Der Architekt als Büttel des Kapitals

Der Frankfurter Architekt Stefan Forster zeigt in einem FR-Interview, wie man dem Kapital nach dem Munde redet. Er palavert so munter drauflos und demaskiert in wenigen Zeilen die wahren Interessen hinter hohen Mieten, dass ich das hier kurz thematisieren möchte.

Ein paar Auszüge aus dem Interview samt meiner Kommentare:

Herr Forster, beim FR-Stadtgespräch vor zwei Wochen haben Sie als Podiumsgast viel Entrüstung geerntet für die Aussage, Mieten von 6,50 Euro oder gar fünf Euro seien nicht möglich. Warum ist das in Frankfurt so?

Fünf Euro Miete oder sogar weniger gab es in der DDR. Mit dem Ergebnis, einem völlig verwahrlosten Land, müssen wir uns noch heute rumschlagen. Für fünf Euro kann man ein Haus nicht instand halten… Natürlich kann man sich streiten, ob die Miete gleich bei 20 Euro liegen darf, das halte ich auch für viel zu hoch, aber 12 bis 13 Euro sind normal, daran müssen wir uns in den nachgefragten Lagen gewöhnen.

In der DDR zahlte man mit Euro? Ist mir neu. In der DDR zahlte man für eine Neubauwohnung im Schnitt eine Ostmark pro Quadratmeter, macht etwa 20 West-Pfennige, macht etwa 10 Eurocent. Ohne diesen Preis verteidigen zu wollen, aber was soll da die Aussage von „fünf Euro oder weniger“? Forster will suggerieren, dass man für fünf Euro zwangsläufig DDR-Verhältnisse bekommt. Einstürzende Plattenbauten.

Forster kommt, vermutlich ohne es zu ahnen, schnell auf das eigentliche Problem, er redet von „nachgefragten Lagen“. Es geht ihm also nicht um die realen Kosten, die beim Bau eines Hauses entstehen, es geht ihm um den sogenannten Marktpreis (in einem nichtexistierenden Markt). DEM muss in einem kapitalistischen System entsprochen werden, es geht nicht um die realen Kosten für Bau und Instandhaltung. Forster kann das nicht auseinanderhalten.

Was Forster wüsste, wenn er ein wenig in der Thematik drin wäre: Für fünf Euro kann man ein Haus nicht nur instand halten, sondern auch neu bauen. Salzburg hat es mit schicken Wohnungen vorgemacht. Der wesentliche Hebel: Die Grundstückspreise wurden da nicht vom „Markt“ bestimmt wie in Paris, London oder New York, sondern von Menschen, die sozial denken. Sowas ist dem Kapitalisten naturgemäß verpönt, es bedeutet seinen Tod. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir „müssen“ uns halt dran gewöhnen.

Auch peinlich: 20 Euro fände er „viel zu hoch“, aber das regelt halt auch der Markt, siehe München. Soll man dann eingreifen ins Heiligtum?

[…]

Auch bei Bestandsmieten?

Wir reden über Altbaumieten, beziehungsweise Neuvermietungen in einem Altbau in den zentralen Lagen. Der Markt bestimmt die Miete. Wir können uns dem nicht entziehen. Wir müssen längerfristig davon ausgehen, dass sich in diesen Gebieten die Bevölkerungszusammensetzung ändert. Das ist ein normaler großstädtischer Prozess. Es ist sicher für viele sehr schmerzhaft, sich daran zu gewöhnen.

Das gleiche Spiel. Forster plappert erst irgendwas von Notwendigkeiten, denen wir uns nicht entziehen können, um direkt auf das wahre Argument zu kommen: Der Markt bestimmt die Miete. Anders gesagt: Die Rendite muss so hoch sein, wie es irgend möglich ist. Dass in Deutschland seit Jahren global überflüssiges Kapital sich rentieren will und deshalb die Mieten steigen, ist dem Mann vermutlich schon eine linksextreme Idee, die man nicht denken darf.

