Deutsche Verhältnisse, dargestellt an einer roten Linie

Eine kleine Grafik mit einer interessanten Geschichte, nacherzählt auf den nachdenkseiten. Das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut prognos hat im Auftrag der neoliberalen Gruppe „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ eine Studie verfasst, die belegen soll, dass die Umsetzung des aktuellen Koalitionsvertrags von Union und SDP  unser schönes Deutschland in den Abgrund treibt.

Darum soll es hier nicht gehen, sondern, wie so oft, um ein Detail. prognos liefert in dieser Studie folgende Grafik mit. Sie zeigt die Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten Deutschlands mit wichtigen Konkurrenzländern. Lohnstückkosten setzen sich zusammen aus dem Lohn, den Abgaben für die Sozialversicherungen und der Produktivität.

140404_insm_2

Die Grafik zeigt insbesondere, dass sich die Lohnstückkosten schon in den 90er Jahren, also mindestens seit 1995,  zugunsten des deutschen Kapitals verschoben.

Wir erinnern uns: Ende der 90er und Anfang der Nuller Jahre setzte in deutschen Medien eine beispiellose Kampagne ein, die von den Verantwortlichen in der Politik eine massive neoliberale Verschärfung der Verhältnisse forderte. Das Argument war das immergleiche: Wir Deutsche sind ins Hintertreffen geraten, wir arbeiten zuwenig, machen zu viel Urlaub, verdienen zu viel und so weiter. Wir haben die rote Laterne, die anderen sind alle besser. Maßgeblich für all diese Behauptungen sind die Lohnstückkosten, nicht die Löhne.

Man schaue sich die rote Linie zwischen 1998 und 2003 in Relation zu den anderen Linien an. Und dann vergegenwärtige man sich, dass genau in diese Epoche die Hochzeit der neoliberalen Propaganda in Deutschland fiel. Davon abgesehen: Die deutsche Wirtschaft hatte auch in diesem Zeitraum eine positive Außenhandelsbilanz von einigen Milliarden Euro.

Nun, 15 Jahre später, gibt das Kapital indirekt zu, dass die damaligen Behauptungen allesamt erfunden waren. Die Lohnstückkosten entwickelten sich schon bis 2002 unterdurchschnittlich und mit der Agenda 2010 und den Steuersenkungen für das Kapital verschärfte sich die Situation. Ein Ergebnis: Deutschland konkurrierte den Rest der Welt nieder, unter anderem auf Kosten der Bevölkerung hier. Anders ausgedrückt: Das Kapital feierte gerade in Deutschland Triumphe.

Der Einwand, die Grafik beachte nicht das Verhältnis der Lohnstückkosten in Deutschland mit denen der osteuropäischen Länder, wo die absoluten Lohnkosten niedriger sind als hier. Dazu ein Artikel aus der Zeit von 1998:

Der Handel mit Osteuropa gewinnt zunehmend an Bedeutung: Seit 1993 legten die deutschen Exporte um jährlich 18 Prozent zu. Sie liegen damit weit über dem Durchschnittswachstum von 8,8 Prozent bei den Gesamtausfuhren. Die Importe aus den MOE-Staaten entwickeln sich ebenfalls äußerst positiv mit einem Anstieg von durchschnittlich 17 Prozent pro Jahr. Unter dem Strich erwirtschaftete Deutschland im Osthandel einen Exportüberschuß von 16,1 Milliarden Mark – das waren 13 Prozent des gesamten Handelsbilanzüberschusses. Das Potential ist aber noch nicht ausgeschöpft: Nimmt das Wachstum in den osteuropäischen Staaten weiter zu, könnte vor allem der deutsche Maschinenbau vom Nachfrageschub bei den Investitionsgütern profitieren.

Deutschland erwirtschaftete im Handel mit Osteuropa also über Jahre hinweg Überschüsse. Soweit ich weiß, hat sich daran auch nach 1998 nichts geändert. In all der Zeit, in der Deutschland in die billigen Ostländer nach vorherrschender Expertenmeinung überhaupt kein Überschuss hätte realisiert werden können, sondern mit billigen Waren der fleißigen und genügsamen Osteuropäer hätte überschwemmt werden müssen, geschah das Gegenteil.

