Boko Haram: Deus vult

Falls sich ein Leser gerade fragt, wozu das Bekenntnis zu einer Religion führen kann, hier ein kleines Beispiel. Es geht um die Islamisten von Boko Haram in Nigeria, die kürzlich 200 Schülerinnen entführt haben, um sie zu zwangsverheiraten. Ihr Vergehen: der Besuch einer Schule, in der man mehr lernt als den Koran auswendig.

Die Süddeutsche schreibt:

Es sind bizarre Auftritte, die da auf den Videos zu sehen sind. Ein Mann schleudert Drohbotschaften an die Welt heraus, er redet von einem totalen, reinigenden Krieg, seine Stimme kippt hin und her, der ganze Körper zuckt und windet sich. Kein Zweifel: Abubakar Shekau, Anführer der nigerianischen Islamistensekte Boko Haram, glaubt, er sei für eine sehr wichtige Mission auserwählt; und die Feinde, die es auszulöschen gilt, sind in seinem Fall vor allem die Christen dieser Welt sowie all jene, die mit ihnen sympathisieren.
Über Shekaus Biografie ist nur wenig bekannt. Geboren wurde er wohl vor etwa 45 Jahren irgendwo im armen, vernachlässigten Nordosten von Nigeria, es heißt, er lebe bescheiden und achte geradezu besessen auf seine Körperhygiene. Über seine persönlichen Interessen hat er einmal in einer Videobotschaft gesagt, er finde „Vergnügen daran, jeden zu töten, den Gott mir zu töten befiehlt – so wie ich Vergnügen daran finde, Hühner und Schafböcke zu töten.“

Bemerkenswert ist die Verbindung zwischen seiner Körperhygienebesessenheit und der Lust am Töten. Nicht wirklich verwunderlich, dass dieser Geisteskranke sich für eine monotheistische Religion entschieden hat. Wenn er Befehle zum Töten erhalten will, dann doch praktischerweise von einen Supermann, gegen den man nicht opponieren darf. Das Problem ist ja nicht, dass es jemanden wie Shekau gibt. Irre gibt es immer und überall. Das Problem ist, dass der Islam offenbar so konstruiert ist, dass er auf Irre ein Anziehungspotenzial besitzt. Nicht nur auf Shekau, sondern auf Menschen weltweit, die sich in Allahs Namen berufen fühlen, Menschen zu ermorden. Täglich, massenhaft und bestialisch.

Es ist auch nicht die Frage interessant, ob der Koran die Legitimation von Massenmord hergibt. Das kann man wohl so oder so sehen. In dicken Büchern findet sich naturgemäß für jeden etwas. Interessant ist nur, dass es in der Praxis funktioniert. Täglich, massenhaft und bestialisch.

In dem Süddeutsche-Artikel steht noch, dass selbst Al Kaida den Chef von Boko Haram „in seiner Radikalität für eine Spur zu bekloppt“ hält. Aber nur für eine Spur.

Der Islam braucht offenbar dringend eine Aufklärung. Mili Görüs ist genau so eine Scheiße wie die Evangelikalen in Baden-Württemberg. Wobei: Das Christentum ist global betrachtet weiter. „Weiter“ heißt bei montheistischen Religionen immer: unbedeutender. Oder kann man sagen: relaxter, entspannter? Natürlich legitimiert auch die Bibel den Massenmord, wenn man das so verstehen will. Wohl noch extremer als der Koran, mit Kindermord und allem drum und dran. Deus vult. Vermutlich deshalb gibt es mittlerweile weniger fanatische Christen als Moslems. Ich schätze, das ist so ähnlich wie bei deutschen Dialekten: Es fielen zuerst die weg, die mit den anderen am wenigsten kompatibel waren. Also vor allem Platt in all seinen Facetten. Bayrisch hat sich modernisiert und deshalb überlebt.

Andererseits apropos relaxter und entspannter: Ich habe noch keine relaxtere und entspanntere Millionenstadt erlebt als Kairo, zumindest vor der rebellion. Inmitten des Chaos von 20 Millionen Menschen herrscht Gelassenheit, Freundlichkeit, innere Ruhe. Auch das ist vermutlich Islam. Insofern ist es natürlich kindisch, gegen Religion zu wettern, solange es um Spiritualität geht.

