Die radikale Neubesinnung des Bürgers

Mit dem entsprechenden Blick stößt man seit Jahren alle naselang auf den Befund, dass bürgerliche Medien in der Lage sind, den Wetterbericht zu präsentieren und eine gute Seite drei zu schreiben, wenn es ums Beobachten von Unpolitischem geht. Geht es um Systemisches, wird es dumm. Bevor ein bürgerlicher Journalist auch nur eine Drehung weiterdenkt, beschreibt er den Kapitalismus lieber zum x-ten Mal als die einzig mögliche Lebensform. Sämtliche Zumutungen sind dann schlicht natürliche Phänomene, die man erdulden muss. Aktuelles Beispiel ist der Tagesspiegel, der über die demografische Entwicklung in Berlin berichtet. Die Einwohnerzahl soll bis 2030 um 400.000 steigen.

Gerd Nowakowski schreibt:

Metropolen ist eigen, dass es dort schneller und aggressiver zugeht, vor allem teurer wird; soziale Gegensätze werden wachsen, Verteilungskämpfe härter werden, und Verlierer gibt es ebenfalls. Selbst verantwortungsvolle Politik kann Härten nicht vermeiden; sie kann ein spannungsarmes Zusammenleben aber gestalten wollen

Übersetzung: Wir leben im besten aller Systeme, und das bringt uns nichts weniger als Barbarei: aggressiver wird es, härter und teurer. Das ist halt so, da kann man nichts machen. Die Politik kann daran nichts ändern, aber sie sollte immerhin so tun als könne sie irgendwas gestalten. Das schreibt Nowakowski offenbar ohne jede Ironie.

Konkrete Forderungen gibt es in dem Artikel nicht. Es werden ein paar schicke Begriffe zusammengemixt: Elektromobilität, Start-up, Kreative, Impuls für die Hauptstadt usw. Klingt ja auch cooler als wenn man mit „Bodenreform“ und „Besitzverhältnissen“ operierte.

Der Clou dieses Starjournalisten geht so:

 Doch solch radikale Neubesinnung ist nötig, wenn Berlin um eine mittlere Großstadt größer wird.

Nowakowski betrachtet seine begrenzte Sicht der Dinge allen Ernstes als eine radikale Neubesinnung. Mir ist das bürgerliche Lager grundsätzlich vertraut, ich hege keine emotionale Abneigung. Aber in Krisenzeiten wird die Dummheit dieser Leute erkennbar. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Eine gute Idee hat auch die FAZ. Es gibt in der Gesellschaft noch nicht komplett kapitalistisch ausgefüllte Ritzen. Das muss unbedingt geändert werden. Unter der Überschrift „Einmal anders in Häuser investieren“ schreibt Dennis Kremer:

Der Immobilienmarkt boomt, doch die Sorge um eine Preisblase hält viele Anleger zurück. Nun gibt es eine ungewöhnliche Alternative: Pflegeheime und Studentenzimmer versprechen hohe Renditen bei geringem Risiko.

Wie praktisch:

Mietausfälle sind kaum zu befürchten. Im Falle der Pflegeheime hat dies damit zu tun, dass Anbieter und Betreiber fest mit den Zahlungen des staatlichen Pflegegeldes kalkulieren können, die Pflegebedürftige erhalten.

Das alte Spiel des Neoliberalismus: Dem Kapital leistungslose Renditen aus dem Staatsäckel oder den sozialen Sicherungssystemen besorgen.

Die Bürger: Historisch betrachtet könnte nun die Ablösung dieser herrschenden Schicht durch eine zeitgemäßere kommen. Der Adel hatte seinerzeit auch objektiv ausgedient, er hatte keine zeitgemäßen Lösungen mehr, die Nowakowskis rückten nach.

Nur: Es ist niemand da.

Und noch ein Detail, falls jemand den asozialen Charakter unseres Staates bezweifelt: Barabara Dribbusch schreibt in der taz:

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind in Frankfurt am Main nur 8 Prozent der großflächigeren Wohnungsangebote auch wirklich von einer durchschnittlich verdienenden Familie finanzierbar…

Die Zahlenverhältnisse sind aufschlussreich: Die Mittelschicht schrumpft auf 8 Prozent zusammen. Aber keine Angst: Der kreative Start-up-Elektromobilitätsimpuls wird es schon hinbiegen.

