Rekonstruktion und Geschichte (3): der abgedriftete Nerdinger

„Wer einen verlorenen oder zerstörten Bau rekonstruiert, fälscht nicht und verfälscht auch nichts, denn es handelt sich immer um einen Neubau, der als solcher trotz historischer Formen zumindest für die Zeitgenossen bekannt und kenntlich ist … Wer glaubt, die Altstadt von Warschau sei historisch, der wird nicht getäuscht, sondern ist zu wenig informiert.“

(Winfried Nerdinger: Geschichte der Rekonstruktion. Konstruktion der Geschichte. Ausstellungskatalog, München 2010, S. 10)

Eine skurrile Argumentation. Der Architekturhistoriker Nerdinger sollte wissen, wovon er redet, vom fachlichen her. Tut er aber nicht. Er argumentiert so wie die, die der Unterschicht ihr Dicksein vorwerfen, weil sie zu viel Fast Food essen. Dabei glaubt die Unterschicht nur den hochbezahlten Werbestrategen, die Millionen Euro dafür ausgeben und alle psychologischen Kniffe anwenden, dass die Unterschicht (und nicht nur die) ihr glaubt: Fast Food ist gesund.

Die Altstadt von Warschau wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut (schon diese Aussage ist ein Widerspruch in sich) gerade mit dem Anspruch, dass man diese Neuerrichtung nicht als solche begreift, sondern sich in einer alten Stadt wähnt. Wer das nun glaubt, dem wirft Nerdinger Uninformiertheit vor. Die Altstadt war und ist nun eine künstliche, die so nie existiert hatte.

Nerdinger und andere Rekonstruktionsapologetiker kommen mir vor wie Leute, die ein Wachsfigurenkabinett fordern, damit die Personen wieder lebendig werden.

Worin bestünde eigentlich der Sinn einer möglichst originalgetreuen Rekonstruktion, wenn die sofort und von jedem als Neubau erkannt werden soll? Das Alte wieder hinzustellen ergibt sich ja gerade aus dem Bestreben, das Neue abzulehnen, zu ignorieren, nicht vorkommen zu lassen. In Sachen Warschau argumentiert Nerdinger damit, dass dort an manchen Kirchen Informationstafeln angebracht sind, auf denen über die Baugeschichte informiert wird. Wer die Tafel nicht findet, hat Pech gehabt. Wer einfach das Gebäude betrachtet, macht halt etwas falsch. Wer nicht über das Detailwissen eines Nerdinger verfügt, ist uninformiert. Architektur als Klitterung, als reine Fassade. Ein Architekturhistoriker spricht der Klitterung das Wort. Was ist bei dem schiefgelaufen?

Es ist merkwürdig: Nerdinger (Jahrgang 1944) hat sicher eine Menge Verdienste, driftet aber auf seine alten Tage ins rechtsreaktionäre Lager ab und bleibt intellektuell deutlich unter seinen Möglichkeiten. Warum? Ein Unwohlsein gegenüber der eigenen Haltung aus den Fünfzigern? Läuft das so ähnlich ab wie bei Grass oder Walser in Bezug auf die Nazis? Grummeln gegen Ende des Lebens die biographischen Ungereimtheiten? Will man irgendeine Versöhnung? Oder gibt es für sein Architekturmuseum einfach mehr Geld, wenn man sich opportunistisch anpasst?

Die Altstadt von Warschau ist problematisch.  Eine durchkapitalisierte Zone, in der sämtliche Restaurants preislich für schätzungsweise 95 Prozent der Polen nicht erschwinglich sind. Eine Milchbar, die die sozialistischen Zeiten überlebt hat, ausgenommen. Das ist die direkte Folge harmloser Touristen-Architektur. Genau dort, wo es architektonisch, ästhetisch keinen Widerspruch mehr gibt, gedeiht das Unrecht. Die Idealisierung einer Vergangenheit, die es nie gab, führt zu kapitalistischen Zumutungen in der Gegenwart. Wie ein Nerdinger all diese Implikationen ignorieren kann und dieses Walt-Disney-Viertel verteidigen, ist mir nicht klar. Ich tippe auf eine Form von schlechtem Gewissen.

Vielleicht ist Nerdinger aber tatsächlich überfordert, weil er Architektur nun systemisch sehen müsste. Tut er aber nicht. Begriffe wie Kapitalismus oder Neoliberalismus sind für ihn passé, Stadtmarketing ebenso, insofern ereilt ihn das gleiche Schicksal wie der komplette bürgerlich-bürokratische Apparat: Es wird nur im vorgegebenen, affirmativen Rahmen gedacht. Dabei würde nur das Darüberhinausdenken zu Erkenntnis führen. Dass Bürgerliche Erkenntnis wollen, ist allerdings schon hundert Jahre her. Insofern bleibt Nerdinger im Rahmen.