Ich habe kürzlich zufällig Hamed Abdel-Samad in Kreuzberg getroffen. Wir saßen auf einer Springbrunnenmauer und unterhielten uns ein wenig über sein Buch über Islam und Faschismus (das ich nicht gelesen habe) und die öffentliche Rezension. Er meinte, das größere Problem sei derzeit nicht die Rezension seines Buches und die Vereinnahmung durch Rechte (vor der ich ihn warnte), sondern die Bedrohung seines Lebens durch Moslems, die ihre Legitimation dafür von weit oben erhalten. Seine Leibwächter waren in der Nähe, wenn auch für mich unsichtbar. Kurz darauf setzte sich ein uns unbekannter Mann neben mich auf die Mauer. Es war ein unangenehmer Moment.

Und kürzlich zufällig gelesen: Auf welcher Seite stand der Katholizismus im spanischen Bürgerkrieg? Die Antwort ist klar und sie überrascht nicht. Imperialistisch, diktatorisch, intolerant: So würden Politikwissenschaftler Christentum und Islam beschreiben.

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18 Antworten zu Boko Haram: Deus vult

  1. Jakobiner schreibt:

    „Der Islam braucht offenbar dringend eine Aufklärung. Mili Görüs ist genau so eine Scheiße wie die Evangelikalen in Baden-Württemberg. Wobei: Das Christentum ist global betrachtet weiter. “Weiter” heißt bei montheistischen Religionen immer: unbedeutender. Oder kann man sagen: relaxter, entspannter?“

