Heimat und Revolution

„Die tragende Schicht der Heimatschutzbewegung war die bürgerliche und kleinbürgerliche Mittelschicht, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zweifach bedroht fühlte; einmal von oben, vom Großbürgertum, vom Kapital, vom internationalen Unternehmertum und der Geldaristokratie, und schließlich von unten, vom sich organisierenden Proletariat, dessen Stärke ebenfalls in der internationalen Sammlung seiner Kräfte lag.“

(Friedrich Achleitner: Region, ein Konstrukt? Regionalismus, eine Pleite? 1986)

Kommt einem bekannt vor, oder? Oben ist es nach wie vor das Kapital, unten ist es das nicht organisierte Proletariat, das, ewig mobil, nun aus dem Südosten Europas kommt. Dessen Stärke liegt nicht mehr in der internationalen Sammlung seiner Kräfte, sondern in der Absicht, für ein paar Euro jeden Job anzunehmen.

Alain Badiou, Philosoph und Kommunist, hält diese Leute für die Vorhut der Revolution:

„Ich glaube, dass der Arbeitsmigrant schon immer das Zentrum des marxistischen Konzepts vom Proletariat bildete. Wenn man das Beispiel Frankreichs nimmt, so gab es dort bereits im 19. Jahrhundert unglaublich viele Arbeitsmigranten. Und zwar nicht aus anderen Ländern, sondern aus dem eigenen. Denn damals brauchte man auch Aufenthaltspapiere, um von der Provinz in die Hauptstadt zu kommen. Der Kern der Arbeiterklasse war somit schon immer eine nomadische Kraft. Ich war vor kurzem in Korea und war wirklich erstaunt, dass das Zentrum des koreanischen Proletariats von Arbeitern aus Nepal, Bangladesch usw. gebildet wird. Es ist also wahrlich kein rein europäisches Phänomen, sondern die ganze Welt verfügt über ein nomadisches Proletariat. Und deshalb muss dieses notwendigerweise eine der stärksten Kräfte in einer Bewegung sein, die mit der kommunistischen Idee in Beziehung steht. Letztendlich geht es mir also weniger um den Fremden, als um einen entscheidenden Teil unserer Bewegung.“

Sein Wort in Gottes Ohr. Wobei ich den Eindruck habe, das Badiou ein wenig naiv ist. „Notwendigerweise muss“ das zugewanderte Proletariat sich für die kommunistische Idee einsetzen. Ob die das wissen? In Wahrheit verhält es sich doch so, dass diese Leute noch eher bereit sind, für wenig Geld zu arbeiten, weil sie keine Chance haben. Das Kapital freut sich derzeit am meisten über diese Form des Nomadisierens, vergrößert sich doch so das proletarische Reserveheer.

So wird das nix.

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5 Antworten zu Heimat und Revolution

  1. besucher schreibt:

    Bevor diese von Dir genannten Nomaden eine politische Bewegung bilden könnten müssten sie erst einmal irgendwo sesshaft werden um sich zu organisieren. Das werden andere (möglicherweise der Heimatschützer) zu verhindern wissen.

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  2. Mrs. Mop schreibt:

    „Dessen Stärke liegt nicht mehr in der internationalen Sammlung seiner Kräfte, sondern in der Absicht, für ein paar Euro jeden Job anzunehmen.“

    Mag sein. Mag aber auch sein, dass „das nicht organisierte Proletariat, das, ewig mobil, nun aus dem Südosten Europas kommt“, durchaus noch über andere Stärken verfügt; Stärken, die dem nicht organisierten deutschen Proletariat (von den darüber liegenden Schichten ganz zu schweigen) längst abhanden gekommen und für die diese – eben darum? – womöglich blind geworden sind? Wer mit Bewohnern deutscher Migrantenstadtteile auf Tuchfühlung geht, der reibt sich die bis dato blinden Augen, wie hoch und wie geschickt das dort vorfindbare Organisationsvermögen untereinander ist – ja, ja, schon gut, Organisation freilich „nur“ auf dem Mikrolevel der wechselseitigen Vernetzung, der alltagspraktischen Unterstützung und des halbwegs solidarischen Überlebenskampfes. Aber: Organisation allenthalben, praktiziert mit der denkbar größten Selbstverständlichkeit.

