den guten Zweck durch Frankfurt. Die Stimmung ist wie auf einem Betriebsfest…

Der J.P.Morgan-Lauf, informiert J.P.Morgan, ist „ein Lauf für Teamgeist, Kollegialität, Fairness, Kommunikation und Gesundheit“, also eigentlich für die Eckpfeiler der freien Marktwirtschaft…

Morgan war der mächtigste Bankier seiner Zeit. Ein Glückspilz auch: Eigentlich hätte er auf der Jungfernfahrt der Titanic dabei sein sollen, wurde aber rechtzeitig krank. Der Autor F. William Engdahl behauptet, Morgan habe den Grundstock zu seinem Wahnsinnsvermögen gelegt, indem er im amerikanischen Bürgerkrieg gebrauchte Gewehre von der Armee kaufte, kurzerhand für neu erklärte und zum mehr als sechsfachen Einkaufspreis zurückverhökerte. Das mag stimmen oder nicht. Mit Sicherheit war J.P. Morgan ein raffiniertes Schlitzohr, und als solches hätte er an dem J.P.Morgan-Lauf und angesichts der Mittel und Wege, die die Welt so entwickelt, seine helle Freude gehabt.

Tolle Sache: Die Mitarbeiter strampeln sich auch in ihrer Freizeit fürs Unternehmen ab, die Chefetage lacht sich vermutlich schlapp über ihre Büttel und schätzt die Mittel und Wege, die die Welt so entwickelt.

Die drei größten Teams stellten die Deutsche Bahn (1510 Läufer), die Lufthansa (1414) und die Deutsche Bank (1308).

In Sachen Teamgeist, Kollegialität, Fairness etc. noch das hier:

Der Uno-Sonderbeauftragte für das Recht auf Ernährung, Olivier de Schutter, fordert eine stärkere Regulierung von Spekulationen mit Lebensmitteln und rügt die Rolle der Deutschen Bank. „Die Rolle von Investmentbanken wie der Deutschen Bank hat stark zugenommen. Der Preis von Lebensmitteln wird immer stärker von Finanzakteuren bestimmt…Die Spekulationen von Finanzinvestoren mit Agrarrohstoffen trügen dazu bei, dass die Menschen in Entwicklungsländern sich ihre Nahrung nicht mehr leisten können. Zurzeit hätten 925 Millionen Menschen nicht genügend Nahrung. Damit hungere fast jeder siebte Mensch.

Gut, Fairness und Kollegialität muss man wohldosiert einsetzen. Kritiker mögen bitte anerkennen, dass die Kameraden der Deutschen Bank beim Joggen in Frankfurt keinen Kollegen per Ellenbogen in den Main befördert haben. Außerdem hat niemand ausdrücklich behauptet, dass Fairness, Kollegialität etc. für Afrikaner gelten. Kollegialität setzt das Vorhandensein eines Kollegen voraus. Und da kann nun man nicht jeder daherkommen. Kollegialität wird gewissermaßen nur dann geübt, wenn man gemeinsam mit allen Kollegen die Welt in den Abgrund treten kann. Und nicht zuletzt: Wenn man nichts zu essen hat, kann man sich auch nicht ungesund ernähren. Eine Sorge weniger.

063(Foto: genova 2013)

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2 Antworten zu Vom Kollegialitätsprinzip des Kapitals

  1. altautonomer schreibt:

    Es geht hier um Corporate Identity – Förderung des Gemeinschaftsgefühls und der Erhaltung der Arbeitskraft. In vielen Ruhrgebietsstädten finden sogenannte AOK-Firmenläufe statt (Dortmund 2014 mit 1.500 Teilnehmern). Der Zulauf ist enorm, zumal es nicht um Zeiten oder Plazierungen geht. Alle stellen Ihre Identität zu diesem Zweck unter das Logo Ihres Arbeitgebers – erkennbar an den Trikots.

    Auch die großen Städtenarathons mit anerkannten Weltrekorden werden von großen Konzernen gesponsert und nach ihnen benannt. Beispiel: Commerzbank-Frankfurt-Marthon (bis 2010), Hoechst-Frankfurt-Marathon (1981), aktuell BMW-Frankfurt-Marathon.

    Als ich noch an Laufwettbewerben teilnahm, startete ich bei der Anmeldung unter dem Titel „Müßiggangster“, entlehnt der nicht mehr exisitierenden Berliner Organisation der „Glücklichen Arbeitslosen“.

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  2. genova68 schreibt:

    Es gibt aber einen Unterschied zwischen einem Marathon, der von einer Marke gesponsort wird, und solchen Betriebsfesten.

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