Nachtrag zum Thema „Selbstmord im Oderbruch“

Zu diesem kleinen Dialog fiel mir auf die Schnelle das hier ein:

Das Oderbruch ist bekanntlich ein außergewöhnlich geeigneter Ort zum selbstmorden. Eine trübe, depressive Atmosphäre, selbst bei Sonnenschein, geschlossene Läden, keine sichtbaren Menschen, und wenn doch, dann nur verhuschte, trübe, depressive, selbst bei Sonnenschein. Sie ahnen vermutlich, dass die einzige Spezialität dieser Gegend die Eignung zum Suizid ist. Die Menschen hier wissen, dass fünf oder zehn Kilometer weiter östlich andere Menschen bereit sind, für die Hälfte zu arbeiten und dass dem Oderbruch das zusetzt, und sie wissen, dass fünfzig oder fünfhundert Kilometer weiter westlich andere Menschen bereit sind, die Oderbruchler für hoffnungslose Fälle zu halten, die laut Sarrazin sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie dümmer sind als die Westdeutschen.

Oderbruch(Foto: wikipedia)

Die Oderbruchler sind also eingeklemmt zwischen neudeutschen Eugenikern, die nicht mehr bereit sind, die bislang in rechten Kreisen gültige Trennung in gute Arier und böse Slawen mitzumachen. Nein, die Oderbruchler bringen ökonomisch vermutlich auch nicht mehr als Ukrainer oder Letten. Die Peripherie rückt näher. Nicht mal mehr die Oder-Neisse-Grenze ist dicht. Pech gehabt.

Das Oderbruch wurde von Friedrich dem Zweiten vor gut 250 Jahren trockengelegt. Es war mal richtig multikulti, mit Hugenotten, Pfälzern, Österreichern, Schweizern und anderen. Aber diese Atmosphäre jetzt? Woran liegt das? Ich vermute, die DDR ist schuld. Sie wollte den Leuten den Regionalismus austreiben, die Bezirke wurden einfach durchalphabetisiert, der Traum von neuen Menschen.

Zurückgeblieben sind verwurzelte Entwurzelte. Keine regionale Küche, aber billiger Schnaps und löslicher Espresso. Dafür sprachlich um so raffinierter gestaltete Speisekarten („aus Neptun´s Reich“). Doch selbst aus solch einem simplen Gericht wie „Sechs Sardinen mit Salatgarnitur“ schafft der Oderbruchler es, das Gericht „Sechs Sardinen ertrinken in Essig“ zu machen. Es scheint in der Tat hoffnungslos.

(Andererseits: Wer im Oderbruch Espresso bestellt, ist selbst schuld. Man regt sich am Nordpol ja auch nicht über die ausbleibende Hitzewelle auf.)

Würde man den Menschen hierzulande, ähnlich wie in den Niederlanden und in der Schweiz, in wesentlichen Fragen mehr Entscheidungsfreiheit zubilligen, könnte der Oderbruch zu DER deutschen Spezialgegend fürs Selbsttöten werden. Man könnte aus den Bauernkaten bescheidene, aber ehrliche Servicehäuser machen, vor denen die Kandidaten gut verpackt in Liegestühlen sitzen, über ihre Entscheidung sinnieren und ins Nichts gucken. Wie Thomas Bernhard auf der Sanatoriumsterasse. Irgendwann kommt ein livrierter Ober mit einem Tablett vorbei. Drauf eine Pistole.

Typische Dorfkirche im Oderbruch. Im Vordergrund der belebte Marktplatz:
065 (3)

Wie kann man sich in der Schweiz umbringen, wenn man auf schöne Berge guckt? Oder setzt man die absichtlich in die schöne Berglandschaft, auf dass sie ihren Entschluss revidieren? Oder bringt man sich in der Schönheit einfacher um, angesichts der Diskrepanz zur Unschönheit in einem drinnen?

So gesehen könnte das Oderbruch zur Spezialgegend der Umkehr der vom Selbstmord Überzeugten werden: Die Kandidaten kommen ins Bruch, sehen, dass es den Menschen hier noch schlechter geht als ihnen selbst und fassen wieder Mut. Sie deuten dem Ober mit einer Geste, die als lebenswichtig bezeichnet werden kann, dass sie die Pistole nicht mehr brauchen. Und reisen naturgemäß ab.

Mir fällt gerade Wolfgang Herrndorfs Lamentieren über die unmöglichen Zustände für Selbsttöter hierzulande ein. Vielleicht ist das Oderbruch doch eher ein außergewöhnlich ungeeigneter Ort zum selbstmorden.

So sieht es im Oderbruch an einem heiteren, sonnigen Sommerabend aus:
107(Foto: genova 2013)

Wenn man „auf´s Land“ fahren möchte, wie man sagt, kann man sich als Berliner also entscheiden: Entweder ins Sanscoussi-Gehampel rund um Potsdam. Oder ins Oderbruch.

Die Entscheidung fällt nicht schwer.