    Das ist so nicht ganz richtig, denn im wesentlichen ist das europäische Christentum entspannter geworden hin zu einer Margot-Käßmannreligion, die Lindenstrassenkompatibel ist.In den USA, Südamerika, Afrika und Asien hingegen haben die Evangelikalen massenweise zulauf, die recht fanatisch sind. Wobei man auch bei den Evangelikalen differnenzieren muss, da es auch linke Evangelikale gibt, die sich für soziale Rechte, Minderheitenrechte, Umweltschutz, Frieden einsetzen, aber das ist noch die Minderheit.Grossteils zeichnen sich die Evangelikalen durch Prädestinationslehre aus, Anbeten des Reichtums, durch Fanatismus, durch Nationalismus, wei z.B. Pat Robertson, der auch mal öffentlich zur Ermordung von Hugo Chavez aufrief und den Siedlungsbau für ein Grossisrael im Heiligen Land befeuert, ja selbst einmal auch als US-Präsidentschaftskandidat antrat. Guter Film hierzu: Völker Schlöndorff, „Die Dienerin“–eine schwarze Utopie, in der die USA zu einem christlichen Iran mutiert.Ich war auch mal auf einem Symposium der Katholischen Akademie in München–Thema „Christliches Amerika“.Dort trat Michael Novak auf, Mitglied des American Enterprise Institutes (Neocon-Think Tank der USA) und bekennender Katholik auf.Hierbei kritisierte er das europäische Christentum als weichgespült, als dem Untergang geweiht, als pazifistisch, vor allem störte er, dass es einen Gott der Nächstenliebe anbetete.Seiner Ansicht nach brauchte es alttestamentarisch einen „God of Fear“, einen strafenden, rachsüchtigen Gott, der den Menschen Angst und Demut einflösst und einen ebenso beschaffenen Staat, der militräisch für die christlichen Werte ficht und innenpolitisch ebenso drakonisch gegen Blasphemie, Gotteslosigkeit und Liberalismus kämpft.Anders als Islam jedoch ist der Terrorismus eher eine Ausnahmeerscheinung. Boko Haram und Al Kaida haben ihre christlichen Pedanten eigentlich nur in der Lord´s Army in Uganda und bei einigen christlichen Fanatikern, die Abtreibungsärzte umbringen.Es ist jedenfalls keine Massenerscheinung wie im Islam.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Dass der Evangelismus auch vom Neoliberalismus unterstützt wird, zeigt das Buch „God is Back: How the Global Revival of Faith Is Changing the World“ von John Micklethwait und Adrian Wooldridge, ihres Zeichen Journalisten des „Economist“, des Zentralorgans der City of London.
    Richtig stellen beide Autoren fest, dass die Religion ihr weltweites Revival feiert und die Säkularisierungsthese falsch sei.Sei es nun das Evangelikalentum in den USA, Afrika, Asien und Lateinamrika, sei es der Islam, sei es der Hinduismus (der hindunationalistische RSS als Vorläufer der hindunationalistischen Massenpartei BJP), sei es der Buddhismus, sei es die Falungong in China, die sich aufmacht, auch Weltreligion zu werden.Beide Autoren konzentrieren sich jedoch auf den Evagelikalismus, loben dessen Presiung des Kapitalismus und der Globalisierung,sehen evangelikalsiche Gläubige als produktiver, stabiler in ihrem Lebenswandel (Scheidungen, Alkohol-/DFrogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit,etc.)an und was beiden vor allem gefällt, ist die Idee, den Sozialstaat zugunsten christlicher charities zu ersetzen. Somit könnte der teure Sozialstaat überflüssig werden und die Menschen würden gottgefälliger und produktiver werden. Ebenfalls zeigen die Autoren, dass der urspüngliche Evangelikalsmus eher ein Unterschichtenphänomen des Bible Belts war, rückständige , ländliche rednecks, aber inzwischen von internetaffinen, modernen urbanen Mittel- und Oberschichten getragen wird.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Die AKP und die Türkei galt lange als Hoffnungsträger eines modernen Islam, des „Islam ist Frieden“, der demokratieverträglich und nicht missionarisch sei.Inzwischen sind jedoch auch solche Erdoganfans wie Leo Brux eines besseren belehrt worden. Erdogan baut jetzt systematisch eine islamistische Diktatur auf, unterdrückt die säkulare Opposition, beschliesst neue Geheimdienst-, Mediengesetze, will die Unabhängigkeit der Justiz und die Gewaltenteiling abschaffen,will eine „neue Generation religiöser Jugend“erziehen, führt Geschlechtertrennung in Studentenwohnheimen ein, sanktioniert Alkoholkonsum. Aussenpolitisch setzt er auf die sunnitischen Muslimbrüder in den arbaischen Staaten, unterstützt selbst Dschihaddisten, die einen Gottesstaat errichten wollen.Er möchte mit deren Hilfe ein neoosmanisches Reich errichten. Ein mir befreundeter christlicher US-Theologe war letztens auf Einladung einer islamischen Organisation, die der AKP nahesteht in der Türkei an einem Symposium „Dialog mit dem Islam“.Der Flug wurde bezahlt,ebenso Hotel, Spesen, es gab eine Kreditkarte über 200 US-$zum Einkaufen, man liess sich dies also richtig etwas kosten.Thema des Symposiums war der vermeintlich moderate islamische Denker Said Nursi, der angeblich für einen „Dschihhad des Wortes“, d.h nicht des Schwertes eintrat. Über Said Nursi ist aber auch zu lesen:
    „Ziel Said Nursis und seiner Bewegung war ein panislamischer Staat mit Mekka und Medina als Zentrum und der Scharia als Rechtsordnung.“
    Betrachtet man sich die aussenpolitische Unterstützung der AKP für die Muslimbrüder in Ägypten, Syrien, Saudiarabien, Jordanien, Irak und in anderen sunntisch-arabischen Staaten, desweiteren das abgehörte und auf you tube veröffentlichte Gespräch zwischen Erdogans Aussenminster Davotoglu, dem Chef des türkischen Geheimdeinstes und eines Mitglieds des Generalstabs, nachdem man einen Krieg gegen Syrien unter einem Vorwand ala Sender Gleiwitz inszenieren wollte, zeigt sich, dass „islam ist Frieden“und der „Dschihhad des Wortes“mehr Propaganda als Wirklichkeit sind.Die Erdogan-AKP scheint ihre neosmanischen Träume auch mit militräischen Mitteln druchzuführen zu gedenken.Inzwischen scheint man sich auch Atomwaffebn zulegen zu wollen (vergleiche Brux´Artikel aus einem Migrationsblog, in dem er aus der Hürriyet zitiert).

