Kurzes Nachdenken über das Nicht-Greifbare

„Qualität in der Kunst ist nicht davon abhängig, wie fleißig und gründlich man war, nicht einmal wie geschickt und wie gut ausgebildet. Es gibt ein anderes Element, das eine viel größere Rolle spielt und das wir nicht greifen können.“

sagte Sven Regener kürzlich anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches. Meine Rede. Und sehr angenehm, dass Regener das andere Element nicht weiter benennt. Wir können es nicht greifen. Man könnte es vielleicht groove nennen und diesem Phänomen mittels Arschwackeln näherkommen, eventuell. Adorno hatte bekanntlich große Probleme, dieses Andere zu fassen. Er bekam es zeitlebens nicht zu fassen, vielleicht, weil er es unbedingt fassen wollte. Statt mit dem Arsch zu wackeln verstieg er sich zu hunderten von Seiten unverständlichem Geplapper über Ästhetik. Und vermutlich begriff er bis zu Schluss nicht, dass er so Einiges nicht begreifen kann, eben weil er es begreifen wollte. Vermutlich hatte er Angst.

Vielleicht rührte seine praktische Ablehnung des Körperlichen von dem typischerweise Körperlichen her: Männlichkeit, Grobheit, Gewalt. Und deshalb bewegte er sich gar nicht mehr.

Seine Äußerungen zum Jazz zeigen das. Ihm entging in der Kunst das Spontane, das Eigenwillige, das Blutende, das Zweckfreie. Gerade weil er all das fassen wollte, fasste er es nicht. Und ihm blieb keine andere Wahl, als sich mit Langweilern wie Schönberg, Cage und Stockhausen zu befassen. Mag sein, dass das gar keine Langweiler sind, aber das herauszufinden ist mir zu langweilig. Ich höre stattdessen gerade Freddie Hubbard, Straight Life.

Adornos Ignoranz gegenüber dem Jazz hängt ja nicht einfach mit Unwissenheit zusammen. Es ist seine Unfähigkeit, sich auf ein Material einzulassen, dessen Eigenschaften so bestellt sind, wie er es immer gefordert hat. Seine Anforderungen ans Ästhetische machten sich selbstständig, da stieg er aus, aus Mangel an Kontrolle, die er ablehnte. Als das Material endlich das hergeben konnte, was Adorno theoretisch wollte, wurde es ihm praktisch zu riskant. Wie riskant, zeigt sich schon daran, dass er sich nur noch zu helfen wusste, indem er Elvis Presley als Jazzmusiker begriff und die Frage nach den Unterschieden zwischen Bebop und Rock ´n Roll als eine zwischen Jazzfans betrachtete. Vielleicht ist es auch die Angst vor Zustimmung zur Massenmusik. Angst vor der Masse.

Der Stand der Technik, der Stand des Materials, die intellektuelle und theoretische Durchdringung, vermutlich auch auf dem Stand der Technik. Theoretisch ist von Adorno unendlich viel zu lernen. Doch dass Kunst mehr ist als Notenlesen und der Stand des Materials sich auch am Nichtbegrifflichen ausmachen lässt, hat Adorno nie kapiert. Theoretisch vermutlich schon, praktisch nicht. Es ist seine Tragödie und er spiegelt damit sein ganz konkretes Leib-Seele-Problem. Ich gäbe etwas, könnte ich ihn beim Betreten eines Hardbop-Jazzlokals live erleben.

Was mich aber noch mehr interessiert: Warum sieht Sven Regener mittlerweile aus wie Gerard Depardieu?

Regener(Foto: welt.de)

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9 Antworten zu Kurzes Nachdenken über das Nicht-Greifbare

  1. hANNES wURST schreibt:

    Ich finde nicht, dass er wie Gerard Depardieu aussieht, sondern wie ein Mash-Up aus Guido Westerwelle und Bärbel Höhn.

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  2. genova68 schreibt:

    Im aktuellen mobile-Heft der Bahn ist ein Foto von ihm drin, da sieht er exakt so aus wie Gerard Depardieu. Mischung aus Westerwelle und Höhn trifft es aber auch ziemlich gut, sehe ich gerade.

    Verklagt mich eigentlich die Welt, wenn ich das Foto drinlasse? Vielleicht wittert Andrea Seibel ja ihre Chance…

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  3. eb schreibt:

    Wircklich schön „gegriffen“ :-) Das nicht Greifbare und diese ständigen unseligen Versuche etwas zu erklären, was eben gerade nicht zu erklären ist. Statt den gewaltigen möglichen und eben auch absolut existierenden Inhalt von etwas allenfalls noch atopisch Nachvollziehbarem wirken zu lassen und sich damit auseinanderzusetzen, – ständig dieser Wille es auf abstrakte Definitionsebenen bringen zu wollen. Mag vielleicht auch Streitpunkt sein, aber da zieh ich Fromm Adorno eindeutig vor und mir wird klar, warum die beiden sich nicht grün waren.

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  4. Ich halte es mit Queen Mum. On the occasion of her 100th birthday gefragt, was denn ihr Geheimnis sei, antwortete sie: „Well, my dear, a wee dram of gin first thing in the morning at 10:15. It’s the best start to the day. And secondly I keep a thermos flask of champagne. That’s the little treats I enjoy.“ Ich bin davon überzeugt, sowohl Depardieu als auch Regner haben geheime Thermosflaschen – Adorno andererseits: wie hätte er wohl seinen 98th birthday (9/11) gefeiert?

