Ein Politikerfoto kurz vor der Wahl

Ein Bild von Peter Glotz in der Süddeutschen Zeitung, aufgenommen vermutlich in den 1970ern von einer Fotografin, deren Name mir entfallen ist. Ein ganz hervorragendes Bild. Man findet sowas heute nicht mehr: Ein Politiker, der sich bewusst fotografieren lässt und dabei nicht grinst, sondern eher miesepetrisch, kritisch, vorsichtig aussieht. Er misstraut dem, den er anschaut, also dem Betrachter, der immer auch Wähler ist. Vermittelnd scheint lediglich die Kopfposition: ganz leicht nach vorn gebeugt. Ginge es nach seinen Augen und seinem Mund, müsste Glotz seinen Kopf weiter hinten positionieren, dem Betrachter sein dominantes Kinn von unten zeigen, das würde besser zu seiner abwartenden, misstrauischen Grundhaltung passen. Die Körperpositionierung passt schon wieder zum Eindruck, dass der Dargestellte sich nicht wohl fühlt: Er dürfte, so nimmt man vorweg, in einer bis zwei Sekunden aus Betrachtersicht nach rechts aus dem Bild verschwunden sein.

Glotz macht nicht unbedingt den Eindruck, als fände er seinen Job scheiße, aber einen der Unsicherheit: Vielleicht kann er uns gar nicht retten oder regieren, zu viele Selbstzweifel im Kopf. Das ist das vielleicht Intensivste an dem Bild: Glotz macht uns wortlos deutlich, dass er auch nicht weiß, wie es weitergeht. Er bietet bestenfalls ein paar Gedanken aus seinem Denkerkopf, unter anderem erzeugt aus dem, was seine Blicke durch seine Denkerbrille wahrnehmen. Dazu das slawisch-schlanke Gesicht, das bei unseren Sehgewohnheiten auch nicht gerade Gemütlichkeit und vordergründige Sinneslust suggeriert. (Glotz stammt aus dem Sudetenland, wahrscheinlich wurde da Slawisches beigemischt.)

Man überlege sich, ob man schon einmal ein Foto von Angela Merkel gesehen hat, auf der man sie ähnlich ernst nehmen könnte wie Glotz, also ohne das dämliche Dauergrinsen, das vor allem gartenzwergkompatibel ist. Merkels Lächeln ist immer ein Gartenzwerglächeln. Vermutlich ist sie deshalb bei den Deutschen, wie man sagt, so beliebt. Gartenzwerge haben Deutschland schon immer vorm Unbill der Welt bewahrt. Ein Nichtgartenzwergfoto von Merkel existiert nicht. Existierte es, es käme einer bildnerischen Revolution gleich.

Steinbrück könnte man sich in der Glotz-Position schon eher vorstellen. Das ginge bei ihm aber nur um den Preis des eingebauten Mackertums, am besten mit erigiertem Mittelfinger. Steinbrücks Grinsen ist kein Gartenzwerggrinsen, deshalb hat er die Wahl verloren. Steinbrück geht nur als Macher, als Asi, als Trampel. Merkel nur als Gartenzwerg und Über-Mutti . Das hier zeigt, was ich meine.

Glotz kriegt das alles ohne Anbiedern hin: kritisch, zurückhaltend, aber ohne jede Siegerpose, obwohl die Perspektive der Fotografin eindeutig ist: nah dran und von unten. Sie macht es dem Politiker leicht, seine Macht zu demonstrieren, vielleicht spekulierte sie darauf. Glotz lässt sich nicht drauf ein.

Der Hintergrund: Ein futuristisch anmutendes Gebäude jenseits des optischen Bauwirtschaftsfunktionialismus mit nur einem Fensterband weit oben, dafür mit Aluplatten in Anzugsfarbe, die den Eindruck machen, sie hielten etwas Geheimnisvolles verborgen, und seien es auch nur die Zugkräfte des Gebäudes. Der Bau ist das Gegenteil dessen, was man volkstümlich nennen könnte. Er verweist in die Zukunft, die eine unsichere sein kann. Ein Gebäude, in dessen Beschreibungstext der Begriff der Heimat nur eingebaut werden könnte, indem man etwa von Kritischem  Regionalismus referiert oder umständlich von lokalen Bezügen, die im Entwurf stecken. Viel zu kompliziert für das heimelige Volk. Besser Fachwerk. Ein Politiker einer volkstümlichen Partei lässt sich heute nicht mehr vor Architektur fotografieren, die an die Vergangenheit nicht anschlussfähig ist und die Zukunft nicht verkleistert, zumindest nicht auf den ersten Blick.

Ich freue mich schon auf die ersten Fotos irgendwelcher grinsender Trottelpolitiker vorm Berliner Stadtschloss.