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  4. Jakobiner schreibt:

    Was bei der Aufzählung auch noch fehlt, ist das Wiedererstarken der christlich-orthodoxen Kirche, sei es nun in Russland oder Serbien, auch staatlicherseits gefördert.Hier unterstützt sie den Nationalismus, Antimodernismus und Antiliberalismus der jeweiligen nationalistischen und autoritären Herrschaften.Kein Wunder, dass Pussy Riots sich eine Kirche für ihren Protest aussuchten, da die Popen ein sehr enges Bündnis mit Putin eingegangen sind.Jedenfalls wird der orthodoxe Glaube jetzt als wesentlicher Kern russischer und serbischer Kultur und sogenannter Identität behauptet und alle Kritik daran als Blasphemie und Störung der öffentlichen Ruhe und der gesellschaftlichen Stabilität behauptet.Religionskritiker werden mit kommunistschem Atheismus gleichgesetzt und verfolgt..

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  5. hANNES wURST schreibt:

    Natürlich ist Religion der primäre Quell für den schlimmsten Fanatismus, was man exemplarisch an Stalin, Hitler, Mao und Pol Pot erkennt.

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  6. Jakobiner schreibt:

    War wohl ironisch gemeint, Hanneswurst und verweist auch auf den kommunistischen Atheismus oder den neuheidnischen Nationalsozialismus.Natürlich ist Religion nicht die einzige Quelle für schlimmsten Fanatismus, aber eben auch eine sehr traditionelle, die gerade wieder weltweit bis auf Europa Aufwind erfährt.Ebenso kann eine antropozentrische Weltsicht den Menschen als Übermenschen (Nietzsche: Gott ist tot!)sehen, was ebenso zu Fanatismus führen kann.Aber das macht die Religionen auch nicht harmloser, vor allem dann wenn sie nicht durch die Aufklärung und Säkularisierung gegangen sind und eine eher harmlose.Margot-Käßmannreligion geworden sind, wie dies eben beim islam der Fall ist

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  7. Jakobiner schreibt:

    Im Zusammenhang mit den Totalitarismen wie Kommunismus oder Nationalsozialismus hat Eric Voegelin ja mal den Begriff „politische Religionen“geprägt, bzw. die politischen Ideologien als politische Ersatzreligionen gesehen.Näheres unter:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Religion
    http://www.lha-rlp.de/index.php?id=546
    http://de.wikipedia.org/wiki/Eric_Voegelin

    Die Frage ist, ob man Religion und Politik als getrennte Sphären ansehen sollte.Dann stellt sich auch die Frage, ob man Islamismus als Faschismus ansehen kann oder von „Islamofaschismus“reden kann.Bisher wurde ja von vielen islamophilen Deutern diese Begriffskombination abgelehnt.Aber speziell beim Islam wird ja die Trennung von Staat und Religion abgelehnt, sie sollen ja eine Einheit bilden.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Die Frage ist eben, ob das Problem nur Boko Haram, also die Al Kaidaformen des Islams sind.Auch die sanfteren Formen, wie die Muslimbrüder oder die AKP sind ebenso islamofaschistisch—sie wählen einen anderen Weg als den terroristisch-putschistisch-militärischen, nämlich den einer Massenpartei, die die Macht erobert—ähnlich wie Hitler nach seinem gescheiterten Putsch 1923 den parlamentarischen Weg ging.Die AKP der Türkei wurde uns ja als Musterbeispiel für einen modertaen und demokartsicehn Islam präsentiert.Inzwischen aber wird selbst der ehemalige Erdoganfan Brux, der in ihm den Wegbereiter für einen modernen Islam in der Türkei und EU-Mitgliedschaft sah, immer verzweifelter angesichts der Taten seines ehemaligen Zöglings, der nun sein neoosmanisches Reich auch aussenpolitisch militärisch durchsetzen will-O-Ton Brux:
    “Die Türkei braucht Atombomben!
    Die im Aufbau befindliche neo-osmanische türkische Großmacht braucht – die Atombombe. Logisch.(Anmerkung: Auf diese Logik haben viele Islam- und AKPkritiker jahrelang hingewiesen, wurden aber von Brux als unlogisch und islamophob dargestellt!)
    Dazu errichtet man zunächst ein, zwei Atomkraftwerke.
    Zweitens schafft man sich Zugang zur Atomenergie-Technologie, mit der sie geführt werden.
    Drittens Zugang zur Plutoniums-Technologie, um die Sprengköpfe bauen zu können.
    Viertens findet man eine Umgehung der zwei Verträge, durch die man sich unterschriftlich verpflichtet hat, KEINE Atomwaffen zu bauen (NPT und MTCR = Non-Proliferation Treaty + Missile Technology Control Regime).
    1. Außenminister Davutoglu, 2011: Es gebe für den Nahen Osten nur zwei Möglichkeiten. Entweder schaffe Israel seine Atombomben ab – oder die regionalen Führungsmächte müssten sich ebenfalls ein atomares Arsenal zulegen.
    2. Die Japaner bauen ein Atomkraftwerk in der Türkei für 22 Mrd. Dollar. Die Türkei wollte gegenüber Japan darauf bestehen, die Kompetenz für das Anreichern von Plutonium und das Verwenden für Waffen mitgeliefert zu bekommen. (Was Japan nicht darf: siehe die Verträge NPT und MTCR.)
    3. Auch Saudi-Arabien, Irak und Ägypten spielen mit der Idee, sich Atomwaffen zuzulegen.
    4. Wissenschaftsminister Fikri Işık spricht davon, den MTCR-Vertrag zu umgehen. Energieminister Yıldız teilt uns mit, der Vertrag mit Japan erlaube es der Türkei, Uran anzureichern.
    5. Die Türkei plant, selbst eine Rakete mit der Reichweite von 2.500 km zu entwicklen, außerdem Raketenabschussanlagen.
    Burak Bekdil, Hürriyet”