Die Bevölkerungszusammensetzung ändert sich, das ist normal, wenn auch schmerzhaft. Aber Schmerzen gehören zum Leben, das steht schon in der Bibel. Warum daran etwas ändern wollen? Außerdem kann man sich an Schmerzen gewöhnen. Der Löwe frisst  die Gazelle, da kann man nix machen.

[…]

Wo setzen Sie bei solchen Neubauten die Minimalmiete an?

Wir reden im Neubau von 11,50 Euro, das entsteht vor allem durch den örtlichen Grundstückspreis. Wir brauchen Fördergelder, um die Mieten auf die genannten fünf Euro runterzufördern für die Leute, denen zehn, elf Euro zu teuer sind.

Na bitte: Die Miete entsteht vor allem durch den Grundstückspreis, danke für die klare Aussage. Die Mieten sind also deshalb so hoch, weil „Investoren“ Millionen verdienen wollen. Die öffentliche Hand als Staatskapitalist macht da gerne mit. Schmerzhaft, aber nun mal nicht zu ändern.

Toll auch seine Idee mit den Fördergeldern. Die braucht man wohl, wenn die Schmerzen unerträglich werden. Schmerzmittel, bevor dr Patient durchdreht. Er wird für die Akkumulation ja noch gebraucht. Fördergelder sind die Steuermittel, die dem Kapital indirekt in den Arsch geschoben werden, damit die Mittelklasse sich das Wohnen noch leisten kann.

[…]

Sie halten Bürgerbeteiligung also für überflüssig?

Ich halte diese Planungswerkstätten für einen völligen Irrweg. Bürgermitbestimmung heißt, sich als Bürger mit der Materie wirklich zu beschäftigen, in die Problematik tief einzusteigen. Nur der Bürger, der sich diese Mühe macht, ist ein Gesprächspartner auf Augenhöhe. Einfach fünf Euro Miete zu fordern, ist nicht ernst zu nehmen. Wir leben in einer Demokratie, das bedeutet, wir wählen Menschen, welche die Ausbildung und das Fachwissen haben, für uns zu entscheiden.

Super, dass der der Baufinanzierungsexperte Forster, der in die Materie offenbar so tief eingestiegen ist, dass er nicht mehr rausgucken kann, nun auch noch engagierte Menschen herunterputzt. Wenn wir tatsächlich Menschen wählten, die Ahnung haben, dann sähen die Mietspiegel anders aus. Die gewählten Menschen fügen uns Schmerzen zu. Natürlich auf Augenhöhe. Naheliegend, dass man sich da Gedanken macht.

————————

Interessant ist der Hinweis eines Lesers der FR: Demnach baut Forster auch für die ABG, die größte Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Frankfurt. Die ABG ist in der Kritik wegen „Entmietung und Abriss von preiswertem Wohnraum gegen den Willen der Bewohner, Einschüchterungsversuchen gegenüber Kritikern, Gewährleistungsverweigerung“ und mehr.

All das hier Geschriebene hätte von der FR-Redakteurin im Interview verhandelt werden müssen. Hätte man von dem Blatt vor 20 Jahren vielleicht noch erwarten können.

Dennoch danke für das Interview. Kapitalismus macht nicht nur skrupellos, sondern fördert Egoismus. Die „völlige Verwahrlosung“, von der Forster oben spricht, trifft zu. Zumindest auf sein Denken.

P.S.: Womit ich nichts gegen Forsters Qualitäten als gestaltendem Architekt gesagt haben möchte. Er wurde vor zehn Jahren durch den Umbau von Plattenbauen in Stadtvillen (Thüringen) bekannt.