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  5. kommentarblog schreibt:

    Ich habe einmal eine Kurzgeschichte über eine Frau Dombrowski geschrieben. Sie lebt in einem Hamburger Hochhaus und ist überzeugt, dass in der Wohnung über der ihren Terroristen den Ernstfall proben. Sie ist nicht jung, trägt eine Brille mit schlierigen Gläsern, leidet unter sieben chronischen Krankheiten, hat aber ein Gehör wie eine Eule und eine ausgesprochen rege Fantasie. Ich weiß nicht, wer zuerst da war, aber mittlerweile kann ich Frau Dombrowski und Sven Regener in Bezug auf Physiognomie und Sprachduktus nicht mehr auseinanderhalten und falls die Geschichte je verfilmt wird (zugegeben: unwahrscheinlich), werde ich alles daran setzen, dass Regener die Rolle als erster angeboten bekommt. Ich bin überzeugt, er wäre umwerfend.
    Zu Leib und Seele: In der Beziehung scheint es ja bei vielen großen Denkern ein ziemliches Gefälle zu geben. Nietzsche und Borges drängen sich auf, die Tage habe ich „Durch die Nacht“ mit Houellebecq und einem gewissen Calixto Bieito geschaut. Sehr unterhaltsam, aber — ich kann mir nicht helfen — auch schockierend. Der baskische Skandalregisseur, der auf kommunikativer Ebene fast erschreckend umgänglich und warm wirkt, und der fanzösische Skandalautor, entweder ein krasser Autist und Narzisst, oder ein überzeugender Autisten- und Narzisstendarsteller. Kann sein, dass eine Randposition Überblick verschafft, kann aber auch sein, dass es irgendwann nur noch bedingt mit dem Leben zu tun hat, was man da überblickt …

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  6. genova68 schreibt:

    eb,
    die Versuche, etwas nicht Greifbares zu erklären, liegen in der Natur des Menschen, manche machen davon Gebrauch und nennen sich Philosophen. Finde ich nicht schlimm. Ich würde eher kritisieren, dass Adorno ein nicht greifbares Phänomen von Kunst ignoriert hat, weil er damit nicht umgehen konnte. Er hätte durchaus das Zeug gehabt, dieses nicht greifbare Phänomen angemessen zu beschreiben. Er kam vermutlich gar nicht auf die Idee.

    Andererseits gibt es Textstellen, die ahnen lassen, dass er auf dem richtigen Weg war:

    Er sprach sogar vom fehlenden “Triebleben der Klänge” und: “Nicht bloß die Töne sind vorweg gezählt, der Primat der Linien lässt die Klänge verkümmern”. (PM, S. 83). Doch ihm fehlte der Mut zum Groove, stattdessen wurde er in Darmstadt noch extremer. Ich habe den Eindruck, er lehnte dort musikalische Ordnung um des Prinzips willen ab, statt den Ordnungsbegriff als quantitativ hintanzustellen und stattdessen zu gucken, was die Musik mit ihm macht.

    https://exportabel.wordpress.com/2009/10/25/kurze-vorbemerkung-zu-adorno-und-der-jazz/

    Adorno hätte gerade beim Jazz ab 1950 die tolle Möglichkeit gehabt, sich das musikalische Material anzuschauen, die Spielweisen der Instrumente und mehr. Es ist eigentlich ziemlich dummdreist, Coltrane, Coleman, Davis oder Sanders zu ignorieren und das 1934 vielleicht noch zeitbedingt kritische Urteil über Jazz nicht zu revidieren.

    kommentarblog,
    Houellebecq ist sicher ein Narzist und Autist. Vermutlich schreibt er deswegen gute Bücher. Mit ihm durch die Nacht zu plappern ist vielleicht schwieriger. Viel Erfolg mit der Verfilmung deiner Kurzgeschichte :-)

    Botschaft,
    die Thermosflasche brauchen wir alle.

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  7. niklgramm schreibt:

    Mit Cage konnte Adorno übrigens auch nicht so furchtbar viel anfangen. Der war ihm wohl schon zu anarchistisch. Aber Schönbergs Zwölftönerei war ihm wieder viel zu kalkuliert… War wohl recht schwierig, es dem klugen und so schön druckreif redenden Herrn Adorno recht zu machen! Er hat in seinen späteren Jahren ja auch das Komponieren aufgegeben, obwohl er als junger Mann mindestens so sehr Musiker wie Philosoph sein wollte. Vielleicht hatte er sich mit seiner Theorie selber ein Bein gestellt?

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  8. besucher schreibt:

    Depardieu würde wahrscheinlich sagen: Der sieht aus wie ich? Quatsch, der hat doch gar keine Nase! Zu John Cage: Google mal seinen Namen zusammen mit „ORGAN2“ und „Halberstadt“ . Ich war im letzten Jahr dort, ein beeindruckendes Projekt.

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  9. genova68 schreibt:

    Die Kritik an Schönberg kam spät, glaube ich, siehe den fettgedruckten Teil meines Kommentars vom 9.1., 19 Uhr 25. Adorno ist ja zuerst nach Wien, um dort Komposition zu studieren, er war großer Fan der ZTM, wenn ich nicht irre, Stand des Materials, Stand der Avantgarde. Adorno sah sich selbst wohl nicht an der Spitze der Komponisten, nicht in der Lage, ganz vorne mitzuspielen, was nötig gewesen wäre, um den eigenen Anspruch an gute Kunst einzulösen.

    besucher,
    der Artikel da oben ist schnell hingeschrieben und subjektiv, angreifbar. John Cage kenne ich kaum, meine Kritik geht in die Richtung, dass Adorno einen Aspekt von Kunst schlicht nicht erfasst hat, was man Genuss nennen könnte. Irgendeine Form von Genuss muss beim Kunstrezipieren dabei sein, sonst kann ich auch eine Dissertation lesen.

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