Fragen Sie Dr. Nowakowski.

129(Foto: genova 2013)

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3 Antworten zu Die radikale Neubesinnung des Bürgers

  1. Ich nehme zwar seit Monaten resignativ nicht mehr am „Zeitgeschehen“ teil (Presse & TV) – bin aber als Mitleser Deiner Sentenzen und nicht nur als Fan von o.T.
    / respektive passives Mitglied „der Partei“ dabei.

    Ich werde mir die Herren Nowakowski, Kremer und Frau Barabara Dribbusch heute Abend reinziehen – und meine Meinung nach aussen tragen um meiner Bürgerpflicht gem. Artikel 12 Grundgesetz nachzukommen.

    Danke für die Rolltreppe.

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  2. genova68 schreibt:

    Merci und de rien.

    Ja, sich sowas reinzuziehen ist eigentlich quatsch. Aber ignorieren funktioniert ja auch nicht, weil das die herrschenden Verhältnisse sind. Für mich ist dieses Aufschreiben eher das Selbstklarmachen. Das geht gründlicher, wenn man schreibt.

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  3. Jakobiner schreibt:

    „Übersetzung: Wir leben im besten aller Systeme, und das bringt uns nichts weniger als Barbarei: aggressiver wird es, härter und teurer. Das ist halt so, da kann man nichts machen. Die Politik kann daran nichts ändern, aber sie sollte immerhin so tun als könne sie irgendwas gestalten. Das schreibt Nowakowski offenbar ohne jede Ironie.

    Konkrete Forderungen gibt es in dem Artikel nicht. Es werden ein paar schicke Begriffe zusammengemixt: Elektromobilität, Start-up, Kreative, Impuls für die Hauptstadt usw. Klingt ja auch cooler als wenn man mit “Bodenreform” und “Besitzverhältnissen” operierte.“

    Tja, da kam gestern ein interessanter Bericht in ARTE über die Favelas in Brasilsien. Dort wird nun Befriedungspolizei und ein Heer von Sozialarbeitern in die Armutsgebiete geschickt.Der Auftrag ist zweischneidig: Drogenkartelle bekämpfemn und Sicherheit zu schaffen, zugleich die Favelas zu sanieren und die Klassengegensätze zu mindern. Dabei wurde ein Polizist der Befriedungspolizei UPP Socuial interviewt, der meinte, man sei vom klassischen Militärpolizeiansatz der Todesschwadrone, die von den USA mittels prohibitionitischer Drogenausrottungsprogramme (War on Drugs)unterstützt wurden, nun auf eine präventives und mehr sozialarbeiterisches Konzept übergegangen.Er sagte, dass der Kapitalismus eben seine Polarisierung der Klassengegensätze habe, es Aufgabe der Polizei sei diese zu kanalisieren und nicht das Paradies zu schaffen, aber eben subkjektiv erträglich zu machen.Die Sozialarbeiter wiederum schwärmten, wie sie die Favelas sanieren würden–bessere Strassen, schönere Häuser, bessere medizinische Versorgung,etc.Und sie betonten, dass ihr Befriedungsmodell das Modell für alle Megacities und Grossstädte weltweit werden sollte.Am Ende wurden aber eben auch Favelaeinwohner interviewt, die meinten, sie würden hier schlichtwegs gentrifiziert und vertrieben.Die Reichen und die Immobilienmakler hätten entdeckt, dass man von den Hügel der Favelas einen einzigartigen Panaoramblick über Rio de Janaeiros habe.Wenn die Staatsmacht nicht reiche, würden Heere von Sozuialarbeitern die Einwohner solange bequatschen, bis sie umzögen–wobei unklar blieb, wohin und wielange das Wohngeld gezahlt wird.Mal sehen, ob es in anderen Grosstsäten auch diese Befriedungskonzept ala Brasilien geben wird. Wäre ja mal was Neues: Eine Befriedungspolizei mit Sozialarbeiterheer in Berlin–freilich wollen die Besitzverhältnisse oder Bodenreformen nicht diskutieren.

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