Architektur und Dogma 1 – „das schiere Chaos“

Vorgeschichte: Der Architekt Stephan Braunfels (bekannt durch die vielgelobte Pinakothek der Moderne in München und diverse Bundestagsgebäude neben dem Reichstag in Berlin), hat vor ein paar Monaten einen Masterplan für das Kulturforum in Berlin vorgelegt (erstes Foto). Das Kulturforum schließt südlich an den Potsdamer Platz an und ist meist leer (zweites Foto). Die dort ansässige Gemäldegalerie wird vom typischen Berlinbesucher kaum frequentiert (zu viele alte Schinken), zudem gibt es einige Leerflächen.

Was will der Braunfelssche Masterplan? Laut der immer lesenswerten Laura Weißmüller von der Süddeutschen Zeitung nichts Gutes. Braunfels´ Pläne „vergessen den Menschen“ schrieb sie am 18. September 2013 im Feuilleton, „der Nutzer bleibt auf der Strecke“, es werde eine „antiseptische Ordnung“ hergestellt. „Baumsoldaten in Reih und Glied“, dazu ein offenbar ziemlich großer Kreisverkehr mit Springbrunnen in der Mitte, an die Verkehrspolitik der 60er Jahre erinnernd.

Braunfels regte sich ein paar Tage später in einem Leserbrief an die Süddeutsche furchtbar über Weißmüller auf. Er lobt sich als tollen Stadtplaner und es war „an der Zeit, einen großen und mutigen Masterplan vorzulegen, damit nicht weitere 50 Jahre lang das schiere Chaos das wichtigste Gelenk zwischen Ost- und Westberlin beherrscht.“

Ich halte Braunfels´wütende Antwort für äußerst aufschlussreich, vor allem die Verwendung des Wörtchens Chaos. In Deutschland herrscht bekanntlich schon Chaos, wenn Autos im Urlaubsstau stehen, auch wenn da gar nix passiert. Für Braunfels ist eine begrenzte Gegend, die nicht komplett verplant ist, in der Menschen sich nicht so bewegen, wie es ein Masterplan vorsieht, schieres Chaos.

Wer am Kulturforum herumspaziert, kommt nicht darauf, dass man die Lage dort als schieres Chaos bezeichnen könnte. Vielleicht ist es eher ruhig, vielleicht für manche auch öde, aber in keinem Fall chaotisch.

Braunfels meint vermutlich ein stadtplanerisches Chaos. Solange er mit seinem Masterplan die Schritte nicht kontrollieren kann, ist alles das schiere Chaos. Es geht um die formale Geste, nicht um den Inhalt.

Verräterisch auch sein Hinweis auf das „wichtigste Gelenk zwischen Ost- und Westberlin. Das stimmt für den Autoverkehr. Die Leipziger Straße geht am Potsdamer Platz in die Potsdamer Straße über, die Autos rollen dreispurig, hin und wieder hält ein Bus. Fußgänger, Flaneure, gibt es auf dieser Strecke fast nicht. Das wichtigste Gelenk ist also eine breite Straße, sonst nichts. Ob ein Mega-Kreisverkehr mit Springbrunnen Flaneure anzieht, kann man bezweifeln. Oder wer setzt sich heutzutage noch auf die Kreisverkehrinsel? Er zieht vor allem Autos an.

braunfels

Es ist eine angeblich klassische Stadtbaukunst, die Braunfels am Kulturforum favorisiert. Wichtig sind Sichtachsen, Punkte, von denen aus man alles sieht. Es gebe „nirgendwo in Berlin“, schreibt Braunfels in seinem Leserbrief weiter, einen Ort, wo „jede räumliche Blickbeziehung so durchdacht ist wie hier“. Mag sein, deshalb braucht er auch die Baumsoldaten in Reih und Glied. Angeblich zitiert er auch Camillo Sitte und will eine „Piazzetta“ – siehe weiter unten. Sogar einen Campanile will er da hinstellen: Da kommt Italienstimmung auf. Hat was von Geschichtsklitterung: Gerade der italienische Städtebau, auf den man sich mit diesen Begriffen bezieht, lebt nicht von geraden, benthamschen Sichtachsen, sondern vom Gegenteil: Von Kleinteiligkeit, die sich im Laufe der Zeit durch die Nutzer, durch den Gebrauch entwickelt.