    Und übrigens, immer wieder erstaunlich zu erleben, wie schnell und wie geschickt sich die neu hinzugezogenen „Nomaden“ an die bereits existierenden Organisationsstrukturen andocken, diese bereichern und von ihnen zu profitieren vermögen. Völlig unabhängig davon, ob und für wie lange „die Neuen“ sich jeweils „sesshaft“ machen. Wenn die etwas können, dann sich untereinander organisieren, und zwar speziell dann, wenn der deutsche Beobachter denkt: geht doch gar nicht, kann ja gar nicht gehen, „müssen erst einmal irgendwo sesshaft werden um sich zu organisieren“. Blinder Fleck, you know, siehe oben.

    Klar setzt das „zugewanderte Proletariat“ sich nicht „notwendigerweise“ für die kommunistische Idee ein, und „müssen“ tut es das schon gleich gar nicht, wieso sollte es auch? Wer weiß schon, was noch alles so kommt und wohin sich das zugewanderte Proletariat entwickelt? Was ich eigentlich sagen will: Wer außerstande ist, sich noch nicht mal auf jenem sozialen Mikrolevel zu organisieren, wie es die Migranten tagtäglich praktizieren, dem wird – revolutionsorganisatorisch gesehen oder so – sowieso der Zug vor der Nase abfahren. Weil, wer die Selbstorganisation nicht im Kleinen geübt hat, der wird im großen Ernstfall (sollte dieser je eintreten) eh grandios baden gehen.

    Hoffentlich war das jetzt nicht zu konfus. Blubberte mir beim Lesen des Artikels so aus den Ganglien raus ;)

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  3. genova68 schreibt:

    Nee, nicht zu konfus. Danke für den Kommentar. Der halbwegs solidarische Überlebenskampf. Ja, mag sein. Aber der ist ja gerade nötig, weil die Bedingungen so sind, wie sie sind. Das ist keine Infragestellung von Strukturen, sondern ihre möglichst intelligente Nutzung auf niedrigem Niveau. Das ist keine Schuldzuweisung, aber typisch für sich entsolidarisierende Gesellschaften. In Brasilien werden viele Favelas lokal organisiert, wenn man Pech hat, mafiös.

    Badiou arbeitet hier auch nicht sauber:

    die ganze Welt verfügt über ein nomadisches Proletariat. Und deshalb muss dieses notwendigerweise eine der stärksten Kräfte in einer Bewegung sein, die mit der kommunistischen Idee in Beziehung steht. /b>

    Die Begründung ist unlogisch, er hätte es gerne so, das muss aber niemanden interessieren. Oder er meint, dass das niemand stärker sein könne als das nomadische Proletariat. Ohne die gehe nichts.

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  4. Mrs. Mop schreibt:

    Ach, so hoch wollte ich es gar nicht aufhängen. Mir ging es um ganz basale soziale Kompetenzen; Kompetenzen, ohne die Strukturen weder infragegestellt noch intelligent genutzt werden können, beides via gemeinschaftlicher Organisation. Meine These war: Menschen, die wissen, wie es sich trotz menschenfeindlicher Strukturen gemeinsam überleben lässt, tun sich (eventuell) auch leichter, irgendwann diese Strukturen gemeinsam infragezustellen. Ich sehe da weniger einen unüberbrückbaren Dualismus (= pro oder kontra bestehender Strukturen), sondern eher die Möglichkeit einer dynamischen Lernkurve, die solchen Selbstorganisationsprozessen innewohnt und die aus einem defensiven „Pro“ ein schlagkräftiges „Kontra“ werden lassen kann.

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  5. genova68 schreibt:

    Das leuchtet alles ein und diese unmittelbare soziale Ebene ist wichtig und wird hier oder in vielen blog vermutlich unterschätzt.

    Badiou dachte kürzlich laut darüber nach, warum die Russische Revolution in Stalin überging: Lenin hat die Pariser Commune studiert und festgestellt, dass sie wegen mangelnder Führung und Straffheit scheiterte. Also brachte er Straffheit und militärische Kompetenz. Leider vergaß er, sich um eine Zivilgesellschaft zu kümmern, die nach der Machtübernahme für Zivilität sorgen könnte. So konnte jemand wie Stalin sich ausbreiten.

    So gesehen sind die Strukturen, die du, Mrs. Mop, beschreibst, wichtig.

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