Kurz was zu Herrndorf/Ausflug zu Lobo

„Mit Luhmann draußen, beim Eis, bis es dunkel war.“

Rainald Goetz, Abfall für alle, 1998

„Sitze im Garten in der Sonne mit Dostojewskij, Der Spieler.“

„Sitze am Wasser mit Salinger“

„Spät in der Nacht noch mal in ´Abfall für alle` rumgelesen, konnte mich trotz Müdigkeit nicht losreißen. Dagegen komme ich mir vor wie eine schwäbische Hausfrau, die Kochrezepte archiviert.“

Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur, 2010/11

Herrndorf, Tschick, Sand, Tumor, Selbstmord. Es ist wohl Voyeurismus dabei, wenn ich nach seinem Tod zum ersten Mal ein Buch von ihm kaufe, und dann auch noch das Blogbuch. Wobei ich auf die Idee kam, weil ich vor ein paar Monaten die erste Seite vom Tschik gelesen habe und fast schon begeistert war. Warum, weiß ich nicht mehr. Der Flow, vermutlich.

Herrndorf über Voyeurismus: „Warum nicht hingucken?“ (S. 254)

Merkwürdig: Obwohl er seitenweise beschreibt, wie fertig er ist nach den Chemotherapien und Bestrahlungen, die epileptischen Anfälle, wie schlecht er sich räumlich orientieren kann, nicht mehr nach Hause findet und seine Gefühle unkontrolliert ausbrechen inklusive nachfolgender Psychatrie, finde ich das Buch lustig. Zumindest in der ersten Hälfte. Sein Auftritt in der Wohnung von Holm, Weltformel präsentieren. Seine ironische und wunderbar knappe, präzise, lakonische Art, Zustände und Geschehnisse zu beschreiben. Wahrscheinlich im Nachhinein radikal gekürzt. Er rast mit halbkaputtem, vom Tumor verformten Hirn auf seinem Fahrrad die Torstraße hin und her, komplett euphorisiert. Er beschreibt das so konkret und lapidar. Ich vermute: Jemand mit diesem Humor schreibt gute Romane. Mit einer präzisen, selbstmitleidlosen und nicht egozentrierten Sicht auf die Dinge. Selbst die Heulanfälle in der Öffentlichkeit beschreibt er nüchtern.

Gegen Ende grauenhaft. Er kann nicht mehr richtig reden, nicht mehr richtig schreiben, es fehlen Worte. Er kann sich der Supermarktkassiererin nicht mehr verständlich machen und seiner Frau auch nicht. Der Arzt sagt: noch zwei bis drei Monate. Mit viel Glück auch sechs.

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Ich wusste nicht, dass Herrndorf viel zu tun hatte mit Kathrin Passig, Sascha Lobo, Holm Friebe und vielleicht auch mit dessen Bruder. Gefühl der Indifferenz. Von Holm und Friebe habe ich 2006 die digitale Bohème gelesen, zumindest die ersten 200 Seiten: was für ein Schrott. Da wird die dürre Idee, dass man etwas gegen Festanstellung hat und lieber mit dem Laptop im Oberholz sitzt (wobei: Laptop ist vermutlich auch schon out, vielleicht tablet?), auf hunderten von Seiten ausgewälzt. Ein einseitiger (haha) Artikel im stern hätte gereicht. Besser noch: Eine Seite Text, eine Seite ein Foto von Lobo mit Frisur.

Die beiden sind Teil der neoliberalen Verblendung, ohne Wissen, ohne Horizont. Generation Kohl. Für Holm und Friebe existiert Gesellschaft, existieren Strukturen genauso wenig wie für Hayek oder Friedman, nur dass sie das auf Mitte und auf den Berlinhype und die Internet-SPD abstellen, also nicht mehr so fies sozialdarwinistisch daherkommen, sondern zeitgemäß. Man ist etabliert in dieser Szene, ständiges Namedropping, kreativ, blabla. Sie haben einen Schreibstil, soweit ich das erinnere, der gut reinläuft. Der Flow macht´s. Man liest Seite für Seite und es stellt sich schnell ein gutes Gefühl ein. Man versteht alles und es ist nicht langweilig.

Wie bei einem Cheeseburger von McDonalds. Die ersten 30 Sekunden schmecken gut. Danach Zähigkeit, Gefühl des falschen Lebens. Man verkauft so seinen Krempel besser. Es ist alles unglaublich berechnend. So wie Lobo im TV vom Internet plappert. Aber ich habe immer Respekt vor Leuten, die ihre Fähigkeiten ausreitzen.

Interessant dabei war etwas anderes: Erstens machen die, statt zu labern, die haben das Selbstbewusstsein, aus einer dürren Idee ein ganzes Buch zu machen, vermutlich ohne das schlechte Gewissen, dem Leser einen Haufen Zeit zu stehlen. Es sind wahrscheinlich Getriebene, die nicht still sitzen können. Ein erheblicher Vorteil in aufmerksamkeitsökonomischen Zeiten. Mir macht Stillsitzen großen Spaß.

Ärgerlich allerdings, wenn man überlegt, wie viele fitte Leute mit ihren Büchern jedes Jahr durchs Raster fallen.

Fairerweise sage ich dazu, dass Herrndorf die beiden nur aus privater Perspektive erwähnt und sich mit dem digitalen Bohèmescheiß nicht befasst.

Spielt die Klagenfurt-Passig nicht in einer anderen Liga?

Privat sind die sicher alle nett. Vermutlich.

Den Vergleich mit Goetz packt Herrndorf übrigens locker.

003(Foto: genova 2013)

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