Hat man von Nerdinger eigentlich etwas gehört, als vor gut zehn Jahren das Ahornblatt in Berlin abgerissen wurde? Vielleicht wäre es sinnvoller, das heute noch Bestehende vorm Abriss zu schützen, statt danach dessen Wiederaufbau zu fordern? Oder geht es Nerdingern nur um Architektur aus monarchistischen, feudalistischen, jedenfalls vordemokratischen Zeiten? Burgen, Schlösser, Herrschaftssitze?

So ist Nerdinger zum – vielleicht unfreiwilligen – Förderer rechter deutscher Strukturen geworden. Es wäre sein Job, sich fachlich ernsthaft gegen den Rekonstruktionswahn zu stellen, der nichts anderes ist als eine regressive Verweigerungshaltung gegenüber der Zukunft. Wer dieses Urteil zu hart findet: Der Katalog kritisiert ausgerechnet die beiden gelungensten Rekonstruktionen der vergangenen 50 Jahre: Die Münchner Pinakothek von Döllgast und das Berliner Neue Museum von Chipperfield. Es fehlen einem die Worte.

Bemerkenswert auch, dass Nerdinger gegen Kritiker der Rekonstruktions-ausstellung gerne juristisch vorgeht: Der ungemein lesenswerte Architekturhistoriker Michael Falser warf Nerdinger seinerzeit vor, „Mythenbildung, nicht Aufklärung steht im Mittelpunkt“ der Ausstellung. Nerdinger fand das schon eine „ehrverletzende Verleumdung“. Meine Güte. Passt aber auch in meine Vermutung des schlechten Gewissens. Solche Leute haben meist teure Rechtsanwälte, die eine inhaltliche Auseinandersetzung erfolgreich vermeiden helfen.

Neoliberale Stadtpolitik, die Unterstützung durch angesehene Personen bekommt. Der Ausstellungskatalog, aus dem ich oben zitierte, hält noch einige Überraschungen dieser Art parat.

Davon demnächst mehr.

P.S.: In Potsdam, der Hauptstadt der neuen Bewegung, wird gerade ein neu erbautes Schloss als Parlament eingeweiht. Gebaut von einem Architekten, der früher einmal zeigte, dass er etwas kann. Architekten als Zeitgeistnutten. Bezahlt vom Milliardär Plattner. Das Volk steht zum Glotzen Schlange. Die Garnisonskirche soll auch noch drankommen. Spannende Zeiten.

Rekonstruktion und Geschichte (1): Warschau

Rekonstruktion und Geschichte (2): Dresden

P1030354(Foto: genova 2013)

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4 Antworten zu Rekonstruktion und Geschichte (3): der abgedriftete Nerdinger

  1. PeWi schreibt:

    Okay, mag alles sein. Nur, die Altstadt Warschaus wurde zu sozialistischen Zeiten rekonstruiert. Also dieser heutige Touristenrummel mit den Preisen, die sich vielleicht die Polen nicht leisten können, hat es erst nach 1990 so recht angefangen. Ich persönlich bin zwar auch dagegen Kirchen etc.pp. wieder aufzubauen – heutzutage – aber das hat jetzt nichts mit der Warschauer Altstadt zu tun. Sie wurde damals nach dem 2. Weltkrieg wieder rekonstruiert, um ein „trotz alledem“ auszurufen. So ungefähr: Jetzt habe wird denen aber gezeigt, wir lassen uns unsere Altstadt nicht nehmen, nicht unseren Stolz, nicht unser Gesicht. Da liegen Welten dazwischen, wenn man an den geplanten Aufbau der Potsdamer Garnisonskirche denkt. Für die gibt es heutzutage keinen Grund, ebenso wenig wie für den Aufbau der Dresdner Frauenkirche. Erstere macht unsere öffentliche wieder Militarisierung deutlich, zweitere sollte die Grundlage für eine Neumissionierung des Ostens von Deutschland sein.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Kommentar, ich stimme in allem zu. Ich habe mich in dem Warschau-Artikel dazu geäußert und wollte das hier nicht mehr alles wiederholen. Ich würde auch nicht einem Polen direkt sagen, was ich architektonisch von der Warschauer Altstadt halte. Ich kam nur darauf wegen der merkwürdigen Begründung von Nerdinger. Die Voraussetzungen in Warschau waren extrem: eine komplett und absichtlich zerstörte Stadt. Dennoch war die Intention die gleiche wie anderswo auch: Wir tun so, als sei nichts passiert.

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  3. besucher schreibt:

    Ein Denkfehler ist es diese Neubauten als Rekonstruktion zu bezeichnen. Es sind Neubauten die an eine gewisse Epoche mahnen. Genauso gut könnte einer kommen und wie Le Corbusier bauen. Da käme dann vielleicht ein Kritiker und würde sagen: „Welch eine menschenfeindliche Formensprache wird hier in Kauf genommen nur um seinem Idol zu huldigen. “ So banal es klingt: Architektur hat für die Bedürfnisse des Menschen da zu sein und nicht die Menschen sollen die Bedürfnisse des Architekten befriedigen.