Die deutsche Medienlandschaft wird all das nicht zur Kenntnis nehmen. Wäre vielleicht auch peinlich: Man müsste sich eingestehen, dass man jahrelang vor allem Propaganda fürs Kapital betrieben hat, wo man sich doch so gerne als Servicedienstleister für die Leser versteht. Man erinnere sich an die Berichterstattung über Lafontaine, um ihn als Finanzminister loszuwerden. Dafür hat die Reaktion durchaus ein Gespür: Wer ihr gefährlich werden könnte.

Ein Beispiel: Gabor Steingart konnte sein Geplapper zuerst wöchentlich beim Spiegel veröffentlichten, nebenbei primitive Bücher schreiben (Zuerst „Deutschland – Abstieg eine Superstars“, dann, auch pikant: „Ansichten eines Nichtwählers“) und stieg zum Dank zum Chefredakteur des Handelsblattes auf, mittlerweile ist er dort Teil der Geschäftsführung. Das Kapital lässt seine Getreuen nicht im Regen stehen.

Ich wüsste keine Zeitung, kein Provinzblatt, das die neoliberale Ideologie nicht vertreten hätte. Ausnahmen wie das nd, die junge welt, in Teilen die FR oder die taz bestätigen die Regel.

Diese Entwicklung ist natürlich symptomatisch für ein kapitalistisches System, in dem die Rendite den Stellenwert eines Heiligtums hat. Aber es spricht auch Bände über das ökonomische Laientum, das sich hierzulande ausgebreitet hat. Wer eine Journalistenschule besuchte, weiß inhaltlich erstmal nichts, kann das aber gut verpacken.

Wie gesagt: Die deutsche Medienlandschaft wird all das nicht zur Kenntnis nehmen. Es bleiben ein paar vernünftige Zeitungen und ein paar vernünftige blogs. Es war ja in den letzten Jahren auffällig oft von der Agenda 2020 oder 2030 die Rede. Die Vermögensverteilung in Deutschland, mittlerweile die am weitesten gespreizte in ganz Europa, wird hin und wieder routinemäßig beklagt, aber was soll man machen: So sind halt die Verhältnisse. Verhältnisse, die die Medien selbst massiv herbeischrieben.

Gleichzeitig sorgt das überschüssige Kapital für irrational steigende Aktienkurse. Wobei man darüber fast froh sein kann: Sinken sie, weicht das Geld vermutlich noch stärker in die Immobilienmärkte aus.

Interessant auch diese Bemerkung in der prognos-Studie:

„Aus ökonomischer Sicht spielt es keine Rolle, ob die Beiträge vom Arbeitgeber oder vom Arbeitnehmer bezahlt werden. Vielmehr hängt es von den Elastizitäten von Arbeitsangebot- und –nachfrage ab, wie die tatsächliche Lastenverteilung ist.“

Elastizitäten: Meint wohl, dass der das Spielchen gewinnt, der den längeren Atem hat – oder die Meinungsbildung wesentlich bestimmen kann. Die Gewerkschaften waren das nicht.

Der Unterschied der Qualität der hiesigen Wirtschaftsberichterstattung im Vergleich zu totalitären Staaten besteht offenbar vor allem darin, dass der Journalismus dort unter die Fuchtel des Staates gezwungen wird und er sich hierzulande unter die Fuchtel des Kapitals begibt. Von freiwillig oder unfreiwillig kann man nicht reden. Es sind die Verhältnisse.

Auf der politischen Bühne kommen dann solche Gewächse wie Gerda Hasselfeldt heraus, die Zeitungszustellern den Mindestlohn vorenthalten will. Und eine wilder werdende Meute rechter, verunsicherter Kleinbürger.

Aber auch das ist nur ein Detail.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Deutschland, Finanzkrise, Fremdenfeindlichkeit, Geschichte, Gesellschaft, Kapitalismus, Medien, Neoliberalismus, Politik, Rechtsaußen, Wirtschaft, Zeitschriften, Zeitungen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.