Die Unfähigkeit, Kommunikationsgeflechte zu begreifen

„Es fehlen einem die Worte, um das zu beschreiben, worauf es hier ankommt: die Erfahrung des Raums, die sich auftut…

Es ist wohl so, dass man einen derartigen Raum nicht mehr mit der Vorstellung eines Raumvolumens erfassen kann, da seine Ausmaße einfach nicht abzuschätzen sind. Herabhängende Papiergirlanden durchfluten den leeren Raum und lenken damit systematisch und durchaus absichtsvoll von der Form ab, die er ja wohl haben muss.

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Die ständige Geschäftigkeit vermittelt einem das Gefühl, dass diese Leere vollkommen ausgefüllt und man selbst darin untergetaucht ist. Verloren geht die herkömmlicherweise zur Wahrnehmung von Perspektive und Volumen notwendige Distanz. Man steht bis zum Hals (und bis zu den Augen) in diesem Hyperraum.

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Und wenn es zunächst so schien, dass die Unterdrückung von ´Tiefe`, von der ich im Zusammenhang mit der postmodernen Malerei und Literatur gesprochen habe, in der Architektur nur schwerlich zu erreichen ist, so lässt sich jetzt wohl sagen, dass dieses verwirrende Eintauchen in den Raum für das Medium Architektur das formale Äquivalent ist zum Verlust der Tiefendimension in den anderen Künsten.

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Aus der neuesten Architekturtheorie ist bekannt, dass häufig Anleihen bei der Erzähltheorie gemacht werden. So versucht man, unseren körperlich erfahrbaren Durchgang durch solche Gebäude tatsächlich als Erzählung, als Fiktion zu betrachten. Als Besucher sind wir aufgefordert, diese Architektur der dynamischen Wege und narrativen Paradigmen mit unserem eigenen Körper und unseren Bewegungen zu erfüllen und sie zu vervollständigen.

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Meine Hauptthese ist, dass es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit, dass es dem postmodernen Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit des individuellen menschlichen Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren, seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen.

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Und so meine ich, dass die beunruhigende Diskrepanz zwischen dem Körper und seiner hergestellten Umwelt selbst als Symbol und Analogon für ein noch größeres Dilemma stehen kann: die Unfähigkeit unseres Bewusstseins, das große, globale, multinationale und dezentrierte Kommunikationsgeflecht zu begreifen, in dem wir als individuelle Subjekte gefangen sind.“

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(Aus: Fredric Jameson, Postmoderne – zur Logik der Kultur des Spätkapitalismus, 1986.)

Jameson beschreibt in dem Aufsatz die Eindrücke, die er beim ersten Besuch des Bonaventure Hotel von John Portman (1977) in Los Angeles machte.

Die Bilder zeigen einen Teil des Europa-Centers in Berlin, das 1963 bis 1965 von HPP ganz gängig in Mies- und SOM-Manier errichtet wurde. Um 1979 beschloss man mit einem Innenumbau offenbar, Jamesons Eindrücke auch in Berlin erfahrbar zu machen.

070(Fotos: genova 2012)

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