039(Foto: genova 2012)

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11 Antworten zu Der Architekt als Büttel des Kapitals

  1. docugraphy schreibt:

    Jawoll!!!! Leider regieren Typen (Kapitalisten, die auch nur eine Glaubens-Sekte wie Katholiken, Muslime, Protestanten etc. darstellen) wie Forster unsere Welt. Und die große Masse ist zu blöd/ängstlich/gehirngewaschen, um sich wehren.
    Ich würde gern mit Douglas Adams sagen: „Wenn die Revolution kommt, sind das die ersten, die an die Wand gestellt werden!“ Die Revolution kommt aber nie, denn die Menschheit wird kontinuierlich dümmer (=obrigkeits- bzw. kapitalhöriger), und je dümmer sie wird, desto leichter kann die Kapitalelite sie kontrollieren.
    Ein Königreich für Mistgabeln und Fackeln! ;-)

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  2. Mike heute mal kurz schreibt:

    Ja, @Genova, diese Forster-Aussagen sind die eines Büttels vom Kapital. Und, entre nous, mit diesem Kapitalsbüttel möchte ich als jemand, der was kann, gar nicht, um ihn zu zitieren, „auf Augenhöhe“ verkehren;-). Bleibt als Frage: wer ist dafür verantwprtlich, daß dieser Stararchitekt diese Millionenaufträge in Deutschland kriegt?

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  3. genova68 schreibt:

    Na, docugraphy,

    an die Wand stellen muss man den Herrn Forster ja nicht gleich. Weder als erster noch als letzter. Mir würde es schon reichen, wenn die FR ihm kritische Fragen stellen würde. Bzw. wenn die Redakteure hätten, die das können. Aber die gehören jetzt ja der FAZ.

    Und Revolutionen kommen immer wieder mal. Besser wäre es ja, es ginge mit Einsicht in die Notwendigkeit.

    Ich glaube nicht an die These, dass die Menschen immer dümmer werden. Die Manipulation wird immer geschickter. Aber es gibt auch Aufklärung, siehe dieser blog hier :-)

    Es läuft halt auseinander, die Sprachlosigkeit wird größer, wir können nicht mehr kommunizieren.

    Schönes Beispiel, anderes Thema:

    http://akuniwatch.wordpress.com/2014/01/31/februar-2014/

    Leute, die sich als links bezeichnen, aber mutmaßliche Stalinisten sind. Es läuft auseinander, aber alle sind mit voller Überzeugung dabei.

    Mike,
    ein Büttel des Kapitals bekommt vom Kapital Aufträge. Er bekommt beispielsweise von der ABG Aufträge, weil die durchkapitalisiert wurde. Das war mal eine soziale Wohnungsbaugesellschaft, Ernst May hat mit denen gebaut. Es läuft mit anderen Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland nicht anders, beispielsweise mit der Gagfah in Berlin. Heute eine Heuschrecke.

    Es ist das kapitalistische System, das alles korrumpiert, bis wir entweder wieder Faschismus haben oder irgendwas ähnliches. Da sollte man sich keine Illusionen machen.

    Aber bitte nichts persönliches. Wenn jemand den Forster unbedingt an die Wand stellen will, dann möchte ich mit dem keine gemeinsame Sache machen.

    P.S.:
    Auf seiner Facebook-Seite kann man dem Architekten Forster die Meinung sagen. Machen andere auch schon:

    https://de-de.facebook.com/STEFANFORSTERARCHITEKTENFANPAGE

    Ich habe dafür sogar extra meinen Uralt-Facebook-Account aktiviert.

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  4. Mike nochmal schreibt:

    Danke, @Genova, 1). halten Sie meine Frage: wer ist dafür verantwortlich, daß dieser Stararchitekt diese Millionenaufträge in Deutschland kriegt? für unberechtigt: 2). nee, dazu ist mir meine Zeit zu schade,mir auch noch dessen Netzseite anzusehn, ganz einfach, weil ich als jemand DA UNTEN mit so LEUTEN DA OBEN nicht „auf Augenhöhe“ bin und auch nicht so tun will als ob, und 3). wenns soweit ist wird auch der Stararchitekt F. aus großer Fallhöhe fallen;-) Schöntachnoch, Mike.

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  5. genova68 schreibt:

    Die Netzseite angucken kostet ca. 30 Sekunden, weniger, als hier einen Kommentar zu schreiben.