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13 Antworten zu Nachtrag zum Thema „Selbstmord im Oderbruch“

  1. Meine „Spezialgegend für Suizid“ war – ausgelöst durch Kafkalektüre – immer Prag gewesen, bis ich die Stadt besuchte und feststellen musste, dass das Cliché von der Düsterniss überhaupt nicht stimmt. Ich sattelte dann um auf Wien, eine Stadt, die die Suizidstatistik (hier: Seite 6) angeblich dominiert, weil die Gassen da so eng sind, dass die Häuser höher erscheinen – und einladender wirken …

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  2. genova68 schreibt:

    Interessante Statistiken. Seit Thomas Bernhard gestorben ist, geht die Zahl der Suizide in Österreich zurück, analog übrigens zur Zahl der Verkehrstoten. Je lockerer ein Bundesland mit Waffengesetzen umgeht, desto mehr Menschen erschießen sich. Bekommen sie keine Waffe, erhängen sie sich. Frauen vergiften sich eher. Die Suizidrate steigt konstant mit steigendem Alter und explodiert geradezu mit 65+. Die Zahl der Selbstmorde geht zurück analog zum Anstieg der Zahl der Mediziner, Psychotherapeuten und Verschreibungen von Antidepressiva.

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  3. tikerscherk schreibt:

    *Das* Oderbruch klingt in meinen Ohren total falsch.
    Jetzt lese ich, dass *Bruch* sich ableitet aus dem Mittelhochdeutschen *bruoch*, was Sumpf, Moor bedeutet. Drum.
    Ich glaube übrigens, dass die Deckungsgleichheit zwischen Innen und Außen geradezu ideal für das Vorhaben der Selbstauslöschung ist. Alles ist Eins, wird Eins und bleibt Eins.
    (Die Kirche auf dem kleinen Marktplatz ist bezaubernd. Hier möchte man gerne ganz vorne in der Kiste stehen).

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  4. tikerscherk schreibt:

    Also liegen, meine ich. Kiste steht.

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  5. genova68 schreibt:

    Danke, der Kommentar beruhigt mich.
    Deckungsgleichheit zwischen Innen und Außen? Also ist das oder der Oderbruch gut für Suizid? Schade. Aber vielleicht nehmen den Oderbruch nicht alle so wahr wie ich? Ich war nur einmal dort und es kam mir in der Tat sehr traurig vor dort. Aber das ist ja überall der Fall in Brandenburg. Ich hatte die Hoffnung, dass Traurige dort auf Traurige treffen, was tröstlicher ist, als wenn die offizielle Gangart die Fröhlichkeit und das Stählerne ist, Beispiel Düsseldorf, Rheinland. Es gibt zwar den Schutz des Fröhlichen, aber wenn die Diskrepanz zum Eigenen zu groß ist, wirkt das destabilisierend.

    Berlin ist die Stadt, wo die Leute aus Heimweh hinziehn, sang einst Sven Regener. Das ist das eigentlich symphatische an Berlin. Der Oderbruch ist die Steigerung dessen.

    Ich habe das Gefühl, ich bin radikaler Individualist. Daher auch meine liberale Haltung zum Suizid. Wer es wirklich möchte, dem sollte man keine Steine in den Weg legen. Aber was ist wirklich?

    (Die Kirche auf dem Marktplatz ist wirklich bezaubernd. Ich wollte, es wäre eine.)

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  6. Chris(o) schreibt:

    Mich interessiert, was um die Kirch´ mal herum stand, auf den hellen Flecken.Wovon ist die Kirch´ der Rest? Und wo ist der, falls es da was gab, geblieben?

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  7. tikerscherk schreibt:

    „Der Oderbruch ist die Steigerung dessen.“
    Du meinst, wenn man so *richtiges* Heimweh hat. So nach dem alleinzigen Zuhause?
    Zum Suizid: wer sterben will, soll sterben dürfen.
    Was man allerdings will, bzw. vernünftigerweise nur wollen kann, ist die nächste Frage (die zu erörtern uns weit weg führen würde vom heimeligen Oderbruch).

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  8. genova68 schreibt:

    Ja, der richtige Heimwehler zieht in den Oderbruch. Nein, ich weiß jetzt auch nicht mehr genau, was ich mir da gestern Abend dachte. Ich schreibe immer so spontan, meine Veröffentlichungsgeschwindigkeit wird von meiner Tippgeschwindigkeit bestimmt. Und da ich seit meiner Jugend das Zehnfingertippsystem behersche und seitdem täglich übe, veröffentliche ich manchmal schneller als ich denke.

    Chris,
    wir sollten einen Archäologen konsultieren. Der gräbt sicher was aus. Vielleicht stand dort das Ferienhäusschen von Frierich II.

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  9. Chris(o) schreibt:

    ………und dann frage ich mich natürlich, ob sich hier gerade eine Frühjahrsdepression breit macht? Für den Fall könnten wir anstelle des Archäologen besser einen Tiefen-Psychologen engagieren.
    Mein rheinländisches Gemüt taugt offenbar nicht für suizidale Assotiationen.
    Der Selbstmord scheint mir in dieser Gegend bereits verübt worden zu sein, hat also schon stattgefunden.Das ist meine Assotiation, wenn überhaupt……..

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  10. vilmoskörte schreibt:

    Ach, ich fand das Oderbruch eigentlich immer sehr schön und hab keine Gedanken an die Selbsttötung gehegt, als ich dort war. Mehr drüber schreiben wollt ich eigentlich auch, aber manches bleibt halt liegen.

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  11. genova68 schreibt:

    Na, ich fahre doch nicht ins Oderbruch, um dort SCHÖNE Fotos zu machen :-)

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  12. Das macht schon Herr Bersarin.

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  13. Frieder Monzer schreibt:

    Mir geht es wie vilmoskörte, sooo düster finde ich die Gegend nun wirklich nicht. Wer möchte, findet fast überall Gelegenheit zu trostlosen Fotos.

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