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  4. genova68 schreibt:

    Wenn ich ein zerstörtes Gebäude rekonstruiere, ist das kein bloßer Neubau. Dann gäbe es ja keinen Unterschied zwischen einem neu entworfenen Gebäude eines aktuell tätigen Architekten und solchen Rekonstruktionen.

    Wie Corbusier zu bauen ist etwas anderes. Natürlich war Corbusier stilprägend wie auch andere, die die Moderne prägten. So gesehen ist jede glatte, weißverputzte Fassade ohne Sockel corbusiergeprägt. Stimmt ja auch, aber es ist eben nur eine Stilprägung. Mit Corbusier verwandte Häuser kannst du heute per Musterkalalog bestellen. Kostet etwas mehr als das gewöhnliche Heimatschutzhaus. Es war halt schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

    Hier steht was dazu:

    https://exportabel.wordpress.com/2009/09/07/das-bauhaus-vom-politikum-zur-distinktionsmaschine/

    Natürlich kann ein Kritiker kommen und Corbusier kritisieren. Wird ja auch gemacht und ist nötig.

    Bei der Rekonstruktionsausstellung ist ein Problem, dass die Begriffe wild gemixt werden. Ein Teil der Katalogexponate sind mehr oder weniger Ausbesserungen, da ist bei einem Brand das Dach weggefallen oder bei einer Kirche die Apsis weggehauen worden. Dann wird das halt wieder draufgesetzt, Punkt. Der Dresdner Neumarkt oder das Braunschweiger Schloss sind völlig andere Phänomene. Der Katalog nimmt die Kritik nicht ernst und will jeden Kitsch legitmieren. In Berlin war es in den Neunzigern beispielsweise Thema, die Bauakademie von Schinkel wieder aufzubauen. Da steht auch nichts mehr, aber das Gebäude ist architekturhistorisch bedeutsam. Es gab damals auch eine breite Übereinstimmung, auch fortschrittliche Leute stimmten zu. Ähnlich wie beim Mies-Pavillion in Barcelona, der auch komplett wieder aufgebaut wurde, weil er so wichtig ist. Die Bauakademie ist bis heute nicht vollendet, dagegen wird daneben das Schloss wieder aufgebaut, vermutlich, weil es als Ausdruck politischer Regression besser zu gebrauchen ist.

    Es geht doch darum, dass in vielen Fällen, siehe Dresden, irgendwelcher Disneyzauber da hin gestellt wird, der einerseits die Aufgabe hat, bei den Leuten ein heimeliges, undifferenziertes Schwabbelgefühl zu erzeugen (die gute alte Zeit) und sle gleichzeitig zu präformieren, dort zu konsumieren. Und diesem Konsum entsprechend ist die Architektur bloße Fassade, weil man dazu ganz andere Grundrisse und Versorgungen braucht.

    Der große emanzipatorische Sprung bei (guter) moderner Archtektur war der Umgang mit dem Begriff der Ehrlichkeit. Materialehrlichkeit bedeutet, dass man nicht irgendwas davorklebt, sondern aus der inneren Logik des Gebäude heraus materialisiert. Das gleiche gilt für die Grundrisse und die Fensteranordnungen. Es ist der Gedanke, dass aus dieser Ehrlichkeit Schönheit erwächst. Das muss nicht auf Corbusier hinauslaufen, es kann auch ein Zumthor sein oder ein Siza oder Snozzi, denen man nun beim besten Willen nicht vorwerfen kann, verkappte Modernisten zu sein. All das wird bei solchen Rerkonstruktionen missachtet. Man will den Betrug. Es ist auch eine massive Verschwendung von intellektuellen gestalterischen Kapazitäten, auf bedeutsamen Plätzen heute devote Architekten zu beschäftigen, die Schlösser bauen oder Fantasiefassaden errichten, streng nach den Vorgaben des Investors. Es ist eine Plünderung dessen, was Stadt schon immer ausmachte.

    Bedürfnisse der Menschen: Ja, schön gesagt. Aber man sollte sich nicht damit zufrieden geben, dass der komplexe Begriff der Stadt auf Walt Disney reduziert wird, auch wenn die üblichen Touristen damit zufrieden sind. Mit der Logik darfst du auch die Bildzeitung nicht kritisieren. Die Zeitung ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.

    Es ist schon klar, dass beispielsweise in Dresden der Städtebau seit 1945 in weiten Teilen schiefgelaufen ist. Der Rückgriff auf Vergangenes hilft aber nur weiter, wenn die Gegenwart beachtet wird. Kritischer Regionalismus wäre da ein Stichwort.

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