    Ich halte die Frage nicht für unberechtigt. Er ist kein Stararchitekt, aber er kriegt Aufträge, weil er vermutlich zuverlässig ist, ein Büro mit 30 Leuten hat, das mit Kapazitäten umgehen kann, weil er fleißig ist, Erfahrung hat, seinen Job gelernt hat, das abliefert, was er soll, etc. Es sind die gleichen Gründe wie die, warum in TV-Talkshows die immergleichen Leute sitzen. Sie stehen für Zuverlässigkeit, auch was die erwartbaren Meinungen angeht.

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  6. Thor Ben schreibt:

    Im Prinzip spricht der werte Herr Forster nur Klartext.
    Sich an einer DDR-Metapher so zu echauffieren und das so unnötig auszuschlachten, wirkt ziemlich kleingeistig.
    Aber ist doch immer das gleiche Gelaber: schrecklicher Kapitalismus. Nur wer von euch geht zu seinem Chef und sagt: gib mir weniger, ich komm gut klar? Keiner! Wer baut dann also Wohnungen, leiht sich Geld von der Bank und sagt später zum Mieter: bitte zahl mir nur 8€, dann komm ich pari aus der Sache raus? Keiner.
    Macht die Augen auf. Weltfremde und selbstverliebte Romantikvorstellungen sind realitätsfern.

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  7. hANNES wURST schreibt:

    Ein Architekt, der auf diese Frage antwortet, hat seinen Beruf sowieso verfehlt. Und ein Journalist, der einen Architekten zu Mietpreisen befragt, erst recht. Da kann er ebenso einen Journalisten fragen, ob der Preis für die Zeitung zu hoch oder zu niedrig ist. Am besten fragt der Architekt den Journalisten, ob die Mieten zu teuer sind und die Milch zu billig.

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  8. Thor Ben schreibt:

    Kritische Kommentare nicht zu veröffentlichen ist natürlich extrem peinlich von dir.

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  9. genova68 schreibt:

    Sorry, war ein Versehen. Allerdings sind erfundene Mailadressen, so wie du eine verwendest, problematisch. Das ist die Methode eines hier öfter vorbeischauenden Stalkers, deshalb bin ich da vorsichtig geworden.

    Inhaltlich: All deine Kritik wird in meinem Beitrag behandelt. Einfach mal lesen.

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  10. genova68 schreibt:

    Interessant auch die neueste Aktivität des Büttelarchitekten Forster: Er war kürzlich bei der SPD im hessischen Kronberg eingeladen und hielt zum Thema „Bezahlbarer Wohnraum – Fundament für eine lebendige Stadt Kronberg“ einen Vortrag mit dem etwas ungroovigen Titel:

    „Kostengünstig bauen heißt, mit einem vernünftigen Preis werthaltige Qualität zu bauen“

    Forster, der Experte für kostengünstiges Bauen. Kronberg ist eine der teuersten Städte in Hessen, da wohnen die Banker. Die Bodenpreise dürften entsprechend sein. Gerade dort wäre es nötig, die kapitalistische Logik zu prüfen. Stattdessen: die SPD lädt ausgerechnet das Kapitalsprachrohr Forster ein. Typisch irgendwie für die SPD: Die wollten Zusammenhänge noch nie verstehen, angefangen 1914 bei der Zustimmung zum Krieg.

    Scheiß Partei, scheiß Architekt. Aber solche Typen schwimmen immer oben.

    https://de-de.facebook.com/STEFANFORSTERARCHITEKTENFAN

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  11. genova68 schreibt:

    Hannes,
    dein Kommentar ist mir durchgerutscht, sorry.
    Du meinst, dass Architekten für das Ökonomische nicht zuständig sind? Wohl richtig, was die Bodenpreise angeht. Ansonsten aber schon, da haben sie ja die Möglichkeit (und die Pflicht), möglichst kostengünstig zu bauen. Das war der eigentliche Grund fürs serielle Bauen in den 20ern und später.

    Ich verlange von Forster keine Revolution, aber wenigsten ein kleines bisschen intellektuelle Anstrengung. Was der Typ in dem Interview ablässt, ist bewusste Verblödung des Lesers.

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