Candida Höfer und die Düsseldorfer Regression

Candida Höfer stellt in Düsseldorf aus: Bilder aus Düsseldorf (bis 9. Feburar). Eine Lektion über Region und Kapital.

Höfer (sie ist die Tochter des Frühschoppen-Höfer) wurde irgendwo im Osten geboren, ging in den Westen, wuchs in Köln auf und studierte an der Akademie in Düsseldorf. Sie wohnte in der sympathischen Nicht-Domstadt am Rhein während ihres Fotografie-Studiums und fotografierte, dann zog sie weg. Sie wohnt nun seit Ewigkeiten wieder in Köln. Für den gemeinen Düsseldorfer selbstredend kein Hindernis, sie zur Düsseldorfer Lokalpatriotin hochzujazzen, wie man sagt.

Das vom Kapital (namentlich: e.on und Metro) finanzierte Museum Kunstpalast stellte Höfer vor ein paar Jahren eine Einzelausstellung in Aussicht, für die sie aber noch ein bisschen das schöne Düsseldorf fotografieren müsse.

Das tat sie brav.

Ergebnis: Eine Ausstellung, in der man die Regression einer Fotografin studieren kann.

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Was macht Candida Höfer? Früher, als Studentin, knipste sie beispielsweise eine Serie über Gastarbeiter in Düsseldorf. Ausdrucksstarke Bilder unbekannter Welten, halbdokumentarisch, bei denen das Hingucken lohnt:

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Dann kam sie wohl auf den Trichter, dass man mit der Becher-Nachahmung viel Geld verdienen kann. Und es wurde fad: Seitdem reist sie um die Welt (sie reist nach eigenem Bekunden sehr gerne) und stellt ihre Hasselblad auf und drückt ab und guckt auf die Armbanduhr. So entstanden ihre vielen Bilder von Bibliotheken, perfekt ausgerichtet und langweilig. Langweilig vor allem deshalb, weil sie auf Perfektion aus ist, etwas anderes ist auf den Bildern gar nicht zu sehen.

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Höfer fotografierte beispielsweise in Becher-Manier das schon tausendmal fotografierte Düsseldorfer Dreischeibenhaus. Sie kriegt vermutlich ohne Probleme vom Hausherrn die Zutrittserlaubnis, rückt mit ihrer 10.000-Euro-Kamera an, kann sich unbegrenzt lange im Objekt aufhalten, und knipst Fotos, die keinerlei Entwicklung mehr zeigen: perfekt ausgerichtet, lange Belichtungszeit, ein rein technischer Vorgang.

Im Foyer der Ausstellung im Museum Kunstpalast läuft ein sehenswerter 45-Minuten-Film zu Höfer (kann man gucken, ohne den Eintritt zu bezahlen). Höfer macht einen angenehmen, ruhigen, aufgeräumten Eindruck. Man sieht, wie sie den Knipsstandpunkt auswählt, die Kamera aufbaut, fernauslöst und dabei auf den Sekundenzeiger ihrer Armbanduhr schaut. Nach dreißig oder vierzig Sekunden ist das Bild im Kasten: natürlich mit perfekten, leuchtenden Farben, mit einer unerhörten Brillianz und Detailgenauigkeit, dann auch noch riesengroß aufgezogen. Aber das haben ihre Chefs, die beiden Bechers, schon vor vierzig Jahren gemacht und damals war es eine Sensation, zumal die eine Agenda hatten: vor allem Industriebauten, als deren Wert noch niemand erkannte und die teilweise abgerissen werden sollten, auch Fachwerkhäuser in ihrem abstrakten Aspekt. Heute ist das Apologetentum. Vor allem, wenn man die Objekte nach Bekanntheitsgrad auswählt: Dreischeibenhaus, Schloss Benrath, Deutsche Oper am Rhein, Mannomann.

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Höfer fährt mit ihrer Methode gut, was Aufmerksamkeit und den Stand ihres Bankkontos angeht. Ihre Bekanntheit ist ein Türöffner, weltweit. Und sie geht diesen Weg des geringen Widerstandes. Das soll sie ruhig tun, wenn es Käufer gibt, aber als Künstlerin ist sie damit uninteressant. Sie ist Kunsthandwerkerin, eine Fotografin, die wie auf Bestellung fotografiert und ich vermute, dass ihr das Geld nicht unwichtig ist. Wie genau ihr künstlerischer Anspruch aussieht, bleibt schleierhaft.

Lassen wir also einen Fachmann zu Wort kommen. Wie wäre es mit  Dr. Johannes Teyssen, dem Vorstandsvorsitzenden von e.on? Er schreibt im Ausstellungskatalog:

Die Fotografie hat in den letzten Jahren mehr und mehr Akzeptanz im Kunstgeschehen gewonnen und einige weltweit herausragende Künstler hervorgebracht. Und was uns besonders stolz macht: Düsseldorf hat dabei eine besondere Rolle gespielt und ist heute eine Art natürliches Zentrum und Knotenpunkt der Fotografie. Candida Höfer steht dabei in der ersten Reihe. Ihre Arbeiten werden international in vielen Museen präsentiert und geben jüngeren Generationen viele Impulse. Ich freue mich darauf zu erfahren, was uns diese Ausstellung für das nächste Jahrzehnt der Fotografie versprechen wird.