Ich kann mich nicht umfassend zu dem Braunfelsschen Vorschlag äußern. Auf so einem Holzmodell sieht man letztlich nichts. Aber die Wortwahl seines Leserbriefs verheißt nichts Gutes, was sein Augenmerk angeht. Und interessant auch, was er nicht erwähnt:

Der derzeit ergeh- und im nicht mobilen Sinn erfahrbare Platz vor der Gemäldegalerie ist bemerkenswert: eine im positiven Sinn postmoderne Variante der Platzgestaltung. Dass es dort leer ist, liegt schlicht daran, dass es keine Gastronomie gibt und eben nur die erwähnten alten Schinken. Topografisch und von der Materialität her aber begehens- und erfahrenswert. Rampen und Treppen, allesamt flach und einladend, nie über die gesamte Breite des Forums gezogen, ein Platz, der in sich in viele kleine Plätze aufgeteilt ist. Räume, die man individuell, beim Umherstreifen, sich selbst schafft, einteilt. Nichts klar strukturiertes, indifferent, uneinheitlich, aber nicht beliebig, so wie die Architektur hintendran, und genau deshalb angenehm, wert, ernst genommen zu werden.

15_Kulturforum_Berlin_mit_Vorplatz

Es ist ein Ort, der ein genaues Hinschauen erfordert, weg von klassischen Sichtachsen und dämlichen Baumreihen. Der Ort hat vieles, was dem aufmerksamen Flaneur auffällt. Es gibt eine Menge Details zu entdecken, die Atmosphäre gibt es in Berlin nicht oft. Weder Altbau noch aseptischer Neubau, keine Investorenarchitektur, keine Werbung. Ich bin da schon einige Mal mit einer Kamera herumgelaufen und habe vor der Schwierigkeit der Aufgabe, den Platz zu knipsen, kapituliert.

Entworfen wurde der Platz von Heinz Mack. Was er sich dabei dachte, spielt heute keine Rolle mehr. Stattdessen: Ignoranz. So schreibt Gabriela Walde in der Welt:

Wer zur Gemäldegalerie will, muss über eine öde, schräge Piazetta steigen. Ein trostloser Ort inmitten der Stadt.

Überhaupt ist dieser Ausdruck Piazzetta lustig. Was soll das genau sein? Ich kenne eine Piazzetta nur aus Venedig, ein ganz bestimmter Platz. Wenn der aktuelle Platz vor der Gemäldegalerie so furchbar öde und trostlos ist und dennoch Piazzetta genannt wird, scheint das ja etwas schlimmes zu sein. Dennoch will auch Braunfels wieder eine Piazzetta? Ich vermute, Braunfels wollte sich damit wichtig machen und Qualitätsjournalisten wie Frau Walde übernehmen ihn, ohne zu wissen, worum es geht und schreiben ihn auch noch falsch. Klingt halt gut, italienisch. Wir trinken ja auch latte, so what? Es scheint eine einzige große Lächerlichkeit.

Das Kulturforum ist sicher ein Ort, an dem man auch verändern kann. Es ist ein Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts geplant. Sicher sinnvoll. Die Beziehung der Gebäude untereinander ist fragwürdig, da kaum vorhanden. Die Wüste vor der Philharmonie ist Stückwerk. Die Hinführung des Museumsbesuchers ist nich eindeutig. Aber ist das schlimm? (Ohne Führer fühlt der Deutsche sich naturgemäß unfertig.) Nach 20 oder 30 Jahren wirken so ziemlich jedes Gebäude und jeder Platz nicht mehr begeisternd, da der Zeitgeist und der öffentliche Geschmack ein anderer sind. Siehe Kleidung. Scharouns Pläne blieben Stückwerk. Allgemein wird gerne behauptet, der Platz sei nicht einladend. Für den, der nur den Lustgarten vorm Alten Museum einladend findet, da den Kaiser repräsentierend, ist das sicher richtig. Wenn man Stadt jeodoch nicht nur für Zwei-Tages-Touristen baut, könnte man zu einem anderen Urteil kommen.

Ich nehme diesen Ort vor allem als einen des Übergangs wahr: Vom konsumistischen, oberflächlichen und banalen Potsdamer Platz mit entsprechenden Zerstreuungsangeboten und der Potsdamer Straße mit Imbissbuden, Spielhallen, Eros-Center und Babystrich. Alles auf einem Kilometer. Das Kulturforum dient als Trennung, als Nichtort. Als einen, der vom Besucher etwas mehr erfordert als Schinkel-Säulen und Berliner-Dom-Kitsch.

Das zu thematisieren, wäre eine nette Aufgabe. Aber das kommt bei Braunfels nicht vor. Er sieht die aktuellen Qualitäten des Kulturforums nicht. Ihm fehlt der Blick. Ihm fehlt auch das Gefühl für soziale und ästhetische Verantwortung fürs Existierende. Stattdessen will „groß und mutig“ direkt vor die Museen einen ellenlangen Säulengang mit rechtwinkligen Krümmungen hinstellen. Die Architektur der Museumsgebäude (neben der Gemäldegalerie steht dort noch das Kunstgewerbemuseum) wäre damit komplett verdeckt, nicht mehr sichtbar. Der Platz selbst soll laut Modell allen Ernstes komplett eingeebnet und laut Modell für Autos befahrbar gemacht werden. Piazzetta, nicht wahr?