    Aber Leo Brux macht ja beachtliche Fortschritte:
    “Erdogans Weg zur volksgestützten Alleinherrschaft ist ein Weg zu einer zeitgenössischen Form von Faschismus. Das ist vielen jetzt schon klar – es wird bald allen klar werden.
    Diejenigen, die dann Erdogan in Deutschland unterstützen, werden als Anhänger einer Diktatur, einer faschistoiden und wohl auch islamistischen Diktatur erkannt werden. ”
    Was kann ich mich noch an die Debatten erinnern, als der gute Leo jeden Vergleich des Islamismus mit dem Faschismus zurückwies, Hamed Abedel Samar für seinen Begriff des “Islamofaschimsus”als Hetzer angriff oder die Behauptung, Erdogan sei ein Islamist als für unbegründet und islamophob ablehnte.Times are changing

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  9. Jakobiner schreibt:

    Noch als Ergänzung einen älteren Beitrag zu den Muslimbrüdern, die auch gerne als Modernisierungs- und Demokratisierungskraft von islamophilen Traumtänzern angesehen wurden:

    „Wider die Verharmlosung der Muslimbruderschaft

    Es ist seit den arabischen bürgerlich-demokratischen Revolutionen in Nordafrika in Mode gekommen, die Muslimbruderschaft zu verharmlosen. So etwa in dem Beitrag in Foreign Affairs:

    The Muslim Brotherhood After Mubarak

    What the Brotherhood Is and How it Will Shape the Future

    CARRIE ROSEFSKY WICKHAM is Associate Professor of Political Science at Emory University [1].

    With the end of the Mubarak era looming on the horizon, speculation has turned to whether the Muslim Brotherhood will dominate the new Egyptian political landscape. As the largest, most popular, and most effective opposition group in Egypt, it will undoubtedly seek a role in creating a new government, but the consequences of this are uncertain. Those who emphasize the risk of “Islamic tyranny” aptly note that the Muslim Brotherhood originated as an anti-system group dedicated to the establishment of sharia rule; committed acts of violence against its opponents in the pre-1952 era; and continues to use anti-Western, anti-Zionist, and anti-Semitic rhetoric. But portraying the Brotherhood as eager and able to seize power and impose its version of sharia on an unwilling citizenry is a caricature that exaggerates certain features of the Brotherhood while ignoring others, and underestimates the extent to which the group has changed over time.

    http://www.foreignaffairs.com/articles/67348/carrie-rosefsky-wickham/the-muslim-brotherhood-after-mubarak