Besser wäre das Glotz-Foto noch, wenn es oben direkt unterhalb des Fensterbandes beschnitten wäre. Kein Fenster, keine oberflächliche Transparenz, nirgends. Oder man interpretiert die offzielle Version als eine göttliche Offenbarung: Eine umgekehrte Dreieckskomposition mit einer über den ganzen oberen Bildrand verlaufende Darstellung Gottes in Form des Fensterbandes. Glotz wäre dann der beruhigende Gegenpol zum ausfransenden Fenster und damit beliebig gewordenen Gott.

Dazu die Frage: Seit wann gibt es das Fotodauergrinsen? Historische Fotos von Politikern oder Familien oder Einzelpersonen haben gemein, dass darauf niemand grinst. Irgendwann setzte das Cheese-Verhalten ein. Mit dem Massentourismus? Über den großen Teich? Mit dem Drang, sich als Protagonist vor die Sehenswürdigkeit zu stellen, die offenbar nicht sehenswert genug ist, ohne Protagonist geknipst zu werden. Warum das Grinsen? Frühe Fotos waren wesentlich dokumentarischer als heute, es gab weniger davon, sie wurden aufgehoben. Dennoch störte es offenbar niemanden, wenn man dort ernst guckte. Heute ein absolutes No-Go.

Ein ungemütliches Gebäude ohne Fenster, ein übergroßer misstrauischer Politiker, dazu die volksfeindliche große Intellektuellenbrille und die mächtige Denkerstirn: Wer heute nicht gewählt werden will, orientiere sich an diesem Bild.

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12 Antworten zu Ein Politikerfoto kurz vor der Wahl

  1. Jakobiner schreibt:

    „dazu die volksfeindliche große Intellektuellenbrille“

    Naja, das ginge wohl heute durchaus als Nerdbrille durch und ist momentan sehr stylisch und extrem „in“.

    Kleidung und Gebäude–alles statisch und in maus- und betongrau.Geht in unserer farbigen und dynamisch-bewegten Welt heute gar nicht mehr.

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  2. Chris(o) schreibt:

    @Jakobiner
    Komisch……ich finde, stilbewusste Menschen können dem Outfit auch heute noch einiges abgewinnen.

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  3. genova68 schreibt:

    Stimmt, auf die farbliche Ähnlichkeit von Vorder- und Hintergrund hätte man auch zu sprechen kommen können.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Aber der Blick ist nicht nur distanziert, sondern auch von oben herab, dazu noch mit einem unisonofarbenen hohem Gebäudekomplex der Macht–würde veilleicht bei Yuppies, Banker- und machtbewussten Armanistylischen Typen durchgehen, dürfte aber nicht als „Bürgernähe“und „Mann des Volkes“durchgehen, sondern eher als Technokrat, Oberlehrer und .Genosse der Bosse .

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  5. Jakobiner schreibt:

    Kurz: Er blickt von oben herab aufs niedere Volk, der Macht seiner Bürokraten- und Bankentürme im Hintergrund, die nochmals höher als er sind, gewiss.

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  6. feinebiere schreibt:

    eine spannende Interpretation des Bildes ! allerdings wohl auch überinterpretiert, andererseits mag ich sowas: aus einem Puzzlestück möglichst viel erklären, ableiten. Es ist ein junger Glotz. Wie hat er sich geändert zum älteren Glotz? Ja, es ist intellektuell von oben herab, aber
    es ist auch so, als würde er fragen, was mach ich hier eigentlich? bin ich hier wirklich richtig in diesem Bild.

    Eine Fotoaufnahme früher war ja eine größere Sache, erst recht ein Gemälde. Heute ist ein Foto Massenware, weil jeder kann Fotos ohne Kosten herstellen. Aber warum das „dumme“ Grinsen? Andererseits, was soll man sonst „tun“? Bedeutsam blicken? Gar nicht schauen? Foto ist immer inszeniert. Aber warum heute mit „Ameisenscheiße“. Wiedereinmal sehr spannende Fragen, die Genova stellt. Eigentlich müssten wir ja permanent heulen vor Ärger, Zorn, Schmerz, Selbstmitleid. Das Foto mit Person ist wohl IMMER vor allem ein Signal an die anderen, Freunde, Bekannte: Mein Haus, meine Ferien, mein Job, meine Familie, uns geht es gut. also ein klarer Fall für „Ameisenscheiße-Dauer-Grinsen“.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Kurz: Die mausgraue Frabe von Kleidung und Gebäude ist kein Zufall.Er ist damit bildlich eine Säule der Machtarchitektur, die sich in dem Gebüde äussern will und möchte uns das einflössen–soll wohl soetwas wie Autorität ausstrahlen–eine Lachnummer, wer den Peter Glotz mal live im Fernsehen gesehen hat.Der Oberlehrer und Erfinder der 2/3-Gesellschaft als Vorläufermodell der Neuen Mitte ist zwar unter Akademikern herausgestochen, aber in Beggenungen populistischen
    Typen wie SS-Schönhuber immer untergegangen, da letzterer mehr Volksnähe verbreite als der steife, mausgraue Glotz.