Besonders lustig ist der letzte Satz. Die Höfer-Ausstellung sagt schlicht nichts über die künftige Entwicklung der Fotografie, außer, dass es so nicht weitergehen kann. Und das einzige, was Teyssen freut, ist die schwarze Zahl am Ende seines Quartalsberichts. Interessant auch, dass ausgerechnet ein Multi wie e.on auf Regionalismus Wert legt: Düsseldorf über alles in der Welt. Dabei wird beim Werdegang von Höfer schnell deutlich, dass Lokales oder Regionales in ihrem Werk keine Rolle spielen.

Die Metro-Group lässt im Katalog ausrichten, dass sie mit der finanziellen Unterstützung der Höfer-Ausstellung deutlich macht:

Wir sind zwar ein weltweit agierendes Unternehmen, aber am Konzernsitz Düsseldorf sind wir zuhause.

Blabla. Wieso brauchen diese Konzerne überhaupt den Bezug zu einer Region, zu einer Stadt, wo Standorte nach der Kostenlogik gewählt werden? Bilder vom Dreischeibenhaus und vom Schloss Benrath sind eh ein rein oberflächlicher Bezug zu Düsseldorf. Jeder, der einen Tag dort umherspaziert und einen offenen Blick hat, findet hundertfach interessantere Motive. Erst recht, wenn man so eine coole Hasselblad zur Verfügung hat.

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Die glorreiche Düsseldorfer Heimatzeitung Rheinische Post titelte ihre Ausstellungsbesprechung so: „Eine Hommage an Düsseldorf“.

Wenn die Ausstellung tatsächlich eine Hommage an Düsseldorf ist, dann an den hässlichen Teil der Stadt: durchkapitalisiert, einzig am Geld interessiert und bar jedes Intellekts. Zu Bechers Zeiten mag das noch anders gewesen sein und nur deshalb konnte sich da etwas künstlerisch Interessantes entwickeln. Im heutigen Düsseldorf nicht mehr möglich.

Schlimmer noch: Die Kuratoren nehmen Candida Höfer nicht ernst. Täten sie es, würden sie mit der 70-Jährigen eine Gesamtausstellung erarbeiten, eine über ihr komplettes Werk, über Phasen, über Entwicklungen, über Brüche, über Kontinuitäten. Das wäre angemessen. Stattdessen: Missbrauch der Künstlerin fürs kapitalistische Stadtmarketing.

Die Ausstellung zeigt somit vor allem, wie sich Kunst unterm Kapital prostituiert. Schade um Candida Höfer. Ihre Anfänge waren vielversprechend.

(Einen eigenen Artikel wäre die Frage wert, warum man in so einer Fotografenausstellung nicht fotografieren darf, man Bilder also nur aus der Hüfte schießen kann.)

339(Fotos: genova 2014)

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5 Antworten zu Candida Höfer und die Düsseldorfer Regression

  1. tikerscherk schreibt:

    Kein sehr sachdienlicher Kommentar, aber bei dem Namen Candida denke ich immer an den gleichnamigen Hefepilz der Warmblütler, also Menschen, befällt. Auch Soor oder Windelpilz genannt. Diese Asoziation überschattete das Lesen des Textes, und so bleibt der merkwürdige Eindruck einer mykotischen Geschäftsfrau, die ihre pilzigen Finger an die teure Hasselblad legt, mit dem Ziel möglichst saubere Bilder zu machen.
    Wenn dieser Kommentar zu eklig- einfach löschen.

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  2. hANNES wURST schreibt:

    In Düsseldorf fristen so viele NICHT vom Kapital korrumpierte Künstler ihres Daseins, dass eine solche Geschäftstüchtigkeit schon eher eine wohltuende Ausnahme ist. Natürlich ist schön, was im Verborgenen wächst (ich höre nicht auf http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Darger zu empfehlen) aber von mir aus kann ein Künstler ohne Wertverlust Werbung für Frühstücksflocken machen. Die Reinheit, Exklusivität, Originalität, Okkultheit, die Nicht-Nutzbarkeit, das Nicht-Kommerzielle, die Gottnähe – das sind alles Attribute, die der Kunst in einem Kunstverständnis von gestern zugewiesen wurden.

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  3. genova68 schreibt:

    Wenn ein Text Assoziationen weckt, dann ist das immer ok, finde ich.

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  4. Pagophila schreibt:

    Deine Bilder dieser Ausstellung gefallen mir viel besser als jedes Bibliotheksfoto von Frau Höfer. Aus der Hüfte geschossen. Respekt. Vor allem das mit dem Feuerlöscher im Eck.

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  5. genova68 schreibt:

    Danke, freut mich.

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