    Im wesentlichen wird derfolgt argumentiert: Die Muslimbruderschaft sei zwischen einem alten gerontokratischen und jungen modernistischen Flügel gespalten. Golineh Atai erklärte bei Anne Will im ARD gar, in der Muslimbruderschaft gebe es einen jungen und alten Flügel und eine eigene Art Frauenbewegung. Deutsche Orientalisten sehen mehrheitlich in der Muslimbruderschaft gar eine neue AKP, die Ägypten modernisieren werde. Und dann wird auch noch unterschieden: Es gäbe einen karitativen Flügel der Muslimbruderschaft, der den mangelnden Sozialstaat in Ägypten ersetze und nur den wohlfahrtlichen Zielen verpflichtet sei, während ein kleiner Teil davon separat ein noch antisemitischer, islamistischer Restverband sei, den man zu negieren habe. Desweiteren wird darauf hingewiesen, dass die Muslimbruderschaft keinen Gottesstaat mehr wolle und sich ganz legalistisch in das Parteienspektrum eingebracht habe: “Realpolitik unter islamischen Vorzeichen“ sei zu erwarten (Verfassungsschutzbericht NRW 2006). Desweiteren wird argumentiert, dass die Muslimbruderschaft noch keine Partei mit eigenem Programm und eigenem Führer sei, sich also noch aufspalten und moderieren werde.

    Es ist richtig, dass die Muslimbruderschaft momentan noch keinen auserkorenen Führer und ein Parteiprogramm hat. Aber das wird kommen UND: Ihre Mindestforderung wird die Scharia und ein Staat gemäß der Scharia werden. Hassan El- Banna hat das Programm hierfür geschrieben und davon weicht die Muslimbruderschaft auch bis heute nicht ab. Dass die Muslimbruderschaft keine Theokratie und Gottesstaat fordert, hängt damit zusammen, dass sie selbst kaum nennenswerte Theologen auf ihrer Seite hat, geschweige denn einen ägyptischen Khomeini. Das bedeutet aber nicht, dass die Muslimbruderschaft nicht einen islamistischen Staat fordern würde. Dass die Muslimbruderschaft karitative Institutionen unterhält, ist richtig, aber es wäre genauso zu sagen: Die NSDAP hatte eine SA und die SA hatte Suppenküchen und deswegen wäre die SA die dominante Richtung und nur eine sozialkaritative Organisation gewesen. Wohlfahrtsinstitutionen aufzubauen,um einen Staat im Staate zu etablieren und zur Rekrutierung von Anhängern zu nutzen, die den säkularen Staat unterminieren und stürzen wollen, ist der eigentliche Zweck, nicht Humanität.Da werden Zweck und Mittel ein wenig verwechselt. Die sogenannte Frauenbewegung der Muslimbruderschaft fordert ebenso nur Gleichberechtigung unter der Scharia—ist also keine Frauenemanzipationsbewegung, sondern auf die Unterwerfung der Frau unter den Mann angelegt. Die Muslimbruderschaft mit der türkischen AKP zu vergleichen, übersieht, dass es schon eine Abspaltung von der Muslimbruderschaft gab, die eben AKP-Linie führt: die Wasat-Partei. (http://arabist.net/post-islamist-rumblings-in-egypt-the-emergence-of-the-wasat-party/Siehe schriftliche Version:Post-Islamist rumblings in Egypt: the emergence of the Wasat party.Source: The Middle East Journal, Summer 2002 v56 i3 p415(18).).

    Diese hat sich gerade aus der Unveränderbarkeit und Unbelehrbarkeit der Muslimbruderschaft –trotz ihres angeblichen Flügels an Jungreformern–abgespalten, weil sie eben weiß, dass die Muslimbruderschaft eine islamistische Vereinigung ist, für die der legalistische Weg nur der Kurs Hitlers nach seinem gescheiterten Putsch an der Feldherrenhalle 1923 ist: In die Parlamente gehen und sich legal erscheinen zu lassen, aber eben nichts an ihrem radikal-islamischen Programm abzuschreiben.