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  8. genova68 schreibt:

    Dass man in Begegnungen mit Schönhuber untergeht, spricht nicht gegen einen. Aber Glotz hat vor Jahren in einem Interview mit der jungen freiheit selbige auseinandergenommen. Von oben herab: klar, da die Kamera von unten herab aufnimmt. Aber ich finde seinen Blick keineswegs arrogant von oben herab, das halte ich für einen Interpretation, die weniger vom Bild ausgeht als vom Hintergrundwissen über Glotz. Vielleicht ist er angwiedert vom Pöbel, was ja nachvollziehbar wäre. Vielleicht ist er auch von seinem Job angeekelt. Ebenfalls nachvollziehbar.

    Das angenehme an einer Bildinterpretation ist doch, dass man versuchen kann, sein Hintergrundwissen wegzulassen. Es eröffnet neue Perspekiven.

    Mein Haus, meine Ferien, mein Job, ja, damit hängt das Grinsen wohl zusammen. Nicht zuletzt deshalb war die entsprechende Werbung erfolgreich. Es wurde eine vorhandene Neigung einfach massiv überbetont: Jeder wusste, worum es geht, aber keiner traute sich, soweit zu gehen wie die beiden Typen in der Werbung. Eine Werbung, wie sie heute wohl nicht mehr aufgelegt würde.

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  9. LoMi schreibt:

    Ich finde, das Bild bringt den Glotz, wie ich ihn kenne, gut rüber. Ja, das Bild mag auf dem ersten Blick etwas „von oben herab“ wirken. Aber was soll einer wie Glotz auch den Leuten vorgaukeln, er sei einer von ihnen? Ihm war das wohl klar, dass er das nicht ist. Zumal diese „Einer von Euch“-Pose bei den Lächel-Bildern keinen überzeugt. Daher ist es nicht verkehrt, wenn der Politiker Glotz als etwas Fremdes, Andersartiges, als Vertreter einer Gruppe von Menschen erscheint, mit der man im Alltag kaum Kontakt hat.

    Die Interpretation der Skepsis finde ich zutreffend. Sie passt zu Glotz. In seinen Büchern wirkt er manchmal etwas depressiv, auf jeden Fall zweifelnd und nicht immer glücklich, kantig, aber kein Dauer-Sieger-Typ. Eigentlich wirkt er auf dem Bild auch angreifbar und verletzlich. Die Heldenpose fehlt. Da tritt einem eher ein Typ gegenüber, der eine Meinung hat, die er dank seines Temperamentes nicht zurückhalten kann. Jemand, der Ärger riskiert. Weshalb er mir nicht nach dem Munde reden wird. Und das ist schon mal sympathisch.

    Ein Typ wie Glotz habe ich als Politikertyp in Erinnerung, der Meinungen hatte. Seine Bücher zeigen dies auch – selbst, wenn man mal den Selbstdarstellungscharakter von Politikerbüchern abzieht. Es sind keine Heldenromane und man nimmt dem Autor auch die Zweifel ab. Andere Memoirenschreiber entlarven sich dagegen schnell als Leute, die zu sehr auf den Beifall schielen. Da wird dann auch Selbstzweifel geäußert, aber nur dort, wo er wohlfeil ist und an den common sense anschließt. Das ist bei Glotz anders. Da kommen unpopuläre Meinungen, da gibt es ungeglättete Aussagen.

    Wie gesagt: Politikerbücher sind auch Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Dennoch kann ich mir von der Merkel kein Buch vorstellen, dass es an Reflektionstiefe mit denen von Glotz aufnehmen könnte. Glotz ist kein Heiliger, keiner, der sozusagen die ungeschminkte Ehrlichkeit in die Politik bringt. Aber er ist eben auch nicht flach. Merkel dagegen ist genauso flach, wie ihr Plakat geschönt ist.

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  10. GrooveX schreibt:

    oh, ein klassenbildchen, wie hübsch. die klasse, die es sich nicht nur leisten kann, einer einladung zur nächsten preisverleihung in der paulskirche folge zu leisten, die es auch tut. schließlich lädt sie sich selbst ein.

    also ich hebe meine tasse und stoße auf den untergang der bourgeoisie an – genau wegen eines solchen bildes!

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  11. klausbaum schreibt:

    glotz, der zuletzt in aarau lehrte, galt einem freund von mir, der ebenfalls prof. dort ist, als verkünder der reinen neoliberalen lehre.

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  12. genova68 schreibt:

    Ja, sicher ein Neoliberaler. Aber nicht zum Zeitpunkt der Fotoerstellung. Ich sah eher einen Typus Politiker in dem Foto, den es heute nicht mehr gibt, so habe ich das ja auch geschrieben. Und, falls das so gemeint ist: Ich würde einen Unterschied machen zwischen einen Sozialdemokraten der späten 1970er Jahre und einem Faschisten (es geht um eine Auseinandersetzung hier: klausbaum.wordpress.com/2014/05/31/sprache-als-mittel-der-verwirrung)

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