Braunfels kommt mir vor wie ein Feldherr, der auf dem Hügel steht und die Schlacht plant. Das wirklich Interessante an dieser Ecke sieht er nicht.

Man könnte einen nicht perfekten, aber individuell einzigartigen Ort in Berlin auch einfach in Ruhe lassen. Eine wohl chaotische Vorstellung für einen wie Braunfels.

Und überhaupt: Was nicht vorkommt, ist, wie Laura Weißmüller in der Süddeutschen richtig anmerkt, der Mensch.

Der kommt ziemlich oft nicht vor bei Architekten. Ich versuche demnächst öfter, diese These zu verfolgen. Einfach deshalb, weil man ständig auf Beispiele dafür stößt.

(Fotos: Wikipedia  und detail)

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5 Antworten zu Architektur und Dogma 1 – „das schiere Chaos“

  1. tikerscherk schreibt:

    „Ich nehme diesen Ort vor allem als einen des Übergangs wahr: Vom konsumistischen, oberflächlichen und banalen Potsdamer Platz mit entsprechenden Zerstreuungsangeboten und der Potsdamer Straße mit Imbissbuden, Spielhallen, Eros-Center und Babystrich. Alles auf einem Kilometer. Das Kulturforum dient als Trennung, als Nichtort.“

    Genau so nehme ich den Platz, den ich gerne mag, und auf dem ich schon ungezählte ruhige Stunden verbracht habe, auch wahr.
    Dort scheint alles in der Schwebe zu sein. Der weitläufige Tiergarten, der sich fast nahtlos anschließt macht ihn einem Vorraum für die Flucht aus dem stumpfen Lärm.
    Am Kulturforum steht die Zeit still, und das gibt es nur an wenigen Orten in dieser Stadt.

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  2. genova68 schreibt:

    Toll, freut mich.

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  3. Babewyn schreibt:

    Stand dort nicht irgend wann ein mal ein Schloß oder eine Kathedrale, die wir originalgetreu nachbilden könnten. Im inneren könnte man eine Shopping-Mall Platz bieten. Da könnte man statt alter Schinken gucken, geräucherten Schinken kaufen. Bio & fair, und exclusiv versteht sich.

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  4. genova68 schreibt:

    Sehr schön, danke :-)

    Sprachlich interessant, dass Braunfels selbst von einer „Neuordnung“ des Kulturforums spricht. Es muss halt alles seine Ordnung haben.

    http://www.braunfels-architekten.de/projekte/typologisch/staedtebau/neuordnung-des-kulturforums-berlin/

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  5. genova68 schreibt:

    Ein angenehmer Kommentar der Bauwelt zu einer Veranstaltung über die Zukunft des Kulturforums, die gestern in Berlin stattfand. Es wurden auch Studentenentwürfe zum Kulturforum vorgestellt:

    Perfekte Lösungen gab es keine, dafür aber eine Vielfalt, die daran erinnert, dass es manchmal, wie schon beim vielzitierten Centre Pompidou, etwas ganz anderes braucht, um aus den vorhandenen Qualitäten eines Ortes etwas Außergewöhnliches zu machen. In diesem Sinne funktionieren ihre Entwürfe wie ein Lackmustest: Wer angesichts von Hochhausscheiben, Schwimmbädern, riesigen schwebenden Dächern oder anarchischen Gewerbehöfen kopfschüttelnd zusammenzuckt, der ist möglicherweise nicht furchtlos genug, um am Kulturforum einen „Ort des 21. Jahrhunderts“ zu gestalten, wie ihn sich Regula Lüscher wünscht.

    Dem Kulturforum selbst sind solche Überlegungen aber zum Glück ohnehin egal, fast hat man den Eindruck, es entwickelt sich einfach, wie es will. Und warum auch nicht? Die Unwirtlichkeit des Orts beklagen doch vor allem jene, die zuvor ihr Auto in den Tiefgaragen am Potsdamer Platz abgestellt haben. Während ein Großteil derer, die dort täglich arbeiten, in der Staatsbibliothek oder im Wissenschaftszentrum, zuvor lustvoll mit ihren Rennrädern und Fixies den großen Schwung der Potsdamer Straße hinunter gerauscht sind.

    Vielleicht sollte man darum jenen die Planung überlassen, die nicht mehr in der Dichotomie von Auto- und Fußgängerstadt denken, sondern sich auch für die Zwischenformen interessieren.

    Es wäre ein guter Ort für neue, ungewöhnlich, radikale Lösungen. Centre Pompidou als Ansatz. Kaum denkbar im regressiven offiziellen Berlin.

    http://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Diskussion_und_Studentenentwuerfe_zum_Berliner_Kulturforum_3523625.html?source=nla-08.04.2014

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