    D.h.: Die Muslimbruderschaft wird die größte ernstzunehmende anitsäkulare und antiwestliche Organisation sein in Post-Mubarak-Ägypten. Sie zu isolieren, zu spalten und zu bekämpfen, wird die größte Herausforderung für die säkularen Kräfte in Ägypten sein. Dies wird nur in Kooperation mit dem ägyptischen Militär und unter Auflage von Sozialprogrammen gehen, die den Muslimbrüder ihren direkten Zugriff zu den armen Schichten in Ägypten verwehrt. Ob dies aber geschehen wird, bleibt fraglich. Denn neue Mittelschichten sind meist gefühlsarm gegenüber unteren Schichten. Aber eine Art Bismarck: Islamistenbekämpfung bei Sozialgesetzgebung wäre für Ägypten eine wichtige Sache. Momentan ist die Muslimbruderschaft noch in der Defensive, möchte angeblich nicht einmal einen eigenen Präsidentschaftskanidaten stellen, aber sie wird die Zeit der nächsten 5 Jahre nutzen, um sich für die kommende Offensive vorzubereiten.“

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  10. Jakobiner schreibt:

    Zu Hanneswurst:

    Mit deinen Beispielen weist du darauf hin, dass Fanatismus nicht nur eine Frage der Religion ist, sondern auch anderer gottfreien Ideologien wie dem Kommunismus und dem neuheindisch-altgermanisch-religiösen Nationalsozialismus. Daran ist soviel richtig, dass auch ein gottfreies, antropozentrisches Weltbild extremistisch werden kann, sei es nun indem es den Menschen oder das Volk als neuen absoluten Heilsbringer und Messias darstellt (vgl. Nietzsche: Gott ist tot und der Übermensch!).Das habe ich nie bestritten, macht aber die Religionen auch nicht harmloser.Im Zusammenhang mit den Totalitarismen wie Kommunismus oder Nationalsozialismus hat Eric Voegelin ja mal den Begriff “politische Religionen”geprägt, bzw. die politischen Ideologien als politische Ersatzreligionen gesehen.Näheres unter:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Religion
    http://www.lha-rlp.de/index.php?id=546
    http://de.wikipedia.org/wiki/Eric_Voegelin

    Die Frage ist, ob man Religion und Politik als getrennte Sphären ansehen sollte.Dann stellt sich auch die Frage, ob man Islamismus als Faschismus ansehen kann oder von “Islamofaschismus”reden kann.Bisher wurde ja von vielen islamophilen Deutern diese Begriffskombination abgelehnt.Aber speziell beim Islam wird ja die Trennung von Staat und Religion abgelehnt, sie sollen ja eine Einheit bilden.

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  11. hANNES wURST schreibt:

    @Jakobiner: Ich hatte genovas Artikel kommentiert. Tut mir leid, Ihre ausufernden Kommentare lese ich mir nicht durch. Wären bestimmt interessant, wenn sie auf 10% gekürzt und zusammengefügt werden (Ihre Kommentarkolonnen nerven extrem).

    @Silverstar (komischerweise das gleiche Profilbild wie Jakobiner): Jeder Mist kann als Fundament für Fanatismus und Unmenschlichkeit herangezogen werden, wie wäre es mit der Liga der lebensfeindlichen Diabetiker. Der Artikel von genova ist wahrscheinlich ebenfalls ironisch gemeint, denn mit der gleichen Logik kann er jede Vorverurteilung von religiösen Menschen begründen oder auch Farbige pauschal als Deppen darstellen, da die Boko Haram Freaks farbig sind und die letzten bekannten Völkermorde auch in Afrika stattfanden. Das ist Ethik auf Abwegen und geistig auf Sarrazin Niveau.

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  12. Jakobiner schreibt:

    Zu Hanneswurst:

    Nun, Boko Haram beruft sich nicht auf Ethnie,Hautfarbe, Blutzucker, sondern eben auf den Islam–und genau darüber handelt der Artikel–vielleicht war dieser Kommentar jetzt kurz genug, um
    zu ihrem Hirn durchzudrängen.

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  13. hANNES wURST schreibt:

    @Jakobiner: Durchaus, in der Kürze liegt die Würze.

    Wer andere Menschen überzeugen will, wird versuchen, sich auf Dinge zu berufen, die bereits mit Überzeugungskraft aufgeladen sind; Ehre, Blut, Boden, ein besseres Leben, Rache, Propheten, Prophezeiungen, Religion, whatever.

    Wer also ein Ende der Religion fordert um das negative Überzeugungspotential der Religion zu unterbinden, der kann genauso gut das Ende von Ehre, Blut, Boden…. oder direkt ein Ende allen menschlichen Denkens fordern, das würde solche Monstrositäten wie Boko Haram ebenso abstellen.

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  14. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Boko Haram

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  15. Jakobiner schreibt:

    Zu Hanneswurst:

    Also gut, ich werde mich in Zukunft etwas zurückhalten. Ich hatte gedacht, dass ich da wichtige und informative Beiträge bringe, die interessant sind, aber vielleicht doch zu lang.Wo du recht hast, ist, dass „jeder Mist“zu einer fanatischen Interpretation anschlussfähig ist–zumindestens theoretisch.Aber eine Diabetikerfanatikergruppe könnte niemals zum Massenphänomen werden, anders eben bei Religionen und Nationalimsen, die eben Hundertmillionen, ja sogar in die Milliarde gehende Unterstützer haben.Da würde ich eben schon einen Unterschied machen. Wo du recht hast, wäre es auch Blödsinn Religionen verbieten zu wollen.Aber für deren Zähmung sollte man sich schon einsetzen.

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  16. hANNES wURST schreibt:

    @Jakobiner: Sehr freundlich, das fördert die Diskussion. Es ist durchaus vertretbar, bestimmte Sekten oder religiöse Strömungen, falls diese z.B. die Hexenverbrennungen wieder einführen wollen, zu verbieten. Natürlich ist auch das Verbot und die Verfolgung von Boko Haram vertretbar. Das bedeutet aber nicht, dass die Abwälzung der Schuld von Boko Haram auf den Islam statthaft ist oder dass allgemein das Bekenntnis zu einer Religion angeprangert werden dürfte. Jede Ideologie hat sich als Fundament für Gräueltaten bewährt, zuletzt sogar der Buddhismus (in Myanmar).

    Auch sollte man nicht außer Acht lassen, dass Gläubige auch von Nicht-Gläubigen verfolgt wurden (z.B. Christenverfolgung nach der franz. Revolution) und werden, und dass auch der Atheismus ein solides Fundament für einen Massenmord sein kann – warum nicht den Tod aller Gläubigen fordern, als wenn dies einer atheistischen Sekte nicht in den Sinn kommen könnte. Der Atheismus ist auch nur eine Religion – eine Glaubensgemeinschaft die der Glaube an die Nicht-Existenz Gottes eint. Wer einigermaßen sauber aus der Sache herauskommen will, der verschreibt sich dem Agnostizismus, eine philosophisch saubere Sache.

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  17. genova68 schreibt:

    Eine gute Idee, die mit der Zurückhaltung beim Posten. Machen wir es so, Jakobiner: Ab sofort nur noch ein Posting in Folge. Keine Kommentarkolonnen mehr.

    Hannes,
    bei Stalin, Hitler, Pol Pot und Mao sind wir uns einig, im Gegensatz zur Religion.

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  18. genova68 schreibt:

    Hannes,

    „Das bedeutet aber nicht, dass die Abwälzung der Schuld von Boko Haram auf den Islam statthaft ist oder dass allgemein das Bekenntnis zu einer Religion angeprangert werden dürfte. Jede Ideologie hat sich als Fundament für Gräueltaten bewährt, zuletzt sogar der Buddhismus (in Myanmar).“

    Religionen gehen davon aus, dass sie gut sind, dass sie unbedingt Gutes für die Menschen wollen. An diesem Anspruch müssen sie ich messen lassen. Und Boko Haram ist eben kein Einzelfall, sondern es gibt diese Leute überall auf der Welt. Das, und nichts anderes, war Thema des Artikels.

    Und Atheisten, die du noch ansprichst, haben keine Agenda, keinen Anspruch der Weltverbesserung, sondern gehen nur davon aus, dass es keinen Gott gibt (was eine Selbstverständlichkeit sein sollte). Insofern kann ich ihnen auch nichts ankreiden. Bei Humanisten sähe das anders aus.

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